Das waren noch Sätze:
“Ich schreibe nicht für die Palästinenser, sondern gegen die Besatzung.”
So kennen viele Amira Hass, die Buchautorin und Journalistin der Zeitung Ha’aretz. So was hören sie gerne in Europa – viel lieber als in Israel. Und so hört man Hass in Israel seit kurzem gar nicht mehr: Sie ist bei Ha’aretz in einen unbezahlten einjährigen Urlaub getreten, lautet die offizielle Version.
Die liberale Ha’aretz, verhasst bei Siedlern und Rechten, beliebt bei Liberalen, Links-Intellektuellen und sonstigen Aufgeklärten, erlebt zur Zeit einen eigentlichen Machtkampf. Das Geld wird mit dem Schwesterblatt The Marker, einer Wirtschafts-Tageszeitung, verdient. Und die Werbekunden wollen ihre Anzeigen nicht von Analysen über die israelische Besatzung und Palästinenser umrahmt wissen. Ein sagen wir Audi6 im Vier-Farben-Druck und daneben ein erschossenes palästinensisches Kind, das befleckt ja irgendwie die Sicht auf die Hochglanz-Ledersitze. Und das gibt Probleme mit dem journalistischen Blick auf die Realität – der Werbekunden, versteht sich: “The problem ist that some of those protesting against the occupation also want to know what is happening in the shops of Comme Il Faut”, einem Kleidergeschäft. Der das sagt, darf so was ungestraft sagen: Dov Alfon, der neue Chefredaktor des Newspapers Ha’aretz.
Und so gibt’s gleich mehrere Ha’aretz-Journalisten nicht mehr zu lesen – richtig, es hat nicht die Wirtschaftsredakteure getroffen, sondern die mit der beobachtenden Feder und dem Blick in die besetzten palästinensischen Gebiete.
Wie lautet doch gleich ein Buch-Titel Amira Hass’: “Morgen wird alles schlimmer”.
Auch andernorts weht ein ruppiger Medienwind in und um Israel:

Die ideologisch motivierte Anwalts- und Lobby-Organisation Shurat HaDin, geht bis vor den israelischen Supreme Court, damit dem Korrespondenten von France2, dem aus Frankreich eingewanderten jüdischen Charles Enderlin, die Akkreditierung entzogen werde; die Richter befinden das staatliche Presseamt dafür zwar nicht für zuständig, können aber den Antrag von Shurat HaDin durchaus nachvollziehen. Enderlin ist von vielen in Frankreich und Israel zur persona non grata erkoren worden: Im September 2000 zeigt France2, wie der 12-jährige Muhammad al-Durrah in den Armen seines Vaters erschossen wird, mutmaßlich von israelischen Soldaten. Doch was nicht sein darf, da ist auch nicht, hierzulande: Gefakte Bilder, Palliwood, geifern die Kritiker. Seit der Ausstrahlung der Bilder ist die Jagd auf Enderlin eröffnet, dem Journalisten soll das Arbeiten verunmöglicht werden – Maul halten, Kritiker!
Die israelische Broadcast-Authority, so etwas wie die staatliche Telekommunikations-Aufsichtsbehörde, verbietet die Ausstrahlung von Radio-Werbespots der Menschenrechts-Organisation Gisha: Der ehemalige israelische Erziehungsminister Yossi Sarid setzt sich in dem Radio-Spot für die in Gaza trotz gültigen Visa festsitzenden Studenten ein, die in den USA und Europa ihre Studien fortsetzen möchten. – Sowas soll die geneigte Hörerschaft hierzulande nicht zu Ohr bekommen.
Die israelische Polizei schliesst vorübergehend die Radio Station RAM-FM, acht Mitarbeiter werden unter Hausarrest gestellt. RAM-FM, das für die Koexistenz zwischen Juden und Arabern einsteht und sich Peace-Radio nennt, habe keine Konzession, begründet das Kommunikations-Ministerium seinen Beschluss. – Gut zu wissen, dass es am Tel Aviver Flughafen Ben Gurion immer wieder mal zu near-by-crashes kommt, weil illegale religiöse Sender auf ihren Frequenzen den Funkverkehr zwischen Tower und Piloten stören – religiöse Sender, samt und sonders ohne Konzession.
Fadel Shana ist ein Militanter gewesen, der mitten in den Vorbereitungen war, einen Panzer zu attackieren. Zu diesem Schluss kommt die israelische Armee in ihrer internen Untersuchung, weshalb mit einem Panzergeschoss auf den 23-jährigen gefeuert worden ist. So genannte Flechet-Geschosse haben sich durch seine kugelsichere Schutzweste gebohrt, seine Kamera in Stücke gerissen. Diese hässliche, völkerrechtswidrige Waffe – einzig für die israelische Armee liegt kein Problem mit dem Völkerrecht vor - verschiesst Tausende Metallpfeile, ist treffunsicher und deshalb von verheerender Wirkung. Selber schuld, der Fadel, befand die Armee, er war aus Sicht der Panzerbesatzung kurz vor einem Anschlag auf einen Panzer. Und weil das so ist, gibt es auch keine Verantwortlichen für den Tod Fadel Shana’s.
Gelesen haben Sie das wohl nirgends, warum auch. Vielleicht stoßen Sie ja Ende Jahr auf der Liste der getöteten Journalisten und Kameraleute auf seinen Namen. Fadel war nämlich ein Kameramann, in Gaza – aber längst keine Schlagzeilen mehr Wert, weder in Israel noch in den Redaktionsstuben im Westen der Welt.
Und weil’s so nahe an die faktische Zensur heran kommt, sei’s noch einmal erwähnt: Das staatliche israelische Presseamt verweigert den Kolleginnen und Kollegen von Al Jazeera die Erneuerung ihrer Akkreditierungen. – Fertig lustig für den größten arabischen Fernsehsender in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten.
Und noch was: Dass Hamas im Gaza-Streifen und Fatah im besetzten Westjordanland die dortigen Journalisten drangsaliert und zensuriert, kann ja kaum als Vorbild für die israelische Medienlandschaft gelten – oder?
Dieser Beitrag erschien zuerst auf andremarty.com.
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