Von unsern Künstlern sind wir gewohnt, dass Perfektion und Ausdruck Gegensätze sind und eins immer auf Kosten des andern geht; Fischer-Dieskau kann ein Lied davon singen. Für Michael Jackson gilt das nicht. “übung, schätz ich”, hat er gesagt, als ein Junge ihn fragte, woher er so irre tanzen kann. Seit er fünf Jahre alt ist, findet sein wirkliches Leben auf der Bühne statt, da war Zeit, sich einiges anzueignen.
Doch dass sich bei ihm der Ausdruck mit der Perfektion steigert und die Perfektion nur im Ausdruck gelingt, mag man Ingenium nennen. Noch nie ist eine Künstlerbiographie so vollständig mit einer Karrierechronik in eins gefallen. “Vom wirklichen Genuss des Lebens kenne ich gar nichts. Für mich ist der Genuss des Lebens und der Liebe nur ein Gegenstand der Einbildungskraft, nicht der Erfahrung. So musste mir das Herz in das Hirn treten und mein Leben nur noch ein künstliches werden. Nur noch als Künstler kann ich leben, in ihm ist mein ganzer Mensch aufgegangen.” Das hat Richard Wagner gesagt, als erster Großindustrieller der Unterhaltungskunst ein Ahnherr von Michael Jackson, aber es war Koketterie. Michael Jackson käme solches nie über die Lippen, aber auf ihn trifft es zu.
Das lebende Gesamtkunstwerk
Es waren nicht die Medien, die den Star erfunden haben. Andersrum: In der Medienwelt kann der Künstler nur als Star bestehen. Imagebuilding wird zur eigenen Kunstgattung. Sich zur Figur zu stilisieren ist der artistische Elementarakt. Die Figur ist der Personalstil, sie ist es, die die Performance authentifiziert. Für den Normalstar gilt das annäherungsweise, Madonna zum Beispiel muss sich jede Saison neu stilisieren, um glaubhaft zu werden. Nur für Michael Jackson gilt es absolut. Er ist das lebende Gesamtkunstwerk. Er ist nichts anderes als “Jacko”, er ist in seiner Figur aufgegangen ohne jeden privaten Rest. Seine Verwicklungen mit der kalifornischen Justiz waren der Punkt auf dem i.
Das Eigentümliche am Genie ist nach Jean Paul sein Vermögen, der Welt eine neue Ansicht von ihr selbst zu zeigen. Die ästhetisch-eigene Sicht der Welt hat diesen Vorzug vor den philosophisch- oder naturwissenschaftlich-eigenen: dass man sie nicht teilen muss, um sie zu schätzen. Im Gegenteil – dass sie befremdet, macht eine originäre ästhetische Qualität erst aus. Genie allein qualifiziert eher zum Verkanntsein als zum Welterfolg. Damit einer zum größten Star aller Zeiten werden konnte, musste seine “neue Ansicht der Welt’ die Menschen aller Kontinente so sehr befremden, dass ihnen millionen-, milliardenfach die Spucke wegblieb. Das ist durch das Wie ihrer Darreichung nicht zu erklären. Es wird am Was liegen.
Der Kinderkönig
Mit ihm hat das Wort Kinder-Star einen neuen Sinn bekommen. Er ist der erste Popkünstler, der sich nicht die Halbstarken, sondern ausdrücklich die Kinder zum Publikum erwählt hat, und die haben ihn zum größten Star aller Zeiten kreiert. Diese “Jugendkultur’ ist Kiddie Kulture. Er hat sie nicht erfunden, aber er hat ihr eine Aura gegeben, die sie sonst nicht hätte. Es war eine lebensgeschichtliche Affinität, wie eine offene Wunde. Doch zum Künstler wird keiner, der es nicht nötig hat. “Ein Werden und Vergehen, ein Bauen und Zerstören in ewig gleicher Unschuld hat” nach Nietzsche “in dieser Welt allein das Spiel des Künstlers und des Kindes.” In der bürgerlichen Welt ist der Phänotyp des Künstlers zum Statthalter der im Arbeitsalltag lästig gewordenen Kindlichkeit erwachsen. Sie macht die ästhetische Qualität der Werke nicht aus, aber sie bereitet den Boden, aus dem sie wächst.
