HINTERGRUND: Chaos auf den Finanzmärkten – Der Fahrstuhl zum Schafott scheint nicht mehr zu stoppen

Das Chaos auf den Finanzmärkten strebt einem neuen Tiefpunkt zu. Die 630-Milliarden-Dollar-Pleite der Investmentbank Lehman Brothers ist die größte in der Geschichte der USA. Die bisher größten Pleiten von WorldCom und Enron nehmen sich mit 110 und 60 Milliarden Dollar dagegen fast schon bescheiden aus. Unbeachtet und unkommentiert von den

sgvsfvxc.jpgDas Chaos auf den Finanzmärkten strebt einem neuen Tiefpunkt zu. Die 630-Milliarden-Dollar-Pleite der Investmentbank Lehman Brothers ist die größte in der Geschichte der USA. Die bisher größten Pleiten von WorldCom und Enron nehmen sich mit 110 und 60 Milliarden Dollar dagegen fast schon bescheiden aus. Unbeachtet und unkommentiert von den selbsternannten Experten der großen Print- und Online-Medien schmolzen bereits im Verlauf des vergangenen Jahres die Kurse der asiatischen Börsen dramatisch zusammen.

Autor: Thomas Lukscheider

Japans Nikkei-Index stand am 31. Oktober 2007 bei 16.517 Punkten, heute liegt er bei 11.649, ein Verlust von knapp 30 Prozent, Hongkongs Hang Seng lag Ende Oktober 2007 noch bei 30.468 Zählern, heute sind es 18.266, ein Verlust von rund 40 Prozent, und Shanghais SSA lag am 31. Oktober vergangenes Jahr bei 6066 Punkten, heute ist er bei 2114 gelandet – ein Verlust von annähernd 60 Prozent innerhalb noch nicht einmal eines Jahres.

Nebenbei bemerkt: Es ist mehr als nur amüsant, dass die Globalisierungsmissionare in den Medien zwar seit Jahren über die Boomerstaaten China, Indien, Russland schwadronieren, aber weder den Hang Seng noch den Shanghai Index auf den Startseiten ihrer Online-Magazine führen, geschweige denn die Börsenentwicklung in Indien oder Russland.

Im Unterschied zu “Focus”, “Spiegel”, “Financial Times Deutschland” und “Handelsblatt” bietet das britische Wirtschaftsmagazin “Economist” nicht nur ausführliches Fakten- und Zahlenmaterial zur weltwirtschaftlichen Entwicklung, sondern meist auch gründliche Analysen. So warnte das Magazin schon vor drei Jahren eindringlich vor dem Platzen der Immobilienblase. 90 Prozent des Wachstums in den USA, in Großbritannien und Spanien, so konstatierte das Wirtschaftsblatt damals, gehe auf das exorbitante Ansteigen der Häuserpreise und die damit verbundenen privaten Konsumentenkredite zurück.

Man kann sich leicht ausmalen, was der Zusammenbruch des Immobilienmarktes in diesen Ländern bedeutet. Über 200 Milliarden Euro an Liquidität haben die Zentralbanken Europas, Japans und der USA seit Montag in die Schlacht geworfen. Vielleicht können die US-Notenbank Fed und die EZB den Fahrstuhl zum Schafott auch diesmal mit Milliardentendern und Zinssenkungen noch einmal bremsen – aufhalten können sie ihn sicher nicht.

Dazu ist der Zinsspielraum, insbesondere bei der US-Notenbank Fed, zu klein. Zur Zeit beträgt er 2 Prozent. Vor allem aber ist das Vertrauen der Anleger viel zu sehr erschüttert. Selbst die notorischsten Hazardeure und Traumtänzer tappen innerhalb eines Jahres nicht zweimal in die gleiche Falle.

Wer nämlich Ende vergangenen Jahres euphorisch auf den DAX gesetzt hat, weil er meinte, die Immobilienkrise sei ausgestanden, der hat inzwischen rund 25 Prozent seiner Einlagen verloren. Hinzu kommt, dass die Banken einander kaum mehr Geld leihen, denn keiner weiß, welche Zeitbomben in den Überraschungseiern – sprich Krediten und Sicherheiten – der Depots ticken. Wer seinen Kunden zum Beispiel Milliardenkredite im Glauben vergab, die seien durch die damals seriös wirkenden “halbstaatlichen” Papiere von Freddie Mac und Fannie Mae abgesichert, der muss nun feststellen, dass diese “Sicherheiten” inzwischen über 80 Prozent ihres Werts verloren haben. Ein Schuldner, der in Nöte gerät, kann aus diesen Papieren den ausgehandelten Kredit keinesfalls mehr bedienen.

