Alle Kulturen, so behaupte ich mal, kennen beim Übergang vom Heranwachsenden zum Erwachsenen Initiationsriten, die dem Menschen, der dem Schutz- und Experimentierraum „Kindheit und Jugend“ entwachsen ist, offiziell und öffentlich seinen neuen Status als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zuerkennt. Bei uns wird man mit Vollendung des 18. Lebensjahres volljährig. Und tatsächlich: Mit 18 ändert sich einiges. Aus „Du“ wird immer öfter „Sie“, man darf Auto fahren, seine Entschuldigungen selber schreiben, eigenständig Verträge schließen und – na, klar – erhält das aktive und passive Wahlrecht, von besonderen öffentlichen Ämtern wie dem des Bundespräsidenten einmal abgesehen. Theoretisch kann man jetzt aber als Kanzler die Richtlinien der Politik für das Gemeinwesen bestimmen, in dem man lebt. Man ist in der Gesellschaft angekommen.
Morgen wird das vereinigte Deutschland volljährig. Vor 18 Jahren erlebte ich – selber gerade 18 geworden – das Spektakel am Reichstag zusammen mit über 1 Million Menschen. In Zeiten vor der Loveparade war das sensationell. Kindheit und Jugend liegen nun hinter unserem Vaterland, fragt sich, was der junge Erwachsene – verglichen mit wirklichen jungen Erwachsenen – an Änderungen erfahren müsste oder besser: was ihm zu raten ist. Fünf Initiationen möchte ich nennen, die alle unter den Grundmotiven des Erwachsenseins stehen: Freiheit und Verantwortung.
1. Wer zum Zeitpunkt einer Bundestagswahl mindestens 18 Jahre alt ist, darf wählen. Das ist ein Recht, keine Pflicht, wie in anderen Staaten (etwa in Peru), wo der, der eine Wahl unentschuldigt versäumt, ein Bußgeld zu zahlen hat. Das 18jährige Deutschland muss dafür sorgen, dass das Recht zur politischen Mitbestimmung wieder stärker wahrgenommen wird. Es darf sich nicht gewöhnen an Wahlbeteiligungen von 50, 60 oder 70 Prozent. In der stabilen, erwachsenen, aber noch lange nicht ausgereiften Demokratie müssen ihre Repräsentanten durch glaubwürdiges Eintreten für Volk und Land, nachvollziehbare Leistungen in Einzelbereichen des politischen Handwerks die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung stärken, damit der Souverän seiner Aufgabe nachkommt, die Herrschaft auszuüben. Wenn ein Drittel bis die Hälfte der Menschen bei den Wahlen zuhause bleibt, stellt das die Demokratie in Frage. Zu den Freiheiten gehört es zwar auch, von seinem aktiven und passiven Wahlrecht keinen Gebrauch zu machen (und vielleicht ist die Infragestellung der Demokratie ja auch die Absicht der Nichtwähler), doch Verantwortung für ein Gemeinwesen, mit dem man sich wohl oder übel arrangieren muss, sieht anders aus.
2. Für manche Menschen ist der 18. Geburtstag denn auch lediglich dazu da, den Führerschein bzw. die Fahrerlaubnis ausgehändigt zu bekommen, um endlich – nach Jahren der Entbehrung freiheitlichen Fortbewegens – ins eigene Auto zu steigen, für das man die letzten 4 Jahre in den Ferien geschuftet hat. Als die Mauer fiel, hieß es dazu passend: „Freie Fahrt für freie Bürger!“ Die Umsätze in der Automobilbranche waren enorm. Ich glaube, dass jetzt, wo Deutschland erwachsen wird, der Verantwortungsaspekt wieder stärker in den Vordergrund gerückt werden sollte. Ich glaube, dass es an der Zeit ist, das Mobilitätskonzept, das traditionell nah am Auto orientiert ist, zu überdenken und dem ÖPNV wieder mehr Raum (und Geld) zu geben. Nicht, um in böser Absicht die Freizügigkeit der Menschen zu zügeln, sondern um dafür zu sorgen, dass der Bogen der Freiheit nicht zu Lasten der Umwelt überspannt wird. Ökologische Verantwortung zum Wohle der jetzigen Generation und derer, die nach uns kommen, sichert letztlich auch die Freiheit (und die faktische Möglichkeit), von A nach B zu gelangen.
