Fortschritt geht nur gegen den Strich

“Immer wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, ist es Zeit, sich zu besinnen.” (Mark Twain) Unterstellen wir einmal, dass ein Mensch daran interessiert wäre, für sich und andere zugleich, genau genommen für die Gesellschaft, in der er lebt, ja sogar für alle Menschen der Welt einen Fortschritt zu erzielen.

Immer wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, ist es Zeit, sich zu besinnen.” (Mark Twain)

Unterstellen wir einmal, dass ein Mensch daran interessiert wäre, für sich und andere zugleich, genau genommen für die Gesellschaft, in der er lebt, ja sogar für alle Menschen der Welt einen Fortschritt zu erzielen. Was müsste er beachten, um sicher zu gehen, dass er das Richtige tut?

Eine wichtige Prämisse gilt es zu beachten: wer etwas für andere erreichen will, muss es ihnen erklären können. Was er tut, muss also logisch nachvollziehbar sein und darf nicht allein den Tiefen seines Gemüts entspringen. Nicht jeder kann es so machen wie Gerhard Schröder und Komplizen, die den Sozialstaat abbauten ohne darüber zu diskutieren. Aber da ging es ja auch nicht um einen Fortschritt!

Der Mensch, der einen Fortschritt bringen will, muss daher zunächst kritisch gegen sich selbst sein. Dass das, was man so unreflektiert von sich gibt, nicht die Gewähr der Richtigkeit für sich hat, hat inzwischen die Psychologie überzeugend beschrieben. Denn heute ist die früher als schmerzhaft empfundene Erkenntnis allgemein, dass wir keine rein rational regierten Wesen sind. Unsere geistig-seelische Identität beziehen wir nur zum Teil aus der Planungs- und Handlungsebene unseres Bewusstseins, in der eine strikte logische Kontrolle stattfinden kann. Zu unserem bewussten Selbst gehört ferner die oft übermächtige emotionale Willensebene, in der wir unsere Eindrücke sammeln und unser Wünschen, Wollen und Fordern entwickeln. In unserem Innern weit breiter angelegt ist zudem das unterbewusste Selbst mit der emotionalen Ebene aus Empfinden, Werten, Streben und Herbeisehnen und der instinktiven Ebene mit ihren starken Urbildern, Urtrieben und Instinkten. Unsere Erkenntnisse und Entscheidungen werden darüber hinaus bestimmt durch unsere materielle Identität,  zu der unsere Festlegungen durch Erbanlagen, bleibende Eindrücke, Erfahrungen und eingefleischten Gewohnheiten zählen.

All diese Bereiche wirken fleißig mit, wenn wir uns ohne vorher zu wissen was wir am Ende sagen werden, an die “allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden” machen, wie Heinrich von Kleist das so treffend beschrieben hat.

Aus diesem kritischen Blick des “Wohltäters der Menschheit” auf die eigene menschliche Erkenntnis- und Entscheidungsfindung kann er unschwer auf ähnliche Zusammenhänge bei seinen Mitmenschen schließen. Unweigerlich kommt er zu dem Schluss, dass er gut daran tut, niemandem unbesehen zu trauen, auch nicht sich selbst. Er muss hinterfragen, ob das was er und andere bis dahin für richtig halten, denn wirklich Hand und Fuß hat. All zu gut ist bekannt, dass die unterbewussten Kräfte im Menschen es ihm oft so schwer machen, sich sachlich korrekt zu entscheiden, dass er um widerspruchsfrei vor sich und anderen stehen zu können, am Ende unsinnige Entscheidungen einfach “rationalisiert.”

Diese Mechanismen gewinnen an Stärke, wenn Menschen zusammen kommen, um mehrheitlich zu entscheiden.

Dann bestärkt einer den anderen in seiner Unvernunft. Aus der Gemengelage der inneren Strebungen der Vielen und ihrer Äußerungen heraus zu einer neuen vernünftigen Lösung von Problemen zu kommen, ist schon ein besonderes Problem. Sobald Menschen in Massen auftreten, ist für wohl abgewogene Entscheidungen kein Platz mehr. Eher schreien dann alle “Ja!” auf die Frage: “Wollt Ihr den totalen Krieg?” In diesem Sinne ist das Wort von Mark Twain gemeint. Hat man seine eigene Meinung schon nicht hinterfragt, muss man aber spätestens dann wach werden, wenn man dabei ist, als Lemming unter Lemmingen auf den Abgrund zuzurennen.

