Readers Edition http://www.buergerinfo09.de



Vermischtes + Internetkultur

Diskussionen von Vor-Vorgestern: Ist das Internet Teufelswerk?

Dienstag, den 16. September 2008 um 23:01 Uhr von Marius Baumann
Heute noch Vision: die vernetzte Welt

Wie Sie wissen, wurden die verschiedensten technischen Neuerungen bereits lange, bevor sie aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken waren, mit im Nachhinein höchstens anekdotenhaft erwähnenswerten Anzweifelungen bedacht, teilweise sogar überschüttet. So wird Kaiser Wilhelm gern mit dem Ausspruch zitiert, er glaube an das Pferd – das Automobil sei “nur eine vorrübergehende Erscheinung”. Und auch die berühmte Western-Union-Frage “Wer telefoniert, wenn er telegrafieren kann?” ist in den Zeiten der Verschmelzung von Handy, Kamera und PC nur noch einen müden Lacher wert, gleiches gilt für Thomas Watsons Schätzung (einst Vorstand von IBM), es gäbe einen Weltmarkt “von etwa fünf Personal-Computern”. Derartige Anekdoten wird man sich allerdings in fünfzig Jahren vermutlich auch in Bezug auf die Einschätzung des Internets in seinen Kinderzeiten erzählen.

Die sich wirtschaftlich wie technologisch rasant wandelnde Gesellschaft wird zur Oase der Technik-Paranoia

Dass Fortschrittspaniker und –zweifler auch heute noch zu gravierenden Fehleinschätzungen in der Lage sind, zeigen unter anderem die Morddrohungen und die Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen den Start des Teilchenbeschleunigers LHC. In Zusammenhang mit dem unlängst erfolgten Start des milliardenteuren Physikerspielzeugs wurde das Entstehen schwarzer Löcher und somit der Untergang des Universums herbeibeschworen. Angesichts einer sich wirtschaftlich wie technologisch rasant wandelnden Gesellschaft verwundern solche Reaktionen nicht: die vielfältigen, sich überschlagenden Neuerungen bilden (analog zur Industrialisierung um 1900) quasi eine Oase, um die allerorts stimulierte, innere Veränderungsparanoia nach Außen zu verlagern – und dort auch zu bekämpfen. In gemäßigterer Form ist diese Art von Vorbehalt sogar noch gefährlicher: sie erschwert – vor allem von seriösen Wissenschaftlern vorgetragen – die Erkenntnis eines grundsätzlichen, eines kulturhistorisch in seiner Tragweite heute überhaupt nicht zu erfassenden Wandels. Und damit zwangsläufig die Nutzung sich nun ergebender Chancen.

Ausreichende Studien zu den Wirkungen des Internets können noch gar nicht vorliegen

Medienwissenschaftler, Neurologen und Schlafmediziner werden gern mit Aussagen zitiert wie “Das Internet beeinträchtigt die Schlafqualität“, “Bei Männern werden beim Onlinespielen andere Bereiche des Gehirns aktiviert als bei Frauen” oder “Die Zahlen [zur Internetsucht] sind alarmierend“. Dass solche Studien häufig nur über Vielnutzer Aussagen treffen können, unter Laborbedingungen zustande kamen oder nur den engen Ausschnitt einer sehr differenzierten Fragestellung der Grundlagenforschung betreffen, geht in der verkürzten Berichterstattung häufig völlig unter. Ebenso wie die - sich schlicht aus der erst seit kurzem vorhandenen Massennutzung des Internets ergebende - Einschränkung, dass die bisherigen Forschungsergebnisse für eine auch nur vorerst ausreichende Wirkungseinschätzung bei Weitem nicht ausreichen. Überdies ist ungeklärt, ob bisher verwendete Theoriemodelle zur Medienwirkungsforschung auf die vielfältigen Wirkzusammenhänge des Internets in der gleichzeitigen Nutzung anderer neuer Medien überhaupt übertragbar sind. Insofern stehen Headlines a la “Wissenschaftler warnen:…” meist auf tönernen Füßen.

Die größte Erfindung des Jahrtausends – aus Marketinggründen zur Gefahr für das Hirn verteufelt

Aus Marketinggründen werden solche – gutwillig als “hypothetische Schlussfolgerungen” zu bezeichnenden - Bedenken von Wissenschaftlern vielfältig von den Populärmedien aufgegriffen. So fragt etwa der Spiegel “Macht Google doof?” und warnt in der Rubrik “Wissen” vor der neuen Datensucht, die “Dummheit und Verblödung” nach sich ziehe. Der Befund des Magazins zeige fürs Erste eine “verhaltensauffällige Menge hochnervöser Individuen”. Dass im Artikel Veränderungen im Leseverhalten, durchschnittliche Nutzungszeiten von gänzlich unterschiedlichen Medien wie emails, Handy und SMS und generationsspezifisches Anpassungsverhalten vermischt und pauschal miteinander (sowie mit an den Haaren herbeizitierten Äußerungen von Belletristikautoren, Neuropsychologen und “Computerwissenschaftlern”) vermengt und sodann einer indifferent schädlichen Wirkung gleichgesetzt werden, fällt bei den heutigen Nutzungsgewohnheiten zum Glück nicht mehr auf: Der Artikel ist einfach zu lang und zu wirr, um ihn online durchzulesen - und den Spiegel als Magazin hat man ohnehin seit drei Jahren abbestellt.

Festzustellen bleibt allerdings, dass in dem (ironischerweise in der Online-Ausgabe des Magazins) nachzulesenden Artikel eine der größten Erfindungen des Jahrtausends auf der Basis von aus dem Zusammenhang gerissenen “Studienergebnissen” undifferenziert zur Gefahr für das Hirn verteufelt wird.

Visionen: die Vernetzung von Allen. Mit Allem.

Man mag es als Verschmelzungsphantasie ansehen, wenn die zum Teil enthusiastischen Fürsprecher der Technologie ihren Kritikern in nichts nachstehen: auch hier wird häufig undifferenziert ein ganzer Ozean neuer Chancen in der Kaffetasse serviert, da ist die Rede von völlig neuartigen Suchmaschinen und Internetnachfolgern, die einem im Fall von Kopfschmerzen in New York deutschsprachig zur nächsten Apotheke leiten, von sprechenden Wänden und einem Internet, das “uns umgibt wie Strom“, von virtuellem Studium und Ähnlichem mehr. Gleichwohl ist festzuhalten, dass sich Tag für Tag neue Nutzungsressourcen erschließen, von denen einige überleben und andere wohl bereits mittelfristig belächelt werden. Fakt ist, dass sich Entwicklung und Bedeutung dieser (in ihrer Vielfalt grundsätzlich neuen) Technologie zum gegenwärtigen Zeitpunkt in keiner Weise abschätzen lässt. Oder anders ausgedrückt: Alexander Bell, einer der Erfinder des Telefons, hätte wohl niemals mit der Allgegenwart des Handys gerechnet.

Dieser Artikel ist Teil der Schwerpunkt-Themenreihe “Das gefährliche Internet?” auf Readers Edition.

Bildquelle: pixelio.de (geralt)

  • diesen Artikel drucken
  • E-Mail This Post/Page
5.1
  • derzeit 5.08 Sterne
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
 
 

Schlagwörter

Share it!

Einen Kommentar schreiben

Kommentare für diesen Artikel als RSS-Feed abonnieren.

Hinweis: Alle Kommentare werden moderiert und müssen freigeschaltet werden.

Erlaubte Tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <code> <em> <i> <strike> <strong>

Als Kommentator akzeptieren Sie die Teilnahmebedingungen der Readers Edition.