Welches Vorbild der Jacko-Figur zugrundeliegt, sagt er jedem, der es hören will. Es ist Peter Pan, der lost boy im Nimmerland, der es ablehnt, erwachsen zu werden. Der hatte allerdings selber ein Vorbild. Das war sein Erfinder, James Matthew Barrie, der sich so sehr sträubte, erwachsen zu sein, dass er sein Leben lang Größe und Gestalt eines Zwölfjährigen behielt; der sich mit Kindern umgab, die er zu seinem Lebensinhalt machte und damit sein Geld verdiente. Ein Kinderkönig, das Leben ein Spiel. Natürlich wurden ihm dieselben unanständigen Laster angehängt, wie seinem heutigen Nachfahr.
Zum Jacko zurechtgeschnitten, erscheint The Real Peter Pan als bleicher Knabe, grazil und zapplig und mit einer außerirdischen Stupsnase, mal eher schön, mal eher komisch. Ein flüchtiger Journalistenblick wollte Zeichen von Androgynie erkennen. Es ist aber nicht eine Rundung zu sehen. Es ist die filiforme Figur eines zu rasch aufgeschossenen Dreizehnjährigen, und die schlacksige Grazie seiner Schritte und Posen ist so mädchenhaft wie ein Fußballstutzen. Eben Peter Pan und nicht Alice im Wunderland. Doch die Wirklichkeit ist schräger als die Fiktion. Während James Barries Theaterfigur bleiben durfte, was sie immer war, kehrte ihr realexistierender Sproß dahin zurück, wo er nie gewesen ist, in seine Kindheit, Neverland.
Ein päderastischer Affekt
Dass er so zum König der Kinder ward, ist an dieser wahnwitzigen Karriere das am wenigsten Rätselhafte. Dass er damit auf breiter Front zugleich die Generation ihrer Mütter und Väter schwachmachte, überrascht allerdings. Verstohlen um sich schielend, feixen sie in den Bildschirm und können den Blick nicht von ihm wenden: Denkwürdig bleibt sein alle Rekorde brechender Auftritt bei Wetten dass?
Das Faszinierende und Anstößige an dieser Figur ist ihre surreale Duplizität. Er ist immer nicht nur dies, sondern zugleich auch das andere. Er ist der Jacko, Größter Star Aller Zeiten, aber er bleibt der kleine Michael mit den traurigen Augen und der klagenden Stimme. Er ist schwarz und er ist weiß, er ist klein und überlang, ist unernst ernst, pathetisch komisch, kitschig grotesk, er “vereinigt Unschuld und ausgekochten Professionalismus, unverstellte Gefühlstiefe und ausgefuchste Kalkulation”, schrieb Rowohlts Rock-Lexikon, er ist das wandelnde Paradox – ein “Bambi der Rockmusik”. Er ist der Kinderkönig, aber den andern ist er Unser Kleiner Prinz. Das Verführerische an dieser Figur wird weniger mysteriös, wenn man ihm einen Namen gibt: Es ist selber ein päderastischer Affekt, und sein doppelter “Fall”, der dann doch keiner wurde, war unsere verschämte Projektion.
Dass aber puer aeternus, die mythische Gestalt des wilden Knaben, mehr Menschen hypnotisieren konnte als weiland Elvis und die Beatles zusammen, ist das eigentliche Mysterium. Erotik spielt sicher mit rein, aber Sex nur in Sonderfällen. Die Verführung ist ästhetisch-”sinnhaft”, und ihr Hintergrund weniger tiefenpsychologisch als kulturhistorisch. Es hat damit zu tun, dass die Erwachsenheit veraltet und das Kindliche eine eigne Mächtigkeit gewinnt.
Homo ludens victor
Tiefenpsychologie findet ihren Platz freilich auf der Gegenseite. Die in Michael Jackson Gestalt gewordene weltweite Faszination vom “Kindesmissbrauch” trägt die Züge dessen, was Professor Freud eine Widerstandsreaktion genannt hat; “haltet den Dieb”, sagt der Volksmund. Denn sein Aufstieg fiel zusammen mit dem Beginn einer zivilisatorischen Krise, der tiefsten seit der Neolithischen Revolution, und heizt sie an: Es ist das Ende der Arbeitsgesellschaft.
