| Vom Recht auf Traurigkeit | Nun lebe ich schon seit mehr als drei Monaten in Australien. Für den Schritt, von Berlin nach Sydney zu wechseln, gab es zwei gute Gründe: Zum einen war es die Liebe. Zum anderen war es die Arbeit, die es in Deutschland für mich nicht mehr gab. 168 Bewerbungen habe ich geschrieben, doch niemand im Land der goldenen Fußwege brauchte mich. Dann kam ich an, in Sydney, und wurde beim ersten Versuch sofort eingestellt. Unbefristet, mit sehr gutem Gehalt und noch besseren Arbeitsbedingungen.
Die Australier sind geprägt von dem unumstößlichen Glauben, ihr Land sei die großartigste Nation auf Erden. Vielleicht haben sie damit Recht, zumindest scheinen die Bewohner überproportional großartig zu sein. Es gibt oft Momente, in denen ich glaube, was Australien doch für ein wunderbares Land sei. Eines, in dem ich ständig von wildfremden Menschen angesprochen werde, die dazu auch noch total nett sind. Ich sitze in meiner Wohnung in Downtown, schaue aus dem Fenster, die Hochhäuser glitzern im Sonnenschein, Kakadus fliegen über den Himmel, meine Balkonblümchen – der Wüste angepasste Sukkulenten – haben eine große lila Blüte bekommen. Ich müsste eine der glücklichsten Personen des Planeten sein. Und doch bin ich einsam.
Ich muss loslassen, um irgendwo anders anzukommen.
Ich lese meine E-Mails, in denen ich meine Gedanken schwarz auf weiß sehe und erkenne die Wehmut. Erkenne Wehmut und dass ich einfach nicht loslassen kann. Schon rollen die Tränen über mein Gesicht. Aber ich muss loslassen, um irgendwo anders anzukommen. Seit drei Monaten lebe ich in Sydney, es kommt mir vor als wäre ich bereits mein ganzes Leben lang hier. Nirgendwo anders. Ich kenne die Stadt bereits wie meine Westentasche, kenne den U-Bahn-Plan auswendig, habe einen halbwegs geregelten Tagesablauf und lebe optisch im Paradies auf Erden. Und doch bin ich hier ein Stecknadelkopf in einem großen Ameisenhaufen. Ein Punkt, der sich in den Weiten verliert. In einer Stadt, in einem Land, das so ganz anders ist, als alles, was ich bisher kannte. Denn angekommen bin ich noch immer nicht. Weil ich zu schwach bin, weil ich mich sträube und weil ich nicht loslassen kann. Ich bin in gewisser Weise resigniert, weil ich nicht weiß, wo auf der blöden blauen Kugel ich hingehöre. Das muss sich ändern. Ich weiß nur noch nicht wie.
Neben Wehmut verspüre ich auch Wut. Wut über mich selbst, weil ich mich irgendwie aufgegeben habe. Und Wut darüber, dass mir das Recht darauf versagt wird, wütend zu sein. In den Augen der Menschen, die “zu Hause” sind, in Europa, und meinen, ich hätte kein Recht, mich zu beklagen. Kein Recht, mich einsam zu fühlen. Kein Recht darauf, traurig zu sein. Sie zeigen keinerlei Verständnis. Schließlich könne ich mich glücklich schätzen. Schließlich lebe ich ja in Sydney. Traumziel der Menschheit. Mekka der Lebensfreude. Vor allem aus Deutscher Sicht.
Alle Telefonate, die ich empfange, fangen an mit “Hier ist nichts passiert.”
Diese Menschen hören New York, London oder eben Sydney. Sie denken an grenzenlosen Spaß und Abenteuer, jeden Tag. Vielleicht ist das sogar so, das mit den Abenteuern. Was sie aber vergessen, ist, dass ein Urlaub etwas vollkommen anderes ist, als ein Leben, ein Alltag vor Ort. Das ist es, was es an Abenteuern zu bewältigen gilt. Es ist anders als im Fernsehen, in Bildbänden oder im Reiseführer, wo alles gut ausgeleuchtet wird, im schillernden Licht der Exotik. Dort gibt es ihn tatsächlich, den grenzenlosen Spaß. Aber eben keinen Alltag. Davon will niemand etwas wissen, daher fangen alle Nachrichten, alle Telefonate, die ich empfange, an mit „Hier ist nichts passiert.“ Aha. Das weiß ich selber. Denn hier ist auch nichts passiert.
