Es war mir leider nicht mehr recherchierbar, wo ich vor einiger Zeit gelesen habe, es werde nicht richtig gebettelt. Aus meiner eigenen Perspektive kann ich das allerdings nur bestätigen: Ich rücke nie was raus, wenn man mich depressiv von der Seite anmurmelt, eine Straßen-Zeitung in mein Gesicht schwenkt oder in mein Rendezvous eine Alkoholfahne reinbläst. Dummerweise kann man aber in den riskanten Zeiten der Globalisierung nicht sicher sein, dass es einen nicht selber mal trifft. Doch wie bettelt man psychologisch gesehen richtig? Hier ein paar Tipps.
Na, auch bald so ein armes Schwein?
Nach dem neuesten Armutsbericht der Bundesregierung (Juli 2008) hat sich die Zahl von als einkommensarm definierten Personen in Deutschland über die letzten Jahre erhöht, Tendenz (Tatatata – überraschung!): steigend. Â In Zeiten riskanter Wirtschaftslagen und prekärer Anstellungsverhältnisse, in denen die Anschaffung von Kindern das Armutsrisiko erhöht, kann es aus der schwindenden Mittelschicht nahezu jeden treffen. Auch Sie. Wenn Sie also bald zu den vielen armen Schweinen gehören, die sich vorm Bahnhof rumdrücken müssen, sollten Sie dringend ein paar Alleinstellungsmerkmale in Ihr Bettel-Veralten integrieren, damit Sie sich von Ex-Kollegen und Ex-Nachbarn wirkungsvoll abgrenzen können. Glücklicherweise wird in Deutschland auf unterstem Niveau gebettelt, so dass es nicht schwer sein dürfte, unter Berücksichtigung von ein paar gut gemeinten Hinweisen aus der Psycho-Trick-Kiste auf einen adretten Alkoholspiegel, eine Prise Heroin und einen gediegenen Döner pro Tag zu kommen.
Dont’s: aufhalten, stören, Handlungen unterbrechen – Was Sie keinesfalls tun sollten
Die ganz großen Dont´s beim Betteln können Sie heute in jeder beliebigen Großstadt nachvollziehen: Da wird auf Bahnsteigen mit leidendem Blick an wartende Reisende herangeschlurft, da wird in Innenstädten humpelnd der Weg versperrt, die Mimik depressiv, die Tonlage Moll, die schnuddlige Hand in den Mindestabstand hineingeschoben und irgendwas Leises wie „Hamsienichmaanbißchnkleingeldfürmich“ gemurmelt, da wird aggressiv ein ganzer Euro für „waszuessen“ gefordert, da werden Handytelefonate unterbrochen, Pärchen beim Flirten gestört, Buseinsteiger aufgehalten und somit – wichtig! – negative Stimmungen erzeugt oder verstärkt.
Regel Nr. 1: Erzeugen oder verstärken Sie positive Stimmungen!
Die erste Grundregel (basierend auf zahlreichen sozialpsychologischen Studien zum Thema) lautet:  Erzeugen oder verstärken Sie eine positive Stimmung! Diese trägt nachweislich dazu bei, dass Menschen freigiebiger geben (mutmaßlich, weil sie ihre positive Stimmung dadurch verstärken oder wiedererlangen). Wählen Sie schlendernde, halbwegs gut gelaunt wirkende Ansprechpartner aus. Eine fröhliche, selbstwertsteigernde (!) Ansprache („Sie da mit der wunderschönen Bluse!“), lächelnd und humorvoll vorgetragen ist neben einem schwungvollen Dank für die „kleine, feine Spende“ (angedeutete Verbeugung nicht vergessen!) das A & O des erfolgreichen Bettelns. Es versteht sich von selbst, dass man Wetter- und Umgebungsbedingungen auch so wählt, dass möglichst viele Leute in ohnedies guter Stimmung auf einem Haufen sind. Eilende, verschlafene Pendler an einem Regentag früh um sieben auf dem Weg zur miesbezahlten Arbeit aufzuhalten ist folglich nicht im mindesten so erfolgsversprechend, wie das Schnorren vor Rockkonzerten internationaler Künstler, in sonnendurchfluteten Samstagnachmittagseinkaufszonen  oder beim Ausruhen im Stadtpark.
