Alle Jahre wieder: Im Sommer findet das Fantasy-Filmfest statt. Doch das wird kein verkappter Werbeartikel…
Was 1987 in einem Hamburger Programmkino als Spartenfestival für Fans des Besonderen begann, entwickelte sich innerhalb von wenigen Jahren zum Tourneefestival für Fans und ist mittlerweile ein bundesweites Kommerzfestival. Mein erstes Fantasy-Filmfest war 1994. Seitdem änderte sich viel beim Festival, beim Spektrum der Filme und in der Medienlandschaft allgemein.
Innerhalb von Frankfurt wechselte das Festival bereits zweimal das Kinocenter; seit 2004 wird es im Frankfurter Metropolis gezeigt, welches zum Cinestar-Konzern gehört. Ausdrücklich positiv muss bemerkt werden, dass zu den beiden Festival-Sälen einer der beiden größten des Kinocenters gehört; in dem Riesenkino mit ca. 650 Plätzen saßen zu manchen Nachmittagsvorstellungen nur wenige Festivalgäste und durch einen zwischenzeitlichen Wechsel hätte das Kino eventuell mehr Geld verdient, indem z.B. der neue Batman-Film dort gezeigt worden wäre.
Bei meinen ersten Fantasy-Filmfesten ging ich in jede mögliche Vorstellung. Dauerkarten zum Fixpreis gibt es. In meinem ersten Jahr gab es keine Dauerkarten mehr. Ich kaufte Einzelkarten für alle Filme. Das kostete damals ca. DM 300; eine Einzelkarte kostete nach meiner Erinnerungen DM 8,00. In den drei folgenden Jahren sicherte ich mir rechtzeitig Dauerkarten. Die erste 1995 kostete DM 160,00 oder DM 170,00; ein Jahr später kostete die Dauerkarte bereits DM 200,00. Jetzt kostet die Dauerkarte 175,00 Euro und eine Einzelkarte kostet 8,00 Euro. Bereits 1998 ging ich wieder dazu über, Einzelkarten zu kaufen und achtete mit der Zeit darauf, mir die Filme genau auszusuchen. Dazu mache ich aber zum Schluss noch einige Ausführungen.
Konzentrieren wir uns nun jedoch lieber auf die Filme. Alle werden in der jeweiligen Originalfassung gezeigt. Filme, die nicht in englischer Sprache gedreht sind, werden (fast immer) mit englischen Untertiteln vorgeführt. Für viele Kinobesucher ist das sehr gewöhnungsbedürftig, daher ist die Bezeichnung “Filmfestival für Fortgeschrittene” nicht unberechtigt. Im Folgenden vergebe ich daher Bewertungen analog zu Schulnoten (1 = sehr gut; 6 = unzumutbar).
Mittwoch, 27. August, 20:00 Uhr:
EDEN LAKE (Großbritannien)
Englische Originalfassung
Ein junges Paar fährt übers Wochenende an einen idyllisch wirkenden See und gerät an eine Gruppe mehr oder weniger gestörter Jugendlicher. Was mit lauter Musik und verbalen Auseinandersetzungen beginnt, geht mit dem Diebstahl des Autos weiter und endet mit übler und tödlicher Gewalt. Der Film ist seriös gemacht, hat nur wenige Schönheitsfehler, überzeugt schauspielerisch. Es ist ein Erstlingswerk und kann unter diesem Aspekt als insgesamt gelungen bezeichnet werden. Note: 3
Donnerstag, 28. August, 23:45 Uhr:
THE MOTHER OF TEARS (Italien, USA)
Englische Originalfassung
Der Italiener Dario Argento galt in den 70er und 80er Jahren als wichtigster und einflussreichster europäischer Genreregisseur in den Bereichen Horror und Thriller. In den letzten Jahren drehte er jedoch fast nur noch Unbrauchbares. Jetzt scheint es wieder einen Lichtblick zu geben: Wenn er will, kann er also immer noch. Normalerweise gilt bei Dario Argento: Optik = Top, Handlung = Flop. Da lassen Teile der Filmbewertung Einiges erwarten: “Die Story ergibt auch diesmal keinen Sinn, und darstellerisch werden wahrlich keine Glanzlichter gesetzt.”
