“Das Internet ist das A und O” – Sebastian Purfürst von “The Hotel” im Interview

Das Spiel mit multimedialen Möglichkeiten, mit analoger und digitaler Ästhetik, ist ein Muß für die Berliner Band “Hotel”. “Das Herz”, so sagt Sebastian Purfürst, Gründer, Sänger und Gitarrist der Band, die auch auf der Popkomm 2008 vertreten waren (RE berichtete…) “schlägt vielleicht noch auf Vinyl, der Kopf aber ist voller

_DAN64811.jpgDas Spiel mit multimedialen Möglichkeiten, mit analoger und digitaler Ästhetik, ist ein Muß für die Berliner Band “Hotel”. “Das Herz”, so sagt Sebastian Purfürst, Gründer, Sänger und Gitarrist der Band, die auch auf der Popkomm 2008 vertreten waren (RE berichtete…) “schlägt vielleicht noch auf Vinyl, der Kopf aber ist voller Hypertextclouds”. Im Interview spricht er über “Virtual Guest Stars” auf der Bühne, die Erfahrungen des “PopCamps”, das sich-Auflösen klassischer Produktionswege im Musikbusiness und seine Faszination für das Internet.

RE: Wenn ich Eure Musik noch nie gehört hätte, wie würdest Du sie selbst beschreiben?

Purfürst: Bei uns spielt Emotion eine extrem wichtige Rolle, das heißt es ist alles mit sehr viel Liebe gemacht und sehr ehrlich. Für mich persönlich aber ist von Bedeutung, dass da analoge und digitale Welten aufeinander treffen.

RE: … so wie im „Wiegenlied einer vietnamesischen Mutter“ aus dem DDR-Fernsehen von 1968, dessen Videodarbietung den Hintergrund eines Eurer Songs bildet?

Purfürst: Genau, irgendwann kam ich auf die Idee, dass man das in die Show einbauen könnte. Und darum geht es auch: Was können wir darüber hinaus machen? Statt einer klassischen Band – was bieten die neuen Medien noch für Möglichkeiten? Das interessiert mich persönlich sehr stark, die Videoleinwand nicht immer nur als „Eye Candy“ einzusetzen, sondern zu fragen: Hey, was sind da noch für Konzepte möglich? Und ein Konzept ist, „Virtual Guest Stars“ einzuladen. Das ist für mich spannend zu sagen: OK, wir haben zum einen so ein klassisches Bandkonzept, da kann es auch mal krachen und scheppern und das muss auch gar nicht so perfekt sein. Und wir haben zum anderen aber auch diese digitalen Möglichkeiten. Und da treffen so zwei Ästhetiken aufeinander, die sich miteinander reiben.

RE: War der Auftritt bei der Popkomm für Dich etwas Besonderes?

Purfürst: Ich finde es immer extrem schön, mit dem „PopCamp“ überhaupt etwas zusammen zu machen, weil die Leute sich sehr viel Mühe geben und total viel Energie in diese ganzen Dinge reinstecken. Es ist natürlich auch eine gute Chance, auf so einem Event wie der Pokomm zu spielen. Für uns war es insofern besonders, weil wir eigentlich gerade im Studio sind, tief vergraben, und das war bisher dieses Jahr auch unser einziges Konzert. Wir haben davor nur einmal im Radio gespielt bei „Fritz“ am Anfang des Jahres. Insofern war das Konzert sehr spannend für uns, ja es war gut.

RE: Ihr seid im „PopCamp“ 2006 dabei gewesen. Was ist davon noch hängen geblieben?

Purfürst: Wir halten und pflegen die Kontakte, die dort entstanden sind, nach wie vor. Das betrifft etwa auch noch eine Handvoll von Dozenten, so zum Beispiel den Vocal Coach und Produzenten Jeff Collier. Mit ihm haben wir schon mehrere Sachen aufgenommen und derzeit überlege ich ganz konkret, dass ich ihn gern einladen möchte, damit er in der finalen Phase des neuen Albums mit uns arbeitet.

RE: Hat sich durch das „PopCamp“ viel verändert für Euch?

Purfürst: Ja, es war auf jeden Fall eine Initialzündung. Man hat einfach die Möglichkeit gehabt, bestimmte Leute, also gestandene Profis aus der Branche, auf einmal zu kontaktieren. Insofern war das schon Gold wert. Und es sorgt, so glaube ich, auch für ein bestimmtes Bewusstsein, was man immer wieder entwickeln möchte und auch sollte, eben ganz genau zu wissen, wo man eigentlich hin will wenn man so ein Unternehmen startet. Weil man sonst in den ganzen Möglichkeiten und in dem ganzen Irrsinn auch verloren ist ein bisschen.

Ich glaube, dass diese ganze Hyperlink-Struktur des Internets generell ganz stark unser Denken beeinflusst

RE: Alle bisherigen Platten habt Ihr in Eigenregie gemacht. Wie sieht es denn jetzt mit der neuen aus, hat schon mal ein Label angefragt?

