Web & Technik + Internetkultur
“Wir haben einen Verfall der Öffentlichkeit” - Ein Gespräch mit Prof. Dr. Michael Haller (Teil I)

- Die anonymisierten Modi, die das Internet bereithält, sind eine Erweiterung der Kommunikationsfelder.
“Das Internet ist ein Ort nicht nur der offenen Kommunikation, sondern zunehmend auch ein Urwald, wo Orientierungslosigkeit, wo Aberglaube und Totemismus sich verbreiten”, so Professor Dr. Michael Haller, Geschäftsführender Direktor Institut KMW der Universität Leipzig Lehrstuhl Allgemeine und Spezielle Journalistik. Spricht Dr. Michael Maier in seinem neuen Buch “Die ersten Tage der Zukunft” noch ganz euphorisch von der Ausbildung eines kollektiven “Superhirns”, sieht der Wissenschaftler das derzeitige und künftige Bild des Internets weitaus skeptischer. Ich sprach mit ihm über die vielfältigen neuen Möglichkeiten, die uns dieses Medium zu bieten scheint, aber auch über mögliche Knackpunkte.
RE: Computertechnologie und Internet bestimmen immer mehr unser Zusammenleben - Für viele ist dies eine Revolution, ein neues Zeitalter, eine Zäsur, eine Vision, ein Quantensprung. Was ist es für Sie, wie würden Sie es bezeichnen?
Haller: So sehr die “Internetisierung” auch unsere Alltagswelt verändert, würde ich die Fahnen doch etwas tiefer hängen. Wir sollten als erstes die unterschiedlichen Kommunikationswelten, in denen wir uns aufhalten, genauer ins Auge fassen. Für den engsten Nahbereich der zwischenmenschlichen Beziehung waren und sind andere Einflussgrößen dominant. Vor rund fünfzig Jahren hat hier das Fernsehen die Alltagsroutinen geradezu umgekrempelt. Und war sehr nachhaltig! In den zwischenmenschlichen Beziehungen ist die Interaktivität zunächst “nur” eine Erweiterung habituierter Kommunikationsformen, die vor mehr als hundert Jahren mit dem Telefon begann. Die anonymisierten Modi, die hier das Internet bereithält, sind eine Erweiterung der Kommunikationsfelder zum Beispiel für Menschen, die mit der Face-to-Face-Kommunkation organisatorische oder psychische Probleme haben.
RE: Aber sehen Sie nicht gerade in dieser Kommunikationserleichterung auch das Potential, durch die Vernetzung unserer Gehirne zu einem neuen “Wir-Bewusstsein” zu gelangen, was dabei helfen könnte, globale Probleme zukünftig besser - weil gemeinsam - zu lösen?
Haller: Ich sehe durchaus die gewaltigen Chancen einer Vernetzung; vor allem im Wissenschaftsbereich haben sich diskursive Kommunikationsformen entwickelt, die für viele Themen- und Problemfelder sehr nützlich sind und die Forschung erleichtern. Aber hier befinden wir uns in einer Nische, in einer winzigen Welt des Wissensaustausches und des gemeinsamen problemorientierten Denkens, das höchstens fünf Prozent der Online-User betrifft. Ähnlich sieht es mit der guten, schönen Welt der renommierten A-Blogger aus: Ihre klugen Einträge werden von ein paar tausend Blog-Usern rezipiert, nicht anders - nur schneller und billiger – als eine intelligent gemachte Räsonier-Zeitschrift. Die ganz große Internetwelt, um die es Ihnen mit Ihrer Frage geht, ist längst einer massiven Kommerzialisierung ausgesetzt - Stichwort: social media - und funktioniert leider nicht als neues Wir-Bewusstsein mit wertigen Inhalten, sondern als ein Gesamtdienstnetz, in welches die Mediakonzerne den Content hineindrücken, mit dem sie Wertschöpfung erzeugen können.
“Von einem für den offenen Informationsaustausch gedachten Dienst zu einem virtuellen Vermarktungsmarkt.”
RE: Also ganz profan: Statt eines genialen visionären Werkzeugs weltweiten Wissensaustauschs nur eine Gelddruckmaschine?
