“Das Neue am Internet wäre, dass wir Kommunikationsformen selbst gestalten können und dadurch auch uns selbst neu sehen, erleben und darstellen können.” Mathias Jud und Christoph Wachter haben klare Vorstellungen davon, wie sie das Internet für sich nutzen können. Sie machen damit Kunst. Und: Mit picidae überlisten sie die Internetzensur in China. So würden sie erleben, dass “wir auch mit dem WWW nicht weltweit vernetzt sind, sondern uns selbst aktiv vernetzen müssen”. Lesen Sie hier die Gründer von picidae.net im Kurzinterview unserer Serie ZUKUNFT INTERNET.
RE: Sie haben die Chance ergriffen und sind im Netz aktiv. Was war damals Ihre Intention, ins Netz einzusteigen?
Jud/ Wachter: Mit unserem Kunstprojekt Zone*Interdite (französisch für Militärisches Sperrgebiet) untersuchen wir einen Wahrnehmungswiderspruch: Militärische Zonen dürfen wir nicht fotografieren und nicht betreten, gleichzeitig werden wir aber mit Bildern überhäuft: Propagandabilder, Lebenszeichen von Soldaten, militärische Selbstdarstellungen, Regierungserklärungen. Wir untersuchen diesen Widerspruch hinsichtlich unserer eigenen Betrachtungsweise und Vorstellung. Was vollzieht sich in unserer Wahrnehmung? Wie und weshalb nehmen wir diese blinden Flecken und Ausblendungen selbst vor?
Von Anfang an konzipierten wir dieses Projekt als ein Publikumsprojekt, offen, skizzenhaft, ein Selbstversuch. Wir fingen an, alle öffentlichen und frei zugänglichen Materialien zu den verbotenen, militärischen Sperrgebieten zu sammeln und so diesen blinden Flecken eine andere Betrachtungsweise entgegenzusetzen. Wir begannen mit Skizzen, Malereien, einer Sammlung als Zettelkasten. Das Internet war für dieses Vorhaben spannend und so fingen wir im Jahr 2000 an, die Inhalte als eine Linksammlung und Verortung auf Karten, aber auch als 3D Walkthroughts anzulegen.
Ob es eine Chance war? Es war eine Zeit, in der Internetportale etwas rudimentärer waren, auch Navigations- und Kartensoftware nicht existierten. Unser Projekt verlangte viel Pionierarbeit, viel Entwicklung und harte Lernprozesse. Wir haben den Aufwand nicht gescheut, weil wir das Verlinken der Materialien, das Partizipatorische und das Fragmentarische, das Skizzenhafte, das permanent Veränder- und Erweiterbare, die Offenheit und Zugänglichkeit sehr entscheidend fanden. Mit dem Projekt trafen wir den Nerv der Zeit und haben einiges vorweggenommen und angeschoben, nicht nur betreffend neuer künstlerischer Strategien sondern auch ganz konkret, was die Entwicklungen und Möglichkeiten des Internets betrifft.
RE: Was ist für Sie das Internet – ein großer Umbruch oder nur ein weiteres Medium bzw. eine neue Infrastruktur?
Jud/ Wachter: Es kommt darauf an, was wir mit dem Internet machen: das Internet wurde sehr zentral, weil es auch als Meta-Informations- und Kommunikationsplattform dient und zunehmend Aspekte unseres sozialen Austauschs und unserer Selbstdarstellung beinhaltet. Deshalb machten wir bei unserem Projekt picidae das Internet gleichsam zum Darstellungsmittel und zum Untersuchungsobjekt. Kunst anhand des Internets mag befremden. Aber tatsächlich hat das Internet für die meisten viel mehr mit den eigenen Bildern und Vorstellungen von der Welt und der Selbstdarstellung zu tun, als Malerei etwa. Es gibt aber noch eine innere Bewandtnis: mit unseren Kunstprojekten untersuchen wir selbstkritisch, welche Ansichten, Vorstellungen und Bilder uns prägen. Und hier ist das Internet auch Sinnbild und Träger für die Globalisierung, die Vernetzung, die Kommunikation, die Individualisierung und Selbstmanifestation. Eigen ist, dass Kunst direkt mit unserem Leben zu tun hat, gar in den Alltag hineingreift. Genau so fremd ist für viele, dass wir selbstkritisch die digitalen Netze analysieren und bespielen können, und daraus sehr tief greifende, neue Einsichten gewinnen.
RE: Wo liegen Ihres Erachtens die Stärken und Schwächen des WWW in seiner jetzigen Form? Wo sehen Sie die wichtigsten Entwicklungen?
