Die US-Investmentbank Lehman Brothers ist bankrott, die Weltwirtschaft erlebt mal wieder eine Finanzmarktkrise. Dass dies nur diejenigen wundert, die es aus unerfindlichen Gründen nicht nur für möglich, sondern geradezu für selbstverständlich halten, bei zwei Prozent jährlichem Wachstum der Realwirtschaft pro Jahr mindestens 20 Prozent mit ihren Aktien und Derivaten zu „machen“, das wundert all jene, die seit jeher dem liberalen System kritisch gesonnen sind.
Nicht die perversen Auswüchse des Systems, das System selbst sei schuld an der Misere, weil es erst die Anreizsysteme schaffe, die letztlich das System von innen her zerfressen. Die Freiheit des Marktes werde nicht in Verantwortung gebraucht, sondern wandle sich in der zügellosen Hatz nach immer mehr in Dekadenz. Adam Smiths heile Welt der „unsichtbaren Hand“, die einen Haufen Egoisten zum „Wohlstand für alle“ führt, sei eine Legende. Zwar seien der Einklang von Eigennutz und Gemeinwohl, die Möglichkeit der Eigentumsbildung und die Eigentumsgarantie sowie das richtige Verhältnis von Konsum und Investition die entscheidenden volkswirtschaftlichen Grundlagen einer Ökonomie, die wir Deutsche als „Soziale Marktwirtschaft“ kennen und weitestgehend auch schätzen gelernt haben, doch verbindet man diese eben nicht mit dem smithianischen Original, sondern eher mit der katholischen Soziallehre, auf die sich die Mütter und Väter des deutschen Wirtschaftswunders bezogen, also auf eine Ökonomie, die dem Einklang von Freiheit und Verantwortung verpflichtet ist und sich auch mit Eingriffen des Staates zu arrangieren weiß.
Dort, wo vor einigen Tagen eine Bank zugab, pleite zu sein, spricht man von Markwirtschaft mit einem weitaus liberaleren Zungenschlag und scheint damit näher an Adam Smith’ Ideen zu liegen. Dort glaubt man noch an die Selbstregulation des Marktes, an die „unsichtbare Hand“. Doch der, der diese mal ins Leben rief, wäre wohl weit weniger positiv auf die Banker zu sprechen, als diese sich das vorstellen. Denn der Ökonom Adam Smith war zunächst und vor allem Moralphilosoph. Als solchem ging es ihm stets um die Beförderung des Wohls aller.
Smith’ Argumente sind durchweg utilitaristisch.
Das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl wird bei Smith jedoch nicht um den Preis des Egoismus erreicht, sondern vermittels des Egoismus. Die Kopplung von Eigennutz und Wohlfahrt ist der entscheidende Gedanke seiner liberalistischen Wirtschaftstheorie, die er in seinem berühmten Hauptwerk An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations („Eine Untersuchung der Natur und der Ursachen des Wohlstands der Nationen“) von 1776 entfaltet. Smith’ Erkenntnis lautet: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, daß sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil.“ Smith bringt nun diese egoistische Triebkraft der menschlichen Natur mit dem Gemeinwohl zusammen, so dass Eigennutz, Egoismus und Gewinnstreben nicht allein notwendig und natürlich erscheinen, sondern vielmehr wünschenswert und nützlich sind. Wenn nur jeder Einzelne seinen Partikularinteressen folge, resultiere daraus Wohlfahrt für alle. Der allein nach den Erfordernissen seines Gewinnmotivs handelnde Mensch wird nolens volens auch zum Nutzen der Gemeinschaft tätig, denn „er wird von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat.“
Dass das nicht stimmt, wissen wir nicht erst seit dem Zusammenbruch der Lehman-Bank. Auch der Moralphilosoph Smith scheint dem Ökonomen Smith nicht recht zu trauen, stellt er dem Eigennutzen doch das Mitgefühl (sympathy) zur Seite, als die angeborene Fähigkeit des Menschen, sich in sein Gegenüber einzufühlen. In diesem Ethos der moral sense-Philosophie – Smith bezieht sich mit dem sympathy-Konzept auf Shaftesburys Begriff des Wohlwollens (benevolence) sowie auf die Instinktlehre von der natürlichen Tugendhaftigkeit seines Lehrers Hutcheson – schwächt er das stets auf das Eigene bezogene Denken und Handeln dahingehend ab, dass er mit der Neigung zum Hineinfühlen in den Anderen eine moralische Regulierungsinstanz schafft, die für den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft ebenso konstituierende Bedeutung hat wie der Eigennutzbegriff. Diese innere Regulation wird von der Bindung des Gewissens an die Billigung eines unparteiischen Beobachters (impartial spectator) motiviert.
Da diese sympathy offenbar jenen abgeht, die meinen, Privatwirtschaft sei ihre Privatangelegenheit, braucht es zudem Regulierungen von außen und immer wieder leibhaftig manifestierte „impartial spectators“, die den Finger in die Wunde legen. Damals war Adam Smith selber ein solcher. In „Wealth of Nations“ kritisiert er unverhohlen die „schäbige Habgier und den monopolistischen Geist von Kaufleuten und Unternehmern“, was nicht nur die Gebrüder Lehman („schäbige Habgier“) trifft, sondern auch die deutschen Banker, die dieser Tage mal wieder von Fusionitis („monopolistischem Geist“) befallen sind. Es scheint also doch eine Lösung im System zu geben, die erreicht wird, wenn wir ihn ernst nehmen, den Ökonomen, insbesondere aber den Moralphilosophen Adam Smith.
Den Ultraliberalen, die heute überall das Sagen haben, kommt man nur bei, wenn man wie hier der Autor ganz fundamental aufzeigt, dass die ungerichtete Liberalität ins Chaos führt.