Kommt der Islam mit neuem Gesicht?

Für die Muslime dieser Welt hat am 1. September 2008 der islamische Fastenmonat Ramadan begonnen. Er endet am 29. September. Obwohl in Deutschland etwa 3,2 Millionen Muslime leben, nimmt die Mehrheit der Christen bzw. atheistisch orientierten Mitbürgerinnen und Bürger hierzulande kaum Notiz davon. Über die Religion des Islam wissen die

istab.jpgFür die Muslime dieser Welt hat am 1. September 2008 der islamische Fastenmonat Ramadan begonnen. Er endet am 29. September. Obwohl in Deutschland etwa 3,2 Millionen Muslime leben, nimmt die Mehrheit der Christen bzw. atheistisch orientierten Mitbürgerinnen und Bürger hierzulande kaum Notiz davon. Über die Religion des Islam wissen die meisten von uns relativ wenig. Das mag sich nach den Terroranschlägen von 9/11 in New York zwar geändert haben. Jedoch eher in negativer Hinsicht. Schließlich ist der von Terroristen für ihre niederen Zwecke missbrauchte Islam für viele Menschen seit daher nicht selten gleichbedeutend mit einer Religion der Gewalt.

Schnell ist dabei auf Koranstellen verwiesen, welche das belegen sollen. Und dies anscheinend auch belegen, zitiert man sie ausschließlich herausgerissen aus dem Ganzen. Dabei könnte mit Verweis auf andere Suren des Koran unschwer auch das Gegenteil dessen bewiesen werden. Islam – betonen schließlich wiederum die Muslime, die es nicht auf ihrer Religion sitzen lassen wollen, dass sie sich zwecks deren Verbreitung angeblich der vom Koran vorgezeichnetern Gewalt bedienen – bedeutet doch Frieden.

Selbst der derzeitige Papst goss mit seiner “Regensburger Rede” von 2006 Öl ins Feuer, indem er die Äußerung des byzantinischen Kaisers Manuel II.  Palaeologos erwähnte: “Zeigt mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden…”. Viele Muslime zeigten sich empört.

Nicht zu Unrecht, denn ebenso ließ sich ohne große Mühe ähnlich Negatives in der Bibel finden. Um daraus nun zu schlussfolgern, das Christentum sei barbarisch und gewalttätig. Doch was beweist das schon? Nichts dergleichen führt uns weiter. Wir sollten stattdessen vielmehr erkennen können, dass jedwede Textstelle – steht sie nun in der Bibel oder im Koran – im Kontext der Zeit ihrer Entstehung bzw. Niederschrift betrachtet (gewertet) und demnach auch betrachtet werden muss. Allein die Vollendung des Koran benötigte 20 Jahre! Was mag sich nicht alles in dieser langen Zeitspanne im Leben (und den Ansichten) der damals lebenden Menschen ver- und geändert haben…

Wie kann die Vernunft in die Diskussion Einzug halten?

Was müssten wir daraus folgern? Eigentlich ist es ganz klar: Vernunft sollte Einzug in unseren Diskussionen halten, statt sich gegenseitig vorzuführen und zu provozieren! Diesen Zustand aber zu erreichen ist viel schwerer, als man vielleicht zunächst denken mag. Wie kann jedoch die Vernunft siegen, wenn die Religionen – jede für sich – die Wahrheit einzig für sich beanspruchen und davon nicht abrücken wollen, weil sie glauben, es nicht zu können, weil sie das ihrer jeweiligen Religion nach gar nicht dürften?

Friedliche Koexistenz mittels Toleranz

Eine Art friedliche Koexistenz zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens- zwischen Menschen im Allgemeinen – ist an sich ohne Toleranz gar nicht denkbar. Sehr anschaulich macht uns das die Ringparabel (1779) in Gotthold Ephraim Lessings Nathan der Weise auch heute noch deutlich. Ein Stück, welches mindestens ebenso so sehr vom Geist der Toleranz gegenüber dem Islam wie gegenüber dem Judentum geprägt ist.

Zeitalter der Aufklärung fehlt dem Islam

Was nun aber die Religionen aus gegenwärtiger Sicht heraus betrachtet anbelangt, kommen wir nicht umhin, in Kenntnis des Geschichtsverlaufs folgendes zu registrieren: Während die Christen das Zeitalter der Aufklärung – mit allen Folgen – durchgemacht haben, fehlt eine adäquate Entwicklung im Islam bisher, bzw. steht noch bevor. Genauer: wäre dringend nötig.

Dialog der Religionen gefragt

Ebenso geboten ist ein Dialog der Religionen. Im Jahre 2002 sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz “Wer die fremden Religionen nur als Unglaube, Götzendienst und Hybris verstehen kann isoliert sich selbst, schafft eine grundsätzliche Dialogunfähigkeit und verliert die universale Weite der Begegnung wie sie dem Katholischen zueigen ist.” Schließlich wirke auch in den nichtchristlichen Religionen auf verborgene Weise die “noch unerkannte Gnade Jesu Christi”. In erster Linie kommt es eben darauf an, auch in den anderen Religionen Wahrheit zu erkennen bzw. anzuerkennen und überhaupt eine Theorie der Religionen zu entwickeln.

