Die Herren der Augenringe: Altherren-Riege im Heldenepos
Von Thomas Lukscheider
linkszeitung.deNachdem CSU-Chef Erwin Huber Anfang der Woche seine Partei zum Kreuzzug gegen die LINKE aufgerufen hatte, glaubt nun der Arbeitskreis grün-alternativer Psychotherapeuten, bei der CSU-Spitze Symptome von Hysterie und Paranoia festzustellen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Der zunehmende Realitätsverlust der bayerischen Landesregierung hat noch ganz andere Ursachen. Sie hängen mit den chaotischen und skandalumwitterten Dreharbeiten für einen CSU-Wahlwerbespot zusammen. Diese sind ins Stocken geraten. Die Nerven liegen blank bei den Beteiligten. Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen. Es war den weißblauen Kämpen um Beckstein und Huber Anfang Juli sogar gelungen, den italienischen Starregisseur Zarrappatoni für ihr Vorhaben zu gewinnen.
Das geniale Drehbuch von Peter Hintze ist schnell erzählt.
Es orientiert sich am Nibelungenlied, baut aber auch Elemente der jüngeren deutschen Geschichte ein. In seiner Burg Wisbadia sitzt der waidwunde König Roland, belagert von welschen Heeren unter der Amazone Ypsilanti, ihrem arabischen Verbündeten Al-Wazir und finsteren Hunnenhorden (DIE LINKE). Zu Hilfe mit einem Kreuzzugsheer eilen dem sensiblen Regenten von Hessen der Raubritter Erwin “Löwenherz” Huber und sein Truchsess Gunther vom Randstein. Die CSU-Elite ließ es sich nicht nehmen, selbst die tragenden Rollen in dem Streifen zu spielen.
Die besserwisserische Kritik von Ex-Landtagspräsident Alois Glück, der Hunnensturm und die Kreuzzüge würden fast 700 Jahre auseinander liegen, wischte Markus Söder, historischer Berater der CSU, mit der Bemerkung vom Tisch, es gehe ums “große abendländische Ganze” und die Bayern interessierten sich einen “Schmarrn um Kinkerlitzchen”.
Trotz Söders Machtwort war die Harmonie dahin. Dass bei den Außenaufnahmen wegen einer brennenden Zigarette des Kettenrauchers Zarrappatoni der Straubinger Forst in Flammen aufging, nahmen die Helden noch gelassen hin, ließen sich so doch herrlich schaurige Szenen mit sengenden und brandschatzenden Hunnenhorden drehen.
Schon mehr an den Nervern der CSU-Matadore zerrte der Einfall Zarrappatonis, die Politikerinnen Gesine Schwan, Claudia Roth und Sarah Wagenknecht als die drei Hexen aus Shakespeares Stück Macbeth in den Werbespot einzubauen. Da alle drei absagten, legte sich der Widerderstand gegen den avantgardistischen Italiener zunächst zwar, doch der Unmut glomm weiter.
Als Zarrappatoni dann aber verlangte, Edmund Stoiber solle als Kaiser Barbarossa die drei tragenden Sätze in dem Werbe-Opus sprechen, war der Ofen aus und die Laune ganz unten bei den frustrierten Mimen. Auf einer Pressekonferenz in Wildbad Kreuth legte der Impressario draufhin Anfang letzter Woche beleidigt sein Amt nieder – nicht ohne Beckstein als “Flasche voll” und Erwin Huber als “strunzklug” zu bezeichnen.
Ersatz war schnell gefunden. Jürgen Dienstmann, ein kostengünstiger schwäbischer Nachwuchsregisseur aus Kleiningersheim-Großengstingen sprang ganz kurzfristig in die Bresche. Er löste auch das Problem Stoiber, indem er dem Ex-CSU-Chef erklärte, dass der Werbespot nun als Stummfilm realisiert würde, Stoiber dafür aber in der Schlussszene mit weissem Gewand auf dem Gipfel der Zugspitze segnend die Arme über Bayern ausbreiten dürfe. Was der Schwabe verschwieg: Stoiber sollte aus mehreren tausend Fuß Höhe vom Hubschrauber aus gefilmt werden.
Zum Eklat kam es dann, als Regietalent Dienstmann Elemente der Ösi-Saga “Der Watzmann ruft” ins Drehbuch aufnehmen, Stoiber auf den gleichnamigen Berg stellen und die Fürther Landrätin Gabriele Pauli als “Gailtalerin” auftreten lassen wollte. Als die CSU-Chefs gegen soviel künsterlische Freiheit meuterten, warf auch Jürgen Dienstmann die Brocken hin.
In dieser verzweifelten Lage nahm schließlich letztes Wochenende Peter Ramsauer, CSU-Landesgruppenchef im Bundestag, höchstselbst das Heft in die Hand.
Es fehlten dem Stück Elemente des Metaphysischen und Religiösen, meinte der Aushilfsregisseur. Die CSU sei auf einem Kreuzzug gegen das Böse schlechthin und genau das müsse in seiner ganzen Schrecklichkeit und Breite sichtbar werden. Man müsse dem Dämonischen die Maske vom Gesicht reißen, damit alle Welt die Fratze der teuflischen LINKEN sehe.
Ramsauer, von dem in Bayern gemunkelt wird, er besitze ein Exorzismus-Zertfikat des Vatikan, weil er immer schon Dämonen sah, wo andere nur Schalke- oder 1860-Fans vermuteten, schrieb kurzerhand das Drehbuch um zu einer kleinen Trilogie, bei der er sich vom Monumentalwerk “Herr der Ringe” inspirieren ließ.
Stoiber darf nun wieder in weißem Gewand von der Zugspitze aus das Bayernland segnen, aber jetzt als weiser Gandulf. Die LINKE wird nicht mehr als mordlustige Hunnenschar gezeigt (ein Detail, das den Beziehungen Bayerns zum Großkunden China schaden könnte), sondern als Haufen von blutrünstigen, seelenlosen Orks.
Trotz seiner energischen Proteste wurde Horst Seehofer dazu vergattert, in die Rolle des Zwergs Gimli zu schlüpfen. Die Filmtechnik verschleiert, dass der Landwirtschaftsminister auf einem Wägelchen knieend durch die Filmszenen gezogen wird. Dass es sich bei dem Wägelchen um eine Apfelkiste mit Rädern handelt, ist jedoch ein Gerücht.
Erwin Huber als König Theoden und Günther Beckstein als Elfenfürst Elrond hingegen identifizieren sich inzwischen völlig mit ihrer neuen Rolle, ja sie gehen in ihr geradezu auf. Man kann sagen, Peter Ramsauer ist ein gruppendynamisches Wunder gelungen. Die Wortführer der bayerischen Union spielen ihre Rolle nicht nur, sie sind sie in Person. Daher erklärt sich auch die Verve und Kreuzzugsbegeisterung, die sich neuerdings in den Worten der CSU-Führung kundtut.
Anfang September soll das oskarverdächtige Opus in die bayrischen Kinos – und auf die bayrischen Bildschirme kommen. Titel des ersten Teils: “Die Amigos”.
@Margareth Gorges
Hey Maggie,
ich liege unterm Schreibtisch und krümme mich vor Lachen, habe schon Bauchschmerzen und kann mir dennoch das Lachen nicht verkneifen.
Wunder-, wunderschön, dieser Artikel ist Freude und Trost zugleich. Die Schwarzen und die Bazis werden Zeter und Mordio schreien, aber ich sage “Danke schön”.
Liebe Grüsse
O. W. Hinrichs