Das Internet ist eine tolle Sache, ohne Frage. Das sage ich als Nutzer verschiedener Informationsquellen, als E-Mail-Schreiber, als Blog-Betreiber, als Autor bei Readers Edition und als jemand, der sich in den Pausen rasch und bequem einen Überblick verschaffen will, was die „Kontakte“ in diversen Netzgemeinschaften so treiben. Ich sehe aber insbesondere bei den zahlreichen Auseinandersetzungen um bestimmte Zeitfragen in Foren und Blogs zwei Probleme, die ausschließlich im Internet auftreten. Sie betreffen Inhalt und Form der Dialoge, die damit ihrem Wesen nach als solche in Frage gestellt werden.
1. Im Internet stehen zu einem bestimmten Thema die unterschiedlichsten Positionen bereit.
Diese Vielfalt der Meinungen mag demokratisch genannt werden oder auch verwirrend. Der niedrigschwellige Zugang zu Diskussionen ist dabei einerseits begrüßenswert (Wer wünscht sich nicht, dass jede und jeder zu allem ihre und seine Meinung sagen darf!), andererseits liegt darin die Schwierigkeit des Ununterscheidbaren: X sagt A, Y sagt nonA – also was jetzt, wenn von X und Y nichts bekannt ist und auch die Begründungen aus sich heraus nichts hergeben, wie dies so oft der Fall ist. Einerseits sitzen im Netz nicht immer die gleichen fünf Experten auf dem Podium (im Gegensatz zum „echten Leben“), andererseits kann man bei diesen aufgrund von Ausbildung und Erfahrung annehmen, sie wüssten, wovon sie sprechen. Bei einigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern in Internet-Debatten ist dies fraglich. Einerseits ist blinde Autoritätshörigkeit in einer Expertokratie nicht die Lösung (so schon Popper gegen Platon & Co.), andererseits ist für die Teilnahme an Debatten manchmal ein bestimmter Grad an Informiertheit vorteilhaft.
Das Problem liegt also darin, dass nicht immer deutlich wird, vor welchem Hintergrund und mit welchen Annahmen sich jemand über das Versmaß mittelalterlicher Trauergedichte äußert. Welche Erfahrungen, welche Kenntnisse und welche „Interessen“ (Habermas) verleiten einen Menschen zu einem bestimmten Urteil über Atomenergie? Und entspricht die Bezeichnung „Penner“ für „Politiker“ intensiven Studien und langen Gesprächen oder plappert hier nur jemand Dinge nach, die im Moment die meisten Punkte bringen? Und ist die Empfehlung für Medikament X wirklich auf positive Erfahrungen mit Medikament X zurückzuführen oder hat sich unter „Fußpilz007“ nur ein Pharmareferent mit Absatzschwierigkeiten eingewählt?
Es obliegt dem Nutzer, hier zu differenzieren. Dies fällt zunehmend schwerer, zumal der Inhalt häufig reziprok zur Aufmachung erscheint: Ja gewagter die Thesen, desto schöner die Website. Viele Kompetenzträger hingegen meiden das Internet aus diesem Grunde, was dazu führt, dass die Diskussionen qualitativ nicht besser werden.
2. Im Internet herrscht ein rauer Ton.
In der Anonymität des World Wide Web lässt es sich aber auch nur zu gut folgenlos beleidigen, mit Unterstellungen arbeiten, Dampf ablassen. Wie es dem Anderen dabei geht, scheint egal, da der Andere gerade nicht mehr als der Andere, der Gesprächspartner, das Gegenüber angesehen wird, sondern als ebenso anonymer „User“. Das „Du“ verschwindet und wird zum „Es“ – ganz schlechte Voraussetzungen für einen echten Dialog, der nicht nur der eigene Profilierung, sondern der Sache dient.
Damit verändert das Internet nicht nur unsere Problembewältigungsstrategien (Lasset uns „googlen“!), unsere Sprache (CU 2morrow!), sondern auch unsere Fähigkeit, auf den Anderen als Partner in derselben Angelegenheit einzugehen. Der Stil der Auseinandersetzung verändert sich damit letzten Endes nicht nur virtuell. Damit aber das Internet als Dialog-Plattform wahr- und ernstgenommen werden kann, müssen die Beteiligten selbst für Besserung sorgen, denn Kompetenz, Sachlichkeit, Offenheit und Fairness kann man nicht von außen verordnen.
Mehr zum Themenschwerpunkt auf Readers Edition:
” andererseits kann man bei diesen aufgrund von Ausbildung und Erfahrung annehmen, sie wüssten, wovon sie sprechen. Bei einigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern in Internet-Debatten ist dies fraglich. ”
Dieser Erkenntnis kann ich nur zustimmen.
Bernd Stichler