Echte Wahlfreiheit ermöglichen! Zum Start der Kampagne “Pro Reli” in Berlin

Mit Blick auf seinen Konkurrenten, den preußischen Staatsphilosophen Hegel, hat Arthur Schopenhauer einmal gesagt: “Mit der Universitätsphilosophie ist es in der Regel bloße Spiegelfechterei: der wirkliche Zweck derselben ist, den Studenten, im tiefsten Grunde ihres Denkens, diejenige Geistesrichtung zu geben, welche das die Professuren besetzende Ministerium seinen Absichten angemessen hält.

Mit Blick auf seinen Konkurrenten, den preußischen Staatsphilosophen Hegel, hat Arthur Schopenhauer einmal gesagt: “Mit der Universitätsphilosophie ist es in der Regel bloße Spiegelfechterei: der wirkliche Zweck derselben ist, den Studenten, im tiefsten Grunde ihres Denkens, diejenige Geistesrichtung zu geben, welche das die Professuren besetzende Ministerium seinen Absichten angemessen hält. Daran mag dieses, im staatsmännischen Sinn, auch ganz Recht haben: nur folgt daraus, daß solche Kathederphilosophie ein nervis alienis mobile lignum ist und nicht für ernstliche, sondern nur für Spaßphilosophie gelten kann.”

Parallelen zur Debatte um den Ethik- bzw. Religionsunterricht in Berlin sind unverkennbar, aber auch ein entscheidender Unterschied: Schopenhauer durfte zeitlich parallel zu Hegel lehren, woran er scheiterte, verbittert die Stadt verließ und künftig über den Kollegen lästerte, was das Zeug hielt, wodurch aber den Studenten der Berliner Universität die freie Wahl gelassen wurde: Hegels staatstreues Gedankengebäude oder Schopenhauers Lebensphilosophie.

Heute ist es in Berlin so, dass diese Wahl in einem anderen Zusammenhang (dennoch – wie gesagt – durchaus vergleichbar) nicht mehr gegeben ist.

Der verbindliche Ethikunterricht hat den Religionsunterricht in die Freizeit und damit ins Private verdrängt. Ein Schelm, wer dabei an die Trennung von Staat und Kirche denkt, daran, dass öffentliche Glaubensbekenntnisse den Säkularisten von Rot-Rot grundsätzlich ein Dorn im Auge sein müssen und die Zurückweisung von Religiosität und Kirchlichkeit im Stadt- und Gesellschaftsbild auch machtpolitische Ursachen hat. Ein Schelm, wer dahinter eine Ideologie der Gottlosigkeit vermutet, die nicht mehr an das Numinose glaubt. Und auch nicht mehr an Böckenförde.

Zur Sache. Der Berliner Senat hat den Ethikunterricht vor zwei Jahren gegen den Willen vieler Eltern und der Kirchen als Pflichtfach eingeführt. Der Religionsunterricht kann seither nur zusätzlich freiwillig und ohne Benotung auf dem Zeugnis besucht werden. Der Senat stützt sich dabei auf Artikel 141 GG, nach dem Artikel 7 Absatz 3 Satz 1 “keine Anwendung in einem Lande [findet], in dem am 1. Januar 1949 eine andere landesrechtliche Regelung bestand”. Das ist in Berlin der Fall. In Artikel 7 Absatz 3 Satz 1 ist für die Länder, die keine Spezialklausel aufweisen können, geregelt, dass “Religionsunterricht [..] in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach [ist].”

Die Initiative “Pro-Reli” möchte, dass Schüler frei wählen dürfen, ob sie Religions- oder Ethikunterricht besuchen wollen. Dazu wurde ein Volksbegehren durchgeführt. 34.472 gültige Unterschriften wurden in der ersten Stufe des Volksbegehrens für ein Wahlpflichtfach Ethik/Religion an Berliner Schulen gesammelt. Das sind über 14.000 Unterschriften mehr als für die erste Stufe des Volksbegehrens erforderlich waren. Das Abgeordnetenhaus hatte vier Monate Zeit, über das Wahlpflichtfach Religionsunterricht abzustimmen. Die Mehrheit der Abgeordneten stimmte gegen das Volksbegehren, so dass die Mitglieder und Unterstützer des Vereins “Pro Reli” in einer zweiten Stufe rund 170.000 Unterschriften sammeln müssen.

