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Web & Technik + Internetkultur

perlentaucher.de, Die tägliche Umschau des deutschsprachigen Feuilletons

Mittwoch, den 22. Oktober 2008 um 18:04 Uhr von Redaktion Readers Edition
Photo: screenshot

Nachdem Thierry Chervel, Mitbegründer von perlentaucher.de im Kurzinterview schon so einiges über die Veränderungen, die wir im Augenblick durch das Internet erfahren, verraten hat, erhalten Sie nun einen kleinen Einblick in das Schaffen des im März 2000 online gegangenen Angebots.

Die Szene

Das Treffen findet statt in der Redaktion des perlentauchers in Berlin Mitte, Chausseestr. 8. Im vierten Stock eines Neubaus, Großraumbüro, ein heller Holzfußboden, Chervel, Jacket, dunkler Pullover mit V-Ausschnitt, kein Hemd, ist das Bild von einem Kulturredakteur, lockiges Haar, hohe Stirn, runde Brille. Während des Gesprächs checkt er in regelmäßigen Abständen seine E-Mails, Anja Seeliger, lockere Kleidung, blonde Haare zusammengebunden, wirkt heute etwas geschafft.

Die Biografie der Gründer

Thierry Chervel, Jahrgang 1957, Studium der Musikwissenschaften. Redakteur bei der taz (Film, Musik, Tagesthemen), Kulturkorrespondent für die Süddeutsche Zeitung in Paris und Redakteur auf der Berliner Seite der Süddeutschen.
Anja Seeliger, Jahrgang 1961, Jurastudium. Als freie Journalistin hat sie unter anderem für die taz, Financial Times, Spiegel und Vogue geschrieben. Gemeinsam mit Adam Cwientzek und Niclas Seeliger gründeten sie den perlentaucher.
Die Gesprächspartner an diesem Tag: Chervel und Seeliger

Die Gründung

Als Sie Ende der 90er Jahre in Paris arbeiteten, Chervel als Korrespondent für die SZ, Seeliger als freie Journalistin, entwickelten sie die Idee für perlentaucher. Widerstände gab es damals kaum. Es herrschte Goldgräberstimmung, es war die Zeit bevor die Blase der New Economy platzte. Man konnte auf einmal deutsche Zeitungen, die man in Paris schwer bekam, auf dem Rechner am Schreibtisch lesen. Doch was fehlte, war eine Art Bündelung. Chervel und Seeliger hatten schon bald die Idee für ein Übersichts-Tool. Dank des damaligen Booms hatten Sie direkt Partner, mit denen sie kooperieren konnten. Sie konnten sofort Geld verdienen. Außerdem war da der Wunsch, sich zu lösen von bestehenden Strukturen. Sie hatten jedoch auch keine schlechte Meinung von bestehenden Medien, denn perlentaucher “basiert ja darauf, dass es eine gute Presselandschaft gibt, von der aus wir eine Brücke schlagen in eine neue ‘Sphäre’” (Chervel). Seeliger arbeitete schon als freie Journalistin, Chervel musste seinen Job bei der SZ für den perlentaucher kündigen.

T.C.: “Als ich bei der SZ kündigte, da hat man mich schon wie ein Auto angekuckt.”

T.C.: “Damals kam uns das vor wie der Westen, wie Kalifornien, Pionierland. Wir hatten das Gefühl, wir müssen schnell unsere Claims abstecken. Viele Journalisten werden nachfolgen und was Eigenes machen, wir müssen aufpassen, dass wir nicht überrannt werden von den Nachstürmenden, die unabhängig und frei sein wollen – aber letztlich waren wir die Einzigen.”

Das Projekt

perlentaucher ging am 15. März 2000 online und bietet seitdem eine tägliche Umschau des deutschsprachigen Feuilletons. Die Redaktion sichtet interessante Artikel aus den großen überregionalen deutschsprachigen Tageszeitungen und präsentiert auf seiner Seite eine bewertende Zusammenfassung, die besprochenen Texte werden, soweit sie online verfügbar sind, verlinkt. Dazu kommt eine wöchentliche Magazinrundschau sowie eine tägliche Umschau mit Resümees zu Bücherrezensionen aus den Tageszeitungen, die wiederum weiter vermarktet werden. Seit März 2005 gibt es eine englischsprachige Version des perlentauchers: signandsight.com.

Zusätzlich machen die perlentaucher noch journalistische Auftragsarbeit, z.B. den europäischen Newsletter: Eurotopics

Die Zahlen

2003 erhielt die Seite den Grimme-Online Award. perlentaucher beschäftigt ca. acht feste und etwa zehn freie Mitarbeiter. Monatlich finden zwischen 500.000 und 600.000 User den Weg zu perlentaucher.