Haller: Wir müssen, wenn wir über medial organisierte Kommunikation sprechen, auch die Rahmenbedingungen mit einbeziehen. Und in unseren westlichen Gesellschaften ist eine dieser Bedingungen die Tatsache der marktwirtschaftlich organisierten Wettbewerbsgesellschaft; deren Prägungen darf man nicht ausblenden, zumal wir derzeit in einer Phase des relativ wirkmächtigen, weitgehend ungesteuerten Kapitalismus leben, wie die Finanzkrise in den USA ja drastisch vor Augen führt: die Gewinne wurden privatisiert, die Verluste werden sozialisiert.
Hinzu kommen als weitere Rahmenbedingungen die technologischen Trends und die mit der Mediennutzung verbundenen anthropologischen Konstanten, etwa die, seine Verfügungsgewalt über die Güter des täglichen Lebens ausweiten zu wollen. Sinnbild dafür ist die TV-Fernbedienung und das Zapping, Motto: ich bin heute Abend der Programmkönig. Wenn Sie nur diese drei Einflussgrößen zusammennehmen – und es sind längst nicht alle - , dann verstehen Sie, in welche Richtung sich das Internet seit seiner auf das World Wide Web zurückzuführenden Öffnung Anfang der 90er Jahre verändert hat: von einem für den offenen Informationsaustausch gedachten Dienst zu einem virtuellen Vermarktungsmarkt.
RE: Das hört sich aber ziemlich negativ an…
Haller: “Negativ” ist mir zu moralisch. Man muss die Augen offen halten, die Prozesse analysieren und nach den wirksamen Einflussgrößen fragen, in der Hoffnung, dass wir daraus wenn auch bescheidene Steuerungsmöglichkeiten gewinnen können.
RE: Spricht nicht aber beispielsweise eine äußerst erfolgreiche Website wie Wikipedia eindeutig gegen Ihre Argumentation, wo das Wissen der Welt gesammelt wird, ohne jeglichen Eigennutz der Autoren und ohne dass jemand groß daran verdienen würde? Ist das nicht das beste Beispiel eines durch das Internet überhaupt erst möglich gewordenen sinnvollen Dienstes für die Menschheit?
Haller: Sie haben mit diesem Einwand Recht – er zeigt, wie vielfältig die Möglichkeiten sind. Für mich ist das vergleichbar mit dem Auto. Natürlich wird das Auto auch als Krankenwagen und Omnibus genutzt und kann gute Dienste leisten. Doch insgesamt als Transportsystem ist es in einem so großen Maß umweltbelastend, dass man manchmal denkt, es wäre wohl besser gewesen, es wäre nie erfunden worden. Wikipedia ist ebenfalls ein sozial erwünschter Dienst mit großem Nutzen. Es ist toll, dass es ihn gibt, ebenso, wie ich froh bin, dass wir im Rahmen des Straßenverkehrs eine Feuerwehr, einen Krankenwagen und – ich gestehe es ein – auch Taxis haben. Diese sind, was den Transport betrifft, ähnlich praktisch, aber auch ähnlich begrenzt sicher wie das Wissensarchiv Wikipedia.
RE: Was ist denn für Sie die wichtigste Veränderung, die das Internet mit sich gebracht hat?
Haller: Die wichtigste Veränderung betrifft die Auflösung der institutionell verstandenen Öffentlichkeit. Wir haben nicht mehr DIE von den Medien hergestellte Öffentlichkeit, die als abgesteckter und über ein Regelwerk gesteuerter Informations-, Wissens- und Kommunikationsraum funktionierte. Es war beileibe kein herrschaftsfreier Raum, sondern er wurde besetzt, verwaltet und gesteuert von den großen Medienmachern und deren Spielregeln.