Purfürst: Mich persönlich interessiert eher die Zusammenarbeit mit einem guten Management. Und da haben wir uns gerade mit neuen Leuten zusammen getan, mit „Wild Booking“, die aus dem Club-Bereich kommen. Für mich ist zurzeit eher die Frage: Was bringt ein Label uns tatsächlich? Wir haben bisher immer sehr gut in Eigenregie produzieren können. Natürlich geht es darum, zu überlegen: Wie bringt man das neue Material unter das Volk? Ich glaube aber, dass dieser ganze klassische Weg: ‚Eine Band sucht sich ein Label und dann geht alles los’, dass sich das alles auflöst gerade.

RE: Kannst Du das näher erläutern, welchen Weg geht Ihr?

Purfürst: Für uns ist das Wichtigste jetzt, dass wir von der Initiative Musik gefördert werden, einem Förderprogramm von der Bundesstiftung für Kultur, das über ein Jahr läuft. Das heißt, wir haben ein wenig Freiraum und ich empfinde es so, dass diese Stiftung ein wenig diesen Background liefert, den früher einmal Plattenfirmen geliefert haben, nämlich ihre Artists zu supporten, eine Produktion zu ermöglichen, eine Show und eine Tour. Und da das eigentlich inzwischen sehr selten der Fall ist, ist das eine fantastische Möglichkeit für uns. Das geht aber eigentlich jetzt gerade erst los.

RE: Ist das Internet für Euch eine wichtige Plattform?

Purfürst: Das ist eigentlich das A und O, glaube ich. Das Internet ist so eine zentrale Plattform, über die man Leute auch inzwischen erreicht, weil alles andere mit viel mehr Kosten verbunden ist – und dann trotzdem die Leute auch gar nicht unbedingt besser erreicht.

RE: Siehst du da einen generellen Wandel?

Purfürst: Ich glaube, das ist sowieso ein riesiger Clash, so wie wir inzwischen alle funktionieren. Unsere Festplatten sind voll von den wildesten unterschiedlichen Dingen. Das ist wie so ein gigantischer „Mirrorball“ von unseren ganzen Eindrücken.

RE: Was fasziniert Dich daran?

Purfürst: Am meisten fasziniert mich die Möglichkeit der Verfügbarkeit, die Chance sich tatsächlich musikalisch zu bilden, oder überhaupt zu bilden. Jeder kann sich einen unheimlich großen Erfahrungshorizont aneignen und seine Vorstellungskraft immer weiter ausbauen, was überhaupt kulturell alles schon passiert ist, einschließlich Musik, Bildern, Filmen, alles.

RE: Glaubst du, das Internet wird die Musik verändern?

Purfürst: Das tut es auf jeden Fall schon die ganze Zeit. Ich glaube, dass diese ganze Hyperlink-Struktur des Internets generell ganz stark unser Denken beeinflusst, dass also diese assoziativen Sprünge zu anderen Themen uns Stück für Stück leichter fallen und wir dann nicht mehr nur ein Klappentext-Wissen haben, sondern durchaus auch die Chance zu sagen: Ich springe von Wolke zu Wolke zu Unterzweig, und kann mich auch in bestimmte Dinge immer wieder hineinversetzen, hineinlesen. Zu jedem erdenklichen Thema, das man sich überhaupt vorstellen kann, ist eine gigantische Wissensdatenbank verfügbar. Und das finde ich so großartig. Ich glaube, dass man auch keine Angst mehr vor dieser Durchdringung hat, dieses ganze Genre einfach über den Haufen zu werfen. Das finde ich persönlich sehr erleichternd. Denn ich komme zwar aus der frühen Gitarren-Grunge-Ecke, was mit der Zeit der 90er Jahre sehr viel zu tun hat, aber ich merke, dass mir das als musikalisches Ausdrucksmittel überhaupt nicht mehr reicht. Es gibt so viele fantastische Möglichkeiten, dass es fast eine Pflicht ist, diese zu benutzen, um sich differenzierter auszudrücken.

RE: …eine Pflicht?

Purfürst: Die Durchdringung analoger und digitaler Ästhetik in der Musik und Kunst ist für mich persönlich daher sehr zeitgemäß. Das Herz schlägt vielleicht noch auf Vinyl, der Kopf aber ist voller Hypertextclouds, Sample Fragments und Synthese. Die digitale Perfektion erlaubt uns doch vor allem eins, den Charme der analogen Welt voll und ganz zu genießen. Analoge und digitale Ästhetik sind daher schon fast ein perfektes Liebespaar – man liebt sich gegenseitig für seine Stärken und seine bezaubernden Schwächen.

RE: Sebastian, danke für das Interview.

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Interview: Felix Kubach

Hotel auf Myspace: www.thehotelonline.com

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