Höhen und Tiefen

1. Der Prozess

Im vergangenen Jahr prozessierten FAZ und SZ gegen perlentaucher, weil der Internetdienst ihrer Meinung nach mit der Aggregation fremden geistigen Eigentums Geld verdient, sie sahen ihre Urheberrechte verletzt. perlentaucher argumentierte, dass es Berichterstattung über Berichterstattung macht und die Kritiken zum Teil auch inhaltlich bewertet, also steckt in den perlentaucher-Artikeln eine eigene geistige Leistung. Sofern möglich werden Links auf die Originalartikel der Zeitungen gesetzt, somit werden ihnen auch weitere Leser zugeführt und ihre Artikel nicht ersetzt, ihre Reichweite wird somit eigentlich erhöht. Seeliger meinte die Klage zeige eigentlich wie verunsichert die etablierten Medien sind. Chervel meinte, das habe mit der “verkarsteten Strukturen” in der Zeitungslandschaft zu tun. Wo etwas Neues ist, wolle man es zerstören. Gegen Googlenews geht in Deutschland niemand gerichtlich vor. Obwohl hier eindeutig das gemacht wird, was man perlentaucher vorwirft (eine mechanische Aggregation fremder Inhalte) Doch Google sei zu stark.

Anm. In Belgien haben Zeitungsverleger erfolgreich gegen den Googlenews-Dienst geklagt. Kürzlich tat dies unter anderem auch ein Unternehmer, der Poster, Postkarten und Textilien mit Comic-Zeichnungen vertreibt. Der Verband Schweizer Zeitungsverleger dachte im vergangenen Jahr ebenfalls über eine ähnliche Klage nach. (Siehe dazu den Blog “Beobachtungen zur Medienkonverkenz” des Schweizers Andreas Göldi, Zitat: “In Amerika reibt man sich die Augen und fragt sich, wie ein so kleines Land sich erdreisten kann, die Segnungen des allmächtigen Google hinterfragen zu können.“)
Der Grund: “Online-Werbung spielt in Kontinentaleuropa noch lange nicht die gleiche Rolle wie in den USA oder Großbritannien. Damit ist auch die Bedeutung der Zeitungswebsites kommerziell geringer, und somit auch der Traffic, der immer mehr von Suchmaschinen getrieben wird, weniger bedeutsam. Amerikanische oder britische Zeitungen wären dumm, eine Suchmaschine zu verklagen, weil viele Zeitungswebsites durch gute Werbeeinnahmen inzwischen ziemlich profitabel sind und ein Großteil der Besucher per Suchabfrage auf die Seiten gelangt“ (Quelle: http://medienkonvergenz.com)

T.C.: “Im Gegensatz zu Google, kann man uns wegkicken und einen symbolischen Sieg damit erreichen.”

A.S.: “Merkwürdig ist, dass wir denen die Leser wegnehmen sollen, aber wir verlinken zu ihren Seiten. Wir sagen was in der Zeitung steht, sogar wenn es nicht mal online ist. Man muss sich die Zeitung dann sogar kaufen. Das nicht zu sehen, finde ich unglaublich blöd.”

T.C.: “Die bloße Tatsache, dass wir existieren, dass es etwas neben ihnen gibt, ist denen unheimlich, obwohl wir so winzig sind.”

2. Die Multikulti-Debatte

2007 fand auf perlentaucher und auf der englischsprachigen Plattform signandsight.com eine internationale Multikulti-Debatte statt. Laut Chervel die “interessanteste Feuilletondebatte des letzten Jahres”.
Interessant war die Erfahrung, dass eine internationale Feuilletondebatte möglich ist, wenn das Medium englischsprachig ist wie signandsight.com.

Zunächst erschien ein Text von Pascal Bruckner, einem französischen Intellektuellen, natürlich auf englisch. Nur dadurch fühlten sich die darin Attackierten auch aufgefordert direkt zu reagieren. Timothy Garton Ash und Ian Buruma antworteten kurz darauf.
Bemerkenswerterweise gab es Resonanz in internationalen Zeitungen wie Washington Post, New Republic, Le Monde, NZZ, die deutschen Zeitungen haben dagegen größtenteils geschwiegen (teilweise die Debatte erwähnt, aber nicht wo sie stattfindet). Hier sei ein großer Unterschied zwischen angelsächsischen Medien und deutschen: Internetmedien werden dort zitiert (z.B. slate.com oder irgendwelche blogger), hier nicht.

“Im Grunde ist das ein skrupelloses Machtgebaren, nicht zu sagen, woher man seine Informationen hat.”

Persönliche Veränderung durch Internet

Anfangs hatten die perlentaucher ein paar freie Mitarbeiter, sie arbeiteten von zu Hause, haben alles selbst gemacht. Man lerne auch, sich ums Marketing zu kümmern, einen unternehmerischen Blick zu bekommen. Ob es viel Arbeit war? Naja, Journalisten seien verwöhnt, andere arbeiten immer so viel. Angestellt wollen beide nicht mehr sein.

A.S.: “Es war eine unglaubliche Naivität das zu machen, komischerweise hat es geklappt.”

