DAS SCHREIBEN ÜBER WEIBLICHE GENITALIEN MUSS NICHT NOTWENDIGERWEISE SEXY SEIN!

Während in den USA eine Gegnerin aller fleischlichen Lüste versucht Vizechefin der Welt zu werden, geht’s im Abendlande munter drunter und drüber in den Betten. Und damit es zwischendurch, in den Aufbauphasen, gutes Lesefutter gibt, hat der Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf ein Mädchen geboren. ANAIS heißt das hübsche Kind

anais.jpgWährend in den USA eine Gegnerin aller fleischlichen Lüste versucht Vizechefin der Welt zu werden, geht’s im Abendlande munter drunter und drüber in den Betten. Und damit es zwischendurch, in den Aufbauphasen, gutes Lesefutter gibt, hat der Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf ein Mädchen geboren. ANAIS heißt das hübsche Kind und tunkt in die Erotik. Hochedel und jung und frech und in weiblich! Ich sprach schonmal vor dem Start des Programms mit Jennifer Hirte, der Programmleiterin bei ANAIS über Charlotte Roche, Männer, die gern wie Frauen schreiben wollen und 18-jährige Jungautorinnen…

Volly Tanner: Ihr kommt am Anfang mit acht Büchern von zehn Frauen auf den Markt. Diese jedoch sind ja auch alterstechnisch sehr unterschiedlich, also die Frauen – besonders aber auch von der Ausrichtung im erotischen Bereich. Was ist denn der rote Faden durch das Paket?
Jennifer Hirte: Am 1. Oktober starten wir erst mal mit zwei Büchern von deutschen Autorinnen und zwei Büchern von angloamerikanischen Autorinnen. Unsere Autorinnen sind alle phantastisch darin, Erotik im Alltag aufzuspüren, sie gehen offen durchs Leben (auch schon mit 18!) und sie schreiben so herrlich unverkrampft über Sex. Das war uns bei der Auswahl wichtig. Und ein positiver Zugang zu Sexualität und zum eigenen Körper ist auch auf jeden Fall Grundbedingung.

Volly Tanner: Rebecca Martin zum Beispiel ist unverlebte 18! Jahre jung. Kann solch eine junge Dame eigentlich wirklich schon gute Literatur liefern?
Jennifer Hirte: Ganz ehrlich: Ihre Textproben haben uns einfach die Schuhe ausgezogen – cool, lakonisch, aber reflektiert und durchdacht. Da war das Alter der Autorin dann überhaupt nicht wichtig, schreiben kann sie jedenfalls.

Volly Tanner: Wie muss ich mir denn die Bekanntmachung der Bücher vorstellen? Gehen die jungen Damen auf Lesetour? Und wenn ja, welche Läden buchen denn weibliche erotische Literatur?
Jennifer Hirte: Die Bücher werden ab 1. Oktober in den Buchhandlungen zu kaufen sein, ganz normal, ohne Altersbeschränkung und Schloss. Wir machen sehr viel
Pressearbeit mit den deutschen Autorinnen, weil wir den Büchern natürlich tolle Startchancen geben wollen. Gerade die Frauenpresse reagiert natürlich ziemlich gut auf die Reihe, so war das ja auch gedacht. Locations für Lesungen gibt es sicher einige, da sind wir gerade am Schauen, das kommt später.

Volly Tanner: Faszinierend finde ich persönlich aber auch das C.I. von ANAIS. Wie kams denn zur Zusammenarbeit mit den Fotographen und wie war da das Mitspracherecht der Autorinnen?
Jennifer Hirte: Wir haben eine tolle Grafikabteilung, die diese Bilder recherchiert und eingekauft hat, und natürlich waren die Autorinnen mit Feuer und Flamme bei der Sache, als es drum ging, die besten Cover für ihre Bücher zu wählen. Es war alles nicht so einfach, weil wir natürlich wollten, dass die Bücher ganz besonders toll aussehen und nicht wie Massenware. Wir sind jetzt sehr zufrieden.

“Alle Frauen, die gern und guten Sex haben und auch darüber schreiben mögen, kommen als ANAIS-Autorinnen in Frage.”

Volly Tanner: Weibliche erotische Literatur führt ja nun wirklich ein Nischendasein. Anais Nin ist da der wahrscheinlich einzige Name, der breiten Massen bekannt ist, bei Schwarzkopf & Schwarzkopf gibt’s ja eher autobiografische Skizzen von Damen aus der horizontalen Ebene. Wo wollt ihr denn Euer Klientel finden? Die bayrische Dorfpflanze mit Interesse an der Spritzkraft eines Kuheuters wird’s ja wohl nicht sein.
Jennifer Hirte: Wenn Du mit Klientel unsere Leserinnen meinst: na aber klar wollen wir auch die  bayerische Dorfpflanze. Wenn Du sie als Autorin meinst: erst recht! Alle Frauen, die gern und guten Sex haben und auch darüber schreiben mögen, kommen als ANAIS-Autorinnen in Frage. Auf unserer ANAIS-Page haben wir Infos dazu und wir verkehren natürlich auch in den einschlägigen Frauensexliteraturzirkeln, aus denen wir unsere Jungautorinnen rekrutieren.

Volly Tanner: Hättest Du bei ANAIS “Feuchtgebiete” publiziert, wenn es Dir angeboten worden wäre?
Jennifer Hirte: Das mit den Feuchtgebieten ist schwierig – ich fand Charlotte Roche schon immer toll und hätte zu einem Buch von ihr nicht nein sagen können. Es wäre aber ein Spitzentitel bei Schwarzkopf & Schwarzkopf geworden, kein ANAIS-Titel. Ich fand an dem Buch eigentlich sehr überzeugend dokumentiert, wie das Schreiben über weibliche Genitalien nicht notwendigerweise sexy sein muss. Also für mich hat es auf der Ebene jedenfalls null funktioniert.

Volly Tanner: Ich selber schreibe ja auch Rezensionen über Bücher für die unterschiedlichsten Zeitungen und Netzmedien – und da kommt mir ja doch recht viel Unsinn unter. Gab’s bei der Sichtung des zur Veröffentlichung geplanten Materials große Katastrophen? Worüber konntest Du auch mal lachen in der Vorbereitung?
Jennifer Hirte: Klar, oft und gern – besonders, wenn wir übereinstimmend vermuten, dass ein angebotener Text von einem Mann und nicht wie angegeben von einer Frau sein könnte, und damit bisher noch nie falsch gelegen haben. Das merkt man einfach.

Volly Tanner: Verdammt – und ich dachte, ich könnte doch mal…

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