Seit ich Ende Februar DIE LINKE gewählt und das auch noch öffentlich zugegeben habe, bin ich total vereinsamt, ein Paria. Inzwischen weiß ich, dass, wer sich offen zur LINKEN bekennt, in diesem Lande schlechte Karten auf dem Arbeits- und Heiratsmarkt hat. Drei Beziehungen sind seither in die Brüche gegangen und Karin hat gestern auch noch die Koffer gepackt.
In der “Urania”, meinem Stammcafe, werde ich nur noch wortkarg bedient und Lenzmann, mein Chef, lädt mich nicht einmal mehr zu einem Feierabendbier ein, geschweige denn zum Frühschoppen mit seinen Vereinskameraden vom FC Knorke. Mein Kollege Ede Pressling, genannt “Ditsche”, grüßt mich seither nicht mehr. Kurzum, ich bin nicht mehr gesellschaftsfähig, ausgegrenzt, stigmatisiert. Sogar meine Siamkatze nimmt ihr Sheeba nur noch mit Widerwillen von mir an.
Dabei könnte ich es so einfach haben. Ich will nicht verhehlen, dass es mir rein gehaltsmäßig gut, um nicht zu sagen glänzend, geht. Würde ich die FDP wählen und käme Westerwelles Team an die Macht, hätte ich am Jahresende schnurstracks 10.000 Euro mehr auf dem Konto.
Dennoch. Liegt es an Überresten christlicher Erziehung, an Kant und Brandt, an Adornos “Minima Moralia” oder habe ich einfach zuviel in John Rawls “Theorie der Gerechtigkeit” gelesen? Ich weiß nicht warum – aber es bereitet mir unüberwindbare Übelkeit, wenn ich mit ansehen und -hören muss wie Ackermann, Esser, Kopper, Zumwinkel oder ein goldkettenbehängter Manager hinter dem Steuer seines Geländewagens darüber klagt, dass er von seinen 50.000 Euro monatlich 24.000 Euro an Steuern abgeben muss, während die alleinerziehende Claudia drei Straßen weiter mit ihren knapp 900 Euro netto im Monat kaum das Geld für die Schulsachen ihrer zwei Kinder zusammenkratzen kann.
Liebend gerne würde ich ja wieder zu den Geachteten im Lande gehören, SPD, schwarz, grün oder gelb wählen und sorglos im Kreise der Arrivierten beim Apres-Ski meinen Martini oder besser noch Escorial schlürfen, aber dummerweise hat sich seit früher Kindheit hartnäckig ein Mem in mir verhakt, das mir unaufhörlich zuflüstert, dass man Entscheidungen, egal welcher Art, ob wirtschaftlich, politisch oder persönlich, immer an Argumenten und Ethik festmachen soll.
Verzweifelt versuche ich daher seit Monaten, triftige Einwände gegen das Programm DER LINKEN zu sammeln.
Bisher fand ich jedoch nichts Irrationales oder Verachtenswertes an den Hauptforderungen der Linkspartei wie Mindestlohn von acht Euro plus, Rente schon vor 67, weg mit Hartz IV und Bundeswehr raus aus Afghanistan. Schlimmer noch, sie erscheinen mir vernünftig und nachvollziehbar. Wer hilft?
Kurz schöpfte ich heute morgen schon Hoffnung, als ich SPIEGEL online aufklappte und einen Artikel von Reinhard Mohr entdeckte. “Der Oskar-Lafontaine-Komplex” lautete die Überschrift, und alles begann sehr verheißungsvoll.
“Oskar Lafontaines Fünf-Minuten-Terrine, das Blitzmanifest für (fast) alle” holt Reinhard Mohr im Tigersprung zur Entlarvung DER LINKEN aus und erklärt weiter: “Höhere Löhne für unten, höhere Steuern für oben, weg mit Hartz IV samt Agenda 2010 und der Rente mit 67, Kontrolle der internationalen Finanzströme und natürlich: keine deutsche “Kriegsbeteiligung” nirgendwo. So einfach kann linke Politik sein.”
Ich war schon richtig aufgeregt und in Jubelstimmug, freute mich darauf, wie Mohr nun sogleich mit seinen Gegenargumenten Stück für Stück das Blendwerk der LINKEN zerpflücken würde.
Doch dann … kam… nichts. Nichts dergleichen.
Keine Zahlen, keine Daten, keine Belege. Es kann sich vermutlich nur um eine technische Panne beim SPIEGEL handeln, die Zeilen mit den Gegenargumenten sind wohl abhanden gekommen, in der Pipeline hängengegeblieben oder über den Atlantik verweht worden. So etwas soll ja sogar in großen Finanzinstituten hin und wieder vorkommen.
Bis Reinhard Mohr und DER SPIEGEL die Argumente gegen DIE LINKE und deren Eckforderungen wiederfinden, bin ich nun vorläufig auf die alternative Öffentlichkeit angewiesen, und bitte die Leserinnen und Leser hier ganz herzlich um Hilfe.
