Web & Technik + Internetkultur
Internet-Notruf Deutschland e.V., die Hilfe-Organisation

- Screenshot www.internet-notruf.de
“Wir erfahren mehr, wir können Lügen aufdecken, Wahrheiten erfahren und insgesamt kritischer und wissender werden. Aber wir müssen gleichzeitig wachsam sein”, so warnte Ralf Sokoll, Gründer des Internet-Notruf Deutschland e.V. im Interview. Im Folgenden erfahren Sie mehr über die Hilfe-Organisation, die auf rein ehrenamtlicher Basis arbeitet und u.a. von Udo Lindenberg unterstützt wird.
Zur Organisation
Zusammen mit anderen gründet Ralf Sokoll 1997 den „Innovativer Schüler Schutzbund e.V.“. Aufgrund der neuen Kommunikationswege kam 1998 die Trendwende, Informationen für Kinder und Jugendliche, die von Gewalt betroffen sind, online zu stellen und Infomaterial via E-Mail zu versenden. Das rief die Idee hervor, Hilfe und Beratung ausschließlich über das Medium Internet anzubieten. Aus diesem Grund wurde die Organisation in den Internet-Notruf Deutschland e.V. umbenannt. Aufgrund der vielfältigen Zielgruppen sind im Laufe der Zeit die jeweiligen Kontaktbereiche Eltern-, Schüler-, Frauen-, Männer-, Senioren-, Studenten- und Lehrer-Notruf entstanden. Es ist zwar bei weitem nicht das einzige Beratungs- und Hilfeangebot im Internet. Aber dafür vereint der Internet-Notruf als einzige Organisation im deutschsprachigen Raum diese o.g. unterschiedlichen Beratungsfelder.
Sokoll: „Uns kontaktieren Menschen, die wir sonst nicht erreichen würden!“
An den Internet-Notruf wenden sich Hilfesuchende und erhalten anonym durch eine studierte Fachkraft eine professionelle und kostenlose Beratung via E-Mail an 365 Tagen im Jahr. Stellt sich dabei heraus, dass z. B. eine Therapie etc. am Wohnort der richtige Weg zur Problemlösung ist, erhalten Hilfesuchende Adressen von psychosozialen Einrichtungen und Therapeuten am Wohnort. Dazu ist seitens des Hilfesuchenden lediglich die Angabe der ersten zwei Ziffern seiner Postleitzahl erforderlich. Zielgruppe sind allgemein Hilfe suchende Menschen zwischen 10-70 Jahre und im Besonderen Jugendliche zwischen 14-20 Jahre sowie Frauen und Männer zwischen 25-45 Jahre.
Beachtlich ist hier, dass nur 0,1 Prozent aller Anfragen nicht ernst gemeint sind. Auf eine statistische Erhebung bezüglich der Internetnutzung unter den Hilfesuchenden wird bewusst verzichtet.
Die Organisation arbeitet auf rein ehrenamtlicher Basis. Zu ihren Sponsoren gehören u.a. Udo Lindenberg, LTU, Eurowings, buch.de, Maritim Hotels, bol.de, etc.
2000 veranstaltete der Internet-Notruf in Oberhausen ein (kostenfreies) Musik-Event und lud hierzu Interessenten aus ganz Deutschland ein.
Ralf Sokoll: „Ich denke, diese Vorgehensweise ist für Organisationen wie uns zum einen außergewöhnlich und zum anderen wichtig, um in der realen Welt mit seinem Angebot in der virtuellen Welt entsprechend anerkannt zu werden.“
Zur Person
Ralf Sokoll besitzt eine Ausbildung als Industriekaufmann und hat unter anderem als Projektmanager gearbeitet. Er selbst sieht sich als Teamplayer, der die Gruppe durch neue Ideen und Impulse motiviert; wie z. B. die Gründung dieser Organisation:
Sokoll: „Meine Aufgabe im Team ist es, Visionär zu sein. Aber gleichzeitig dafür Sorge zu tragen, dass der Vereinszweck und die gemeinsam erarbeiteten Leitlinien zum Wohle der Hilfe suchenden Menschen umgesetzt werden.”
Zum Internet ist Sokoll über BTX gekommen. Er begreift es als sehr positiv, auch wenn es Gefahren birgt. Denn, so Sokoll: „Man muss aufpassen, dass das Internet einen nicht frisst.“, „Man verliert sich schnell im Internet.“
Zum Individualismus
„Individualismus ist, wenn ich zu jeder Zeit selbst entscheiden kann was ich tue und welches Angebot ich nutze, ohne dabei aber andere zu benachteiligen bzw. ohne zu Lasten der Gesellschaft zu agieren.“
Ralf Sokoll war von Anfang an zuversichtlich, dass der Internet-Notruf erfolgreich sein würde. Er hält den Individualismus als notwendigen Bestandteil, um im Internet erfolgreich zu sein. So hat er den Internet-Notruf mit viel Engagement und Ehrenamt zusammen mit anderen aufgebaut.
