BEST OF READERS EDITION – eine Wochenbilanz

Und jetzt war er doch da: Sir Paul McCartney. Mit 44 Jahren Verspätung trat der Ex-Beatles-Frontmann nun vor 45.000 begeisterten Fans anlässlich der Feierlichkeiten zur Staatsgründung Israels in Tel Aviv auf. Von “Hey Jude” bis “Let It Be” wurde auf dem größten Konzert in der Geschichte Israels alles geboten was

aktx.jpgUnd jetzt war er doch da: Sir Paul McCartney. Mit 44 Jahren Verspätung trat der Ex-Beatles-Frontmann nun vor 45.000 begeisterten Fans anlässlich der Feierlichkeiten zur Staatsgründung Israels in Tel Aviv auf. Von “Hey Jude” bis “Let It Be” wurde auf dem größten Konzert in der Geschichte Israels alles geboten was das Herz begehrt. Alle Querelen waren vergessen. Ein unvergleichliches Konzert von mehr als zwei Stunden schien die Menschen zusammenzuschweißen. “Give Peace A Chance”, so die Botschaft des Abends, die hoffentlich noch lange nachwirkt. Doch sein Auftritt war nicht die einzige Nachricht, die in dieser Woche auf der Readers Edition bewegte.

Proteste in Köln und andere Dinge, über die es sich aufzuregen lohnt…

Vom Nahen Osten schwenken wir nun kurz zurück nach Köln. Bereits am letzten Samstag schlägt uns durch Metin Demirkaya folgende Nachricht entgegen: “Anti-Islamkongress von Pro Köln von der Polizei verboten“. “Die rechtsradikale Gruppierung Pro Köln hatte zu diesem Kongress geladen, mehrere tausend Gegendemostranten verhinderten jedoch diese Versammlung. Daraufhin ist die Versammlung durch die Polizei verboten worden”, schreibt der Autor einleitend. Zuvor schien es zu massiven Ausschreitungen gekommen zu sein, die schon am vorausgegangenen Freitag ihren Lauf nahmen. Linksautonome hatten die Polizei angegriffen. Steine und Farbbeutel flogen, Platzverweise wurden ausgesprochen. Dabei sollte doch eigentlich alles ganz friedlich zugehen. “Viele Prominente und auch Politiker haben zu friedlichen Protesten gegen die Veranstaltung aufgerufen, dem Aufruf folgten bis zu 40.000 Menschen”, schreibt Demirkaya am Ende seiner Meldung. Was einen Kommentator zu folgenden Zeilen veranlasste: “Und wieder einmal zeigt sich das nervöse Zucken des rechten und die Blindheit des linken Auges…” Oder um es mit den Worten von Henryk M. Broder zu sagen: “(…) ich stelle fest, dass dieser kleine Vorfall in dieser auf ihre Liberalität so stolzen Stadt Köln eine totale Kapitulation des Rechtsstaats war.”

Nach einem kleinen Ausflug nach Nordrhein-Westfalen, kehren wir mit André Marty jetzt doch noch einmal zurück nach Israel. “Und dann hörst du sie nicht mehr” schildert eindringlich, aber vor allem aufrüttelnd die derzeitigen Entwicklungen in der israelischen Medienlandschaft. Am Beispiel der Buchautorin und Journalistin Amira Hass, die bis vor kurzem noch für die Ha’aretz schrieb, jetzt allerdings in einen “unbezahlten einjährigen Urlaub getreten” ist, so die offizielle Begründung für ihr Verschwinden aus dem Blatt, beleuchtet er, was neuerdings erwünscht ist und was eben nicht. Sätze wie “Ich schreibe nicht für die Palästinenser, sondern gegen die Besatzung”, erscheinen neuerdings zu unbequem, vertragen sich nicht mehr mit den Werbekunden. “Und so gibt’s gleich mehrere Ha’aretz-Journalisten nicht mehr zu lesen – richtig, es hat nicht die Wirtschaftsredakteure getroffen, sondern die mit der beobachtenden Feder und dem Blick in die besetzten palästinensischen Gebiete”, klagt Marty ein solches Vorgehen an. Doch auch andernorts weht in Israel ein “ruppiger Medienwind”. Journalisten werden kurzerhand zur persona non grata erklärt, Radiostationen dicht gemacht, Verstorbene im Nachhinein verunglimpft. Das Treiben kommt derzeit schon sehr nahe an die faktische Zensur heran. Quo vadis, israelische Medienlandschaft?