Das Ende jener Zivilisation von Notdurft, Arbeit, Nutz und Zweck, die vor runden zehntausend Jahren im Tal des Jordan anfing, als die Menschen sesshaft wurden und den Ackerbau begannen. Ein relativer überschuss, der sich akkumulieren und berechnen ließ, wurde zur Prämisse des Daseins. Es begann die Bevölkerungsexplosion, der Kampf um die Verteilung, die Klassenspaltung und das Elend der großen Masse. Bedürfnis und Arbeit, besoin und besogne wurden zur Condition humaine. Die Arbeit wurde zum Wirkgrund der Werte. Sie wurde zum Rechtsgrund der Welt. Der Erwachsene wurde eigentlicher als das Kind, und Heiterkeit blieb nur der Kunst.
Doch damit geht es jetzt zu Ende, denn die wirkliche Arbeit machen die Maschinen. Arbeit bleibt nicht Sinn des Lebens, wenn Mangel nicht mehr sein beherrschendes Thema ist, und unsere (Ent-)Sorge gilt immer mehr dem überfluss… “Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein”, ist sie auch nicht länger der Wert, der an und durch sich selber gilt.
Was wird dann aus dem Unterschied von Kindheit und Erwachsenheit? Von Ernst und Unernst? Von Mitteln und Zwecken? Wieso ist Arbeit würdiger als Spiel und Erwachsenheit etwas, wonach es zu streben lohnt? Und allenthalben erwacht das Kind im Manne! Die Welt kann sich jetzt nur noch ästhetisch rechtfertigen. Aber das sollte sie.
Michael Jackson sorgt für Aufregung, weil er das hyperkinetische Ausrufezeichen ist hinter dem Selbstzweifel unserer jahrzehntausendalten Zivilisation von Aufwand und Nutzen. Zwar bedurfte es für diesmal noch seines exorbitanten Ingeniums, aber unmöglich war es nicht; Peter Pan war ins richtige Leben getreten.
Es gab die Theorie, nicht die Arbeit, sondern das Spiel sei die Wurzel der Kultur. Das war überzogen. Aber es ist sicherlich ihr Zweck. Und Michael Jackson ist ein lebendes Denkmal für homo ludens victor. Er hat der Welt eine neue Ansicht ihrer selbst gezeigt. Daher der Hass, daher die Versuchung. Er ist ein großes geschichtliches Ereignis.
Er war da
Das schneeweiße Techno-Plätschern, das ohne Stars auskam, verläuft sich. 1000 Zuckungen pM ersetzen auf Dauer nicht den Rhythmus und das Dähnßen nicht den Tanz. Die Love Parade hat fertig. Der Star ist wieder gefragt, dessen Aura die Performance zur Kunst ästhetisiert. Nur einer kann hoffen, allein durch seinen Auftritt im World Wide Web, ohne Album, ohne CD und ohne Corporation genug abzusetzen, um die steigenden Produktionskosten einzuspielen; sobald nämlich das Problem der Raubkopien befriedigend gelöst ist: der größte Star aller Zeiten. An Inspiration wird’s ihm nicht fehlen. Nur ist auch er nicht davor gefeit, sich künstlerisch zu verkalkulieren. Nämlich dann nicht, wenn er kalkuliert. Das ist tödlich für die Kunst. Er wird als Künstler wiederkommen, oder er wird nicht wiederkommen.
Doch ob oder ob nicht, ist fast schon nebensächlich. Das geschichtliche Ereignis hat stattgefunden. Er hat Peter Pan-Jacko ins richtige Leben überführt. Wohl hat er dort Schaden genommen, und dass sein Scheitern noch immer nicht ausgeschlossen ist, verbürgt seine Echtheit. Es ist nicht das Zwielichtige selbst, das ihn beschädigt hat – damit hatte er stets geliebäugelt. Es ist die Banalisierung.
Die Philister haben ihn zu fassen gekriegt und in ihren Kreis gezogen. Was sonst noch eine vage Spur von Schwermut war, hat sich zu einem Zug von Tragik verschärft. Eigentlich ist er erst jetzt der romantische Künstler in ganzer Gestalt. Dies in die renovierte Jacko-Figur einzuprägen, ohne der Versuchung zum Kitsch zu sehr nachzugeben; ohne nämlich ihre beißende Ironie zu verraten – das wird ein echtes Kunst-Stück. Ob es gelingt, wird man sehen. So oder so, he was there, das ist, was zählt.
Literatur:
Jochen Ebmeier
Michael Jackson. Das Phänomen
Mainz 1999 (Schott)
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