“Weniger Zeit beim Suchen bedeutet mehr Zeit zum Lesen”, so Bernd Heinisch, Gründer und Mitglied der Geschäftsleitung des ZVAB, dem Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher, im Interview. In der Folge wird beschrieben, wie es von der einfachen Idee zur Gründung kam, wie die sagenhafte Erfolgsgeschichte erst einmal mit Klinkenputzen begann und wie der Dienst schließlich die gesamte Antiquariatsbranche revolutionierte. Heinisch: “Wer mit der Masse schwimmt, kann kein Unternehmen gründen, das Pioniergeist erfordert.”
Das Unternehmen
Das ZVAB – Zentrales Verzeichnis Antiquarischer Bücher – ist der größte Online-Anbieter für deutschsprachige antiquarische Bücher. Über 4100 professionelle Mitgliedsantiquariate aus 27 Ländern bieten im ZVAB rund 28 Millionen antiquarische Medien an. Kunden können so bequem suchen, finden und online bestellen. Durch den Zuwachs an Mitgliedsantiquaren auf der ganzen Welt steigt die Zahl deutsch- und fremdsprachiger Titel stetig. Durchschnittlich werden täglich mehr als 4000 Titel über www.zvab.com bestellt.
Das Angebot umfasst Medien aller Art aus unterschiedlichen Ländern und zahlreichen Themengebieten. Zu entdecken gibt es Romane und Sachbücher, jahrhundertealte Handschriften und wertvolle Erstausgaben, signierte Werke, Graphiken und Lithographien, Noten, Landkarten und Atlanten, Postkarten und Zeitschriften, CDs, LPs und DVDs. Verschiedene Such- und Sortierkriterien wie Autor, Titel, Sprache, Medium oder Preis helfen beim Stöbern in den Schatztruhen der Mitgliedsantiquariate in aller Welt.
1996 rief Bernd Heinisch mit Jens Bauersachs, seinem Bruder Peter Heinisch und Friedemann Kutschbach das ZVAB ins Leben.
Das Konzept: Mit dem Internet die mühsame Suche nach antiquarischen Büchern revolutionieren. Dutzende Läden abklappern, sich die Finger wundtelefonieren – vorbei! Per Mausklick sollte man in Sekundenschnelle die Bestände der Antiquariate durchforsten können.
SPIEGEL Online urteilte im Februar 1999 über das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher: „Seit es das ZVAB gibt, erschließen sich deutschen Bibliophilen neue Welten.“
Seit Ende 1999 gehört das ZVAB zur mediantis AG. Die Fusion mit ChooseBooks, dem amerikanischen Pendant des ZVAB, im Jahr 2004 erweiterte das Angebot des ZVAB um viele Millionen hauptsächlich englischsprachige Titel.
Vom Funktechniker zum ZVAB Gründer
Bernd Heinisch reparierte als Elektronikfacharbeiter bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) Funkgeräte, Verstärker, Beschallungstechnik. Nicht uninteressant, aber sollte er das nun bis zum Lebensende machen? Nein, das dann doch nicht. Sich weiterentwickeln, studieren hieß das Losungswort. Aber ohne Abi? Der ehrgeizige junge Mann fing an, in der Abendschule das Abitur nachzuholen. Keine leichte Sache neben dem Job. Nach zwei Jahren, 1994, kündigte Heinisch den sicheren Arbeitsplatz bei der BVG (Öffentlicher Dienst!), um sich voll aufs Abi zu konzentrieren und danach zu studieren. Die Gelegenheit war günstig: die BVG wollte „Arbeitskräfte abbauen“ und zahlte denen, die von sich aus „gingen“, eine Prämie.
Neben dem Abi in der Abendschule absolvierte Heinisch eine Ausbildung zum EDV-Servicetechniker. Als Alternative bot sich an, wofür er sich bis heute erwärmen kann: biologischer Gartenbau. Aber das Interesse für die Computerwelt überwog. So war er auch einige Zeit in der Mailboxszene aktiv und lernte 1995 über Compuserve das Internet kennen:
„Mich faszinierten sofort die vielen Möglichkeiten, die sich durch eine weltweite Vernetzung auftaten.“
Im Ostteil Berlins geboren, studierte Heinisch ab 1995 an der FU im Westteil einige Semester Philosophie und Informatik. Schon bald nahmen ihn Gründung und Aufbau des ZVAB voll in Beschlag. ZVAB oder Studium lautete schließlich die Frage – das ZVAB war ihm wichtiger.
