Lustvoll ruft die Heide: Sexausflüge für geistig Beeinträchtigte

Es ist ein Thema, dass die Boulevardpresse alle Jubeljahre gern mal wieder aufgreift und auf polemisierende Headlines verkürzt wie “Krankenkassen sollen Prostituierte für Sex mit Behinderten bezahlen!” Bei dieser Art von Journalismus geht oft völlig verloren, dass grundgesetzlich eine freie Entfaltung der Persönlichkeit garantiert wird (Artikel 2 und 3) –

Heideruft.jpgEs ist ein Thema, dass die Boulevardpresse alle Jubeljahre gern mal wieder aufgreift und auf polemisierende Headlines verkürzt wie “Krankenkassen sollen Prostituierte für Sex mit Behinderten bezahlen!” Bei dieser Art von Journalismus geht oft völlig verloren, dass grundgesetzlich eine freie Entfaltung der Persönlichkeit garantiert wird (Artikel 2 und 3) – wozu auch das Leben und Genießen von Sexualität gehört. Eine gänzlich andere Art der Bearbeitung dieses Themas ist den studentischen Dokumentarfilmern um Mirijam Mirwald mit dem sensiblen Film “Die Heide ruft” gelungen.

Drei nicht ganz normale Männer – auf dem Weg zu ganz normaler Zärtlichkeit und Erotik

Der am 28.02.2008 uraufgeführte Dokumentarfilm “Die Heide ruft: Sexualbegleitung für Menschen mit Beeinträchtigungen” (kostenloser Download unter www.disgenderbility.de) zeigt einleitend drei nicht ganz normale Männer (leicht geistig Beeinträchtigte) mit ihren ganz normalen Wünschen nach Zärtlichkeit, Intimität und Erotik. Doch der Weg, den sie dafür zurücklegen müssen, ist viel weiter als der so definierter “Normaler”. Er führt vom Sauerland tief in die ländlichen Gefilde Niedersachsens nach Trebel, in das “Institut zur Selbstbestimmung Behinderter“, welches von dem Psychologen Lothar Sandfort geleitet wird. Dort wird Sexualbegleitung angeboten, die – so Sandfort –  als “Ersatz-Partnerschaft” verstanden wird und intime Erfahrungen der unterschiedlichsten Art ermöglichen soll – auch partnerschaftlich-sexuelle. Professionelle Sexualbegleiter bieten dabei in seiner sensiblen und geschützten Atmosphäre keine “speziellen sexuellen Akte, sondern Begegnungen” an. Diese Leistung kostet 75 Euro pro Stunde und ist von den Kunden selbst zu bezahlen.

Hintergrund: die verschwiegene, gedemütigte, missbrauchte Sexualität Beeinträchtigter

Dass es solcher mutiger Maßnahmen bedarf, lässt sich auf den Umstand zurückführen, dass die Sexualität Beeinträchtigter ein häufig für alle Beteiligten schwieriges und tabuisiertes Thema ist. Geistig Beeinträchtigte werden häufig nur unzureichend über die eigene biologische und psychosexuelle Entwicklung aufgeklärt und nehmen zudem den scham- und angstbesetzten Umgang ihrer Bezugspersonen als Reglementierung wahr. Grundsätzlich normale menschliche Verhaltensweisen wie der Ausdruck von Zuneigung und sexueller Attraktion, befriedigende Masturbation oder eine auf das eigene Selbst bezogene Erotik werden häufig nur unzureichend erlernt und integriert, sie stören und werden allzu oft panisch unterbrochen oder mit Ekel und Hilflosigkeit beantwortet. Ein deutliches Beispiel ist etwa die Aussage einer Heilerziehungspflegerin, in einer Freizeiteinrichtung habe man die Beeinträchtigten in den Wald geschickt, “damit sie es nicht vor allen miteinander treiben”.

