Google ist eine “Potentielle Bedrohung” – Interview mit dem Autor Lars Reppesgaard

Lars Reppesgaard, Autor des Buches “Das Google-Imperium” spricht im Interview mit Readers Edition über das Google-Urteil von Hamburg, über die Alleinstellungsmacht der größten Suchmaschine und über Gemeinsamkeiten von Google mit einer Chemiefabrik. Es muss zwar nicht, – “Es könnte aber etwas schief gehen”, so Reppesgaard. RE: Herr Reppesgaard, zuerst etwas

reppesgaardl.jpgLars Reppesgaard, Autor des Buches “Das Google-Imperium” spricht im Interview mit Readers Edition über das Google-Urteil von Hamburg, über die Alleinstellungsmacht der größten Suchmaschine und über Gemeinsamkeiten von Google mit einer Chemiefabrik. Es muss zwar nicht, – “Es könnte aber etwas schief gehen”, so Reppesgaard.

RE: Herr Reppesgaard, zuerst etwas Aktuelles. Das Landgericht Hamburg hat in der letzten Woche entschieden, dass Google urheberrechtlich geschützte Zeichnungen und Fotos aus der Bildersuche entfernen muss. Was sagen Sie zu diesem Urteil?

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Reppesgaard: Ich finde das unsinnig, solange es um Thumbnails, also nur um winzig Voransichten geht. Dabei werden ja nicht hoch auflösende Bilder in bester Qualität allen auf der Welt zum Nulltarif zur Verfügung gestellt. Aufzuzeigen, was wo im Web zu finden ist, finde ich legitim. Aus meiner rein gefühlsmäßigen Warte – ich bin aber weder Jurist noch Medienrechtler – sollte es erlaubt sein, wie bei einem Textzitat einen Bild-Ausschnitt zu zeigen, damit der Internetsurfer weiß, wo er was finden kann. Dass man etwas finden kann, heißt ja noch lange nicht, dass Google dazu aufruft, alles kostenlos zu kopieren.

RE: Kürzlich ist Ihr Buch “Das Google-Imperium” erschienen. Darin beschreiben Sie, “wie das Unternehmen weltweit agiert und Google unser Leben und Arbeiten nachhaltig verändert.” Welche Bedenken, datenschutzrechtlicher oder anderer Art, hegen Sie gegen die Alleinherrschaft einer einzigen großen Suchmaschine, Google?

Reppesgaard: Google speichert alles, was an Informationen anfällt, wenn Menschen die Dienste von Google benutzen, und so gut wie alle Menschen benutzen Google. Das macht die Sache potentiell knifflig. Eine einzelne Sucheingabe verrät erstmal nicht viel über mich, nach und nach entsteht wie bei einem Mosaik doch ein sehr intimes Bild von mir, wenn man alle Informationen aus den Suchvorgängen aneinander reiht. Google könnte mit den Daten, die das Unternehmen bisher gesammelt hat, über viele Nutzer extrem genaue Profile anlegen, die verraten, ob jemand krank ist, Schulden hat, seinen Partner betrügt oder einen neue Arbeitgeber sucht. Google gibt keine rechts-verbindlichen Garantien, dass das Unternehmen immer mit diesem brisanten Datenschatz verantwortungsbewusst umgehen wird, das Ehrenwort der Gründer, dass man es tut, soll den Benutzern genügen. Für ein Unternehmen, das so viel über so viele weiß, ist mir das zu wenig.

“Google könnte das Wissen, dass es über den einzelnen Nutzer hat, missbrauchen.” 

RE: Noch die wenigsten Menschen, ich eingeschlossen, sehen in Google wohl eine Bedrohung in irgendeiner Form. Ist diese Haltung etwa fahrlässig und muss man sich schützen – wenn ja, wie?

Reppesgaard: Eine Bedrohung? Das ist für mich das falsche Wort. “Potentielle Bedrohung” trifft es eher. So wie eine Chemiefabrik gut geführt und zuverlässig kontrolliert keine Gefahr ist, muss das auch bei Google nicht der Fall sein. Es könnte aber etwas schief gehen. Google könnte das Wissen, dass es über den einzelnen Nutzer hat, missbrauchen, etwa wenn das Unternehmen finanzielle Probleme bekommt oder neue Leute an der Spitze stehen. Oder aber jemand anders stiehlt die Informationsschätze, die Google hortet, ein verschuldeter Mitarbeiter zum Beispiel, oder ein Hacker. Deshalb halte ich es schon für fahrlässig, wenn man Informationen zu intimsten Themen über Google sucht. Bei weniger wichtigen Themen oder Offensichtlichem ist es eher kein Problem, dass ich zum Beispiel Journalist bin und etwas zum Thema Beratungsunternehmen recherchiere, ist nicht so geheim, dass es niemand wissen darf. Da ist es höchstens schlechter Stil, wenn Google mir bei der Recherche über die Schulter guckt, aber nicht gefährlich.

