Die fatalen Auswirkungen schon geringer Mengen des gefährlichen Stoffes führen laut Studien zu schweren irreversiblen Schäden. Am “Tag des alkoholgeschädigten Kindes” werden deshalb Forderungen nach mehr Aufklärung, aber auch nach schärferen Sanktionen laut. Ich befragte Georg Ehrmann, Vorsitzender der Deutschen Kinderhilfe, zu dem brisanten Thema, für das weite Teile der Gesellschaft anscheinend noch sensibilisiert werden müssen.
RE: 4000 Kinder mit schweren Schädigungen in jedem Jahr – anscheinend ist das hohe Risiko noch nicht – wie etwa beim Rauchen – in die Köpfe vorgedrungen. Sind hier ähnliche Abschreckungsmaßnahmen, etwa durch einschlägige Bilder/Warnhinweise, wie etwa auf Zigarettenschachteln geboten?
Ehrmann: Es ist erschreckend, wie hoch die allgemeine Unkenntnis über die nur als dramatisch zu bezeichnenden Auswirkungen des Alkohols auf ungeborene Kinder ist. Zu nennen sind nicht nur die 4.000 Kinder mit schweren Schädigungen. Hinzu kommt, dass der Alkoholkonsum der Mütter eine der Hauptursachen von Frühgeburtlichkeit ist, jährlich werden ca. 60.000 Kinder vor der 37. Schwangerschaftswoche als sog. Frühchen geboren. Es gibt auch keine Mindestmenge an Alkohol, die etwa unschädlich sei. Jeglicher Alkoholkonsum in der Schwangerschaft muss vermieden werden.
RE: Welche Maßnahmen fordern Sie also ein, um dem Problem wirksam entgegenzutreten?
Ehrmann: Die Deutsche Kinderhilfe plädiert an die Industrie und den Handel, Strategien zu entwickeln, wie etwa durch Warnhinweise auf alkoholischen Getränken, wie bspw. in Frankreich, die Verbraucherinnen auf die erheblichen Risiken für die Kinder hinzuweisen. Aber selbst bei Frauenärzten ist eine – gelinde gesagt – laxe bis unverantwortliche Indifferenz zu diesem Thema zu beobachten. Es bedarf einer großangelegten, bereits in den Schulen startenden gesamtgesellschaftlichen Informationskampagne zu diesem Thema. Auch hier ist Zivilgesellschaft gefordert, die schwangeren Müttern, die Alkohol trinken oder die rauchen ganz klar aufzeigt, dass dies Verhalten nicht toleriert wird. Wir greifen ein bei rechten Sprüchen oder rassistischer Gewalt, diese Kultur brauchen wir auch beim Thema Alkohol und Schwangere.
RE: Kann das Trinken von Alkohol während der Schwangerschaft als Kindesmisshandlung bezeichnet werden? Welche Konsequenzen sollten daraus folgen?
Ehrmann: Wenn ein Erwachsener einen Säugling oder ein Kleinkind so verprügelt, dass es ein schweres Schädelhirntrauma bekommt und sein Leben lang behindert ist, dann liegt zweifelsfrei eine gefährliche Körperverletzung vor und den Täter erwartet eine drastische strafrechtliche Verurteilung. Die Mutter, die sich während ihrer Schwangerschaft in einen Rausch trinkt oder mehrfach Alkohol konsumiert, führt ihrem Kind in gleicher Weise einen Schaden zu, wird aber nach geltender Rechtslage nicht bestraft. Nur durch eine absolute gesellschaftliche Ächtung des Alkoholkonsums in der Schwangerschaft kann auf Sicht etwas verändert werden. Daher fordert die Deutsche Kinderhilfe, dass zusätzlich zu den von der Drogenbeauftragten der Bundesregierung angekündigten Maßnahmen eine Einbeziehung des Straf- und Ordnungswidrigkeitenrechts erfolgen muss. Drastisch ausgedrückt: „Saufen in der Schwangerschaft ist eine unverantwortliche, schwere Körperverletzung des ungeborenen Kindes“ und so muss sie auch gesellschaftlich und rechtlich behandelt werden.
RE: Sollten Frauenärzte besser geschult werden im Erkennen von alkoholabhängigen Frauen, um rechtzeitig beratend eingreifen zu können? Inwieweit sollten hier die Kindsväter vielleicht mehr mit einbezogen werden?
Ehrmann: Gerade Frauenärzte und Hebammen, die unmittelbar mit den werdenden Müttern arbeiten, müssen für das Thema sensibilisiert werden. Es gibt immer noch Frauenärzte, die „das eine Glas Proseccochen oder Weinchen“ während der Schwangerschaft erlauben und damit die Problematik unverantwortlich verharmlosen. In die Praxen gehören von den Krankenkassen finanzierte Aufklärungsbroschüren. Auch die Väter müssen einbezogen werden, Gott sei Dank ist die Kindeserziehung nicht mehr reine Frauensache, genauso sollte der Mann auch während der Schwangerschaft das Kindeswohl beachten und sein Frau oder Lebensgefährtin vom Alkohol abhalten.
RE: Wäre es nicht sinnvoll, bei Verdacht in Problemfamilien schon von Beginn der Schwangerschaft an eine Familienberatung anzubieten?
Ehrmann: Dies ist ein sehr guter Ansatz. Gerade in Problemfamilien, bei denen häufig der Alkoholismus der Mutter den Behörden bekannt ist, muss eine enge Vernetzung mit der Familienhilfe erfolgen, damit die Mütter von Anfang an angeleitet und beraten werden, zumindest während der Schwangerschaft auf das Trinken zu verzichten. Hier müssen auch die Jugendämter viel konsequenter mit den Familien arbeiten, leider ist für eine derartige präventive Betreuung in den meisten Kommunen weder Personal noch Geld vorhanden. Es sind aber nicht nur die Problemfamilien, gerade im bürgerlichen Milieu ist das „gesellschaftliche“ Trinken in der Schwangerschaft weiter verbreitet, als man vermuten würde.
RE: Herr Ehrmann, vielen Dank für die Beantwortung der Fragen.
Ehrmann: Erlauben Sie mir abschließend den Hinweis, dass das Rauchen in der Schwangerschaft nicht weniger schädlich ist und wir auch hier von einer gesamtgesellschaftlichen Ächtung weit entfernt sind! Eine ganzheitliche Kampagne muss auch diesen Suchtmittelkonsum in der Schwangerschaft mit einbeziehen.
Interview: Felix Kubach
- König Alkohol fordert jährlich 10.000 Kinder: Am 9.9. ist Tag des alkoholgeschädigten Kindes.
Rauchen und Alkohol während der Schwangerschaft stellen ohne Zweifel eine Körperverletzung dar. Aufklärung ist keine Garantie für den gewünschen Positiv-Effekt. Es werden wahscheinlich o h n e
Einbeziehung des Strafrechtes in diese Problematik keine befriedigenden Resultate zu erwarten sein.
Bernd Stichler