In dieser Einrichtung “Öffentlichkeit” konnte sich die Gesellschaft selbst verständigen und auch eine soziokulturelle Identität zumindest partiell herausbilden. Das ist vorbei. Wir haben einen Verfall der Öffentlichkeit in zahllose Öffentlichkeiten. Den Begriff der Öffentlichkeit, so wie ihn die Massenmedien hergestellt und verstanden haben, wird es langfristig so nicht mehr geben. Wir suchen nach neuen Formen, die im Globalen wie Lokalen – wenn auch im virtuellen Raum digitaler Kommunikation – sich der uralten Präsenzöffentlichkeit annähern – Skype lässt grüßen. Das viel zitierte Bild vom Marktplatz, auf dem viel Gewusel herrscht und insgesamt große Unübersichtlichkeit, ein Raum, wo die die Menschen sich zwar dauernd austauschen, aber doch das Gefühl haben: “nichts genaues weiß man nicht”. Das Internet ist ein Ort nicht nur der offenen Kommunikation, sondern zunehmend auch ein Urwald, wo Orientierungslosigkeit, wo Aberglaube und Totemismus sich verbreiten.
RE: Das Internet wird oft, auch in den Medien, als Gefahr gesehen, als Hort von Gewalt, Pornografie, Datenmissbrauch, Verblödung, Verfall von Moral etc. Dabei wachsen schon die Kinder heute mit digitalen Medien ganz selbstverständlich auf. Warum haben die Deutschen so viel Angst vor dem Internet?
Haller: Ich teile diese Ansicht nicht und ich glaube, sie trifft auch nicht zu. Wenn ich mir die von Allensbach und anderen demoskopischen Instituten periodisch erhobenen Daten anschaue, wie das World Wide Web eingeschätzt und genutzt wird, dann sieht der überwiegende Teil der Bevölkerung darin eine nützliche Bereicherung.
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Interview: Felix Kubach
Dieser Beitrag ist Teil der Schwerpunkt-Themenreihe “Das gefährliche Internet?” auf Readers Edition.
Michael Haller ist Professor für Allgemeine und Spezielle Journalistik an der Universität Leipzig.












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[…] “Ich sehe durchaus die gewaltigen Chancen einer Vernetzung; vor allem im Wissenschaftsbereich haben sich diskursive Kommunikationsformen entwickelt, die für viele Themen- und Problemfelder sehr nützlich sind und die Forschung erleichtern. Aber hier befinden wir uns in einer Nische, in einer winzigen Welt des Wissensaustausches und des gemeinsamen problemorientierten Denkens, das höchstens fünf Prozent der Online-User betrifft. Ähnlich sieht es mit der guten, schönen Welt der renommierten A-Blogger aus: Ihre klugen Einträge werden von ein paar tausend Blog-Usern rezipiert, nicht anders - nur schneller und billiger – als eine intelligent gemachte Räsonier-Zeitschrift. Die ganz große Internetwelt, um die es Ihnen mit Ihrer Frage geht, ist längst einer massiven Kommerzialisierung ausgesetzt - Stichwort: social media - und funktioniert leider nicht als neues Wir-Bewusstsein mit wertigen Inhalten, sondern als ein Gesamtdienstnetz, in welches die Mediakonzerne den Content hineindrücken, mit dem sie Wertschöpfung erzeugen können.” mehr […]
Rolf Ehlers
Die Fragen von Felix Kubach sind weit besser durchdacht als die Antworten des Interviewten. Schön wäre es, wenn Herr Professor Dr. Haller nicht einfach Meinungen von sich gäbe, sondern diese auch
begründete.
