Geschmacklosigkeiten aus der Seniorenloge

GLOSSE: Helmut Schmidts Fauxpas in der “Bild” Manche aus der Creme de la creme in der SPD verkraften die Auszehrung ihrer einst sozialdemokratischen Partei seelisch nur schlecht. Ähnlich wie die Hartgesottensten im Ultra-Fanblock eines Fußballvereins interessiert sie das Spiel auf dem Rasen längst nicht mehr. Da kann die eigene Mannschaft

GLOSSE: Helmut Schmidts Fauxpas in der “Bild”
Manche aus der Creme de la creme in der SPD verkraften die Auszehrung ihrer einst sozialdemokratischen Partei seelisch nur schlecht. Ähnlich wie die Hartgesottensten im Ultra-Fanblock eines Fußballvereins interessiert sie das Spiel auf dem Rasen längst nicht mehr. Da kann die eigene Mannschaft Chance um Chance verstolpern, mit Foulspiel Elfmeter um Elfmeter und mit Ungeschicklichkeiten Eigentore im Sechserpack einfangen – schuld am Niedergang ist immer der Gegner. Helmut Schmidt sitzt zwar auf der Ehrentribüne der SPD, aber der Tunnelblick Ludwig Stieglers aus der Fankurve Süd hat inzwischen offensichtlich auch ihn angesteckt. Vom abgrundschlechten Spiel seiner Truppe  scheint der Feldherr a.D. herzlich wenig mitzubekommen. “Der Mörder ist immer der Gärtner und der heißt Oskar Lafontaine” – so scheint das Motto der pensionierten SPD-Grandezza von Bahr bis Eppler, von Schmidt bis Vogel zu lauten.

“Auch Adolf Nazi war ein charismatischer Redner. Oskar Lafontaine ist es auch,” meint Helmut Schmidt in der “Bild”-Zeitung. Auch Charles de Gaulle, Martin Luther King, Herbert Wehner, Joschka Fischer, Willy Brandt -  nicht zu vergessen – Helmut Schmidt waren charismatische Redner. Sind die jetzt alle mit Hitler und Mussolini auf eine Stufe zu stellen?Stünde Schmidt als Parteichef noch immer im Rampenlicht der Medien, dürfte er sich heute aufgrund seiner kritischen Äußerungen zum Chaos auf den Märkten und zu den militärischen Abenteuern der Bundesregierung allwöchentlich genau die Schmutzkübeleien abholen, die er aktuell gegen die LINKE und Oskar Lafontaine austeilt.

Sein Wort vom “Raubtierkapitalismus” und sein Ausspruch “Die Bundeswehr hat in Afghanistan nichts verloren” hätten ihm bei der Schicki-Micki-Journaille längst das Etikett “Demagoge” und  “Populist” eingetragen und einen Aufschrei der Empörung ausgelöst, der von Bild über Pofalla bis zur neogrünen Bundesspitze reichen würde.

Rein psychologisch sind solche Entgleisungen, wie Helmut Schmidt sie sich in der “Bild”-Zeitung geleistet hat, ja durchaus erklärbar.

Ertrinkende schlagen bekanntlich um sich – und die SPD-Spitze übt sich gerade heftig in Befreiuungsschlägen. Zwischen den Flügeln der zerrissenen Partei gibt es inhaltlich praktisch keine Gemeinsamkeiten mehr. Der rechte Flügel pfeift auf das Hamburger Grundsatzprogramm, der linke Flügel auf die Agenda, und das gemeinsame Bangen um den sicheren Listenplatz reicht nicht aus, um ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu nähren. Also braucht es eben ein Feindbild, das den morschen Bund kittet. Das “Haut den Oskar”-Spiel ist anscheinend das einzige Band, das diese Partei noch irgendwie notdürftig zusammenhält.

Dass unter der Ägide und Mitverantwortung der SPD die Kinderarmut sich von einer Million Betroffener auf zwei Millionen erhöht hat, interessiert ganz offensichtlich weder die SPD-Spitze noch die Seniorenriege in der VIP-Lounge. Dass sieben Millionen Menschen von der Hand in den Mund leben, dass zwölf Millionen mit einer Minirente weit unter Hartz IV-Niveau rechnen müssen, das alles sind für wohlversorgte Spitzenfunktionäre und -pensionäre offensichtlich nur Schrammen am Knie.

Wer immer diese Themen aufgreift und ein Ende der skandalösen Zustände fordert, ist nicht nur in den Augen der neoliberalen Medienmogule ein “Demagoge” und “Populist”, sondern auch aus Sicht einiger SPD-Parteioffiziere, die ihr Schäfchen ins Trockene gebracht haben. Auf den Gedanken, dass nicht etwa Lafontaine und die LINKE, sondern die verheerenden Fehleinschätzungen und der Sozialzynismus der Schrödergarde, das Desaster in der Sozialdemokratie angerichtet haben, kommen die ergrauten Zuchtmeister und Grandseigneurs der SPD nicht. Nicht nur Helmut Schmidt drischt auf den ehemaligen SPD-Chef von der Saar ein, auch Erhard Eppler, Egon Bahr, Klaus von Dohnanyi und Hans-Jochen Vogel lassen kein gutes Haar an Oskar Lafontaine.

Niemand missgönnt den ehemaligen Topstars der SPD, sich ein letztes Mal im Ruhm der Aufmerksamkeit zu sonnen.

Nur, ein wenig mehr Realitätssinn und Faktenkenntnis, etwas mehr Altersweisheit, Sozialcourage und Fairness hatten sich die meisten aus dem Munde der SPD-Veteranen schon erhofft.

Geradezu skurril wirkt der in die Jahre gekommene Anti-Oskar-Chor, wenn man bedenkt, wie weit die Überzeugungen der einzelnen Mitglieder auseinanderliegen. Erhard Eppler plädiert für einen Parteiausschluss Wolfgang Clements, Klaus von Dohnanyi ist strikt dagegen. Helmut Schmidt meint, die Bundeswehr habe am Hindukusch nichts verloren, Egon Bahr wirbt für die massive Aufstockung der Truppen dort und Hans-Jochen Vogel hat ohnehin schlechte Laune, sobald jemand seine Monologe unterbricht.

Helmut Schmidts Äußerungen dürften die hysterisierten Kreise in der Union sicher begeistern, aber die Nachdenklicheren im Lande – und die sind zahlreicher als gemeinhin angenommen – empfinden die Nazi-Assoziationen des Ex-Kanzlers im Roland-Koch-Stil mehr als nur unpassend. Der Hitler-Lafontaine-Vergleich erzeugt daher auch bei vielen Kritikern der LINKEN ein schales Gefühl und lässt bei nicht wenigen die Einsicht reifen, dass die wahren Demagogen vielleicht gar nicht in der LINKEN, sondern wo ganz anders sitzen.

Von Thomas Lukscheider erschienen auf linkszeitung.de

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