Die LINKEN sind Rattenfänger, Populisten und Demagogen, so lautet die Abschwörformel der Rechtgläubigen. Schön. Um meinen Job und Karin zu behalten, bin ich ja gern bereit, vor dem MacDonalds-, Schäuble- oder irgendeinem anderen Ausschuss all das zu rezitieren. Nur, wie steht’s mit der Begründung?
Nehmen wir den Punkt “Kontrolle der internationalen Finanzströme”, den reinhard Mohr aufführt. Warum ist diese Forderung falsch?
Schärfere Kapitalverkehrskontrollen fordert Lafontaine seit 1998. Wie die Kontrolle auszusehen hat, das hat Lafontaine schon 1998 gemeinsam mit Bofinger und Flassbeck entwickelt. Dazu nur die Stichworte “Börsensteuer”, Verbot von Leerverkäufen und intransparenter Derivate, globale Aufsicht gemäß SEC-Regeln, wie sie vor der Aufweichung durch die neoliberale Spekulantenzunft galten.
Damals wurde der Saarländer wegen dieser Vorschläge in einer von Schröder und Blair losgetreteten Kampagne im Boulevardblatt “Sun” als “gefährlichster Mann Europas” tituliert. Heute fordern praktisch sämtliche Wirtschaftsexperten und Politiker rund um den Globus dasselbe.
Alles Demagogie – oder was?
Mir will das nicht einleuchten.
Oder nehmen wir die Forderung “BUNDESWEHR RAUS AUS AFGHANISTAN”. Warum sollte das falsch oder gar unfinanzierbar sein? Das würde doch eher Kosten sparen. Bisher hat das Engagement ca. 2,5 Milliarden Euro gekostet.
Dann die Devise “WEG MIT HARTZIV”. Die Verlängerung von ALG1, ein höheres Schonvermögen, um 25 Prozent höhere Regelsätze, und Kinderzuschlag von 100 Euro pro Monat für die Ärmsten kosten in Summe ca. 13 bis 14 Milliarden Euro. Das ist durch die Anhebung des Spitzensteuersatzes von jetzt 42 Prozent auf skandinavisches oder Kohlsches Niveau von 54 Prozent locker finanzierbar.
Und wie ist es mit dem Eckpunkt FLÄCHENDECKENDER MINDESTLOHN von 8 EURO PLUS? Flächendeckende Mindestlöhne (aktuell von acht Euro plus) sind seit Jahrzehnten Standard in Holland, Großbritannien, Frankreich, ohne dass sie die Wirtschaft ruiniert hätten. Auch dass Friseurgeschäfte, Bratwurstbuden oder Arbeitskräfte wegen der Mindestlöhne dort in größerer Zahl aus diesen Ländern zu uns abgewandert wären, ist mir in den letzten zehn, 20 Jahren nicht aufgefallen.
Schließlich die Forderung “RENTE NICHT ERST MIT 67″ , sondern wie bisher mit 60 für Frauen und 65 für Männer. Das finanziert sich allein schon durch die stetig steigende Produktivität der Arbeit. Nach der aktuellen koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung lag das Verhältnis der Summe von zu Versorgenden (Alte ab 60 Jahren und Junge unter 20 Jahren) zu Erwerbsfähigen (Versorgenden) 2001 bei 45 Prozent. Es fällt bis 2010 auf 44,3 Prozent und erreicht 2020 sogar ganze 46,6 Prozent.
Warum bricht nun plötzlich Hysterie aus?
Die Gesellschaft unterliegt dem demographischen Wandel, wie er seit einigen Jahren dramatisiert wird, bereits seit mehreren Generationen, ohne dass auch nur eine der heute vorausgesagten Folgen eingetreten wäre. Im Jahr 1900 kamen 12,4 Erwerbsfähige (15-64 Jahre) auf eine alte Person (über 64 Jahre), 50 Jahre später 6,9; nach weiteren 50 Jahren (2000) 4,1 und für 2050 werden 2,0 prognostiziert.
(Quelle: Demographischer Wandel und demographischer Schwindel Von Hagen Kühn – erschienen in “Blätter für deutsche und internationale Politik”, Nr. 6 2004).
Vor 100 Jahren war die Altersstruktur also mehr als dreimal günstiger als heute. Wie kommt es, dass dennoch bis heute der materielle Reichtum für alle Altersgruppen so enorm wachsen konnte? Die Antwort liegt im Produktivitätszuwachs der Arbeit. Wurden vor 100 Jahren in einer Arbeitsstunde Waren zum Basiswert 100 geschaffen, so ist es heute aufgrund verbesserter Technik mindestens das zehnfache.
Wer hilft mir?
Wer nennt Zahlen, Gründe und Belege, mit denen diese Darstellungen DER LINKEN entkräftet werden können?
Ich danke allen schon mal im voraus.
“Heute fordern praktisch sämtliche Wirtschaftsexperten und Politiker rund um den Globus dasselbe.”
Es braucht keine Argumente gegen etwas, was bereits eingeführt wurde oder von allen als wünschenswert angesehen wird.
So richtig einsam ist jemand, der in diesen Zeiten zu den Bürgerlichen gehört.