Bei Ausgrabungen auf einem alten Friedhof wird eine Urne geborgen. In der Archäologie-Abteilung der örtlichen Universität wird diese geöffnet. Inhalt sind unter anderem die sterblichen Überreste der “Mater Lacrimarum”, der Mutter der Tränen, einer altertümlichen grausamen Hexe, sowie ein verwitterter Ritual-Umhang. Und wie das so in Horrorfilmen ist: Unvorsichtigerweise tropft Blut aus einer Schnittwunde einer Expertin in die Urne und eine alte Beschwörungsformel wird unwissend vorgetragen. Die Mutter der Tränen erwacht zum Leben und verbreitet erneut das Böse auf der Welt. Das ist jetzt nicht wirklich neu und originell. Gleich danach wird eine der beiden Forscherinnen von merkwürdigen Dämonen überfallen und grausam ermordet, wobei der Tötungsakt in anatomischer Detailtreue gezeigt wird. Menschen drehen durch, fallen über Freunde und Familienangehörige her, Mütter töten ihre Säuglinge. In Rom reist auf einmal allerlei okkultes Volk an. Die Praktikantin flüchtet, erfährt, dass sie selbst die Tochter einer einflussreichen (guten) Hexe ist und nimmt den Kampf auf. Der Film ist phasenweise sehr konfus erzählt, hat einige Schönheitsfehler und Schwächen, die weniger gruselig als unfreiwillig komisch wirken. Der Geist der guten Hexenmutter ist so animiert, dass man den Kopf schütteln möchte. Argento dreht seine Horrorfilme fast immer auf Englisch; wenn er dann italienische Darsteller mit mangelhaftem Talent so genanntes “Spaghetti-Englisch” sprechen lässt, sorgt das immer mal wieder für Gelächter. MATER LACRIMARUM ist nach fast 30 Jahren die Vollendung einer bis dahin unvollendeten Trilogie, die 1977 mit SUSPIRIA begann und wenig später mit INFERNO fortgesetzt wurde. Als Darsteller sind eigentlich nur Dario Argentos Tochter Asia Argento in der Hauptrolle sowie die aus Deutschland bekannte Billigfilm-Ikone Udo Kier als Pfarrer zu erwähnen. Note trotz diverser Mängel: 2
Mein Biorythmus ist doch recht gequält. Arbeitsmedizinisch bezeichnet bin ich eine Lärche, stehe um 5:00 Uhr auf und fange um ca. 6:30 Uhr im Büro an (ich bin also das Gegenteil einer Eule). Obwohl ich am Nachmittag davor etwas schlafen konnte, ist es doch eine Zumutung, in Anbetracht solcher Gewohneiten um 23:45 Uhr im Kino zu sitzen und um 2:00 Uhr ins Bett zu kommen. Aber ich will mich nicht beklagen, denn ich bin selbst schuld…
Freitag, 29. August um 21:45 Uhr:
MARTYRS (Frankreich)
Französische Originalfassung mit englischen Untertiteln
Ein Mädchen flieht aus einem Versteck, wo sie gefangengehalten und misshandelt wurde. Schnitt. Vorspann. Das Enführungsopfer von einst dringt in die Wohnung einer vierköpfigen Familie ein und mäht alle mit einem Gewehr nieder. Dabei wird sie von einer Freundin begleitet, die hin und wieder versucht, das Schlimmste zu verhindern. Im Haus der Opfer wird die Täterin mehrfach von einer monstösen nackten Frau überfallen und mit einem Rasiermesser traktiert, bis sie ihr die Kehle durchschneidet. Was dem geübten Zuschauer nach einiger Zeit klar wird: Die monströse Frau ist das Produkt der Fantasie der psychisch schwer gestörten jungen Frau; die Rasiermesser-Wunden und schließlich die durchgeschnittene Kehle sind selbst zugefügte Verstümmelungen bzw. Selbstmord. Da könnte der Film enden. Doch die Freundin findet im Keller ein Verlies und ein Opfer, welches wohl schon seit langer Zeit