Dafür wurde nicht zuletzt Geld benötigt. Von den 40.000 DM BVG-Abfindung wanderten 14.000 DM als Steuer in die Kasse von „Vater Staat“ zurück. Der Betrag fehlte später an allen Ecken und Enden. Von den 26.000 DM zehrte Heinisch drei Jahre. Fast hätte es am Ende nicht gereicht und er hätte das Handtuch werfen müssen. 1999 war es so knapp, daß sich der ZVAB Gründer Brot nur noch auf Kreditkarte kaufen konnte.
Nietzsche
Als andere sich von den ersten DM ein „West-Auto“ kauften, erwarb Heinisch in einem Antiquariat in der Nähe vom Winterfeldtplatz für 350 DM (eigens von der Deutschen Bank geliehen) eine bibliophile Nietzsche-Gesamtausgabe. Nicht zum In-den-Schrank-Stellen oder als Geldanlage, sondern zum Lesen. Und es sollte eine Ausgabe sein, die noch zu Lebzeiten Nietzsches veranstaltet wurde. Der erste Band erschien 1899 bei C. G. Naumann in Leipzig. Heute kostet dieselbe Ausgabe im ZVAB, wenn es sie überhaupt gibt, 450 Euro.
Die Idee
Zunächst trug sich Heinisch mit der Idee, Software über das Internet zu verkaufen. Damit war er aber beileibe nicht der erste und einzige. Der entscheidende Anstoß für das ZVAB kam von Jens Bauersachs, einem Freund, der an der FU Bibliothekswissenschaft und Geschichte studierte. Während einer gemeinsamen U-Bahn-Fahrt philosophierte Heinisch vom Software-Verkauf. „Mach doch was Vernünftiges“, warf Bauersachs ein, „antiquarische Bücher“.
„Das schlug ein wie ein Blitz“, berichtet Heinisch heute.
„Ich brauchte keine zwei Sekunden, um zu wissen, dass das die Idee ist“.
Schließlich war er selbst oft in Antiquariaten auf der mühsamen Suche nach bestimmten Büchern unterwegs. Und dies war Neuland: niemand sonst hatte bisher hierzulande so etwas aufgebaut. Etwas, wo Computer und Internet ihre Stärken voll ausspielen konnten.
Die Namensfindung
Der Name ZVAB entstand bei einem Treffen der vier Gründer in der Wohnung von Bernd Heinisch in der Libauer Straße. Vorbild war das Verzeichnis Lieferbarer Bücher (VLB). Das, was das VLB für Neubücher ist, sollte die neue Internetplattform für antiquarische Bücher werden: Ein zentraler Ort, wo sämtliche im ganzen Land verfügbaren antiquarischen Bücher verzeichnet sind. Was traf da besser als „ZVAB“? Denn gut und repräsentativ sollte es natürlich auch klingen.
Der Anfang
Zunächst hieß es ganz einfach: Klinkenputzen. Berlin wurde in drei Sektoren aufgeteilt. Jens Bauersachs, Friedemann Kutschbach und Peter Heinisch erhielten je einen Sektor für die „Antiquariats-Akquise“. Bernd Heinisch sollte sich hingegen voll und ganz um die Computerbelange kümmern.
Peter Heinisch verfaßte den ersten ZVAB Werbetext auf einem DIN-A4-Blatt, der auf den Kopierer gelegt wurde. Damit ging es von Antiquariat zu Antiquariat. Die Skepsis war zunächst groß. Wer hatte schon seinen Bestand „im Computer“? War der Antiquar nicht gerade am Umziehen? Und hatte man nicht so viel Schlimmes vom Internet gehört. Zumindest blieb das ZVAB Werbeblatt auf dem Tisch liegen, während es der „Akquisiteur“ schon beim nächsten Antiquariat versuchte.
Die Marke
Das Projekt mußte auch markenrechtlich abgesichert werden. Bernd Heinisch meldete „ZVAB – Zentrales Verzeichnis Antiquarischer Bücher“ am 7.7.1998 beim Deutschen Patent- und Markenamt an. Dafür musste er 500,- DM berappen. Über ein Jahr später wurde die Wortbildmarke unter der Nummer 398 38910 eingetragen.