Readers Edition » “Die absolut unregulierte Kommunikationswelt ist ein Kindertraum” - Ein Gespräch mit Prof. Dr. Michael Haller (Teil II)
[…] “Die rülpsen irgendetwas auf ihrem Blog und wundern sich, dass nur weitergerülpst wird. Und wenn der zehnte gerülpst hat, guckt man nicht mehr drauf.” Professor Dr. Michael Haller, Geschäftsführender Direktor Institut KMW der Universität Leipzig Lehrstuhl Allgemeine und Spezielle Journalistik, zieht hart mit den Bloggern in diesem Land ins Gericht. Nach seinen kritischen Ausführungen zu den Möglichkeiten des Internets in unserer heutigen Zeit, die im ersten Teil des Interviews beleuchtet wurden, spricht der Wissenschaftler nun über die inhaltlichen Qualitäten dieses rasant expandierenden Mediums und unsere vermeintlich neue Art der Rezeption. […]
((( rebell.tv ))) blog - “Es werden gewiss Zeitungen untergehen, aber dies sind Zeitungen, die so schlecht gemacht sind.” “Die rülpsen irgendetwas auf ihrem Blog und wundern sich, dass nur weitergerülpst wird. Und wenn der z
[…] 21:44Philipp: Erscheint … 29.9.2008 “Es werden gewiss Zeitungen untergehen, aber dies sind Zeitungen, die so schlecht gemacht sind.” “Die rülpsen irgendetwas auf ihrem Blog und wundern sich, dass nur weitergerülpst wird. Und wenn der zehnte gerülpst hat, guckt man nicht mehr drauf.” Kategorie: > culturalstudies | | von sms um 21:33prof. dr. michael haller im gespräch mitfelix kubach von readers-edition.de | ist ja ok: readers-edition will das neue buch von michael maier ins gespräch bringen. das wollen wir auch | felix wählt sich für teil 1 des gesprächs mit dem medienprofessor haller den titel: “Wir haben einen Verfall der Öffentlichkeit” und für teil 2 - noch deftiger - “Die absolut unregulierte Kommunikationswelt ist ein Kindertraum” | natürlich finden sich leicht passagen, welche einem ein lächeln auf aufs gesicht zaubern: Informieren Sie sich auch auf Blogs? Ja. Welche? Es gehört zu meinem Beruf, dass wir, meine Studenten und ich, uns vornehmlich die so genannten Alphablogger anschauen, die auch in den Medien präsent sind, so etwa Robert Basic, Stefan Niggemeier oder Thomas Knüwer, die auch in der Szene eine gewisse Wirkstärke besitzen. das sind passagen, welche bei uns umstandlos zur rubik “nekrolog auf uns heilige neologismen” führen. abernu… | persönlich ist es mir auch primär und sekundär suspekt, wenn westlich erzogene professoren, auf ossi-lehrstühlen hocken… und trotzdem: diese zwei gespräch haben gehalt. da beobachtet einer aus seiner nische (journalismus) - welche nun wahrlich keine übervorteilte perspektive ist - und redet keinen schwachsinn. logo: deftige schlagzeilen finden sich leicht. aber… ähm… eieiei… im vergleich mit andern huch!medienprofs… ähm… ist doch ok wenn er meint: Spricht nicht aber beispielsweise eine äußerst erfolgreiche Website wie Wikipedia eindeutig gegen Ihre Argumentation, wo das Wissen der Welt gesammelt wird, ohne jeglichen Eigennutz der Autoren und ohne dass jemand groß daran verdienen würde? Ist das nicht das beste Beispiel eines durch das Internet überhaupt erst möglich gewordenen sinnvollen Dienstes für die Menschheit? Sie haben mit diesem Einwand Recht – er zeigt, wie vielfältig die Möglichkeiten sind. Für mich ist das vergleichbar mit dem Auto. Natürlich wird das Auto auch als Krankenwagen und Omnibus genutzt und kann gute Dienste leisten. Doch insgesamt als Transportsystem ist es in einem so großen Maß umweltbelastend, dass man manchmal denkt, es wäre wohl besser gewesen, es wäre nie erfunden worden. Wikipedia ist ebenfalls ein sozial erwünschter Dienst mit großem Nutzen. Es ist toll, dass es ihn gibt, ebenso, wie ich froh bin, dass wir im Rahmen des Straßenverkehrs eine Feuerwehr, einen Krankenwagen und – ich gestehe es ein – auch Taxis haben. Diese sind, was den Transport betrifft, ähnlich praktisch, aber auch ähnlich begrenzt sicher wie das Wissensarchiv Wikipedia. freilich: ein theoriewundermedizinmann scheint das nicht zu sein. wäre er prof. an einer fachhochschule, wärs sogar toll. so denke ich: es gibt sie doch noch. fleissige, umsichtige, interessierte professoren. (danke für den hinweis, felix ;-)KommentareBis jetzt keine Kommentare zu diesem BeitragKommentar verfassenNameE-Mail (wird nicht veröffentlicht)UrlIhr KommentarAnti-Spam Überprüfung (Code ins Eingabefeld übertragen) […]