dort gefangengehalten wird. Ein Befreiungsversuch endet mit der Erschießung der gefangenen Frau und der Internierung der Freundin. Was dann folgt, ist die ca. halbstündige Schilderung des Alltags im Verlies zwischen Fütterung, Katzenwäsche und brutalen Faustschlägen. Wenn im Detail gezeigt wird, wie die junge Frau in einen Eimer uriniert und der Eimer dann später entleert wird, ist das nur noch entwürdigend. Langer Text – kurzer Sinn. Bei den Tätern handelt es sich um eine Art Forschergruppe, die entweder aus religiösen Gründen handelt oder Todeserfahrungen der extremen Art erforschen will. Die extremen Misshandlungen sind dann auch nur Mittel, um die junge Frau an Schmerzen zu gewöhnen und auf ihre letzte Behandlung vorzubereiten. Sie wird auf ein bewegliches Gestell geschnallt und bei vollem Bewusstsein komplett gehäutet – nur das Gesicht bleibt erhalten. Die Häutung ist nicht zu sehen, dafür wird das Publikum mit einer Großansicht des vollendeten Versuchssubjektes konfrontiert. Da hängt sie im Gestell bzw. liegt in einer Nährlösung, um sie möglichst lange am Leben zu halten, und hat den Tunnelblick. Die Kamera fährt auf ihr Auge zu und zeigt eine dunkle Fläche mit einem hellen Licht am Ende – wie fantasievoll. In einer Ansprache wird dann den Mitgliedern der Gruppierung die Erforschung der Todeserfahrung erläutert. Und die junge Frau lebt zum Schluss noch immer.
Ja, was soll das? Warum schaue ich mir das an? Warum schaut sich überhaupt irgendjemand das an? Seit einigen Jahren gibt es in Frankreich eine neue Welle mit gewalttätigen Horrorfilmen und Thrillern. Stilmittel dieser harten Welle werden hier mit Stilmitteln des öden französischen Autorenkinos aus den 80er und 90er Jahren kombiniert, um dem Machwerk einen gewissen künstlerischen Wert zu geben: Die Farbgebung besteht fast nur aus rot, grau, schwarz und braun und es regnet fast ständig. Das klappt nicht. Der Film erinnert eher phasenweise an schlechte Exploitationfilme von vor 30 Jahren, an Frauenknast-Filme, Horrorschund und Schlimmeres. Es gibt erhebliche Lücken in der Handlung und missglückte Handlungswenden. Wie das erste Entführungsopfer die Täter finden und wiedererkennen konnte, bleibt unklar. Die Frau mit dem Rasiermesser als Produkt einer kranken Psyche wird sehr dürftig aufgeklärt. Die Funktion der Hausbewohner bleibt unklar – vielleicht hatten sie nichts mit Entführungen zu tun und waren nur bessere Hausmeister. Der Moderator der Festivalleitung erklärt noch vor dem Film, sie hätten lange diskutiert; erst wollten sie ihn nicht bringen und dann doch mit größten Bedenken. Unfug. Sie wollten ihn natürlich sofort bringen und machen Werbung mit einer halb-reißerischen Fimbesprechung und einer Einleitung voller gekünstelter Skrupel. Ich falle darauf herein und will es sehen. Ca. 600 andere Kinozzschauer fallen darauf herein und wollen es ebenfalls sehen. Hunderte anderer Zuschauer in anderen Festivalstädten fallen darauf herein und wollen es dann auch sehen. Die Älteren unter uns oder vielleicht unsere Eltern fielen vor +/- 30 Jahren auf so etwas herein; sie wollten sich den Kick geben und im Kino den ultimativen Schock erleben.Sie sahen sich Kannibalenfilme an, die ihr Publikum sogar damit schockierten, dass vor der Kamera Tiere massakriert wurden. Und wir wollen eben den Test beim Fantasy-Filmfest machen.