Das Erfolgsrezept
Am Anfang existierte im ZVAB kein Shopsystem. Die Buchbeschreibungen konnten lediglich mit Suchbegriffen durchsucht werden. Zu jedem Bucheintrag waren Adresse und Telefonnummer des Antiquariats angegeben. Der Interessent griff dann zum Telefonhörer und wählte eine Nummer, die ihn ans Ziel seiner Wünsche führte.
Zum Erfolgsrezept gehörte, daß die ZVAB Seiten das bewährte Erscheinungsbild der Antiquariatskataloge beibehielten. A und O war der Nutzen des Buchsuchenden und des Antiquariats. Man konnte Bücher bestellen, ohne sich erst registrieren zu müssen.
„Das Geldverdienen stand nicht im Vordergrund“
…erinnert sich Heinisch. Damals gab es nur einen Wettbewerber in Übersee. Im Unterschied zu dessen Money-back-Garantie bot das ZVAB jahrelang eine Zufriedenheitsgarantie an. Heinisch vertraute auf den Umsatz, den das ZVAB dem Antiquariat verschafft: „Sie brauchen Ihre Rechnung nur dann bezahlen, wenn Sie mit dem ZVAB zufrieden sind und unseren Service weiter nutzen wollen“
So mancher Antiquar, der darüber nachdachte, sein Geschäft aufzugeben, erzielte durch das ZVAB wieder Einnahmen – und war hell begeistert und des Lobes voll. So verbreitete sich die Kunde vom ZVAB rasch in der ganzen Antiquariatsbranche einfach durch Mund-zu-Mund-Propaganda.
1999 erwachte auch die Konkurrenz. „Wir haben am Anfang nicht im geringsten an einen Verkauf des ZVAB gedacht.“ Um weiter bestehen zu können und voranzukommen, entschlossen sich die ZVAB Gründer 1999 zum Verkauf.
Das Internet hat der Antiquariatsbranche einen enormen Auftrieb gegeben. Ist es doch inzwischen sehr leicht geworden, sich von jedem Ort der Erde aus fast jeden Lese- oder Sammelwunsch zu erfüllen. Transparenz und Vergleichbarkeit machten die seltenen Bücher teurer und die Massenexemplare billiger. Es gibt nur noch ganz wenige Antiquare, die heute auf das Internet als virtuelles Ladengeschäft verzichten.
Individualismus – „seinen eigenen Weg gehen“
Individualismus bedeutet für Bernd Heinisch, „seinen eigenen Weg zu gehen und seine Talente zu entfalten“.
„Wer mit der Masse schwimmt, kann kein Unternehmen gründen, das Pioniergeist erfordert“, sagt er bestimmt.
Schon als Kind träumte der dunkelblonde ZVAB Gründer davon, einmal etwas Großes zu erfinden.
Audiophilie
„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“. Dieses Nietzsche-Wort prangt quasi über der Hifi-Liebhaber-Musikanlage, die sich Heinisch über das Internet (und das auch noch supergünstig) besorgte. Lange Zeit forschte er dafür in einem Hifi-Forum, bis er die passenden Teile gefunden hatte. „Ohne Internet hätte ich da nie durchgeblickt“, resümiert er.
E-Mail oder Gespräch? „E-Mails kommen nicht immer gut an. Was zwischen den Zeilen mitschwingt, hat der Absender nicht vollständig in der Hand“, meint Heinisch. Wenn Emotionen mitspielen oder Konflikte ausgetragen werden, bevorzugt er daher das Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Heinisch liebt das Bonmot „Willst du dir jemanden zum Feind machen, dann schreib ihm einfach noch eine E-Mail.“
Deutsch & Internet
In Deutschland pirsche man sich mit viel Vorsicht ans Internet heran, meint der ZVAB Gründer. „Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so ausführliche AGB, die niemand liest.“
Ctrl + Z
„Der Computer verzeiht viele Fehler“, sagt Heinisch.
„Die Tastenkombination Ctrl + Z steht für eine ganze Kultur. Virtuell kann fast alles rückgängig gemacht werden. Nur im wirklichen Leben nicht.“
Das mit dem ZVAB würde er heute, hätte er noch einmal die Wahl, aber ganz genauso machen wie 1996.
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Text und Recherche: Oliver C. Pfannenstiel
Dieser Beitrag ist Teil der Serie ZUKUNFT INTERNET – Was die Menschen bewegt der Schwerpunkt-Themenreihe “Das gefährliche Internet?” auf Readers Edition.
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