Nachdem sich Christoph Wachter und Mathias Jud im Kurzinterview bereits an die Frage: “Was macht das Internet mit uns?” herangetastet haben, erfahren Sie hier mehr über das Projekt picidae, darüber auf welche Weise die chinesische Firewall zu knacken ist und was „Die Reise ans Ende des Internets“ – nach China – für die Macher von picidae bedeutete.
Die Macher
Christoph Wachter, geb. 1966 in Zürich, lebt seit 15 Jahren in Berlin, und Mathias Jud, Jahrgang 1974, geb. und wohnhaft in Zürich
Die Gründung
Als Künstler beschäftigen sich Jud und Wachter mit dem Thema „menschliche Wahrnehmung“, also mit den Fragen: Was können wir sehen und was nicht? Und wie bestimmt unsere Wahrnehmung unseren Handlungshorizont? Besonders interessieren sie die eigenen Bilder, die eigenen Ansichten im Sinne eines Dispositivs, also Definitionen und Vorstellungen, Konventionen, Kultur, Sprache usw. die uns prägen und unseren Blick lenken.
Von November 2006 bis Februar 2007 waren Jud und Wachter als Stipendiaten in Halle/Saale bei der Werkleitz Gesellschaft Sachsen-Anhalt. Sie spürten noch die Nachwirkungen der Wende, den Rückbau der Städte, lernten Menschen sowohl mit Ost- als auch mit West-Biografien kennen, sahen die Unterschiede in deren Sprache und Sozialisation, sie hörten von Westfernsehen und dem Tal der Ahnungslosen. Sie arbeiteten in Halle an ihrem letzten Projekt „zone interdite“. Auch hier ging es um Wahrnehmungsgrenzen: Für Militärbasen überall auf der Welt gibt es ein Darstellungsverbot, diese Orte sind blinde Flecke auf der Landkarte. Auf der Internetseite zone-interdite.net sammelten sie Material zu diesen Basen, das untereinander verlinkt und aufbereitet, diese Orte sichtbar machen soll.
Sie kamen jetzt auf eine neue Idee: Sie wollten das Internet selbst zum Thema ihrer Arbeit machen.
Sie beschäftigt sich mit der Idee des world wide web, als Utopie eines unendlich großen Raumes, in dem jede Seite nur ein Klick entfernt ist. Ihr neues Projekt sollte diese Utopie des Netzes sichtbar machen: Die Vorstellung des Netzes als virtueller Freiraum impliziert eine gewisse Art des Zugangs, die Annahme etwas Grenzenloses zu bekommen. Internet ist aber nicht der virtuelle Freiraum, an dem wir alle uneingeschränkt partizipieren. Tatsächlich ist das Netz durch Firewalls, Suchmaschinen, Provider, Vorkonfigurierungen eingeschränkt. Mit ihrem Projekt wollten sie diese Einschränkung sichtbar machen: Indem sie ein System zur Umgehung von Firewalls entwickelten, das eine der mächtigsten Firewall durchbrechen sollte, den „Golden Shield“ – die chinesische Firewall.
Sie nannten das Projekt picidae – zu deutsch: der Specht.
…Unter Anlehnung an die Mauerspechte, die 1990 die ersten Löcher in die Berliner Mauer mit Hammer und Meißel schlugen und so gleichzeitig etwas sichtbar machten, was jahrelang ihrer Wahrnehmung entzogen war.