3. Wenn man erwachsen wird, stellt sich drängend und drückend die Frage nach Ausbildung und Beruf. Wer in dieser Hinsicht keine klaren Vorstellungen hat, wird in seinem Leben vermutlich nie dorthin gelangen, wo er hin möchte. Für den Staat stellt sich drängend und drückend die Frage nach einer möglichst guten Organisation der Ausbildungs- und Berufswelt. Dazu gehören Kindergartenplätze und das Hochschulrahmengesetz ebenso wie Fragen der Schulorganisation – zwei- oder dreigliedrig – und der Ausbildungsordnung. Vieles davon liegt nach wie vor in den Händen der Länder, die sich – zumindest im Westen – seit Jahren in der kollektiven Midlife-Crisis befinden. Im Osten haben Mini-Staaten mit drei Millionen Einwohnern die Gesetzgebungskompetenz in einem zentralen Bereich des Gemeinwesens, von dem dessen Zukunft wesentlich abhängt. Bildung gehört in die Hände des Bundes und jetzt, wo dieser erwachsen geworden ist, kann man sie ihm auch anvertrauen.
4. Wer erwachsen wird, hat endlich sein eigenes Geld, das auf das eigene Konto fließt – Ausbildungsplatz, Stipendium oder BaföG-Leistungen vorausgesetzt. Mit diesem Geld kann man – im Rahmen des geltenden Rechts – machen, was man will. Ausübung von Vertragsfreiheit nennt man das. Was daraus folgt, ist ein Stück Lebensqualität. Ein riesiges Stück. Auch der erwachsene Staat kann selbstständig Verträge schließen und dabei über sein Geld relativ frei verfügen. Die letzten Boomjahre machen es möglich, dass wieder von einem ausgeglichenen Haushalt die Rede ist, nachdem das ganz junge Deutschland in den 1990ern durch schwere Gewässer musste. Die Kosten des „Aufbau Ost“, die Finanzierung des zweiten Golfkriegs (1991), steigende Arbeitslosigkeit bei sinkenden Beiträgen zur Sozialversicherung – all dies forderte die deutsche Volkswirtschaft ganz erheblich heraus. Doch auch der erwachsene Staat, der besser situiert ist, tut gut daran, verantwortungsvoll mit seinem Geld umzugehen. Voreilige Steuergeschenke, der größeren Wahlchancen wegen, sind genauso verfehlt wie die quasi-automatische Sozialisierung von Spekulantenpech, auf die einige Banker einen Rechtsanspruch zu haben glauben.
5. Den jungen Erwachsenen drängt es hinaus aus dem elterlichen Domizil, hinein in die weite Welt. Für das volljährige Deutschland ein zweischneidiges Schwert: Die Erfahrungen der Vergangenheit belasten und motivieren zugleich die schwere Entscheidung für ein stärkeres militärisches Engagement in der Welt. Dabei steht dem Mehr an Freiheit ein überproportionaler Zuwachs an Verantwortung gegenüber. Hier gilt es klug abzuwägen, ob der kindlichen Unschuld, die von außen immer stärker als Mangel an Verantwortung gedeutet wurde, wirklich das Abendteuerleben des jungen Erwachsen folgen sollte oder ob man sich nicht etwas Kindheit bewahren möchte. Erwachsen werden ist großartig, Erwachsen sein eine Bürde. Deutschland spürt dies als größtes Land der Europäischen Union, als G8-Staat, als ein Land, das zunehmend größeren politischen Einfluss hat. Fast überall auf der Welt hat es zudem einen besseren Ruf als die, die einen noch größeren Einfluss haben. Das macht Deutschland zu einem wichtigen Mediator in Krisen und Konflikten. Diese Rolle gilt es anzunehmen.
Zunächst aber gilt es, dem Geburtstagskind – Verzeihung: dem neuen Erwachsenen! – von Herzen zu gratulieren und zu wünschen, dass in Deutschland als volljähriger Nation Einigkeit und Recht und Freiheit herrschen. Und – auch wenn es nicht in Fallerslebens Versmaß passt – Verantwortung.
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Photo Quelle/Copyright: carlosj, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr
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