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Web & Technik + Internetkultur

“Staat, mische Dich nicht ein!” - ein Credo wankt, Interview mit Dr. Sander-Beuermann

Donnerstag, den 16. Oktober 2008 um 18:00 Uhr von Felix Kubach
Dr. Wolfgang Sander-Beuermann.
Photo: www.rrzn.uni-hannover.de

Dass das Credo “Staat, mische Dich nicht ein!” wankt, gelte auch für die Internetwirtschaft, so Dr. Wolfgang Sander-Beuermann. Der Entwickler der deutschsprachigen Meta-Suchmaschine MetaGer spricht im Interview über den Nutzen der Vernetzung, die Digitalisierung der Bibliotheksbestände, aber auch über die fragwürdige Monopolstellung von Google, von Auktionshäusern und Online-Buchhändlern. Dennoch, die Vorteile des Internets überwiegen: “Das Internet ermöglicht Kommunikation, wo sie vorher unmöglich war”, so Sander-Beuermann.

RE: Inwieweit trifft die Finanzkrise eigentlich die Internetwirtschaft, wie soll man darauf reagieren und kann die Krise womöglich sogar eine Chance sein?

.

Sander-Beuermann: Ich sehe die Wirkungen dieser Finanzkrise völlig anders: sie hat deutlich gemacht, dass das so genannte “freie Spiel der Kräfte” die Dinge eben NICHT immer zum Besten regelt! Auch in der Internetbranche galt bisher das Credo der Neoliberalisten: “Staat, mische Dich nicht ein!”. Auch in der Internetbranche wankt dieses Credo: Prof. Maurer aus Graz hat schon zu Beginn dieses Jahres gefordert (sinngemäß): “Reguliert das Suchmaschinen-Quasimonopol“. Diese Forderung muss nach dem Untergang des Neoliberalismus neu
überdacht werden.

RE: Wie hängt das Forschungslabor für Suchmaschinen der Universität Hannover mit dem Projekt Forschungsportal.net zusammen?

Sander-Beuermann: Unser Forschungslabor hatte vom BMBF (Bundesforschungsministerium) den Auftrag, eine Suchmaschine für die Webinhalte der deutschen Wissenschaft zu entwickeln. Dazu gehören die Universitäten, genauso wie Max-Planck, Fraunhofer usw. Diesen Auftrag hatten wir in dem Produkt Forschungsportal.net umgesetzt. Da das BMBF aber Projekte nur für eine begrenzte Zeit fördern darf, hat das BMBF dann 2006 dieses Produkt ins eigene Rechenzentrum übernommen, und betreibt es dort abgespeckt und in Eigenregie weiter.

RE: Welcher Grundgedanke steht hinter der von Ihnen entwickelten Suchmaschine von Forschungsportal.net, wie stark wird diese genutzt und welchen Beitrag glauben Sie, damit für die weltweite Forschung leisten zu können?

Sander-Beuermann: Forschungsportal.net war ein guter Ansatz, ein Werkzeug für die deutsche Wissenschaft zu sein. Seit es vom BMBF in Eigenregie übernommen wurde, ist der Datenbestand allerdings kaum mehr aktualisiert worden - die Ergebnisse sind weitgehend veraltet, die Software ist nicht aktualisiert, die Nutzung dürfte gering geworden sein. Hier hat die Regelung, dass Projekte vom BMBF nur zeitlich befristet vergeben werden dürfen, einen wertvollen Ansatz wieder erstickt. So wie gesetzliche Regelungen halt häufig wertvolle Dinge zerstören können.

RE: Welche Rolle spielt das Internet bereits bei der Vernetzung von Wissenschaftlern, können Sie ein Beispiel nennen, wo dies bereits erfolgreich praktiziert wird?

Sander-Beuermann: Das wichtigste Beispiel ist sicherlich einfach und banal die E-Mail; dazu kommen die Mailinglisten. Weiterhin die vielen Foren, die auf Webservern weltweit betrieben werden. Auch die einfache Verbreitung wissenschaftlicher Texte beispielsweise in Form von PDF-Dateien auf Wissenschaftsserver hat zu einer engen Vernetzung maßgeblich beigetragen: Man findet eine interessante Veröffentlichung via Suchmaschine und kann sofort mit dem Autor per E-Mail Kontakt aufnehmen und diskutieren. Das sind m.E. die wesentlichen Bestandteile der Vernetzung; das was dann noch an speziellen Plattformen implementiert wurde, ist meist nur sehr speziellen Communities vorbehalten.

RE: Wie kann man das System der Vernetzung noch verbessern, was ist in der Zukunft möglich?

