“´Brauchen wir überhaupt Erziehung?´fragten die 68er. Sie sind aus der Mode gekommen. Aber ihre Themen beherrschen noch immer die Diskussion”, schreibt Jochen Ebmeier in einer Serie für Readers Edition und reizt damit zum Widerspruch, denn die meisten Themen der so genannten 68er sind keinesfalls aus dem Nichts entstanden, obwohl es durchaus einige gab, die dachten: “Wir erschaffen die Welt neu” und zweitens hat es die 68er als fest gefügte Bewegung nie gegeben, denn in jener Zeit führte diffuses Unbehagen zu derart buntem Treiben, das man es schwerlich in einen Begriff packen kann.
Die Welt tanzte seinerzeit am atomaren Abgrund, in Moskau regierten Männer einen Teil der Welt, die bei Paraden einen erstarrten Eindruck machten, in Washington führte die Angst vor dem Kommunismus zu Lähmungserscheinungen und Kriegsgelüsten, geriet in Südamerika ein Politiker in den Verdacht, dass er mit Moskau gemeinsame Sache machen könnte, wurde er von der Bildfläche entfernt, geriet in Osteuropa ein Politiker in den Verdacht, dass er gemeinsame Sache mit Washington machen könnte, rückten auch dort Panzer an.
Doch dann geschah überraschendes – das sei an einem Beispiel deutlich gemacht. Jetzt ist aber Schluss, sagte nämlich ein Politiker namens Willy Brandt. Aus seinem Mund gab es immer mehr neue Töne, denn im Ruhrgebiet wies er auf Umweltprobleme hin, im Bundestag erklärte er später, dass die Schule der Nation nicht etwa – wie bis dahin – die Bundeswehr sei, sondern die Schule und bei einer Wahlkampfkundgebung in Mainz erklärte er: “Wenn mir ein Großunternehmen sagen will, was ich zu tun habe, wird es von mir enteignet.”
Verschiedene Richtungen
Dies war sozusagen das Bett für eine neue Strömung, die sich schnell teilte und in verschiedene Richtungen floss. In Berlin hielt ein Studentenführer Reden, die derart theoretisch waren, dass kaum ein Arbeiter etwas damit anfangen konnte, Hunderttausende gingen auf die Straße und kehrten im besten Falle nur nass wieder nach Hause zurück, junge Leute gründeten selbstverwaltete Jugendzentren, in denen sie einfach Neues ausprobieren wollten und liefen damit in das offene Messer der Stadtkämmerer, eine Handvoll verrannte sich in Gewaltorgien und erledigte so das Geschäft von Angstbeißern in den Schaltzentralen der Gesellschaft, Diskussionen über Kindererziehung wurde in vielen Einrichtungen mehr Zeit eingeräumt als den Kindern, Jugendliche hockten über den Werken von Marx, Lenin und Bakunin und schlugen sich anschließend gegenseitig gerade Gelerntes um die Ohren, andere traten die Flucht nach San Francisco oder in eine Drogenwelt an, zwischendurch musste alles und jedes “ausdiskutiert” werden und der Feind hatte einen Namen: das Establishment.
People in motion
“People in Motion” lautete das Motto in einem erstarrten System, das dringend offene Fenster und Türen brauchte, nur: Es rannten alle durcheinander, das nannte man “Marsch durch die Institutionen”. In Baden-Württemberg beispielsweise taten sich ein paar Linke zusammen und traten in die CDU ein, um diese zu verändern. Da hatten sie aber die Rechnung mit dem falschen Wirt gemacht. In dieser Partei wollte man in den 1960er-Jahren alles hören, nur nicht “gesellschaftliche Veränderungen”.
Die aber waren dringend erforderlich, nur deshalb konnte Willy Brandt Bundeskanzler werden. überall wurde über Politik diskutiert, auf der Straße, in Kneipen, in Schulen und Universitäten. Mit jedem Tag sozialliberaler Politik entfernte sich die Welt ein wenig mehr vom atomaren Abgrund, hin und wieder gab es innen- und gesellschaftspolitische Zugeständnisse als Antwort auf radikale Forderungen, doch dann stockte der Reformprozess, die DDR schickte dem Kanzler einen Spion auf den Hals und trug so zum Sturz von Willy Brandt bei. Denn eins war ganz klar: Vor dem, was sich hier und dort in der Bundesrepublik tat, hatten nicht nur die Konservativen im Westen Angst, sondern auch die SED. Es kam: Helmut Schmidt – und somit ein “Macher”.
Und nun? 40 Jahre später wünschen sich einige Medien angeblich die 68er wieder zurück, angefangen bei der “Zeit”, deren Herausgeberin seinerzeit jedem, der es hören oder nicht hören wollte, versicherte, dass es nur eine Minderheit sei, die aufmüpfig werde, während die überwältigende Mehrheit der jungen Generation anständig bleibe, und endend bei “Bild am Sonntag”, die in Nostalgie schwelgt und dabei schlicht vergisst, dass sie in jenen Tagen einen Autor beschäftigt hat, der alle, die auf die Straße gingen, in einen Sack steckte und verbal drauflos prügelte – und zwar derart, dass bis heute gilt: Erziehung, wie sich solche Leute Erziehung vorstellen, braucht niemand.
Fatal war nur: Wenn Willy Brandt und seine Gefolgsleute sagten: “Die Schule der Nation ist die Schule”, dann meinten sie in Wahrheit: Die Schulmeister der Nation sind die Lehrer. Das ist nämlich WIRKLICH das, was vom Geist der 68er übriggeblieben ist. Wenn sie es auch “nicht so gemeint” haben wollten…