„picidae ist der Widerspruch – da ist einerseits das world wide web, dieser scheinbar große virtuelle Freiraum, diese Wolke mit einem Strich verbunden mit unseren Rechnern – da ist andererseits der Fakt, dass da Dinge nicht zugänglich sind, Sachen gefiltert werden. Mit picidae soll dieser Widerspruch erfahrbar gemacht werden.“ (Wachter)
„Das Internet ist Teil unseres Handelns und Vorstellungshorizontes. Deswegen sollten wir wissen wie es funktioniert und welche Grenzen es auch hat.“ (Wachter)
„Das Ziel war nicht, die Internetzensur auszuschalten, sonst wären wir vermutlich wie ein Enthüllungsjournalist oder ein Programmierer vorgegangen. Wir machen Bilder, das heißt wir gehen anders vor, im Sinne der bildenden Kunst und nicht nach der Art der Enthüllung oder Programmierung.“ (Wachter)
Das Projekt
picidae ist zugleich ein künstlerisch-philosophisches Werk wie auch ein praktisches Tool zur Überwindung von Filteranlagen. picidae betreibt mehrere Server als Community-Projekt und funktioniert als ein zweistufiges (Server und Proxies), offenes, wachsendes, chaotisches Netzwerk. Ein User, dessen Zugang zu bestimmten Seiten durch einen Filter zensiert ist, kann einen pici-Server anwählen, dieser macht dann ein Bild des frei zugänglichen, statischen Internets (Abbilder von Webseiten) an seinem Standort. Dieses Abbild ist von anderen Orten erreichbar und passiert als Bild die Filterung. Die meisten real-time-Filteranlagen arbeiten textbasiert, d.h. sie scannen den Code einer Seite und schlagen bei bestimmten Begriffen Alarm. Durch picidae wird aber ein Bild an den User übermittelt, das von den Filteranlagen nicht erkannt werden kann. picidae ist zudem open-source und somit offen für alle, um weiter bearbeitet zu werden.
„Die Reise ans Ende des Internets“
Von Berlin, der Stadt der Teilung und der Mauerspechte, reisten Jud und Wachter nach China, ans „Ende des Internets“. Drei Wochen lang testeten sie in Beijing und Shanghai den „Golden Shield“, die große chinesische Firewall in verschiedenen Internetcafés. Unter nicht ganz ungefährlichen Bedingungen: Alle Besucher müssen sich strenger Ausweiskontrolle und Registrierung unterziehen, die Räume sind mit Überwachungskameras ausgestattet. Über den picidae-server konnten sie Internetseiten und Suchanfragen starten, die normalerweise von der chinesischen Firewall geblockt werden: Z.B. die Suche nach „Tiananmen massacre“ oder „democracy“ auf einer nicht zensierten Version von Google sowie die Anwahl der BBC-Homepage.
Allerdings lassen sich auch andere Firewalls mit picidae umgehen: Z.B. zensiert ein großer deutscher Internetprovider bestimmte Seiten pornografischen Inhalts, an manchen Schulen sind Seiten von MySpace nicht erreichbar und viele Firmenfirewalls erlauben den Zugriff auf bestimmte Internetseiten nicht. Mit picidae können solche Filter umgangen werden, was bereits zu einiger Kritik geführt hat.
Aber auch diese Firewalls sind teil der Wahrnehmungsbeschränkung im Internet und somit Thema von picidae.
Es geht den Künstlern aber nicht darum Freiheit im Netz zu schaffen, sondern die Grenzen dieser Freiheit erfahrbar zu machen, d.h. zu vermitteln, dass Freiheit relativ ist:
Allerdings würden Jud und Wachter auch den Begriff der „Einschränkung“ in diesem Zusammenhang nicht verwenden, da er ihrer Meinung nach impliziert, dass bei Aufhebung dieser Einschränkung und damit grenzenlose Freiheit im Netz möglich wäre. Dass das nicht so ist, wollen sie mit ihrem Projekt aber gerade zeigen. Ziel ist es vielmehr den Einzelnen auf diese Widersprüche aufmerksam zu machen und ihm damit eine gewisse Mündigkeit zurückzugeben.
„Wir spekulieren auf die souveräne Wahrnehmung, auf eine gewisse Mündigkeit des Einzelnen“ (Wachter)
„Es war unglaublich, als wir im Internetcafé in China die ersten Webseiten sahen.“ (Jud)
„Es war spannend in China zu erleben, wie an einem ganz anderen Ort das Internet genutzt wird. Für die Menschen dort ist das Netz sicherlich kein Informationsmedium. Man fragt sich, wenn ich ein Chinese wäre, wie würde ich sehen?“ (Jud)
Wirkung
Das Angebot von picidae wird schon jetzt quer über den Globus genutzt: Es kommen Mails aus China und Dubai, in einem Monat hatte picidae gut 1 Millionen Seitenzugriffe.