Diese zweite Stufe beginnt heute. In der Hauptstadt finden Kampagnen der christlichen Kirchen statt, die immerhin noch etwa eine Millionen Berlinerinnen und Berliner vertreten. An Informationsständen werden die Bürgerinnen und Bürger um ihre Unterschrift gebeten. Rund vier Monate wird die zweite Stufe des Volksbegehrens dauern. Wenn mindestens 170.000 gültige Unterschriften gesammelt sind, wird es zum Volksentscheid kommen. Bei diesem werden die Berlinerinnen und Berliner aufgefordert, für oder gegen die Wahlmöglichkeit an Berliner Schulen abzustimmen. Der Termin des Volksentscheids wird dann aller Voraussicht nach mit der Wahl zum Europäischen Parlament im Juni zusammenfallen. Die Chance, die nötige Anzahl an Unterschriften zu sammeln, steht im übrigen nicht schlecht, wenn man den von “Pro Reli” veröffentlichten Umfragen glauben darf, nach denen sich 60 Prozent der Berlinerinnen und Berliner (Emnid, 5/2005) bzw. 55 Prozent (Forsa, 1/2008) für die Wahlfreiheit aussprechen.

Warum aber sollte man dem Argument der Wahlfreiheit, das “Pro Reli” vorträgt, folgen und unterschreiben? Warum sollte ein Bekenntnisunterricht wie “Reli” dem “bekenntnisfreien” Ethikunterricht gleichgestellt werden? Ist denn “Pro Reli” am Ende nicht gleichbedeutend mit “Anti Ethik”?

Die Ausgangsfrage lautet anders: Was sollen Schülerinnen und Schüler lernen? Sollen sie über ethische Begründungsmodelle Bescheid wissen oder auf der Grundlage ihres spezifischen anthropologischen und weltanschaulichen Ausgangspunkts, den sie schon haben, aber noch festigen und entwickeln müssen, eine spezifische Moralität zu formen? Ich meine, zunächst einmal Letzteres. Kein Dieb – sei er katholisch, islamisch oder atheistisch erzogen – lässt sich etwa von Kants Einwand, dass die Handlung Diebstahl vernünftigerweise nicht verallgemeinerungsfähig ist, vom Diebstahl abhalten, sondern nur von einer Moralität, die erfahren und erworben wird, durch Lebenspraxis und Vorbilder. Dabei spielt die Weltanschauung (sei die religiös oder nicht-religiös) und das Menschenbild eine entscheidende Rolle, nicht jedoch das Faktenwissen zu ethischen Begründungsmodellen. Ethische Reflexion allein macht den Menschen nicht gut.

Damit junge Menschen eine Moralität entwickeln können, brauchen sie authentische Wertevermittlung in einem Unterricht mit glaubwürdigen Lehrerinnen und Lehrern, der ihre spezifische Anthropologie und Weltanschauung aufgreift, denn die Anthropologie (das Menschenbild) geht der Ethik voraus, wie an vielen moralischen Problemen unserer Zeit deutlich wird. Die Antwort auf die Frage “Was ist der Mensch?” bestimmt die Antwort auf viele moralische Fragen. Ob jemand den Menschen als “Lusterhöhungs-Leidvermeidungsmaschine” begreift oder als Geschöpf Gottes, hat unmittelbar Auswirkungen darauf, ob sie oder er die Forschung mit embryonalen Stammzellen, Abtreibungen, das Töten geistig behinderter Babys oder Medikamententests an Wachkomapatienten befürwortet oder ablehnt. Die ethischen Argumente funktionieren in diesen Fällen nur eingedenk der Anthropologie, nur im Licht des jeweiligen Menschenbilds.

Die Frage “Was ist der Mensch?” muss aber jede und jeder beantworten, die als Lehrerin im Ethikunterricht oder als Lehrer im Religionsunterricht tätig ist. Mit der Antwort ist nicht nur ein Menschenbild, sondern auch eine bestimmte Weltsicht verbunden, weil die Anthropologie ja auch die Beziehung des Menschen zu Gott und zur Welt klärt. Ethik (mit oder ohne Gottesbezug) als “weltanschaulich neutral” zu verkaufen, ist in diesem Zusammenhang Etikettenschwindel, so wie es falsch wäre, Religion (mit oder ohne Weltbezug) “weltanschaulich neutral” zu nennen. Atheistische Ethik ist genauso weltanschaulich geprägt wie katholische Moraltheologie.

Insoweit ist der “bekenntnisfreie” Ethikunterricht Illusion.