Wir alle wissen um die Trägheit unserer gesellschaftlichen und politischen Systeme. Sie hat gewiss auch System, in der Wurzel aber beruht sie auf dem Beharrungsvermögen der Menschen, um nicht zu sagen auf ihrer Trägheit und Denkfaulheit. Einmal installierte Fehler werden über Jahre, über Generationen, ja über Jahrtausende und weit darüber hinaus festgeschrieben. Die konservative Mehrheitsmeinung bewahrt den Stand der Dinge und badet sich noch im Gefühl, angeblich nichts riskiert zu haben. Dabei bleiben die großen Menschheitsanliegen wie der Frieden in der Welt, die Lösung der Energiekrise, die Beseitigung des Hungers und die Verbesserung der gesundheitlichen Bedingungen einfach liegen. Je grundlegender und je älter die Fehler sind, die wir immer weiter mit uns schleifen, desto allgemeiner ist ihre Akzeptanz und desto größer sind die Widerstände gegen den Fortschritt. Am Ende meines kleinen Traktats zeige ich einmal an einem Beispiel, wie sich eine seit unvordenklichen Zeiten begründete Tradition unvernünftigen menschlichen Verhaltens bis in die Gegenwart fortgepflanzt hat, wo sie jetzt eine hochkritische Größe erreicht hat. Es versteht sich, dass ich die menschliche Ernährung als Beispiel wähle, weil ich mich mit ihren Grundlagen besonders gründlich auseinandergesetzt habe. Zudem handelt es sich dabei um das historisch erste und das sicherlich folgenreichste aller derartigen Probleme.

Wer wirklichen Fortschritt will, muss über die Mehrheitsmeinungen hinauswachsen.

Jeder Mensch braucht sein Unbewusstes, seine Vorlieben und seine vorläufigen Urteile, um sich im Leben überhaupt orientieren zu können. Denn auf der Handlungs- und Planungsebene unseres Bewusstseins können wir immer nur Details aus den auf uns einstürmenden Eindrücken herausgreifen und der Kontrolle des Verstandes unterziehen. Das bedeutet aber keineswegs, dass es keinen Sinn machte, planvoll vorzugehen und alle entscheidenden Momente nach und nach einer rationalen Inhaltskontrolle zu unterziehen. Wer so nicht vorgeht, verpasst es, bewusst Zeichen für die Entwicklung seiner eigenständigen Persönlichkeit zu setzen. Er schwimmt wie Treibgut auf dem Fluss seiner inneren Strebungen. Im Zusammenwirken mit den Mehrheiten ist er am Ende Objekt beliebiger Außensteuerung durch Dritte, deren Hauptziel oft die Beherrschung und Ausnutzung der menschlichen Schwächen zu sein scheint (Politik, Medien, Werbung).

Jeder von uns sollte an sich arbeiten und lernen, gegen den Strich zu bürsten. Nur dann sind wir in der Lage, den Fortschritt auf allen Ebenen gegen die trägen Mehrheiten möglich zu machen. Wir sollten uns dessen bewusst werden, dass es keinen Fortschritt für die Menschen geben wird, wenn nicht die Quertreiber die Weichen für die Zukunft stellen. Ein erster wichtiger Schritt sollte es daher sein, die zu wählenden Politiker danach auszusuchen, ob sie als Persönlichkeiten in der Lage sind, den Fortschritt gegen die überall anzutreffenden Widerstände zu erzwingen.

Das Beispiel: die Ernährung der Menschen.

Sobald die Menschen entwicklungsgeschichtlich dazu in der Lage waren, gingen sie dazu über, ihre Nahrung ohne Rücksicht auf ihren für uns verfügbar zu machenden biologischen Wert auswählen, sondern nur nach ihrem Geschmack, ihren Kochgewohnheiten und ihrer “Esskultur”. Seit einigen Generationen messen wir inzwischen den Gehalt der Nahrung an Nähr- und Vitalstoffen. Tunlichst beschäftigen wir uns aber kaum damit, festzustellen, wie weit wir von diesen Inhaltsstoffen auch wirklich Gebrauch machen können, d.h. wie gut wir sie verstoffwechseln und wie sie unsere körperlichen und mentalen Funktionen wirklich begünstigen.

- Bis heute ist es auch angesichts aller Erkenntnisse der Wissenschaften allgemeine menschliche übung, unsere Nahrung erst zu verderben, bevor wir sie uns einverleiben. Hier wird bereits die Mehrheit der Leser opponieren und sagen: wir essen doch keine verdorbene Nahrung, wie kann man denn so etwas sagen! Vergammelte und verschimmelte Nahrung essen wir natürlich nicht. Aber wir nehmen ihr regelmäßig ihre innere Werthaltigkeit, bevor wir sie zu uns nehmen. Wie das?

- Wir wissen, dass wir unverändert den Verdauungsapparat von Primaten in uns haben, der wie bereits bei unseren evolutionären Vorläufern durch die Anbindung an die zentralnervösen Steuersysteme (Hormone)  Einfluss nimmt auf all unser Denken, Fühlen und Handeln wie auf die körperliche und geistige Gesundheit.

- Wir wissen, dass wild lebende Primaten, die sich fast allein von Pflanzen ernähren, nicht viel mehr als ein Dutzend Krankheiten kennen und häufig nicht an Krankheiten, sondern einfach alters wegen sterben. Und wir?