Ich fühle mich schlecht nach diesem Film. Yazid von der Filmzeitschrift DEADLINE meint, bei der Gruppierung handele es sich um eine Sekte oder eine Sondereinheit des Vatikans. Keine Ahnung, mir ist auch die Zeit zu schade, darüber weiter nachzudenken. Note = 5- und auch nur wegen der schauspielerischen Leistungen. An diesem Abend war das Wetter schön. Wäre ich bloß ins Open-Air-Kino zur ROCKY HORROR PICTURE SHOW gegangen.
Freitag, 29. August, 23:45 Uhr:
DOWNLOADING NANCY (USA)
Der Filmbeschreibung habe ich nichts hinzuzufügen. Durchaus beeindruckend ist der Film. Die Darsteller überzeugen, besonders Maria Bello (zuletzt als Mumienjägerin zu sehen) als unglückliche Ehefrau, die sich selbst mit Rasierklingen und Zigarettenkippen quält bzw. quälen lasst, um zu spüren, dass sie noch lebt. Besondere Erwähnung verdient die Bildgestaltung. Der gebürtige Australier Christopher Doyle, der in Hong Kong lebt und meistens dort arbeitet und durch die Arbeit des Kultfilmers Wong Kar-Wai bekannt wurde, filmt mit einer hellen, harten und grellen Beleuchtung. In Nahaufnahmen ist so jeder Bartstoppel, jeder Pickel und jede Pore zu sehen. Sogar die Aufnahmen auf einer Geschäftsfeier wirken wie mit Neonröhren beleuchtet. Das macht es sehr anstrengend, den Film zu sehen. Insgesamt ist meine Aufnahmefähigkeit für Sadomasochismen nach dem Vorgängerfilm auch schon erschöpft. Manchmal ist es auch so, dass die Zutaten stimmen und die Suppe trotzdem nicht gut schmeckt. Note = 3+.
Samstag, 30. August, 21:15 Uhr:
NOTHING TO LOSE (Niederlande)
Niederländische Originalfassung mit englischen Untertiteln
Ein Serientäter flieht aus der Sicherungsverwahrung, versucht zwecks positiver Zeugenaussage seine Mutter zu finden und nimmt auf seinem Weg ein 13-jähriges Mädchen als Geisel. Offensichtlich mit wenig Geld realisiert, kann der Film durch einen glaubwürdigen Handlungsverlauf und sehr gute darstellerische Leistungen überzeugen. Hauptdarsteller Theo Maassen erzeugt sowohl Mitleid als auch Furcht. Der Film löst nach und nach ein Pussel auf; eine tot im Wald aufgefundene Gefängnispsychaterin und der Inhalt einer sorgfältig versteckten Metalldose ergeben einen im weiteren Handlungsverlauf verhängnisvollen Zusammenhang. Ein starker Film. Note = 2+
Das größte Problem im Kino sind oft die Zuschauer und solche Festivals sind auch keine Ausnahme. Insgesamt benimmt sich das Publikum beim Fantasy-Filmfestival etwas zivilisierter als im herkömmlichen Erstaufführungsbetrieb und hinterlässt die Kinos nicht komplett wie Müllhalden. Aber dann verirren sich schon ab und zu Menschen in solche Vorstellungen, welche z.B. die niederländische Sprache so lustig finden, dass sie die Dialoge minutenlang imitieren. Das ist besonders dann daneben, wenn der Hauptcharakter am Anfang des Films in der Gruppentherapie schildert, wie er seinem Vater mit einem Hammer den Schädel eingeschlagen hat. Ich interveniere, in dem ich zornig zur Ruhe auffordere und bekomme Unterstützung.