Islam ist nicht gleich Islam

Die Religion des Islam gilt vielen im Westen als rückständig, ja: ausschließlich rückwärtsgewandt. Das ist sicher nicht ganz falsch. Allerdings gibt diese verengte Sicht auf den Islam nicht das ganze Bild diese Religion wieder. Schon gar nicht ist der Islam weltweit auf einen Nenner herunterzubrechen. Die nationalen Unterschiede sind teilweise gravierend. Beispielsweise hatte der in der Türkei gelebte Islam schon immer den Ruf weniger konservativ zu sein, im Gegenteil: einen (insgesamt gesehen) fast liberalen Charakter aufzuweisen. Das mag womöglich auch unmittelbar mit der relativ langen Tradition der türkischen Demokratie (und deren Wirkung auf die Gesellschaft) seit Kemal Atatürk in Zusammenhang stehen.

Das “Hadith”-Projekt der Universität Ankara

So kann es vielleicht auch nur noch wenig verwundern, dass man ausgerechnet gerade an der Universität Ankara an einer zeitgemäßen Hermeneutik des Islam und einer den Erfordernissen der Gegenwart nahekommenden Exegese des Koran arbeitet.

Man geht seitens islamischer Theologen daran, “all das zu überprüfen und infrage zustellen, was lange als unverrückbar und im Wortlaut festehende Grundlage des Glaubens gegolten zu haben schien, um” – so heißt es z.B. in dem “News Week”-Beitrag ‘Das neue Gesicht des Islam’ weiter” – “die Pforten der Interpretation wieder weit zu öffnen.”

Als Beispiel nennt Walter Reichel in der Istanbul Post das “Hadith”-Projekt an der Uni Ankara. Es beschäftigt sich mit der Sammlung und kritischen Sichtung der etwa 170 000, meist kurzen Erzählungen – so genannter Hadithe – in welchen Anweisungen und Verbote als für alle Muslime vorbildliche und nachahmenswert  auf Mohammed zurückgehende Verhaltensweisen zu beinahe allen Fragen des alltäglichen Lebens überliefert sind.

Werden also die Pforten der Interpretation tatsächlich allmählich weit geöffnet werden? Wie ist es um “Das neue Gesicht” des Islam bestellt?

Interessante Artikelserie in der Istanbul Post

Walter Reichel hat das hochinteressante Thema in ausführlich und akribisch recherchierten Beiträgen für die Istanbul Post beackert. Vom X. Beitrag “Der interreligiöse Dialog und die christlichen Kirchen” Reichels gelangen interessierte Leserinnen und Leser auch auf die nicht minder spannenden neun zuvor veröffentlichten Artikel. Da man dieses in unserer Zeit nicht unwichtige Thema selten so ausführlich (und fair) behandelt in den Medien antrifft, möchte ich Reichels Beiträge zur Lektüre empfehlen.

Ein wichtige Erkenntnis daraus: die verschiedenen Religionen können durchaus die Wahrheiten der jeweils anderen Gläubigen respektieren lernen - eben tolerieren – ohne dabei die ihre Wahrheit aufgeben zu müssen. Nur so kann ein Dialog der Religionen in Gang gesetzt werden. Leichter dürfte das werden, erinnerte man sich hier wie daran, welch bestechende Gemeinsamkeiten verschiedenen Religionen gleichermaßen innewohnen…

Nach einer Sommerpause, so kündigt der Autor an, wird er die Reihe mit einem interreligiösen Dialog aus Sicht des Islam fortsetzen. Man sehr darf gespannt darauf sein…

Kommentare

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  1. Das Problem ist weniger Koran-Exegese, Hermeneutik oder irgendwelche Hadithe, das Problem ist das klassische islamische Recht der vier sunnitischen Rechtschulen und das der Schiiten.

    Dieses Recht ist bis heute für etwa 90% aller Muslime religiös verbindlich. Versuche einer grundsätzlichen Scharia-Reform der islamischen Modernisten Dschamal ad-Din al-Afghani, Mohammed Abduh und Raschid Rida mündeten einerseits in breiten Strömen in den erzkonservativen wahhabitischen Islam saudischer Prägung oder verliefen im Sande.

    Islamformen ohne Scharia, wie etwa bei den Aleviten oder mit flexiblerer Scharia, wie bei den Ismaeliten (die mit dem Agha Khan) üben keinerlei Anziehungskraft auf andere Muslime aus.

    Liberale Muslime gibt es nirgendwo in organisierter Form, geschweige denn einen liberalen Islam.

    In den 200 Jahren seit der Expedition Napoleons nach Ägypten haben es die Muslime nicht geschafft eine irgendwie vitale Bewegung zu schaffen, die vom islamischen Recht weg will oder es ernsthaft reformiert.

    Trotz moderner Kommunikation, vergleichsweise guten Möglichkeiten in liberaleren Ländern wie der Türkei und einer zahlenmäßig starken Diaspora in freien Westen beschränkt sich die gesamte Reform im Moment auf das staatlich gesponserte Projekt in der Türkei, wo man daran schon seit der Tanzimat-Zeit ab 1839 herumdoktert. Konkrete, vorweisbare Ergebnisse fehlen bis heute.

    Eine Islamreform muss deshalb erst einmal als gescheitert angesehen werden.

    Alle anderen großen Religionen haben starke Reformbewegungen hervorgebracht, auch der Buddhismus, der Hinduismus und das Judentum, jeweils schon im 19. Jahrhundert, nur beim Islam herrscht Fehlanzeige.

    Immer neues Hoffen auf eine “Islamreform” und immer neue Dialogbemühungen ohne konkrete Ergebnissen bringen nichts.

    Diesen harten Tatsachen sollte man ins Gesicht schauen und sich überlegen, welche anderen Möglichkeiten es gibt.

    Ibn Warraq spricht von einem langen kalten Krieg gegen den Islam, auf den sich der Westen wohl wird einstellen müssen. Vielleicht hat er nicht unrecht.