Web & Technik + Internetkultur
“Die absolut unregulierte Kommunikationswelt ist ein Kindertraum” - Ein Gespräch mit Prof. Dr. Michael Haller (Teil II)

- “Es werden gewiss Zeitungen untergehen, aber dies sind Zeitungen, die so schlecht gemacht sind.”
“Die rülpsen irgendetwas auf ihrem Blog und wundern sich, dass nur weitergerülpst wird. Und wenn der zehnte gerülpst hat, guckt man nicht mehr drauf.” Professor Dr. Michael Haller, Geschäftsführender Direktor Institut KMW der Universität Leipzig Lehrstuhl Allgemeine und Spezielle Journalistik, zieht hart mit den Bloggern in diesem Land ins Gericht. Nach seinen kritischen Ausführungen zu den Möglichkeiten des Internets in unserer heutigen Zeit, die im ersten Teil des Interviews beleuchtet wurden, spricht der Wissenschaftler nun über die inhaltlichen Qualitäten dieses rasant expandierenden Mediums und unsere vermeintlich neue Art der Rezeption.
RE: Sie waren lange Redakteur bei “Spiegel” und Ressortleiter bei der “Zeit”. Verändert das Internet den Journalismus, schlägt es sich in der Qualität des Journalismus nieder?
Haller: Es verändert ganz gewiss den Journalismus. Aber ich würde hier nicht den Qualitätsbegriff einführen, sondern einfach konstatieren, dass die Hinzugewinnung eines neuen Kommunikations- und Dienstsystems, wie es das World Wide Web darstellt, dem Journalismus viele neue Möglichkeiten eröffnet, sich weiterzuentwickeln. Was wir heute noch mit dem Schlagwort “crossover” meinen, bedeutet ja, dass die Journalisten sich viel stärker mit den Spezifika und Gegebenheiten der verschiedenen “channels” beschäftigen müssen. Noch heute definieren sich die Journalisten weitgehend über die klassische Mediengattung, für die sie arbeiten. Dies aber ist eigentlich ein Merkmal von vorgestern. Der zukünftige Journalist wird so ausgebildet sein müssen, dass er das Spektrum der verschiedenen channels kennt und auch weiß, wie unterschiedlich diese von den Publika genutzt werden. Er wird schon am Ort des Geschehens entscheiden, was und wie er welche Aspekte des Themas “channelgerecht” umsetzt. Derzeit viel diskutierte Formeln wie “online first” sind viel zu simpel. Manchmal kann es “online first” heißen, oftmals aber auch nicht.
“Nicht das Denken, sondern die Einschätzung verschiedener Denkgegenstände ist dem Wandel unterworfen.”
RE: Und was den Konsumenten angeht, verändert das Internet unsere Art zu denken?
Haller: Ob es unser Denken verändert, das weiß ich nicht. Wenn man die lange Geschichte der Denkentwicklung und –veränderung unsererseits bedenkt, dann kommen mir doch Zweifel: Nicht das Denken, sondern die Einschätzung verschiedener Denkgegenstände ist dem Wandel unterworfen, so zum Beispiel unser Verständnis dessen, was wir “Realität” nennen.
RE: …und unsere Art zu lesen?
Haller: Was das Leseverhalten angeht, bietet das WWW-Netz gerade der nachwachsenden Generation die Chance, sich der geschriebenen und dementsprechend in ihrer Ausdrucksweise auch ausdifferenzierten und präziseren begrifflichen Sprache wieder zuzuwenden. Das Internet bietet hier didaktisch interessante Möglichkeiten, die man mit E-Learning etikettiert.
RE: Warum sagen Sie “wieder zuzuwenden” - gibt es da Defizite?
