Kein Fluchtweg, kein Entkommen. Gleichgültig worin man auch liest, ganz egal wohin man seine Ohren spitzt, einerlei welchen Fernsehsender man auswählt: das Reformeswerk eines Vorbestraften dominiert das Tagesgeschehen. An jeder Front wird über Regelsätze, vor allem über deren üppige Auszahlung diskutiert; werden die Betrügereien und ausgeklügelten Listigkeiten der Bedürftigen ausgeschlachtet, um dann moralisch vermetzgert zu werden; rückt man die angebliche Machtlosigkeit der Behörden ins Rampenlicht. Hartz beim Frühstücksfernsehen, Hartz zum Mittagessen, Hartz zur besten Sendezeit – zur Unterhaltung gewordene Sozial- und Arbeitslosenhilfe!
Was wäre die vorabendliche Unterhaltung ohne dieses Spektakel?
Tageszeitungen, Talkshows, nicht nur politische Talkshows, Boulevardsendungen sind sich doch stillschweigend darüber einig: Gäbe es Hartz IV nicht, müsste man es geradewegs erfinden. Wäre dies im Grunde schon genug, ist das Dauerbombardement bereits dergestalt kaum mehr zu ertragen, so legt die BILD-Zeitung freilich noch nach. Als wäre die aktuelle Wochenserie nicht schon des Verbal-Pogroms genug, garniert sie das spannende Spiel mit dem Feuer – es brennen sowieso nur die Gemüter von Millionen mundtot gemachter Arbeitsloser – mit einem Sammelsurium von Lesermeinungen, freilich beide Positionen abdeckend – man ist ja tolerant -, aber doch mit Hang zur Provokation, weil man besonders unflätige und diskreditierende Aufwiegelungen gegen das “faule Pack” ins rechte Licht rückt.
Wahrlich ins “rechte” Licht, denn eine Stimme spricht gar von Sammelunterkünften für junge Arbeitslose – die BILD schreckt also nicht einmal davor zurück, Konzentrationslager in die Diskussion zu werfen! Und besonders dreist, arglistig und manipulativ ist der Umstand, in diverse Interviews, die auf den ersten Blick keinerlei Ambitionen zu einer politischen Diskussion haben, Sätze einzustreuen, die den allgemeinen Schmarotzertum verurteilend begegnen. Da wird aus einem Rapper, mit dem man über vielerlei reden mag, nur nicht über Sozialpolitik, ein moralisierender Büttel, der an der Pogromstimmung mitzündelt. Die typische Einheitsfront der BILD, die ressortübergreifend manipuliert, selbst im Sportteil noch Kampagnen zu einem sozialpolitischen Thema betreibt, wenn es nur dazu dient, Gehirne ordentlich durchzuwaschen.
Überhaupt hat man das Gefühl, dass die Stimmung ruppiger wird.
Die Hemmschwelle scheint rapide zu sinken, wenn man in diesem Lande sogar schon neue Varianten von Zwangslagern einfordern darf, ohne dass die betreffende Zeitung darüber hinweggeht, um einen solchen Hirngespinst erst gar keine Nahrung zu geben. Der Pogrom scheint nurmehr eine Frage der Zeit – freilich, wir haben gelernt, uns weiterentwickelt, werden im 21. Jahrhundert keine rassisch motivierten Pogrome aus dem 20. Jahrhundert reanimieren, sondern eine neue, auf sozialen Status basierende Variante ersinnen und freilich – gemäß den Leitmotiven des modernen Tatmenschen – auch umsetzen.
Unmöglich scheint eine solche Aussicht nicht mehr, wenn auch der Pogrom gesitteter, mit weniger Feuer und Eisen vollzogen würde. Vielleicht, spinnen wir den Gedanken fort, müssen wir uns den Pogrom in einer Unterhaltungs- und Massengesellschaft amüsierender, durch ausgefeiltes Aufputsch-Entertainment vorstellen. Es bedarf in einer solchen Gesellschaft keiner eingeworfenen Glasscheiben, keiner verbrannten Utensilien oder gebrochener Nasenbeine – von Toten wollen wir erst gar nicht reden; ausreichend scheint es, wenn Zeitungen diffamieren, Fernsehsendungen aufpeitschen, scheinbar politisch unbedarfte Zeitgenossen Ressentiments schüren, wenn Passanten auf der Straße zu menschenverachtenden Kommentaren getrieben werden, Radiosendungen aufwiegeln, politische Talkshows Fakten verdrehen.