Das hier hätte mich sehr interessiert:
Samstag, 30. August, 23:45 Uhr:
OPOPATIKA (Thailand)
Thailändische Originalfassung mit englischen Untertiteln
Aber ich bin halb tot vor Müdigkeit und fahre nach Hause. Die Zeiteinteilung ist hier oft sehr fragwürdig. Zwischen den Vorstellungen 17:00 Uhr, 19:15 Uhr und 21:XX Uhr ist oft so wenig Zeit, dass es meistens nur für ein kleines Geschäft reicht, aber nicht, um einen Happen zu essen. Dafür liegt hier in der Nacht zwischen Ende des niederländischen Filmes und dem Beginn des thailändischen Filmes eine komplette Stunde. Gut, die Filme beginnen selten pünktlich und enden daher entsprechend später. Was sollen wir da in 50 bis 60 Minuten treiben? Was denkt sich die Festivalleitung dabei? Im Vorfeld spreche ich mit einem Kollegen über die Handlung. Er ist mit einer Thailänderin verheiratet, reist regelmäßig nach Thailand und kennt sich ein bisschen aus. Bhuddismus, thailändische Mythen und westliche Vorstellungen von Unsterblichkeit werden hier wohl recht respektlos und wirr verwurstet. Kein Drama. Der Film erscheint Ende Oktober auf DVD. Dazu später auch noch mehr …
Sonntag, 31. August, 19:15 Uhr:
SO FINSTER DIE NACHT (Schweden)
Schwedische Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Der englische Titel LET THE RIGHT ONE IN ist wohl eine wörtliche Übersetzung des schwedischen Originaltitels. Der deutsche Titel passt ausnahmsweise besser zum Werk, welches kurz vor Weihnachten regulär im Kino starten wird. Der Handlung habe ich nichts hinzuzufügen. Normalerweise bin ich sowohl mit Lob als auch mit vernichtender Kritik sparsam. Aber das hier ist ein Meisterwerk. Sowohl gruselig und grausam als auch ergreifend, zärtlich und poetisch. Die beiden Hauptdarsteller sind Kinder und machen ihre Sache ausgezeichnet. Niemand macht in diesem Film eine falsche Bewegung. Es gibt sogar eine leichte päderastische Note, die sehr leicht hätte entgleisen können; die beiden Kinder liegen mehr oder weniger unbekleidet in Löffelchen-Stellung im Bett und schmusen – so etwas ist im deutschen Film unvorstellbar. Doch einen Anschlussfehler entdecke ich: Nachdem Eli, das Vampirmädchen, ein Opfer angefallen und ausgesaugt hat, gibt sie ihrem Freund Oskar einen zärtliche Kuss auf den Mund. Elis Mund war blutverschmiert und Oskar ist danach trotzdem sauber. Egal. Ganz stark. Note = 1
Montag, 1. September, 14:45 Uhr:
DIE KUNST DES NEGATIVE DENKENS (Norwegen)
Norwegische Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Der Inhaltsangabe ist nichts hinzuzufügen. Die Machart des Films könnte zusammengefasst werden mit: Die Kunst aus einem ernsten und tragischen Thema einen niveauvolle UND komischen Film zu machen. Der Film wird wohl demnächst in deutschen Programmkinos starten, hat schon einen deutschen Titel und deutsche Untertitel. Da ist es mir eher unverständlich, wenn im Programmheft ein englischer Pseudotitel veröffentlicht wird. Note = 2.
Montag, 1. September, 17:00 Uhr:
HOW TO GET RID OF OTHERS (Dänemark)
Dänische Originalfassung mit englischen Untertiteln
Eine Satire, in der angebliche Sozialschmarotzer interniert und teilweise hingerichtet werden, passt durchaus in die Zeit und hätte ein Knüller werden können. Leider ist der Film etwas konfus inszeniert und bleibt nicht ganz auf Linie. Da hätte mehr draus werden können, trotzdem insgesamt gelungen und ansehnlich. Die schauspielerischen Leistungen sind durchweg sehr gut, machen aber den Eindruck, als seien die Darsteller bei einer Theatervorstellung an der langen Leine gelassen worden. Zum Schluss schippern einige dänische Wirtschaftsflüchtlinge nach Afrika – das ist dann schon bitter. Anscheinend war der Film sehr billig und da gebe ich mal eine wohlwollende Note = 3+.