Jud/ Wachter: Angesichts von Ranking, Rating und Filterung ist das digitale Netzwerk und unser Austausch gar nicht global. Wo aber sind die Unterschiede und Grenzen? Was sehen unsere Kommunikationspartner an einem anderen Ort? Mit dem Kunstprojekt picidae untersuchen wir selbstkritisch das so genannte World Wide Web.
Von html-Webseiten liefern die pici-Server Abbilder, die selbst wieder klickbar sind. Die Bilder transportieren nicht nur spezifische Ansichten, sondern dienen gleichzeitig auch als digitale Verschlüsselung. Dadurch unterwandert picidae die Internetzensur. picidae bewährte sich bei der Überwindung der großen, chinesischen Firewall, das haben wir in den streng überwachten, chinesischen Internetcafés selbst ausprobiert. Die picidae-Community hat viele Nutzer in China, den arabischen Ländern und Nordafrika – aber auch hier sensibilisiert das Projekt für die Eingriffe und Zensur. Mit picidae erleben wir, dass wir auch mit dem WWW nicht weltweit vernetzt sind, sondern uns selbst aktiv vernetzen müssen.
RE: Inwiefern hat das Internet durch die neue Art der Kommunikation Einfluss auf das soziale und kulturelle Leben?
Jud/ Wachter: Als McLuhan formulierte, „the medium is the message“ betrachtete er, wie sich die Menschen verhalten. Unsere Kunstprojekte werden manchmal kommentiert, als seien sie selbst die logische Entwicklung des Internets. Das Internet könne man nicht zensieren, da fänden sich immer neue Wege. Oder: nichts mehr bleibt im Verborgenen, selbst militärische Geheimnisse sind nun offen zugänglich. Beide Projekte sind aber Community-Projekte, die eine kategorisch neue Dimension aufstoßen und erst ein kleiner Anfang ihres eigentlichen Potentials entfalteten.
Mit einer passiven Konsumhaltung degradieren sich Internet-User jedoch zu reinen Betrachtern, wie es auch Fernsehzuschauer sind. Die Frage ist deshalb nicht nur, was machen wir mit dem Internet, sondern: was macht das Internet mit uns? Das Neue am Internet wäre, dass wir Kommunikationsformen selbst gestalten können und dadurch auch uns selbst neu sehen, erleben und darstellen können. An dieser Wechselwirkung sind wir als Kunstschaffende interessiert.
Viele Nutzerprofile reduzieren eine komplexe Selbstdarstellung auf Klischees, machen User zu Lückenbüßern und reduzieren den Austausch auf ritualisierte Formen. Wir wurden zum Thema „Social Networks“ nach Manchester eingeladen. In der Manchester Art Gallery richteten wir als Kunstinstallation ein Internetcafé ein. Internetcafés sind bizarre Orte. Menschen versammeln sich, um sich von einander abzusondern. Möglichst ungestört tauchen sie in eine virtuelle Welt ein, in der sie dann aber wiederum kommunikativen Austausch suchen. Wir kehrten dieses Prinzip um, rekonstruierten das Internetcafé als Sozialraum und sondierten mit den Besucherinnen die Möglichkeiten und Grenzen des Internets sowie der eigenen Darstellungs- und Betrachtungsformen. Auch weil wir Zensur und Einschränkungen sichtbar machen können, haben wir in dieser Installation sehr packende Momente neuer kollektiver Betrachtungen erlebt, die ein Potenzial des Sozialen und Kulturellen mit und mittels Internet offenbaren.
RE: Wird das Internet unsere Art zu denken verändern?
Jud/ Wachter: Im Sinne der “preadaptive advance” zeichnen sich in unseren Kunstprojekten viele Chancen und latente Fragen ab, doch ob diese angenommen oder in der einen oder anderen Form neuen Einschränkungen und Ausschließungen unterworfen werden, bleibt abzuwarten. Unsere Kunstprojekte sind jedoch in erster Linie Selbstversuche. Deshalb wollen wir immer wieder ganz eintauchen in das neu Entdecken und neu Denken, nicht nur von Kommunikationssystemen oder Bildern, sondern vorab von mir selbst.
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Weiterführende Links:
http://www.wachter-jud.net/work
Dieser Beitrag ist Teil der Serie ZUKUNFT INTERNET – Was die Menschen bewegt der Schwerpunkt-Themenreihe “Das gefährliche Internet?” auf Readers Edition.
Interview: Felix Kubach/ Nicole Oppelt
Mehr: Zum Projekt
Weitere Beiträge:
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