Haller: Wir klagen ja rückblickend auf die letzten 20 Jahre über eine Verwilderung der Sprache einerseits und über einen Rückgang der Sprachkompetenz durch die flüchtigen audiovisuellen Medien andererseits. Wir machen uns große Sorgen um unsere Jugendlichen, dass tatsächlich das Lesen nur als strapaziös empfunden wird. Wir beobachten jetzt aber in den letzten zwei bis drei Jahren, dass die besondere Qualität des Lesens wieder entdeckt wird. In den Schulen wird der Lesekompetenz mehr Beachtung geschenkt. Und hier erweist sich das World Wide Web trotz des visuellen Schickschnacks und der Videos als hilfreich und wichtig. Zwar wird zu wesentlichen Teilen stark visualisiert, aber man wird ohne einen Lesetext nie auskommen.
RE: Informieren Sie sich auch auf Blogs?
Haller: Ja.
RE: Welche?
Haller: Es gehört zu meinem Beruf, dass wir, meine Studenten und ich, uns vornehmlich die so genannten Alphablogger anschauen, die auch in den Medien präsent sind, so etwa Robert Basic, Stefan Niggemeier oder Thomas Knüwer, die auch in der Szene eine gewisse Wirkstärke besitzen.
RE: Inwieweit sind diese denn als Nachrichtenquellen bereits relevant, auch in Bezug auf das, was Sie Ihren Studenten beibringen? Wie schätzen sie die Bloggerszene in Deutschland ein?
Haller: Die Bloggerszene in Deutschland ist aufs Ganze gesehen noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt, sie ist sehr selbstreferenziell. Wir haben an meinem Lehrstuhl kürzlich mehrere Studien hierzu durchgeführt und festgestellt, dass die konfliktreichen aktuellen Problemthemen, die die Menschen beschäftigen – Themen, die auch folgenreich sind für den Lebensalltag der Menschen - , dass solche Themen in der Bloggerwelt nur gering oder gar nicht diskutiert werden.
RE: Haben Sie dafür eine Erklärung?
Haller: Ich vermute, es hängt damit zusammen, dass deutsche Blogger im Unterschied zu den Angloamerikanern – von einem gegen die Mainstreammedien gerichteten Alternativdenken geprägt sind, vergleichbar mit der Stadtmagazinbewegung der frühen 70er Jahre (Pflasterstrand usw.). Hinzu kommt, dass sie überwiegend aus der Mittelschicht kommen und die mit den dortigen Erziehungsmustern verbundene Neigung zu dem haben, was man in der Psychologie “narzistisch” bezeichnet: Sich zeigen und sich dabei selbst gefallen. Aber diese Beschreibung gilt nicht für die herausragenden Blogger, die interessante Beiträge zu aktuellen Themen verfassen, auch mal selbst recherchieren (und nicht nur Links legen) – und sich selbst mehr und mehr professionalisieren in Richtung journalistische Handwerksregeln.
Die Szene ist noch sehr unübersichtlich. Und da kann man nachvollziehen, dass viele Profis unter den Journalisten die Bloggerszene, die bis heute existiert, nicht sonderlich ernst nehmen. Aber das Ganze ist, wie wir ja wissen, noch jung. Die Art einfachen Tools, mit denen man Blogs aufbauen kann, die gibt es erst seit wenigen Jahren. Deshalb kann man noch nicht sagen, wie die Szene in fünf oder in zehn Jahren sein wird, wenn sich Spreu vom Weizen getrennt haben wird.
“Die rülpsen irgendetwas auf ihrem Blog und wundern sich, dass nur weitergerülpst wird.”
RE: Was unterscheidet denn einen guten von einem schlecht gemachten Blog?
Haller: Wenn ich gerade an Leute wie Stefan Niggemeier denke, dann sind hier nicht nur kluge Schreiber am Werk, sondern auch Journalisten, die ein Gespür für Verlogenheiten, Unaufrichtigkeiten, Machtspiele usw. haben – und die für eine informierte Gesellschaft eintreten. Da sieht man sofort den Unterschied. Ein gelernter Journalist kann eben auch informative und rational argumentierende, mit Belegen arbeitende Stücke schreiben. Und Hänschen Huber und Lieschen Müller können das nicht! Die rülpsen irgendetwas auf ihrem Blog und wundern sich, dass nur weitergerülpst wird. Und wenn der zehnte gerülpst hat, guckt man nicht mehr drauf.
