“Unsere Kultur braucht die Künstlersozialversicherung” – Ein Interview

Wenn die Künstlersozialkasse (KSK) abgeschafft würde, wie von mehreren Bundesländern gefordert, könnte sich die Mehrheit der Künstler und Publizisten eine Kranken-, Pflege- oder Rentenversicherung nicht mehr leisten, so warnte der Deutsche Kulturrat diese Woche. “Heute fragt niemand mehr nach Ethik und Moral”, kritisiert Dr. Peter Ortmann, Leiter der Jazzprojekte Bundesjazzorchester

qgdgd.jpgWenn die Künstlersozialkasse (KSK) abgeschafft würde, wie von mehreren Bundesländern gefordert, könnte sich die Mehrheit der Künstler und Publizisten eine Kranken-, Pflege- oder Rentenversicherung nicht mehr leisten, so warnte der Deutsche Kulturrat diese Woche. “Heute fragt niemand mehr nach Ethik und Moral”, kritisiert Dr. Peter Ortmann, Leiter der Jazzprojekte Bundesjazzorchester und “Jugend jazzt” im Interview auf Readers Edition.

RE: Ist der Streit um die KSK nur ein Sturm im Wasserglas oder ist ernsthaft deren Abschaffung zu befürchten?

Ortmann: Ein Sturm schafft gelegentlich klare Luft und man erkennt die wesentlichen Dinge wieder besser. Es ist schon an den Gegenreaktionen zu sehen, dass eine Abschaffung nicht zu befürchten ist, auch wenn im Kunst- und Kulturbereich kurzfristige Schwenks in die Gegenrichtung nicht unüblich sind.

RE: Die KSK hat sich seit 25 Jahren bewährt – weshalb fordern Einige dennoch ihre Abschaffung? Sind Bürokratiekosten der tatsächliche Grund oder steckt womöglich etwas anderes dahinter?

Ortmann: Die Gründe sind für mich eigentlich noch nicht so klar erkennbar. Kunst macht jedenfalls Arbeit. Und Künstler entziehen sich jeder Gleichmacherei. Allerdings ist die bürokratische Belastung vergleichsweise sicherlich geringer als die Verschleuderung von Steuergeldern in anderen Bereichen.

RE: Immer mehr Theater, TV-Anstalten, Zeitungsverlage etc. funktionieren heute zunehmend nur noch mit einer großen Anzahl an freien Mitarbeitern anstatt festangestellter Leute, an die Sozialabgaben gezahlt werden müsste. Daraus resultiert natürlich ein enormer Mitgliederzahlenanstieg (z.Z. ca. 160.000), der jetzt als Ursache für die gewollte Abschaffung der KSK genannt wird. Läuft hier nicht offensichtlich etwas total schief? Wird die Struktur- und Arbeitsmarktlage jetzt auf dem Rücken der „Freien“ ausgetragen?

Ortmann: Unsere Gesellschaft ist immer in Bewegung, mehr als früher, das wird sogar gefordert. Genauso muss man in der Künstlersozialversicherung entsprechend (gegen-)steuern, aber nicht unbedingt abschaffen, zumal die Richtung der Entwicklung alles andere als klar absehbar ist. Klar ist, dass man den Künstlern eine Alternative anbieten müsste und die wäre – das gehört heute zum Allgemeinwissen- in jedem Falle im Endeffekt teurer.

RE: Sie sind im Musikgewerbe an leitender Stelle tätig. Welchen Einfluss hätte die Abschaffung der Künstlersozialversicherung konkret auf Ihre Branche, die mit 27 Prozent aller KSK- Bezieher ja immerhin einen sehr großen Anteil an Selbständigen stellt?

Ortmann: In Deutschland werden vergleichsweise viele Musikerinnen und Musiker ausgebildet. Will man deren weiteres Schicksal ernst nehmen auch in der Beziehung, dass man sich um sie – und nicht um die großen Event-Stars – sozialversicherungsrechtlich kümmern muss, dann ist die Künstlersozialversicherung eine sichere Nummer für die Krankenversicherung und – auch wenn weniger ausgestattet – für die Rentenversicherung.

RE: Wie sieht es denn in Ihrem Orchester selbst aus, wie ist die Versorgungslage der Musiker dort?