Der verständliche, menschliche Wunsch geistig Beeinträchtigter, als attraktiv, liebenswert und mit einer eigenverantwortlichen Sexualität wahrgenommen zu werden, wird durch diese Art von Umgang nicht nur als unstattlich zurückgewiesen, sondern bekommt geradezu den Charakter einer höchst verachtenswerten, illegalen Handlung. Dies hat gravierende Folgen für das ohnehin oft niedrige Selbstwertgefühl geistig beeinträchtigter Menschen. In Wohneinrichtungen für geistig Beeinträchtigte kommt es vielleicht auch deshalb innerhalb des Klientels häufig zu sexuellen Übergriffen, da in vielen Fällen nie gelernt werden konnte, intime Bedürfnisse auf der Basis wechselseitiger Anerkennung und unter dem Schutz eines als intim definierten Raumes miteinander zu leben. Nichtabschließbare Türen, der Mangel an Rückzugsmöglichkeiten und der von außen strukturierte Eingriff in die Körperlichkeit (z.B. pflegerisch vorgenommene Hygiene-Maßnahmen)  runden den ungünstigen Hintergrund für eine befriedigend gelebte Sexualität häufig negativ ab.

Prostitution als eine Antwort zweiter Klasse

Gleichwohl ist zu bemerken, dass auch die Vermittlung von professionellen Sexualbegleitern ethisch nicht unproblematisch ist. Die empirische Erkenntnis, dass Prostituierte sehr viel häufiger in ihrer Biografie zum Opfer sexueller Übergriffe geworden sind, als die Durchschnittsbevölkerung sowie die ethische Problematik der Prostitution im Allgemeinen definieren eine als “Service” aufzufassende Leistung mit dem Beeinträchtigten als mündigen Kunden nur als Kompromiss, nicht als Lösung. Zudem wird gegen die Sexualbegleitung (die im Übrigen nicht ausschließlich durch Prostituierte angeboten wird) auch die Befürchtung vorgetragen, ein solcher Sonderweg trage zu einer weiteren Diskriminierung von Beeinträchtigten als “Menschen zweiter Klasse” bei. Letztlich bleibt auch bei den Beeinträchtigten die Erkenntnis nicht aus, dass es sich nicht um eine “richtige” Partnerschaft handelt, sondern um eine zeitlich begrenzte, teuer zu bezahlende Leistung, in deren Rahmen es zwar liebevolle Verbindlichkeit (im Film hervorragend eingefangen), aber eben keine Liebe gibt.

Humanistisch orientierte Sexualpädagogik

Demgegenüber kann es langfristig wohl nur das Ziel bleiben, geistig Beeinträchtigte im Sinne einer humanistisch orientierten Sexualpädagogik das notwendige Wissen zu vermitteln, sie zum angemessenen Ausdruck erotischer Bedürfnisse zu ermutigen sowie dafür in den Einrichtungen entsprechende Rahmenbedingungen und Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen. Dafür ist es notwendig, dass das Thema trotz seiner Tabuisierung und den damit assoziierten Scham- und Angstgefühlen eine öffentliche Wahrnehmung erfährt. Der Film “Die Heide ruft” liefert hierzu einen äußerst sensiblen und stimmungsvollen Beitrag. Nicht weniger. Und auch nicht mehr.

Bildquelle: screenshot

Kommentare

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  1. “Beeinträchtigte”??!!

    Was zum Teufel soll denn diese sinnfreie Wortschöpfung? Laut Duden ist “beeinträchtigt” ein klares Synonym zu “behindert”. Hat jetzt die Political Correctness-Fraktion beschlossen, “Behinderte” sei diskriminierend, “Beinträchtigte” dagegen angemessen? Ja? Und falls ja: warum?

    Da fällt mir eine Frage ein, die ich immer schon mal los werden wollte:
    Seit wann gibt es eigentlich die unsägliche Wortschöpfung “öffentliche Daseinsvorsorge”. Jeder zweite Politiker schwafelt mittlerweile davon – dabei bin ich mir sicher, dass es dieses künstliche Wortungetüm bis vor ein paar Jahren gar nicht gegeben hat. Woher kommt dieser Sprachmüll?

    (Damit ist ausdrücklich keine politische Stellungnahme verbunden, mich interessiert hier nur die “Steuerung” der Sprache durch wen auch immer.)