Gleichgeschaltete Medienlandschaft
Der neue Pogrom entsteht teils im Studio, teils auf der heimischen Couch. Dort bekommt der Bürger, der aufgestachelt und irre gemacht werden soll, seine Grundlagen eingepflanzt. Er trifft auf eine gleichgeschaltete Medienlandschaft, sieht abends im Fernsehen, was er vormittags bereits in den Zeitungen gelesen hat. Die Wiederholung des Ewiggleichen verfestigt sich in seinem Wesen, formt seinen Charakter, konditioniert seine späteren Handlungen. Diese sind nicht gewalttätig, zumindest nicht direkt. Die Gewalttätigkeit zeichnet sich dann im Verbalen aus, zeigt sich an der Verachtung der Geächteten. Er wirft keine Fensterscheiben ein, sondern knallt einem Betroffenen Wortbrocken der Ehrabschneidung an den Schädel; er verbrennt keine Gegenstände, brennt nur die Würde des Gegenübers bis zur Unkenntlichkeit ab; lässt keine Knochen splittern, sondern treibt einen Splitter ins Fleisch des menschlichen Miteinanders. Der Pogrom heutiger Prägung äußert sich weniger im aktiven Drauflosschlagen, als im passiven Wegsehen – es ist ein leise mobilisierter Volkszorn, der gleichfalls still arbeitet. War früher die offene Straße oder ein Marktplatz Ort des aufgedrehten Pöbels, so ist der Pogrom heute in allen Straßen zuhause, in allen Häusern, in allen TV-Geräten zu erlernen. Der Gejagte kann dem Ort des Grauens, die Stelle der Unterdrückung nicht verlassen. Er ist überall der Hatz ausgesetzt, muss sich überall vor Übergriffen schützen, weiß nie, ob er in den nächsten fünf Minuten – sollte sein sozialer Status offengelegt werden – noch Mensch sein darf.
Aus Hartz wird Hatz!
Es bedarf heute keiner Propagandaminister mehr, die den Pogrom entfesseln, keiner starken Hand, die eine Gleichschaltung gewährleistet. Demokratisch, weil ohne offensichtlichen Druck, entscheiden sich Programmdirektoren und Redakteure für die Einheitsfront, die Eindimensionalität. An willigen Helfern, wie schon vor langer Zeit, mangelt es zudem auch heute nicht. Da finden sich immer prominente Zeitgenossen, die dem Pöbel Anregungen geben: innerhalb der Politik, in der Wirtschaft sowieso, von der Realität enthobene Wissenschaftler, Straßenintellektuelle wie jener Rapper Sido und freilich die Fernsehgestalten, die mit ihren politischen Plauderveranstaltungen vorgefertigte Meinungen fundamentieren. Ausgeschlossen scheint es indes nicht mehr, dass man auch bald Moderatoren diverser Unterhaltungssendungen einspannt, man beispielsweise bei “Wer wird Millionär?” den Kandidaten danach fragt, was die Gemeinsamkeit von Kuckuck und Arbeitslosen sei. (Antwort: Beide sind Parasiten.) Oder dass man Prominente eine Woche, anstatt in den Dschungel, einfach mal in die satten Urwälder von Hartz IV verfrachtet – natürlich nur, um am Ende festzuhalten, dass man von den Regelsätzen fürstlich leben kann, sogar noch Geld für Alkohol und Nikotin übrigblieb.
In einem derartigen Amüsierbetrieb, der den Pogrom ins Schattendasein der Gesellschaft bugsiert, ihn zum Überlebenskampf außerhalb der Öffentlichkeit macht – dort, in der Öffentlichkeit, wird er nur geformt, um dann kultiviert in Verachtung und Hass ausgelebt zu werden -, kann die problematische These gewagt werden, wonach das Leid der heutigen Opfer grauenvoller, weil aussichtsloser und verkannt ist. Einst wusste man, wer das Opfer war – die Opfer von heute werden nicht erkannt, im Gegenteil, fühlen sich doch die Aufwiegler, die steuerzahlenden, sich deswegen ausgebeutet fühlenden Aufgestachelten als Opfer. Außenstehende konnten in vergangenen Tagen sehen, wie man den Verfolgten Unrecht tat; heute schwelt der Brand nur unter Tage, kaum sichtbar, manchmal nur erahnbar.
Denen, die unter den Kampagnen zu leiden haben, muss diese Verächtlichmachung schwer zu schaffen machen, muss ihnen schlaflose Nächte bereiten und jene unerträgliche Angst nähren, am Folgetag als Ballastexistenz eingestuft, beschimpft und belästigt zu werden. Die Antreiber und Aufwiegler, die kopfschüttelnd über die Vergangenheit staunen, die meinen, dass sich ein solcher Wahnsinn nicht mehr wiederholen kann, weil der Mensch des 21. Jahrhunderts sozialisierter, gesitteter, vernünftiger geworden ist, sind an diesem optimistischen Menschenbild erblindet. Denn gerade sie betreiben das gleiche Geschäft wie einst, vielleicht in besserer Gleichschaltung, daher oberflächlich geordneter, aber gleichermaßen menschenverachtend und mörderisch wie ihre Ahnen im Geiste.
Worüber sie bei der historischen Betrachtung den Kopf schütteln, hat in Wirklichkeit seinen Anfang schon genommen – sie sind dabei ihre Kinder zu Jüngern von Vorurteilen und Eiseskälte zu machen. Sie ziehen sich einen Nachwuchs heran, der die Menschenverachtung schon mit der Muttermilch gereicht bekam – sie sind das widerliche Vorbild für hoffentlich eine nicht so widerliche Nachfolgergeneration
Geschrieben von Roberto J. De Lapuente erschienen auf: ad-sinistram.blogspot.com
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