Denn der Ethikunterricht soll Bekenntnisfreiheit als Weltanschauung lehren, was ja durchaus berechtigt ist, sowie man die Möglichkeit hat, diesem Unterricht fern zu bleiben, weil einem die dort vertretene Weltanschauung fern ist. Das gilt ja seit jeher auch für den Religionsunterricht, der offen und ehrlich ein Bekenntnis vermittelt. Bekenntnisfreiheit ist aber auch ein Bekenntnis. Insoweit sind die “Produkte” hinsichtlich ihres Gehalts an weltanschaulichem Impetus tatsächlich vergleichbar.

Man kann im übrigen für das eine (“Reli”) sein, ohne das andere (Ethik) gering zu schätzen.

Ethische Reflexion ist unverzichtbar, wenn man sich klar macht, dass sie nie unabhängig von Festlegungen zum Menschenbild und zur Weltanschauung stattfindet. So ist es wichtig, ethische Positionen zu kennen und vom eigenen Standpunkt aus zu bewerten. Diesen eigenen Standpunkt muss man aber haben, um überhaupt werten zu können. Wichtig ist ferner, diesen Standpunkt nicht zum Dogma verkrusten zu lassen, sondern sich durch überzeugende Argumente und andere Perspektiven auf den Menschen und seine Moralität ansprechen und verändern zu lassen. Es geht durchaus darum, (religiöse) Tugenden und Werte kritisch zu hinterfragen, auch im Hinblick auf eine säkulare Staatskonzeption (Wie verhalten sich Gnade und Barmherzigkeit zu Recht und Gerechtigkeit? etc.). Das ist eine wichtige Aufgabe der philosophischen Reflexion, die für nichtreligiöse Menschen in den Ethikunterricht, für religiöse Menschen jedoch in den Religionsunterricht gehört, weil sie nur dort vor dem Hintergrund des jeweiligen weltanschaulichen Standpunkts, der als Reflexionsfläche dient, sinnvoll stattfinden kann.

“Pro-Reli” ist keine Kampagne gegen den Dialog von Religiösen und Nicht-Religiösen, von Kirche und Staat, sondern eine, die fordert, dass man anerkennt, dass dieser besser gelingen kann, wenn jeder Mensch die Chance hat, sich zunächst in seiner Weltanschauung zurechtzufinden.

In Berlin leben wir mit dem “Faktum der Pluralität” (Rawls), was überall sicht- und spürbar ist. Warum also sollte gerade im weltanschaulichen Bereich, zu dem Religiosität und dezidierte “Nicht-Religiosität” gleichermaßen zählen, in einem Bereich, wo es um die Grundlagen menschlicher Verhaltensweisen geht, eine Einheitskultur in den öffentlichen Schulen Einzug halten, die gerade durch das Aufdrängen einer bestimmten Weltanschauung (“Bekenntnisfreiheit”) die weltanschauliche Neutralität des Staates verletzt? In diesem Sinne ist echte Wahlfreiheit und damit die Restitution des Religionsunterrichts als Alternative zum Ethikunterricht eine berechtigte und unterstützenswerte Forderung.

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  1. “Pro-Reli” ist keine Kampagne gegen den Dialog von Religiösen und Nicht-Religiösen, von Kirche und Staat, sondern eine, die fordert, dass man anerkennt, dass dieser besser gelingen kann, wenn jeder Mensch die Chance hat, sich zunächst in seiner Weltanschauung zurechtzufinden.

    was für eine behauptung. hier geht es um kinder. deren eltern entscheiden von klein-auf, ob die taufe und religiöse weltanschauliche entwicklung am nachwuchs gedeihen soll und was in der jugendzeit wie gefestigt werden soll. der staat, in der aufsichtspflicht über die schule, sollte keiner religion eine präferenz verschaffen, die kinder und jugendliche schon mitbringen, sondern zu vielfalt und eingenständigem und unabghängigem denken anregen.

    ohne religion keine ethik? wer den dialog über ethik will, braucht keine religion und religiöse brauchen den dialog nicht zu scheuen. der raum für diesen dialog ist der humanistische ethikunterricht. somit weigere ich mich, anzuerkennen, dass der dialog besser gelänge, wenn getrennt darüber informiert werden würde.

    übrigens: der slogan der kampagne “werte brauchen gott!” meint wohlmöglich atheisten haben keine werte???? welch eine dialogeröffnung.