RE: Seit 2004 werden durch Google alte Bibliotheksbestände gescannt, die dann im Internet für jeden zugänglich sein sollen. Wie stehen Sie dazu?

Reppesgaard: Bei Klassikern und bei Bücher, die nicht mehr erhältlich sind, halte ich das für eine gute Idee. Bei vergriffenen Bänden müsste aber in jedem Fall sicher gestellt sein, dass etwaige Rechteinhaber am Erfolg so eine Projekts beteiligt werden. Das scheint mir noch eine offene Frage zu sein, die Google mit vielen Verlagen klären muss, wie man da verfährt. Und aktuelle Titel sollten gar nicht komplett digital online verfügbar sein, das würde die Verlage und Buchhändler noch schneller in den Ruin treiben als die Musikindustrie, die durch die Alles-Umsonst-Kultur des Internet ja hart getroffen wurde. Insgesamt ist es aber natürlich eine aufregende Idee, dass nach und nach alles Wissen der Menschheit digital gebündelt verfügbar sein soll. Wichtig wäre, dass es tatsächlich einen freien Zugang für alle zu diesem Wissen gibt. Google wird sich daran messen lassen müssen, ob das Unternehmen dies wirklich erlaubt.

RE: Würden Sie das Internet, insbesondere Google als “Superhirn” bezeichnen?

Reppesgaard: Nein, diese Berge von Hard- und Software, Glasfaserkabeln, Routern und anderen Netzwerkbausteine sind ja nicht von sich aus intelligent. Sie wirken so, weil wir sie mit Informationen füttern, die diese Systeme dann verarbeiten. Welche Informationen wir preisgeben, und was damit getan wird, entscheiden immer wir Menschen, nicht irgendwelche Apparate. Die Google-Gründer sind zwar fasziniert von der Idee der Künstlichen Intelligenz und träumen davon, Google zu einer autonom agierenden Maschine weiter zu entwickeln. Aber bis Google zu einem selbst denkenden Superhirn wird, wird bei aller Innovationskraft der Googler noch viel Zeit vergehen.

RE: Abschließend die Frage, die uns derzeit interessiert, auch an Sie: Inwieweit trifft die Finanzkrise die Internetwirtschaft, wie soll sie darauf reagieren und kann die Krise eine Chance sein?

Reppesgaard: Internetshops werden wie alle Einzelhändler sicher die Nachfrageflaute zu spüren bekommen. Auch wer von Online-Werbung wie Google lebt, bekommt das dann zu spüren, weil insgesamt weniger geworben wird. Alles in allem werden die Online-Werbewirtschaft und vor allem Google aber von der Krise profitieren. Googles gute Zahlen für das Dritte Quartal 2008 haben ja schon gezeigt, dass in Onlinewerbung weiter Geld gesteckt wird, selbst wenn die Etats für Print- und TV-Werbung zurück gehen. Was mit jedem Werbeeuro geschieht und ob er sich auszahlt, ist bei Onlinewerbung leichter zu verfolgen, deshalb ist sie für die Firmen attraktiv. Und wenn Online geworben wird, dann verdient Google das meiste Geld, weil sie in diesem Markt klar die Nummer Eins sind.

RE: Herr Reppesgaard, Danke für das Interview.

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Interview: Felix Kubach

“Lars Reppesgaard arbeitet als freier Journalist in Hamburg und schreibt u.a. für “Financial Times Deutschland”, “Handelsblatt” sowie einschlägige IT-Fachmagazine. Seine Themen findet er vorrangig an der Schnittstelle von Informationstechnik und Wirtschaft.” (Quelle: www.murmann-verlag.de)

Mehr über Lars Reppesgaard: www.druckreif-redaktion.de

Mehr zum Buch “Das Google-Imperium”: www.murmann-verlag.de

Dieser Beitrag ist Teil der Schwerpunkt-Themenreihe “Das gefährliche Internet?” auf Readers Edition. Diskutieren Sie mit!
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