Sander-Beuermann: Dieses oben beschriebene System der Vernetzung ist schon SEHR gut, so wie es ist. Weitere Verbesserungen mögen hilfreiche Addons sein - wie z.B. überall funktionierende Umlaute und kompatible EMail-Reader, werden aber keinen neuen Quantensprung bewirken.

RE: Welchen Beitrag können Meta-Suchmaschinen wie MetaGer dabei leisten?

Sander-Beuermann: Suchmaschinen sind primär zum Suchen und Finden da. Für die Vernetzung sind sie nur insofern wichtig, als dass über sie Kontakte gefunden werden können.

RE: In den konventionellen Medien, so bekommt man den Eindruck, überwiegt teilweise noch immer die Warnung vor schädlichen Einflüssen des Internets - Gewalt, Pornografie, Datenmissbrauch, Verblödung, Verfall von Moral sind hier oft genannte Stichwörter. Werden die gewinnbringenden Komponenten des World Wide Web, wie die angeprochene Vernetzung von Wissenschaftlern, die ja teilweise bereits selbstverständlich ist, in der Öffentlichkeit noch zu wenig gewürdigt?

Sander-Beuermann: Die konventionellen Medien stehen ja in starker kommerzieller Konkurrenz zu den neuen Medien. Insofern ist da etwas “Schwarzmalerei” vor dem Internet wahrscheinlich ganz gern gesehen.

RE: Wie stehen Sie zu der seit 2004 durch Google aufwändig betriebenen Digitalisierung von alten bedeutenden Bibliotheksbeständen und damit dem Verfügbarmachen von Wissen für jeden Menschen in einer universalen Bibliothek?

Sander-Beuermann: Die Digitalisierung der Bibliotheksbestände finde ich hervorragend! Schlimm finde ich nur, wenn dies alles in einer Hand ist - die Monopolisierung dieses Verfügbarmachens.

RE: Wie ist der aktuelle technische Stand von Suchmaschinen im Web und wo geht die Reise in den nächsten Jahren hin? Wo sehen Sie die wichtigsten Entwicklungen?

Sander-Beuermann: Wenn ich mal wieder etwas mehr Zeit habe, dann schreibe ich dazu mein nächstes Buch. Die wichtigste Entwicklung sehe ich darin, wie wir die gegenwärtigen Monopolstrukturen im Internet auflösen können. Das gilt für die Suchmaschinen, genauso wie für Auktionshäuser und Online-Buchhändler.

RE: Welche datenschutzrechtlichen Bedenken hegen Sie gegen die Alleinherrschaft einer einzigen großen Suchmaschine, Google?

Sander-Beuermann: Gegen jegliche Form einer Alleinherrschaft habe ich stärkste Bedenken! Und niemand weiß genau, was mit den Nutzerdaten dort geschieht.

RE: Wird Google jemals wie AltaVista durch einen Konkurrenten eingeholt werden können?

Sander-Beuermann: Sicherlich ist das möglich, aber wenn der nächste Quasi-Monopolist nicht mehr Google heisst, sondern irgend einen anderen Namen trägt, dann ist nichts gewonnen. Wichtig wäre es, die MeinungsVIELFALT auch durch eine Vielfalt an Informationsvermittlern (=Suchmaschinen) und deren unterschiedlichen “Wichtigkeitsmessungen” (Ranking) zu erhalten

RE: Kann das Internet dabei helfen, die Menschheit vor dem Abgrund zu retten, wie es Dr. Michael Maier in seinem neuen Buch “Die ersten Tage der Zukunft” postuliert - würden Sie soweit gehen?

Sander-Beuermann: Ich habe das Buch auf meine Wunschliste gesetzt, und wenn ich es gelesen habe, kann ich mehr zu den konkreten Ideen dieses Buch sagen. Generell würde ich die Frage - “Kann das Internet dabei helfen, die Menschheit vor dem Abgrund zu retten” - zunächst mal mit “ja” beantworten: das Internet ermöglicht Kommunikation, wo sie vorher unmöglich war; und Kommunikation ist die Voraussetzung, um Konflikte lösen zu können.

RE: Herr Sander-Beuermann, vielen Dank für das Interview.

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Interview: Felix Kubach

Dr. Sander-Beuermann: Unter seiner Leitung werden seit 1995 am RRZN Suchmaschinen entwickelt und betrieben. RZZN: “Bekanntestes Ergebnis dieser Arbeiten ist die deutschsprachige Meta-Suchmaschine MetaGer, über die in vielen Publikationen, Rundfunk- und Fernsehsendungen berichtet wurde. MetaGer ermöglicht aufgrund seines hohen Bekanntheitsgrades und der großen Zugriffszahlen Forschung und Lehre am “lebenden Objekt”. Mehr dazu und über weitere Suchmaschinenentwicklungen finden Sie im Suchmaschinenlabor.” (Quelle: www.rrzn.uni-hannover.de)

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