Internet und Medien

Chervel und Seeliger hoffen auf ein anspruchsvolles Publikum, aber es sei objektiv schwierig, die Leute zu erreichen. Doch das Potenzial ist da. Die Werbung im Netz ist noch ziemlich unterentwickelt. Doch die Verlage haben gar keine Wahl, sie müssen ins Netz, denn ihre Leser brechen weg. Die deutschen Zeitungen betreiben im Netz eine Art “Boulevardisierungspolitik”, sie bleiben unter dem Niveau der Printausgabe. Qualitätsmedien in den USA sind weiter als in Deutschland. Dort gibt es keinen Unterschied zwischen Print und Netz, zum Beispiel stellt die New York Times ihre Inhalte vollständig ins Web.
Als die deutschen Zeitungen 1999 bis 2000 durch den Internetboom und gute Anzeigengeschäfte viel Geld verdienten, betrachteten sie sich selbstbewusst als Träger der Medienrevolution. Es gab aber kein strukturelles Verstehen dieser neuen Medienlandschaft. Deutschlands Zeitungsszene nach ´45 hatte viele Konsolidierungsphasen hinter sich. Die Zeitungen, die übrig blieben, standen in keiner Konkurrenz, sie hatten die Pfründe aufgeteilt. Wir haben es mit einer Medienszene zu tun, die “verkarstet” ist, dieser Apparat konnte nicht auf die Herausforderung des Internets reagieren. Zudem sind die Verleger weggestorben, niemand konnte also intuitiv reagieren, in den Verlagshäusern herrscht eine Angestelltenkultur, in der jeder nur an an den nächsten Karriereschritt denkt.

T.C.: “Ideen stören den Betrieb”

Medien, die in englischer Sprache sind, haben einen klaren Wettbewerbsvorteil in einem globalisierten Markt im Netz.

T.C.: “Manche Zeitungen haben in ihrem Print-Feuilleton einen Habermas-Aufmacher und online zeigen sie an selber Stelle Nacktbilder von Heidi Klum.”

Stunde des Einzelnen

Die Aufbruchsstimmung von 2000 ist nicht wiedergekommen, auch nicht durch das Web 2.0, es ist schwer Geld zu verdienen im Internet, gerade mit Inhalten, deswegen wollen viele Leute nicht alles aufgeben, um sich im Netz selbstständig zu machen, viele wollen lieber einen sicheren Job.

Gute Internetideen sind subversiv. Alle authentischen Internetideen kommen aus den USA: Google, Ebay, Amazon, die haben die Welt erobert. Letztlich waren das Ideen, die das Potential der neuen Technologien einsetzen, dadurch haben sie sehr viele bestehende Institutionen untergraben. Seit Ebay ist man nicht mehr auf Karstadt angewiesen, um zu wissen was eine Waschmaschine kostet, diese Preistransparenz hat negative Konsequenzen für große Institutionen. Ein anders Beispiel ist Paypal, eine “irre subversive Idee”, per Email Geld verschieben, von einer Sekunde auf die andere, Banken verlangen für so etwas Unsummen. Und das wurde nicht von einer Bank in Frage gestellt, sondern von einem, der eine gute Idee hatte.

Bezogen auf den Zeitungsmarkt heißt das: Zeitungen haben nicht mehr die Allmacht über die Information. Sie können nicht mehr auswählen, welche Leserbriefe gedruckt werden. Wenn man heute Mist schreibt, dann wird man von Leserkommentaren überschwemmt. Das Internet gibt dem Einzelnen die Möglichkeit zu Mitbestimmung und neuer Kreativität. Das bedeutet für die Medien eine Relativierung, nicht nur weil manche Blogs irgendetwas kompetenter kommentieren, sondern weil die Menschen durch das Netz auch wesentlich mehr Zeit mit anderen Dingen verbringen. Medien werden so unbedeutender.
In Deutschland ist die Blogosphäre vielleicht noch etwas kleiner, weil man hierzulande vielleicht zufriedener mit seinen Medien ist (anders Frankreich oder Iran).

“Relativierung ist das psychische Motiv hinter der Klage von SZ und FAZ. Die denken, sie werden durch uns relativiert. Denn bisher waren sie die, die Hierarchie bestimmten, jetzt sagen andere, da steht aber noch was interessantes in der taz und oder in der FR und das ist vielleicht besser.”

“Internet das ist die Befreiung von Öffentlichkeit, mit allen negativen Seiten. Das lässt sich auch nicht mehr nehmen, jeder wird selbst zu einem Medium.”

“perlentaucher ist eigentlich total internetspezifisch, besser wäre es allenfalls gewesen, noch einen neuen Suchalgorithmus zu machen und Google zu erfinden.”

Text und Recherche: Lutz Ackermann

Dieser Beitrag ist Teil der Serie ZUKUNFT INTERNET - Was die Menschen bewegt der Schwerpunkt-Themenreihe “Das gefährliche Internet?” auf Readers Edition.

Mehr: Zum Interview mit Thierry Chervel von perlentaucher.de

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