Aber Internetuser sind für ihn nicht per se Individualisten. Denn das Internet spiegelt die gesamte Gesellschaft wieder.
Insbesondere bei der Klientel des Internet-Notrufes „ist der Individualismus zurück gestellt“. Viele haben Missbrauch erlebt und möchten wieder am Leben teilhaben.
„Beim Internet-Notruf geben Klienten beim ersten Kontakt Inhalte preis, die Therapeuten sonst oftmals in 10 Sitzungen nicht erfahren.“
Schwierig wird es aber bei Menschen mit einer Multiplen Persönlichkeitsstörung (auch Dissoziative Identitätsstörung genannt). Hier ist aus gemachter, jahrelanger Erfahrung für Betroffene eine Beratung via Internet weder sinnvoll noch hilfreich.
Hürden
Anfangs gab es aus Fachkreisen kritische Stimmen gegenüber der Arbeit des Internet-Notrufes. Das er zur Konkurrenz für Beratungseinrichtungen vor Ort werden könnte und für diese womöglich Fördergelder wegfallen und dadurch Arbeitsplätze in Gefahr geraten. Das bewahrheitete sich nicht.
Aus heutiger Sicht würde er im Falle einer Neugründung des Internet-Notrufes auf das Sponsoring weitgehend verzichten. Der Zeitaufwand für die Akquisition steht hier kaum im Verhältnis zum Nutzen. Außerdem ist es wichtig, als Internet-Notruf unabhängig zu bleiben. Fallen wichtige Sponsoren plötzlich aus, kann niemand für das Weiterbestehen garantieren. Diese Sichtweise bezieht sich allerdings auf die spezifischen Strukturen seiner Organisation. Bei anderen Einrichtungen mag das grundsätzlich anders aussehen und bewertet werden.
„Der Internet-Notruf ist ein Bindeglied zwischen der realen und virtuellen Welt.“ … „Was heute noch nicht möglich erscheint, ist die Therapie über das Internet. Ich kann mir aber vorstellen, das es in einigen Jahren oder Jahrzehnten möglich sein wird.“
Schattenseiten des Internet
„Es sind alle Zielgruppen vertreten; auch Verbrecher.“
„Wären nur noch unseriöse Angebote vorhanden, würde man das Internet vermehrt meiden.“
Der Jugendschutz ist im Internet schwierig. Aber es sind auch die Eltern mit dafür verantwortlich. Denn: „Sie öffnen zu Hause für ihre Kinde das Tor zum Internet.“ Menschen, die alleine vor dem Bildschirm sitzen, reflektieren oftmals nicht, was sie tun bzw. was sie visuell aufnehmen.
(Neue) Internetkultur?
Von einer (neuen) Internetkultur kann man aus heutiger Sicht (noch) nicht sprechen. Die technische Entwicklung ist hier schneller als die des Nutzers. Sicherlich wird man das in einigen Jahren besser einschätzen können.
Jedenfalls ist die Welt mit dem Internet kleiner geworden.
„Früher hat man als Kinder auf dem Hof zusammen gespielt, heute spielt man weltweit vernetzt zusammen.“
Es gibt zudem eine permanente Erreichbarkeit und keine Ladenschlusszeiten. In Bezug auf den Internet-Notruf verteilen sich die Zugriffszeiten nahezu gleichmäßig über den ganzen Tag. Lediglich mittags und abends sind sie etwas höher. An Weihnachten oder zu anderen Feiertagen ist kein erhöhter Traffic zu verzeichnen.
Es gibt aber auch etwas spezifisch Deutsches im Internet: Verklemmtheit und Argwohn. Man grübelt viel, bevor man Angebote nutzt. Dies betrifft vor allem neue Internetuser im Alter von ca. 35 Jahren. Zumindest geht man nicht grundsätzlich sorglos damit um. Es stellt sich für Sokoll die Frage: „Wie sollte man persönlich vorgehen, um dieses Medium richtig einschätzen zu können?“ Sollte man eher skeptisch oder unbedarft herangehen, um eine Offenheit dafür zu bekommen? Eine gesunde Mischung ist sicherlich ratsam.
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Text und Recherche: Oliver C. Pfannenstiel
Dieser Beitrag ist Teil der Serie ZUKUNFT INTERNET - Was die Menschen bewegt der Schwerpunkt-Themenreihe “Das gefährliche Internet?” auf Readers Edition.
Mehr: Zum Interview mit Ralf Sokoll
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