Nicht viel besser sieht es mit Aktienpaketen von Generals Motors, Ford oder irgendwelcher US-Investmentbanken aus. Wertverluste von bis zu 70 Prozent innerhalb eines Jahres sind fast schon die Regel.

Die Automoblhersteller hatten schon letztes Jahr unter der Subprime-Krise gelitten, weil für den Autokauf kaum mehr Häuserkredite genutzt werden konnten. Inzwischen sind die “gefährdeten” Außenstände der Kreditkarteninstitute bei rund 1000 Milliarden Dollar angelangt und die Sparquote der USA bei minus 2 Prozent. In Deutschland liegt sie bei plus 14 Prozent.

Wovor Leute wie Lafontaine, aber auch Geißler und Blüm, schon immer gewarnt haben, zeichnet sich nun ab. Der Schwindel mit der privaten Altersvorsorge fliegt auf. Der größte US-Versicherer, der auch in Europa engagiert ist, AIG (American International Group), hat infolge der Kreditkrise deutliche Kursverluste erlitten. Die Rating-Agenturen haben daher die Bonität der weltweit zweitgrößten Versicherung (die größte ist die Allianz SE) herabgestuft. Das bedeutet aber, dass sich das Unternehmen frisches Kapital besorgen muss, denn viele Geschäftspartner versuchen nun, ihre Einlagen abzuziehen.

“Nachschießen” nennt man dieses Spiel. Man wirft gutes neues Geld schlechtem, sprich verspekuliertem Geld hinterher. Man hofft so, das Zockerunternehmen zu retten, indem man neue Dumme findet, die in das Schneeball- und Kettenbriefsystem einsteigen. Kommt aus der privaten Ecke kein Geld mehr, ruft man nach dem Staat, den man zuvor jahrelang als “gefräßige Bestie” denunziert hat. Der soll dann Milliarden an Steuergeldern in die Hully-Gully-Geldvernichtungsmaschinerie werfen, um die angeschlagenen Firmen zu retten.

Aktuell ist AIG-Chef Robert Willumstad verzweifelt auf der Suche nach frischem Kapital. Die AIG (American International Group) hat bei einem Umsatz von rund 120 Milliarden Dollar ungefähr 960 Milliarden Dollar an Schulden oder “Verpflichtungen”.

Nachdem Willumstad mit einer Anfrage nach einem 40-Milliarden-Dollar-Überbrückungskredit bei der US-Notenbank abgeblitzt war, versucht er es nun bei Goldman Sachs und JP Morgan. Doch die beiden Großbanken wissen im heraufziehenden Tsunami selbst nicht, wie “gesund” sie dastehen und welche ihrer Kredite, Außenstände und Forderungen “faul” oder uneinbringlich sind. Ein Tanz auf dem Vulkan erscheint weniger gefährlich als das Geschehen, das sich derzeit an den Finanzmärkten abspielt.

Die Investmentbanker von Bear Stearns, Lehmann Brothers, Goldman Sachs, aber auch die der Deutschen Bank galten mit ihren traumhaften Buchgewinnen lange Zeit als die Halbgötter in Nadelstreifen. Das Finanzbeben in den USA wird auch die Deutsche Bank nicht verschonen. Auch der Stern von Josef Ackermann könnte so rasch verblassen wie der von Ron Sommer oder Jürgen Schrempp. Erinnert sich noch jemand an diese Namen? Ron Sommer war bis 2001 der Chef der Deutschen Telekom, Jürgen Schrempp bis 2005 der von Daimler-Chrysler.

Die gegenwärtige Finanzkrise wird mit großer Wahrscheinlichkeit die Weltwirtschaft in eine Rezession stürzen. Falls weitere Zinssenkungen von den Zentralbanken folgen, wird zudem die Inflation weiter ansteigen. Bezahlt werden die Folgen der Krise vom Staat und damit vom Steuerzahler. Fest steht von vornherein, dass am meisten die kleinen Leute unter dem sich anbahnenden Desaster leiden werden. Die einen verlieren ihren Job, andere ihr Haus, manche beides, viele ihre Altersvorsorge.

Es wird höchste Zeit, dass der globale ,durch eine Börsensteuer und Kapitalverkehrskontrollen, wie Oskar Lafontaine sie schon 1998 gefordert hat, radikal eingedämmt wird. Damals wurde der Saarländer deshalb in einer gemeinsamen Aktion, ausgehend von Konzernen der Pharma- und Ernergiebranche, von Schröder, Blair und Boulevard-Blatt “Sun” als “gefährlichster Mann Europas” tituliert und schließlich aus dem Amt als Finanzminister gemobbt.

Zuerst erschienen auf: http://linkszeitung.de

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