Montag, 1. Sepbember, 19:15 Uhr:
BEDINGUNGSLOS / JUST ANOTHER LOVE STORY (Dänemark)
Dänische Originalfassung mit englischen Untertiteln
Der Däne Ole Bornedal hatte seinen Durchbruch mit dem Pathologie-Thriller NACHTWACHE, dem Abschussfilm meines ersten Fantasy-Filmfestes 1994. Nach diesem Erfolg arbeitete Bornedal zwischenzeitlich in den USA und drehte dort unter anderem eine fast identische aber schwache Neuverfilmung dieses Werkes. Dieser Film ist raffiniert und komplex. Jeder Versuch einer Inhaltsangabe wäre ungerecht. Ich werde mir den Film auf jeden Fall noch einmal ansehen, allerdings erst in einem halben Jahr, denn der reguläre Kinostart wird erst im März 2009 sein. Ole Bornedal ist sowohl erzählerisch als auch optisch ein absoluter Könner. Dabei wird er von seinem Landsmann und langjährigen Kameramann Dan Laustsen unterstützt, der über viel Hollywood-Erfahrung verfügt und unter anderem Sean Connery vor der Linse hatte. Wenn Filmkünstler aus anderen Ländern nach Hollywood gehen, bleiben sie meistens für immer dort. Wenn die Dänen nach Hollywood gehen, zurück kommen und solche Filme drehen, beweist das die Klasse des dänischen Kinos. Note = 1.
Vom Duo Bornedal/Laustsen lief noch der Film ALIEN TEACHER auf dem Festival, der kurz zuvor bereits regulär im Kino (außer in Frankfurt) startete. Der hätte mich auch sehr interessiert, aber die Vorstellung war am Samstagmittag; es war ein sonniger und warmer Samtstag, den ich lieber im Freibad verbrachte, dazu auch noch etwas mehr …
Dienstag, 2. September, 14:45 Uhr:
THE INVESTIGATOR (Ungarn)
Ungarische Originalfassung mit englischen Untertiteln
Der Film bringt in der ersten halben Stunde einige originelle Ideen und optische Spielereien, die sehr viel versprechend sind. Dann lässt der Film nach und wird leider uninteressant. Schade. Note = 4
Dienstag, 2. September, 17:00 Uhr:
AN EMPRESS AND THE WARRIORS (China)
Originalfassung (mandarinchinesisch) mit englischen Untertiteln
Ching Siu-tung (seit einigen Jahren Tony Ching Siu-tung) war in den 80er und 90er Jahren einer der Filmemacher, die das neue akrobatische Fantasykino in Hong Kong prägten. Besonders seine CHINESE GHOST STORY-Trilogie waren Welterfolge und gelten als Einstiegsdroge für Fans des Hong-Kong-Kinos. Seit einigen Jahre geht es mit Ching bergab. Seine Versuche, sich in Hollywood zu etablieren, scheiterten. So musste er sich seinen Lebensunterhalt zwischenzeitlich mit Steven Seagal verdienen. Sein Karrieretiefpunkt war sicher die Assistenzregie beim deutschen Krawallregisseur Uwe Boll und dessen SCHWERTER DER KÖNIGS. Als Action-Choreograf ist Ching jedoch immer noch in ganz Asien gefragt und das beherrscht er wirklich nach wie vor wie kaum ein Zweiter. Jetzt bekommt er immerhin Auftragsarbeiten für chinesische Historienschinken.
Die Handlung ist ausreichend im Filmprogramm wiedergegeben. Es ist ordentliche Arbeit. Hauptdarsteller Donnie Yen ist ein 1-A-Actiondarsteller; für Liebesgeschichten fehlt ihm jedoch das Talent und man muss ihn als Fehlbesetzung bezeichnen. Chinesische Historienfilme zeichnen sich normalerweise durch exzellente Ausstattung und Kostüme aus. Die Ausstattung ist hier gut, die Rüstungen der Kämpfer sehen jedoch in den Nahaufnahme aus wie verzierte Neoprenanzüge. Naja. Note = 3-.
