Hans-Werner Sinn kann (HWS) es nicht lassen. Um sich öffentlich zu profilieren, konnte er nicht umhin, die Banker als Opfer einer antisemitischen Kampagne in Schutz nehmen zu wollen. “In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken”, sagte Sinn dem Tagesspiegel. In der Weltwirtschaftskrise von 1929 “hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager“. Niemand habe damals an einen “anonymen Systemfehler” glauben wollen, der die Krise ausgelöst habe, befand Sinn. Der Profilierungsversuch ging leider nach hinten los.
Harsche öffentliche Kritik
Jetzt steht er selbst in der öffentlichen Kritik. Insbesondere auch der Zentralrat der Juden in Deutschland forderte eine Entschuldigung vom Ifo-Chef. Zentralrat-Generalsekretär Stephan Kramer forderte Sinn auf, er solle seine Aussagen “so schnell wie möglich ohne Wenn und Aber zurückzunehmen und sich entschuldigen.” Der Vergleich sei “empörend, absurd und absolut deplatziert, eine Beleidigung der Opfer. Mir wäre neu, dass Manager geschlagen, ermordet oder ins Konzentrationslager gesperrt würden.”
Falsche Opfermentalität
Vielleicht fühlt sich Hans Werner Sinn auch selbst angegriffen, da er ja auch im Aufsichtsrat der Hypovereinsbank sitzt. Die Kritik an Josef Ackermann versteht Sinn dann leicht unter den gegebenen Umständen auch als Kritik an der eigenen Tätigkeit. Es könnte ja demnächst auch hier unangenehme Fragen aufkommen.
Mit der Geschichte des Nazi-Regimes wird ja generell bei einigen anerkannten Persönlichkeiten in Deutschland recht schluderig umgegangen. Ansonsten könnte es auch ein Anbiederungsversuch Hans-Werner Sinns bei den derzeit heftig gescholtenen Bankmanagern sein. Wie auch immer, Hans-Werner Sinn hat den Bankmanagern und sich keinen Gefallen getan. Er sitzt jetzt in der Tinte, um beim Struwwelpeter zu bleiben.
Nur ein Systemfehler?
Es ist derzeit sehr populär geworden von Systemkrise zu sprechen. Damit wird zugleich aber auch versucht, Verantwortlichkeiten der einzelnen Akteure zu verwischen. Das System ist ja kein gottgewolltes noch ein naturgesetzliche qua Evolution entstandenes Gebilde. Hier haben einflussreiche Interessengruppen darauf hingewirkt, dass es ist wie es ist. Trotz der Versuche eine effiziente Finanzmarktaufsicht durchzusetzen, wurde von interessierter Seite immer wieder unter Verweis auf die globalen Finanzmärkte eine wirkungsvolle Kontrolle verhindert. Seien es Offshore-Finanzplätze rund um den Globus, die gleichzeitig zu Steuerparadiesen ausgebaut wurden. Seien es Schattenbanken oder Finanzinnovationen, die selbst für Insider des Geschäfts nicht mehr in ihren Wirkungszusammenhängen verstanden werden konnten. All diese Institutionen und Finanzmarkttransaktionsmöglichkeiten sind von Menschen gemacht und als Gewinnmaximierungsmethoden etabliert worden.
Mithin tragen diejenigen, die ein Finanzsystem etabliert haben, das zugestandenermaßen jetzt vollends außer Kontrolle zu geraten droht, Verantwortung für das jetzigen Geschehen. Sie können keinen Opferstatus beanspruchen. Sie sind bestenfalls zu hilflosen Zauberlehrlingen geworden. Dass etwas faul war in der Wallstreet und der Londoner City ist hinlänglich bekannt. Herrn Sinn sei beispielsweise die Lektüre von Geraint Anderson’s Cityboy empfohlen. Vielleicht versteht er dann besser, dass es hier um bewusstes und vorsätzliches Handeln geht, die die Kreditblase herbeigeführt hat.
“Mir wäre neu, dass Juden 1929 geschlagen, ermordet oder ins Konzentrationslager gesperrt worden wären.”
Hab ich da was verpasst? Was denn für eine Nazi-Regime? Müssen die Geschichtsbücher umgeschrieben werden?