Alltag ist eben nicht nur ein Abenteuer. Vor allem ist es ein täglicher Kampf. Ganz egal, wo auf der Welt man sich befindet. Ein Kampf mit dem Neuen, dem Alten, den Gegebenheiten. Ja, wir Auswanderer haben Spaß, jeden Tag. Wir sitzen in New York, London oder Sydney, schreiben Postkarten und E-Mails, wie gut es uns ginge, und wie schön es hier ist. Etwas anderes will auch niemand hören. Niemand will hören, wie schwierig die Kommunikation sein kann, auf der Allerweltssprache, Englisch. Weil nämlich die Feinheiten der fremden Sprache auf Jahre dafür sorgen, dass selbst ein Small Talk nicht ohne Krampf abläuft. Niemand will hören, dass wir für unsere schäbigen 25-qm-Appartments mehr als 1.000 Dollars im Monat zahlen. Sofern wir unser Loch nicht mit drei anderen Leuten teilen müssen. Auch will niemand hören, dass die Lebensmittel so teuer sind, dass wir uns dreimal überlegen, ob wir einen Apfel oder nicht doch lieber die billige Tiefkühlpizza essen. Und schon gar nicht wollen die Daheimgebliebenen hören, dass wir Auswanderer uns einsam fühlen; allein zwischen Millionen anderen.
Vielleicht werde ich ja wahnsinnig
Ja, auch das ist Alltag. Ein Kampf gegen den Wahnsinn. Und besonders mit sich selbst. Für mich ist das ein harter Kampf. Vielleicht werde ich ja wahnsinnig. Denn die meisten Menschen, die auswandern oder fernab ihrer alten Heimat leben, müssen besonders hart kämpfen. Gegen den Wahnsinn. Sie müssen sich immer wieder einreden, wie schön es ist. So lange, bis sie es selber glauben oder es tatsächlich eintrifft. Sie dürfen nichts Negatives sagen, denn sie haben kein Recht dazu. Wenn es ihnen schlecht geht, dann müssen sie das mit sich selbst ausmachen. Weil niemand sie verstehen kann. Oder will. Ich kann nicht mal Schokopudding essen, wenn es mir schlecht geht. Schokopudding gibt es in Australien nicht. Auch keinen Quark, sonst könnte ich mal Pellkartoffeln machen, so wie sie meine Oma gemacht hat. Da ist es wieder – ich kann nicht loslassen. Denn ich bin nur ein Stecknadelkopf, der seine Lebensfreude sicher nicht verloren hat, der auch oft lacht, sich über das freut, was sich vor seinen Augen abspielt. Doch ist ein Stecknadelkopf sehr klein, er kann vereinsamen. So wie ich. Weil ich noch nicht loslassen kann, von der vermeintlichen Leichtigkeit, die mein Leben einmal hatte. Die es vielleicht nie hatte. Oder die es vielleicht immer noch hat. Wenn ich denn endlich loslassen könnte.
Die Tränen kullern. Obwohl ich angeblich kein Recht darauf habe. Aber das ist mir egal. Ich nehme mir das Recht. Heute, an einem strahlend schönen Frühlingstag, da bin ich einfach mal traurig. Und ich fühle mich nicht einmal schlecht deswegen. Gleich werde ich Magda anrufen. Wir wollen nach der Arbeit einen Kaffee trinken. Italienischen, denn der Australische ist ungenießbar. Wir werden dann in die Little Napier Street gehen, die so entzückend schön ist, dass ich wieder denke, wie wunderbar es ist, hier zu leben. In Sydney. Am anderen Ende der Welt. Dann vergesse ich die Wut über mich selbst und das mir versagte Recht, traurig zu sein. Dann nämlich bin ich für kurze Zeit glücklich. Und auch nicht mehr einsam. Und ich freue mich. An einem strahlend schönen Frühlingstag, im Paradies auf Erden.
Lieber Martin,
Du hast Millionen Vorläufer, die alle Deine Erfahrungen gemacht haben. Ich kenne das persönlich, weil ich 1960/1961 auch einmal zwei Jahren lang in einem Einwanderungsland gelebt habe (Kanada). Ich bin dann wieder zurück und habe hier auch meine Möglichkeiten gefunden. Nach der Rückkehr hatte ich aber erst einmal lange Zeit Sehnsucht nach dem schönen Kanada, das mich in Gedanken ja auch nie mehr verlassen hat. Ähnlich ging es mir später, als ich nach der Wende als Notar nach Sachsen zog und Jahre später wieder in den Westen fand.
Die erste Generation von Auswanderern kommt regelmäßig erst dann wirklich im neuen Land an, wenn sie nach einem Jahr oder so einmal wieder nach Hause kommt.
Ohne für das was ich tue, werben zu wollen, ein Tipp: Wohlbefinden ist eine subjektive Erfahrung, die ein zentralnervöses mentales Gleichgewicht voraussetzt.
Darauf kann man mit richtiger Ernährung Einfluss nehmen.