- Wir wissen, dass wir umgeben sind von mehr 1000 jederzeit verfügbaren höchst gesunden pflanzlichen Nahrungsmitteln. Um ihre Vitalstoffe aber voll nutzen zu können, müssten wir sie weitgehend roh essen und sie zudem auch noch bis auf ihre feinsten Fasern herunter vermahlen. Wir nutzen dieses Wissen nicht. Wir töten stattdessen das Leben in unserer Nahrung durch Erhitzen und auf vielen anderen Wegen und blicken uns verdutzt um, dass wir fast ausnahmslos im Laufe unseres Lebens einer oder mehreren von Hunderten von Krankheiten zum Opfer fallen. Selbst der Umstand, dass unsere Haustiere, denen wir “unsere” Nahrung geben, dann wie wir auch an Kreislauferkrankungen, Diabetes, Alzheimer, Parkinson & Co. sterben, bringt uns nicht zu Verstand.

Wenn wir lernen, uns von rohen Pflanzen zu ernähren, kommen wir mit viel weniger Nahrung aus als bisher. Wenn wir weitgehend auf Fleisch verzichten und uns mit Pflanzenkost begnügen, brauchen wir nur etwa ein Zehntel an Nahrungsmenge für unser Wohlergehen. Wenn wir unsere pflanzliche Nahrung nicht durch Hitzebehandlung entwerten, brauchen wir selbst davon nur einen Bruchteil! Jeder hat davon gehört, dass viele Vitalstoffe in isolierter Form nur einen geringen Wert für uns haben, dass sie vielmehr nur im Verbund mit den Stoffen aus dem natürlichen Aufwuchs der Pflanzen voll dem Körper dienen können (z.B. Karotten nie ohne Fett). Man spricht von der Lebensmittelmatrix. Auch ist längst bekannt, dass Verdauungsenzyme aus der Nahrung gebraucht werden, um unsere Nahrung ausreichend zu verstoffwechseln. Wir aber vernichten die Enzyme durch die Erhitzung der Nahrung. Wir denaturieren zugleich die lebenswichtigen Proteine in unserer Nahrung. Denn wir rauben ihnen ihre Grundformen, ohne die die Enzyme sie nicht richtig “erkennen” und spalten können. Wenn wir uns weitgehend auf den Konsum nativer Nahrung verlegen würden, brauchten wir über so riskante Experimente wie die gentechnische Veränderung von Nahrung und ihre Verbindung mit Nanopartikeln nicht nachzudenken. Grob geschätzt stopfen wir in den “zivilisierten” Ländern täglich an die zwanzig Mal und mehr an Nahrung in uns hinein, als wir brauchen. Wer da ungläubig guckt, sollte sich anschauen, mit wie wenig naturbelassener weitgehend roher Nahrung sich Millionen von Menschen in der “Dritten Welt” – im Vergleich zu uns – geradezu unverschämt gut gesund und leistungsfähig erhalten. Als John Steinbeck in “Tortilla Flat” über Menschen in Mexiko berichtete, die sich allein mit Bohnen am Leben und voll in Funktion hielten, schrieb man das seiner dichterischen Freiheit zu. Dabei hatte er nur genau hingesehen!

Unser unvernünftiger Umgang mit unserer Ernährung zeitigt inzwischen dramatische Folgen.

Lebensmittel werden immer teurer, so dass die Experten in naher Zukunft mit Hungerkatastrophen in vielen Teilen der Welt rechnen. In den westlichen Ländern dagegen leidet mehr als die Hälfte der Bevölkerung an Verfettung. Nicht Viren und Bakterien, sondern unserer ungesunden Ernährungsweise ist es zuzuschreiben, dass wir fast durchweg im Laufe unseres Lebens den “Volkskrankheiten” zum Opfer fallen und vor unserer biologischen Zeit versterben. Die Zahl der Therapeuten in Deutschland nähert sich der halben Million, während die Zahl der Erkrankungen wächst. Das Gesundheitswesen sprengt die öffentlichen Kassen und die Masse verarmt. Einer der großen Vorreiter einer naturnahen Kost, Dr. Johann Georg Schnitzer – www.dr-schnitzer.de –  warnte schon vor mehr als 50 Jahren vor dem Eintritt der inzwischen unübersehbaren Folgen unserer irrsinnigen Ernährungsweisen. Er meinte auch, dass in der Folge dieser Ereignisse die Menschheit regelrecht verblöden würde. Hoffen wir, dass er da nicht auch noch Recht bekommt.

Man kann sich jeden Bereich des gesellschaftlichen und politischen Lebens herausgreifen und wird ähnliche Feststellungen über himmelschreiende Unvernunft der Menschen antreffen wie bei der Art wie wir uns ernähren. Unsere Politik, jedenfalls zweifellos die heutige in Deutschland, kann sich um solche Dinge leider nicht kümmern. Jeder Fortschritt hat ja zwangsläufig Auswirkungen auf die Wirtschaft. Das aber ginge gegen Merkels Credo: “Die Wirtschaft muss frei sein!”

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