Es schreiben Leute, die in ihrer Firma ihre Arbeit nicht mehr vernünftig machen können, weil die Firmenfirewall wichtige Seiten sperrt, Schulkinder, die sich Seiten auf MySpace anschauen wollen, Journalisten, deren Verlag sogar schon die Webseite www.picidae.net gesperrt haben (Das community-server Netzwerk kann allerdings nicht gesperrt werden).
Das Netz und der Einzelne
Die Annahme, dass das Internet als Medium an sich Freiheit ermöglicht, ist gefährlich. Durch ausgeklügelte Filtersysteme sind Herrschaftsstrukturen auch hier wieder durchsetzbar. Am Anfang des Netzes gab es noch nicht das Bedürfnis es zu kontrollieren, weil es nur wenige Nutzer gab. Heute gibt es dieses Bedürfnis, und die Systeme der Kontrolle werden komplexer. China zeigt wie hoch entwickelt Fitlersysteme heute sind, die Internet-Marketingstrategien großer Web-Konzerne zeigen das ebenfalls. Die Annahme, die Freiheit setze sich eh durch, ist gefährlich, denn sie führt zur Aufgabe der Mündigkeit des Einzelnen.
Das Netz verändert sich ständig, es gibt neue Formen der Einflussnahme, der Zensur. Darauf muss ständig neu reagiert werden. Z.B. wurde die chinesische Firewall im Sommer 2006 nochmals nachgerüstet, da Projekte von Programmierern stets daran arbeiten sie auszuhebeln. Es gibt die Tendenzen im Netz, mehr kontrollieren zu wollen, aber es gibt auch eine Menge Projekte wie picidae, die das sichtbar machen wollen.
„Ich hoffe, dass das Internet uns immer wieder die Möglichkeit gibt, diese Strukturen der Einflussnahme zu erkennen und zu diskutieren. Und das ist dann das demokratische Moment, dass das diskutiert werden kann.“ (Wachter)
picidae zielt also letztlich auf die Emanzipation des Einzelnen. Dadurch, dass man sich der Beschränkungen des Netzes an verschiedenen Orten bewusst wird, erhält man ein Bild der eigenen Wahrnehmungsgrenzen. Die souveräne Betrachtung ist die Folge, es geht darum, sich selbst anders zu sehen.
„Man kann interessante Dinge über sich selbst erfahren, es geht darum wie sehe ich etwas, wie erfahre ich etwas?“ (Wachter)
Jud und Wachter sagen: Das Internet hat unsere Gesellschaft bereits stark verändert. Man kann die Frage stellen: Was ist denn eigentlich das Internet? Es gibt es keine Abgrenzung mehr zur Welt offline, zu anderen Medien. Seitdem es das Internet gibt, haben sich unsere Printmedien, das Fernsehen verändert, andererseits finden sich Zeitungs- und TV-Berichte auch wieder im Netz. Das Internet wird zu einem großen, grundsätzlichen Medium, zu einer Plattform für alle Medien.
„Das Internet wird ein absolut alltägliches Ding. Es ist schwierig zu sagen, was jenseits des Internets ist.“ (Jud)
Erkenntnisse über Strukturen im Internet sind somit auch rückwirkend Erkenntnisse über unsere Welt insgesamt.
Große Worte
„Zensur bedeutet auslöschen, nicht nur einen Inhalt, sondern auch unsere Sprache und unsere Vorstellungen darüber.“ (Wachter)
„Das Internet mit einem offenen Community-Projekt von verschiedenen Standpunkten zu betrachten und die Filterung und Redirects mittels Bilder systematisch zu unterwandern ist meines Wissens an unserem Kunstprojekt einzigartig.“ (Wachter)
- – -
Text und Recherche: Lutz Ackermann
Dieser Beitrag ist Teil der Serie ZUKUNFT INTERNET – Was die Menschen bewegt der Schwerpunkt-Themenreihe “Das gefährliche Internet?” auf Readers Edition.
Mehr: Zum Interview
Weitere Beiträge:
- ZUKUNFT INTERNET (I): Neofonie - Interview / Unternehmen
- ZUKUNFT INTERNET (II): Internet-Notruf Deutschland e.V. – Interview / Organisation
Pingback: Readers Edition » ZUKUNFT INTERNET (IV): Senioren Computer Club e.V., sozialer Anlaufpunkt