Ungewöhnliche Lösungen in der virtuellen und in der realen Welt

Apropos “Medienlandschaft”: Von einem ungewöhnlichen Weg einen Roman zu veröffentlichen beziehungsweise überhaupt zu konzipieren, berichtet uns am vergangenen Mittwoch Ambrose Musiyiwa, die mit Robert Gould, Autor des Blog-Fortsetzungsromans über seine Arbeit, sein Leben und natürlich über die Konzeption seines Projekts gesprochen hat. Der Kunstredakteur und freiberufliche Webentwickler, zu dessen Vorbildern unter anderem Tolkien oder Verne gehören, schreibt das bisher mehr als 65 Kapitel umfassende Werk über ein Geschwisterpaar, das von der Stadt aufs Land zieht und dort eigentümliche Dinge erlebt, in seiner Freizeit – vorzugsweise in der Nacht. “Manchmal kehre ich zu Kapiteln zurück und schreibe sie ein bisschen um oder überarbeite bestimmte Teile des Plots – die Tatsache, dass es ein Blog-Roman ist, macht es zu einem sehr elastischen Medium”, erklärt er die Vorzüge einer Veröffentlichung im Internet. Nie habe er gedacht, dass er seinen Traum, einen Roman zu schreiben, eines Tages wirklich in die Tat umsetzen würde. Dass er es nun doch getan hat, das macht ihn ziemlich stolz. “Man sagt, dass jeder eine Geschichte zu erzählen hat, man muss nur auf stur schalten und dafür sorgen, dass sie auch geschrieben wird”, sagt er abschließend. Und das gilt bestimmt nicht nur für solche Großprojekte…

Von den Möglichkeiten des Web 2.0 wenden wir uns nun ab und betrachten mit Marius Baumann an dieser Stelle Optionen, die sich in der realen Welt für geistig beeinträchtige Menschen ergeben – oder eben auch nicht. “Es ist ein Thema, dass die Boulevardpresse alle Jubeljahre gern mal wieder aufgreift und auf polemisierende Headlines verkürzt wie ‘Krankenkassen sollen Prostituierte für Sex mit Behinderten bezahlen!’“, erklärt er eingangs die schwierige Lage dieser Menschen, wenn es darum geht ihr Grundrecht auf freie Entfaltung auch im sexuellen Bereich auszuleben. Oft werden derartige Gefühle unter den Teppich gekehrt, geistig Beeinträchtigte sogar in den Wald geschickt, um dort ihren Bedürfnissen nachkommen zu können. Im Dokumentarfilm “Die Heide ruft: Sexualbegleitung für Menschen mit Beeinträchtigungen” wird aufgezeigt, wie es auch anders gehen könnte. “Professionelle Sexualbegleiter bieten (…) in seiner sensiblen und geschützten Atmosphäre keine ‘speziellen sexuellen Akte, sondern Begegnungen’ an.” Eine mutige Maßnahme, wie Marius Baumann findet. Denn das Thema ist noch immer schwierig, wenn nicht gar tabu. Prostitution sei hierauf jedoch nur eine Antwort zweiter Klasse…

“Die Deutschen sterben aus!”

Um Antworten geht es auch bei Zbigniew Menschinski in seinem Artikel “Die demographische Lüge“. Er sucht allerdings neue. Denn der Autor ist es leid ständig hören zu müssen, dass die demographische Lücke etwa unseren Wohlstand schlucke oder aber die Deutschen gar aussterben würden. Immer neue Schreckensszenarien werden verbreitet – und wer genau hinhört, der kann manchmal sogar schon die “Totenglöcklein” läuten hören. Menschinski sieht das anders: “Schon die Zahlen der Hobbydemographen stimmen nicht und sind pure Panikmache.” Bereits seit über 100 Jahren unterliege die Gesellschaft dem demographischen Wandel, ohne dass auch nur eine der heute vorausgesagten Folgen eingetreten wäre. Verarmt sind wir bisher jedenfalls nicht. Ganz im Gegenteil: die Arbeitsproduktivität ist enorm angestiegen. Auch das BIP ist um rund 25 Prozent gestiegen. “Erscheinungen wie Fachkräftemangel, Reallohnverluste und Auszehrung der Binnenachfrage sowie Absinken der Massenkaufkraft (haben) absolut nichts mit dem demographischen Wandel zu tun”, folgert Menschinksi.” Fachkräfte – und Ingenieurmangel herrscht in Deutschland, weil man seit 25 Jahren das Bildungswesen und die Talente im Lande kaputtspart und immer mehr verkümmern lässt.” Zudem komme der Produktivitätszuwachs bei Otto-Normalverbraucher schlicht nicht mehr an. Mit dem demographischen Wandel habe das in seinen Augen wenig zu tun, sondern damit, dass die Gewerkschaften schwächeln, ein Niedriglohnsektor installiert wurde und die Hartz-Gesetze zum Zuge kamen. Gegen so viel Hysterie helfe, da ist er sich sicher, auch kein ausgefeiltes, wissenschaftlich fundiertes und vor allem wasserdichtes Dossier, “sondern nur eine Langzeittherapie. Doch das ist in der Politik bekanntlich nichts Neues.”

Mit diesen Gedankengängen, die im Fortgang zu einer regen Diskussion auf der Readers Edition führten, verabschieden wir uns nun von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser. Auch an diesem Freitag gilt unser Dank all jenen, die sich unermüdlich und mit vollem Einsatz in Form von Artikeln oder Kommentaren engagieren und dieser Plattform ihr so ganz individuelles Leben einhauchen. Machen Sie’s also gut. Wir lesen uns nächsten Freitag.

Ihre Redaktion Readers Edition

Photo Quelle/Copyright: Penneloni, via pixelio.de

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