In solchen Filmen tummeln sich dann manchmal die selbsternannten Asia-Filmexperten, die jeden Schwerthieb, jeden Pistolenschuss und jeden Sprung durch die Kulissen in Zimmerlautstärke kommentieren und mit vergleichbaren oder auch nicht vergleichbaren Aktionen aus anderen Filmen vergleichen. Das größte Problem im Kino sind oft die Zuschauer…
Mittwoch, 3. September, 14:45 Uhr:
MY NAME IS BRUCE (USA)
Englische Originalfassung
Bruce Campbell ist eine Ikone des amerikanische Billigkino- und Horrorfilms. Seine bekannteste Rolle spielte Campbell im billigen Horrorklassiker TANZ DER TEUFEL/EVIL DEAD, der bundesweit beschlagnahmt wurde und hierzulande nur sehr schwer in der vollständigen Fassung zu erhalten ist. Sein letzter großer Erfolg war die Rolle des tattergreisigen Elvis Presley im Altersheim in der Gruselkomödie BUBBA HO-TEP. Hier spielt Bruce Campbell unter eigener Regie sich selbst als heruntergekommenen Filmschauspieler, der ein Alkoholproblem hat, in einem gammeligen Wohnwagen lebt und von einem Fan entführt wird, um gegen den mörderischen Geist eines chinesischen Magiers zu kämpfen. Man muss so etwas mögen und zu schätzen wissen, dass hier einige Szenen absichtlich dilletantisch inszeniert sind. Es ist kein Meisterwerk, welches ich ewig in meiner Videosammlung haben muss, aber im richtigen Umfeld eines Filmfestivals macht so etwas Spaß.
Mittwoch, 3. September, 17:00 Uhr:
MELODIES SMILE / DIE KAMMER DER TOTEN KINDER (Frankreich)
Eine Reihe von Kindesentführungen und geraubtes Lösegeld. Naja. Kindesentrührung, Kindesmisshandlung, Kindermord – das ist schwierig, so etwas muss man können. Hier geht das daneben. Der Film ist nach wenigen Minuten langweilig und wird nicht besser. Es wird pausenlos geredet. Sogar, wenn die beiden Unfallfahrer in der Reisetasche ihres Unfallopfers eine Menge Geld finden, muss noch gesagt werden, dass die Tasche voller Geld ist. Das ist über weite Strecken kein Film, sondern ein bebildertes Hörspiel. Irgendwann zähle ich schon die Quadrate an der Decke und die Sitze, bevor ich nach insgesamt einer Stunde gehe. Es ist in diesem Jahr der erste, letzte und einzige Film, den ich vorher verlasse. Note = 6.
Insgesamt ist es ein guter Jahrgang. Einige gute bis sehr gute Filme gibt es und wenige schlechte und ärgerliche. Seit einigen Jahren ist es allerdings ratsam, sehr genau das Filmprogramm zu studieren und auch Werbung im Filmprogramm zu prüfen. War das Fantasy-Filmfest noch vor einigen Jahren oft die einzige Möglichkeit, einen Film zu sehen, der dann bei Gefallen nur unter hohem finanziellem und logistischen Aufwand aus dem Ausland zu importieren war, ist das Festival heute ein Durchlauferhitzer für die Videothekenregale. Beim Studium des Filmprogrammes erkennt man mit etwas Erfahrung, welche der Filme demnächst im Kino bzw. auf DVD veröffentlicht werden. Da ist dann als Verleih ein Kinovertrieb, ein DVD-Anbieter oder auch mal das ZDF (ja, wirklich) angegeben. In solchen Fällen ist es die Überlegung wert, den Film in vier, sechs oder acht Wochen für 1,80 Euro am Tag aus der Videothek zu holen und dafür auf ein gegebenenfalls nerviges Publikum zu verzichten. Schöne und sonnige Tage können dann mit anderer Freizeitgestaltung verbracht werden und man kann sich auf die Filme konzentrieren, die keinen Verleih haben. Es ist auch empfehlenswert, nicht für alle Filme Karten im Vorverkauf zu besorgen. Vor einigen Jahren schwenkte die Festivalleitung trotz vorheriger Ansage, alle Karten könnten umgetauscht bzw. zurückgegeben werden, um und bereits gekaufte Karten wuden weder umgetauscht noch zurückgenommen. Das sorgte für viel Ärger unter den Festivalbesuchern und hinterlässt den Eindruck: Das ist kein Festival mehr für Filmfans, sondern eine rein kommerzielle Veranstaltung, um Geld zu verdienen.
Photo Quelle: Copyright: Henrik G. Vogel, via pixelio.de
Was für ein toller Service! Vielen Dank!