RE: Bräuchte es denn in Deutschland diese – ich nenne es mal diese Art von Gegenöffentlichkeit zum Mainstream-Journalismus? Gibt es da einen Bedarf?
Haller: Ich möchte es in eine andere Richtung drehen: Ja, wir haben das Problem des rudelhaften Mainstream-Journalismus in den westlichen Gesellschaften, ob nun in den USA, in Großbritannien, in Frankreich oder in Deutschland. Das hat verschiedene Gründe, die jetzt hier im Einzelnen nicht erläutert werden können. Über die Macht der Ökonomie haben wir ja anfangs schon gesprochen, etwa, dass man als Mainstreammedium eine beachtliche Reichweite in seinem Verbreitungsgebiet erreichen muss, weil man sonst als Werbeträger nicht ausreichend funktioniert. Und hohe Reichweiten sind ans Schemadenken, an Vorurteile und auch an Entschädigungswünsche verbunden, ob man will oder nicht. Verstärkt wird dies dadurch, dass wir eine auf Entertainment getrimmte Freizeitgesellschaft sind, wie sie in den 80er Jahren sich ausgeformt hat. Die Medien bedienen und verfestigen diese Muster noch immer, statt sie sinnvoll zu überwinden. Zusammengenommen führen all diese Dinge dazu, dass der Mainstreamjournalismus in der Falle sitzt und nicht herausfindet.
RE: Und wie kommt er wieder raus aus der Falle?
Haller: Wir brauchen einen Journalismus, der als aktuelles Orientierungssystem funktioniert und dessen Medien es ermöglichen, dass die Gesellschaft sich über sich selbst verständigen kann – das sind die zwei großen Aufgaben des Journalismus. Wie können wir dem näher kommen? Und da bin ich in der Tat der Auffassung, dass das Web mit seinen neuen Kommunikationsmöglichkeiten Korrekturmöglichkeiten besitzt, oder richtiger: Dass es eine katalytische Wirkung entfalten kann, indem journalistische Fehlleistungen aufgedeckt, Kampagnen als solche erkannt und Alltagsthemen wieder zurückgespielt und kritisch beleuchtet werden. Dass exemplarisch und zugleich erfolgreich dem journalistischen Leitbild nachgelebt wird, nämlich zutreffend über das Bemerkenswerte zu informieren, die Menschenwürde zu respektieren und die Menschen an den interessanten Dingen dieser Welt teilhaben zu lassen.
RE: Das klingt doch nach einem deutlichen Zugewinn durch die Tatsache, dass Blogs existieren…
Haller: Ich habe gerade eine normative Sicht formuliert, die aus dem Prinzip Hoffnung kommt. Die Realitäten weichen markant davon ab. Wenn Sie in die USA blicken, werden Sie sehen, dass dort die Bloggerwelt längst durchsetzt, zum Teil auch unterwandert ist von politischen und wirtschaftlichen Kampagnenmachern, die mit allen Tricks der Propaganda arbeiten und dabei – dem Stealtbomber vergleichbar, den das Radarsystem des Gegners nicht orten kann - , von den Bloggern meist nicht erkannt wird.
Wir wissen nun mal, dass offene Systeme, die sich aus guten Gründen gegen jede institutionelle Kontrolle wehren, mit ihrem wachsenden Mediapotential zunehmend gefährdet sind, missbraucht und unterwandert zu werden. Und wenn die Unterwanderung ein gewisses Maß erreicht haben wird, dann werden hoffentlich Journalisten aufstehen, die das recherchieren und analysieren und in ihren Medien darauf hinweisen – und zeigen, dass kritischer Journalismus eben für Aufklärung sorgt.
RE: Aber ist es nicht eher so, dass sich durch dieses ständige fast gleichzeitige Aussenden und Empfangen von Signalen aller Einzelpersonen im Internet die Inhalte sozusagen selbst regulieren, weil gelingende Kommunikation sozusagen nur durch den Konsens aller Teilnehmer, also aufgeklärt, gelingen kann?
