Der Libor – Leitzins für Geld- und Kapitalmarktgeschäfte: Ein tragfähiger Indikator?

Der Libor (London Interbank Offered Rate und zahlreiche weitere äquivalente Zinssätze sind eine der zentralen Finanzmarktgrößen. Nicht für Geschäfte zwischen Geschäftsbanken, die sich kurzfristig Tagesgeld beschaffen müssen, ist dies der relevante Preis des Geldes, sondern er ist in zahllosen Kontrakten der Referenzzins, an den variable Zinsanpassungen erfolgen. Allerdings bestehen derzeit

Der Libor (London Interbank Offered Rate und zahlreiche weitere äquivalente Zinssätze sind eine der zentralen Finanzmarktgrößen. Nicht für Geschäfte zwischen Geschäftsbanken, die sich kurzfristig Tagesgeld beschaffen müssen, ist dies der relevante Preis des Geldes, sondern er ist in zahllosen Kontrakten der Referenzzins, an den variable Zinsanpassungen erfolgen. Allerdings bestehen derzeit erhebliche Probleme den Libor zuverlässig zu messen, da der Tagesgeldmarkt aufgrund der niedrigen Zinssätze der Zentralbanken ausgetrocknet ist. Weil oftmals von den meldenden 16 Banken der British Bankers Association oftmals jeden Tag gar keine Geschäfte im Interbankmarkt getätigt werden, werden einfach Schätzwerte auf Basis der letzten Tage übermittelt. Dies kann– so wird vermutet – zu einer systematischen Unterschätzung des Libors führen.

Unkalkulierbare Folgen auf indizierten Märkte

Die Verwendung geht sogar soweit, dass variable Hypothkenzinsen (sogenannte ARMs – adjustable rate mortgages) ihre Zinsen an den Libor koppeln. Der größte Teil der Hypotheken in den USA, aber auch in Ländern wie Spanien und Großbritannien verwendet variable Hypothekenzinsen als Finanzierungsansatz und sind daher direkt von dessen Entwicklung abhängig. Das am Libor indizierte weltweite Marktvolumen wird derzeit auf 360 Billionen geschätzt. Dies hat Konsequenzen. Die Höhe des Libor ist daher auch nicht nur von den Tagesgeldgeschäften am Interbankmarkt abhängig, sondern in ihm spiegeln sich auch indirekt Marktverhältnisse auf Märkten wie Optinionsmärkten sowie Terminmärkten aller Art. Mithin basieren deren Geschäfte auf unzuverlässigen Schätzungen des Libor. Bei einer so kleinen Zahl von Banken kann dies durchaus zu erheblichen Abweichungen führen.  Das kann sehr kostspielige Folgen für alle Beteiligten haben. Man stelle sich vor, ein GPS-Navigationssystem würde aufgrund von Störungen nur noch sehr ungenau den Kurs angeben.

Gefahr von Manipulationen

Neben den unbeabsichtigten Schätzfehlern könnte darüber hinaus auch vorsätzlich der Wert nach oben oder unten manipuliert werden. Da derzeit der Libor sehr volatil ist und der Zinsspread, d.h. die Differenz zum Zentralbankdiskontsatz sehr groß ist, können hier besonders leicht Fehlweisungen eintreten, wenn die gemeldeten Werte nicht auf einer ausreichend großen Zahl von Transaktionen basieren. Hinzu kommt, dass nicht nur der Zinssatz selbst, sondern der Zinsspread oftmals in die Berechnung von Geld- und Kapitalmarktgeschäfte eingeht. Es ist jedenfalls hoch problematisch unter den derzeitigen Marktverhältnissen den Libor als Indexzins für andere Geschäfte zu verwenden.

Sterilisierung der Zins- und Offenmarktpolitik

Die Geldpolitik ist durch Indexbindungen erheblich in ihrer Wirksamkeit eingeschränkt, wenn durch Übertragungseffekte  aus den anderen Märkten der Libor nicht so sehr auf die Geldpolitik der Zentralbanken reagiert, sondern auf die daran gekoppelten Geld- und Kapitalmarktgeschäfte. Im Sinne eines walrasianischen Geld- und Kapitalmarktmodells  würden die Marktbewegungen einen Zinseffekt über Kreuzzinselastizitäten auf den Libor ausüben können. Da wegen der Krise beispielsweise im Hypothekenmarkt die Risikoprämie aufgrund höherer Kreditausfälle prinzipiell steigen muss, um dieses auszugleichen, könnte durch derartige Effekte der Libor nach oben getrieben und dort festgehalten werden. Zinssenkungen der Zentralbanken können zwar die kurzfristigen Refinanzieungskosten der Geschäftsbanken beeinflussen wollen, aber andere Akteure, die eigentlich außerhalb dieses Marktes sind, können starke Anreize haben den Libor nach oben zu treiben. Bei einem Marktvolumen von 360 Billionen Dollar würden auch scheinbar geringfügige Übertragungseffekte aufgrund von bestehenden Kreuzzinselastizitäten, insbesondere in einer Situation mit einer weit reichenden Finanzmarktkrise, die Zinspolitik der Zentralbanken sterilisieren.

Auch die massive Bereitstellung von Liquidität im Rahmen der Offenmarktpolitik ändert derzeit aufgrund der Hortung dieser Liquidität bei den Geschäftsbanken nichts an der prekären Lage. Die Zentralbanken stehen daher vor dem Problem eines massiven Marktversagens in einem ihrer zentralen Steuerungsinstrumente. Es ist daher kein Wunder, wenn die Zurückgewinnung der Kontrolle über den Geldmarkt von Charles Wyplosz, einem führenden  Geldmarktexperten als eine der wichtigsten Aufgaben der G7-Länder ansieht. Nur fehlt es an konkreten Vorschlägen, wie dies erreicht werden soll. Wie die letzte koordinierte weltweite Zinssenkung von Zentralbanken um 50 Basispunkte deutlich gemacht hat, reagieren die Märkte auf dieses Signal nicht. Der Libor ist sogar noch gestiegen und hat damit die Situation noch prekärer werden lassen. Wie bereits von mir gesagt, liegt hier eine nachhaltige Funktionsstörung des Marktes vor. Durch einen direkten Staatseingriff wäre dies vorübergehend rasch zu beseitigen. Man müsste nur den Libor diskretionär auf einen Wert festsetzen, der deutlich näher am Leitzins der Zentralbanken liegt und ihn dort für eine Zeitspanne von beispielsweise drei Monaten halten, bis sich die Turbulenzen an den Finanzmärkten wieder gelegt haben. Danach könnte er dann wieder wie zuvor dem tatsächlichen normalen Marktgeschehen überlassen werden.

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