Regel Nr. 2:Â Wie ein Engel heranschweben
Häufig unterschätzt scheint die Art und Weise, in der man sich potentiellen Geldspendern nähert. Sprechen Sie diese niemals von hinten oder von der Seite an, verstellen Sie aber auch niemals einer Person den Weg oder stoppen Sie jemanden, der schnellen Schrittes geht. All das ist verschenkte Liebesmüh. Vielmehr sollten Sie von schräg-vorn, deutlich im Sichtfeld lächelnd heranschweben, bevor Sie mit dem Betteln beginnen. Wenn Sie bedrohlich wirken oder die Person auch nur unabsichtlich erschrecken, muss das nächste Dosenbier noch lange auf Sie warten. Â Wenn Sie mehrere Leute ansprechen, suchen Sie sich die vermutlich freundlichste Person aus und halten Sie Blickkontakt. Fühlen sie sich als selbstbewusster Engel. Sie machen dieser Person schließlich gleich das Geschenk, sich durch das Geben von Kleingeld gut zu fühlen.
Regel Nr. 3: Kontraste schaffen
Die dritte Grundregel zur Förderung sogenannten „prosozialen Verhaltens“ lässt sich auf  „Schaffen Sie Kontraste“ herunter brechen. In Experimenten hat man herausgefunden, dass die Freigiebigkeit erheblich steigt, wenn man zwei Beträge erwähnt – einen unverschämt hohen und dann einen bescheidenen. Insofern ist die Ansprache „Ich brauche 50 Euro für mein Zugticket – hätten Sie vielleicht mal dreißig Cent?“ eine gelungene Umsetzung dieses Prinzips.  Da meistens von einem Euro die Rede ist, ergibt sich der Kontrast auch von selbst, wenn man nur nach zwanzig Cent fragt (die meisten geben dann mehr).  Auch eine gesungene, gereimte oder mit instrumenteller Begleitung (geeignet: leicht zu transportierende Instrumente wie Mundharmonika oder Blockflöte) vorgetragene Ansprache schafft einen Kontrast zum Bettel-Mainstream, ebenso wie ein lustiger Hut oder eine Federboa als Hingucker.
Regel Nr. 4:Â Die vorgeschaltete (Fang-)Frage
Ebenfalls sehr wirkungsvoll ist das Vorschalten bestimmter Fragen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit bejaht werden, etwa wenn Sie einen jungen Mann vor seiner Freundin ansprechen: „Sind Sie ein guter Mensch?“. Auch wenn die verbale Antwort provozierend „Nein“ lautet – diese Frage wird so ziemlich jeder gesunde Mensch zumindest innerlich mit Ja beantworten, zumal unter Zuschauern. Lautet die Antwort ja, dann fügen Sie an: „Dann helfen Sie mir doch bitte mit dem bescheidenen Betrag von einem Euro aus, ich muss dringend telefonieren“. Lautet die Antwort nicht „Ja“, schließen Sie einfach an: „Ich erkenne einen guten Menschen, wenn ich einen sehe. Bitte helfen Sie mir mit dem bescheidenen Betrag…“. Eine ähnliche Strategie ist es, zunächst fröhlich nach der Uhrzeit zu fragen. Feld-Experimente haben bewiesen, dass danach die Bereitschaft, Geld zu geben signifikant steigt – mutmaßlich weil bereits ein kleiner Gefallen erfüllt wurde und es so naheliegend scheint, auch einen weiteren kleinen Gefallen zu tun.
Auf dem Weg zu einer deutschen Bettel-Kultur
Wenn Sie das nächste Mal also nervig, penetrant oder monoton angesprochen werden, zücken Sie einfach einen Ausdruck dieses Artikels und sagen Sie: „Ich geb Dir was, was viel wertvoller ist als Geld!“. Klaro, dass Sie von heute an für eventuell auftretende, plötzliche Notlagen auch ein eigenes Exemplar in der Arschtasche mit sich herumtragen. So tun Sie in dreierlei Hinsicht Gutes: Sie verschaffen sich ein sicheres Gefühl, bestärken die Entwicklung einer eventorientierten und unterhaltsamen Bettelkultur in Deutschland und unterstützen als engagierter Staatsbürger die anhaltenden und wirkungsvollen Bestrebungen der Bundesregierung, Armut weltweit und somit auch in Deutschland zu bekämpfen.
Bildquelle: pixelio.de (Klaus Rupp)
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