Ortmann: Das Bundesjazzorchester ist ein Ausbildungsorchester, wenn auch auf hohen, ja fast professionellem Niveau. Wir informieren über die Künstlersozialversicherung ständig und im Detail. Denn nach dem (abgesicherten) Studium bzw. der Mitwirkung im BuJazzO folgt eine Zeit der Suche und Findung verbunden mit gelegentlichen “schwarzen Löchern”. Da ist die Künstlersozialversicherung ein sicherer Hafen. Auch wäre so mancher jetzt ins Alter gekommene Künstler froh, wäre er seinerzeit bei Gründung in die KSK eingetreten und hätte nicht die Nase gerümpft. Er stünde dann heute besser da.

RE: Welche Folgen hätte die Abschaffung der KSK für den gesamten Kulturbetrieb? Würden sich dann nicht wesentlich weniger Menschen für den künstlerischen Beruf entscheiden – gerade auch im Hinblick auf junge Menschen, die gerade Musik studieren… Könnte es da nicht abschreckend wirken, wenn sie sich später als Künstler nicht mehr richtig versorgen können?

Ortmann: Wenn man sich die Durchschnittseinkommen von Künstler anschaut, dann wird klar: Niemand ist wegen der Künstlersozialversicherung Künstler geworden. Junge Leute in der künstlerischen Ausbildung kommen recht spät, sozusagen erst an der Schwelle zum Beruf mit der Künstlersozialversicherung in Kontakt.

RE: Wenn schon nicht abschaffen, dann wenigstens „unternehmerfreundlich“ reformiert werden solle das Künstlersozialversicherungsgesetz, so warnt der Kulturrat. Was würde „unternehmerfreundlich“ reformieren denn konkret bedeuten?

Ortmann: Aus der Richtung kommt doch der Ruf nach Abschaffung eigentlich: Die Verwerter und Veranstalter wollen raus aus der Künstlersozialversicherung, weg von den Beiträgen; natürlich ist der wirtschaftliche Druck groß und wird noch größer. Aber deshalb muss doch (noch) nicht leichtfertig ein Prinzip aufgegeben werden.

RE: „Sind wir eigentlich jetzt ein Kulturstaat, so wie es das Bundesverfassungsgericht auch verkündet hat in seinem berühmten Urteil von 1973 oder sind wir ein Wirtschaftsstaat geworden?“ fragt sich der Kultursoziologe Prof. Dr. Andreas Wiesand in einem Interview auf Deutschlandfunk. Ist das auch für Sie die Grundfrage, die dahinter steht?

Ortmann: Heute fragt niemand mehr nach Ethik und Moral, Sozialgewissen oder Verantwortung des Staates für Gesellschaft und Bürger. Bevor der Musiker auftritt, hat die Eventwirtschaft (Management, Marketing, Technik, Transport) längst abkassiert. Da bleibt nur ein Rest übrig. Zugegeben: Das ist krass formuliert. Hoffnung machen die zahlreicher werdenden Nischen und Szenen, Liebhaberkreise und Kulturinitiativen in vor allem mittelgroßen und kleinen Kommunen. Da ist Begegnung zwischen Kunst und Straße, zwischen Künstlern und Bürgern, da wird Authentizität und Originalität gelebt. Da sind mehr Leute aktiv als in der gesamten Eventbranche. Das ist unsere Kultur. Und die braucht die Künstlersozialversicherung.

RE: Herr Dr. Ortmann, vielen Dank für Ihre Antworten.

Interview: Felix Kubach

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* Dr. Peter Ortmann ist Leiter der Jazzprojekte (Bundesjazzorchester und “Jugend jazzt”) bei der Deutscher Musikrat gemeinnützigen Projektgesellschaft mbH und als Präsidiumsmitglied der Union Deutscher Jazzmusiker e.V.

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  1. Es wird an allem gesägt, was den Menschen Sicherheit verschafft. Die dahinter stehende wirtschaftsgeprägte “Denke” ist schnell erklärt: Künstler sollen arbeiten gehen und nicht für “unnötiges Zeug” auch noch Rentenansprüche geltend machen. Es wird kalt in Deutschland …