Haller: In der Theorie ja. In der Praxis aber ist es wie in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen auch: es ist eine Frage der Regulierung, deren demokratisch wünschenswerteste die Selbstregulierung ist. Die absolut unregulierte Kommunikationswelt ist ein Kindertraum. In der Wirklichkeit wird sie entweder anarchisch oder oligopolistisch. Wir verfügen ja nicht von ungefähr über ein Kartellrecht, weil wir genau wissen, dass in der Wirtschaft wie urwüchsig Konzentrationsprozesse in Gang kommen, denen die Kleinen und die Mittleren nicht widerstehen können. Kartellrecht ist also nichts anderes als ein Steuerungskorrektiv für Prozesse, die sich nicht über Selbstregulierung auf dem normativ gerechtfertigten Kurs halten lassen. In der journalistischen Welt hat dies bekanntlich wegen der Sicherung der Meinungsvielfalt eine besondere Bedeutung. Derzeit meinen viele, dieses Problem sei im superpluralen und weitgehend selbstregulativ organisierten Internet gelöst. Es sind Träumer!
Denn die selben Gefahren der Vereinnahmung und Konzentration, dieselbe Gefahr auch des Mainstream lauert dem Internet.
RE: Gibt es in Ihren Forschungen, die Sie selbst betreiben, eine Grundfrage, die hinter allem steht bzw. welche Frage hat Sie da in letzter Zeit am meisten beschäftigt?
Haller: Wie lassen sich die Funktionsbedingungen des Journalismus so verändern, dass er den gesellschaftlichen Funktionszuschreibungen gerecht wird, aber auch erfolgreich ist? Oder anders ausgedrückt: Wie kann unter den in dieser Gesellschaftsformation gesetzten Rahmenbedingungen gesellschaftliche Kommunikation so reorganisiert werden, dass wir sagen können: ‚Es ist eine gelingende gesellschaftliche Kommunikation.’ Unter ‚Gelingen’ verstehe ich eine real stattfindende Verständigung, die Informiertheit und Orientierung herstellt.
“Man muss einsehen, dass wertlos gemachte journalistische Medien entbehrlich sind.”
RE: Und Ihre Antwort darauf lautet gegenwärtig?
Haller: Derzeit laufen viele journalistische Leistungen unter Wert. Und es braucht auf der Seite der Eigentümer eine gewisse Umorientierung: Man muss einsehen, dass wertlos gemachte journalistische Medien entbehrlich sind, dass die erwachsene Bevölkerung, die ihre aktuellen Informationen über Internetanbieter bekommt, wertlosen Journalismus nicht braucht und dafür auch gar kein Geld ausgeben will.
RE: Aber die Zeitung wird dennoch nicht durch das Internet verdrängt werden, oder was meinen Sie?
Haller: Es werden gewiss Zeitungen untergehen, aber dies sind Zeitungen, die so schlecht gemacht sind, dass sie entbehrlich werden. Ein geistloser, Vermarktungsjournalismus, der mehr oder weniger den ganzen Infoschrott reproduziert, wird sich in den elektronischen Gratismedien halten können, nicht aber als Zeitung. Zukunftssichere Zeitungen sind intelligent gemacht. Damit meine ich nicht: abgehoben oder akademisch, im Gegenteil! Wenn Sie durch Europa gehen, ob in Skandinavien, in den Niederlanden, in Belgien oder auch Österreich, so werden Sie Wege in die journalistische Printmedienzukunft entdecken, die auch das Lesepublikum spannend findet. Dass sie auch von unseren Medienhäusern mit mehr Mut unter die Füße genommen werden, ist dem deutschen Journalismus zu wünschen.
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Interview: Felix Kubach
Dieser Beitrag ist Teil der Schwerpunkt-Themenreihe “Das gefährliche Internet?” auf Readers Edition.
Michael Haller ist Professor für Allgemeine und Spezielle Journalistik an der Universität Leipzig.
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Photo Quelle/Copyright: erysipel, via pixelio.de












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