Die verweiblichte Erziehung: Brauchen wir eine konfrontative Pädagogik?

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden psychische Störungen unter Kindern und Jugendlichen bis zum Jahr 2020 um 50% zunehmen. Bereits jetzt beklagen Pädagogen eine deutliche Zunahme „schwieriger Schüler“ und verlangen eine bessere Ausbildung für den Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten und  Jugendgewalt. Bisher wurden immer noch in der Tradition der Antiautoritären Erziehung

zudguo2.jpgNach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden psychische Störungen unter Kindern und Jugendlichen bis zum Jahr 2020 um 50% zunehmen. Bereits jetzt beklagen Pädagogen eine deutliche Zunahme „schwieriger Schüler“ und verlangen eine bessere Ausbildung für den Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten und  Jugendgewalt. Bisher wurden immer noch in der Tradition der Antiautoritären Erziehung in Pädagogik und Sozialpädagogik auf Einfühlung, Verständnis und erlebnispädagogische Angebote gesetzt. Ein gleichwohl neuer wie eigentlich alter Ansatz wurde demgegenüber an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg sowie dem Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik ISS) Frankfurt/Main erforscht: „Konfrontative Pädagogik“ ist die Oberkategorie für die Wiedereinführung des „väterlichen Prinzips“ in Bildung und Erziehung.

Jungen sind benachteiligt – fehlt es an der „harten Hand“?

Vertreter dieses Ansatzes, wie Prof. Wolfgang Tischner, argumentieren unter anderem, dass mit der überwiegend weiblichen Besetzung von erziehungs- und bildungsrelevanten Berufen in Kindertagesstätten und Schulen (hier sind fast 90 % der Pädagogen weiblich) zu einer zunehmenden Benachteiligung von Jungen komme, was sich unter anderem in deren schlechten Abschneiden zeige. Darüber hinaus bleiben Jungen doppelt so häufig sitzen wie Mädchen und brechen doppelt so häufig das Gymnasium ab. Unter den Schülern, die einen Hauptschulabschluss erwerben sind mit 65 % fast zwei Drittel männlichen Geschlechts. Darüber hinaus – so Tischner –  habe sich auf diese Weise eine weibliche Erziehungskultur etabliert, welche im Gegensatz zu einem mehr leistungsorientierten „väterlichen“ Prinzip in der Erziehung das schulkonforme, sozialere Verhalten von Mädchen zur Norm erhebe. Dieses „mütterliche“ Prinzip stünde jedoch in Kontrast zu einer konfrontativen pädagogischen Methodik und bemühe sich – unabhängig vom Geschlecht des Pädagogen – viel zu sehr um Verständnis und einen „guten Draht“ zu den Jugendlichen. Insbesondere gewaltsozialisierte Jungen jedoch würden den in Pädagogik und Sozialpädagogik verbreiteten Drang, einfühlsam Verständnis signalisieren und „allein durch Liebe heilen“ zu wollen eher als demütigende Schwäche der Pädagogen erleben, die ihnen scheinbar alles konsequenzenfrei gewährt.

Wie funktioniert „Konfrontative Pädagogik“?

Wem hier nun düstere Bilder vom Rohrstock schwingenden Lehrer (den es in den USA immer noch gibt) aufscheinen, der hat sich getäuscht: Konfrontative Pädagogik als Sammelbegriff für verschiedene Ansätze setzt weder auf Gewalt noch auf eine auf Biegen und Brechen durchzusetzende Autorität. Im Gegenteil: neben der Erlaubnis zum konfrontativen Vorgehen, die nur auf Basis einer längerfristigen Beziehung zwischen Pädagogen und Schüler sinnvoll eingeholt werden kann, bildet die Selbsterziehung von Jugendlichen einen Schwerpunkt. Ein solcher auch als Peer Education bezeichneter Ansatz sieht zunächst klar kommunizierte, für alle transparente Regeln des Miteinanders vor. Bei Regelverstößen werden in einem immer gleichen Konfliktlöseritual sieben Eskalationsstufen umgesetzt, welche die Jugendlichen gegenseitig aufeinander anwenden sollen: In der ersten Stufe wird nur durch eine freundliche Geste auf einen wahrgenommenen Regelverstoß hingewiesen, dies steigert sich über die verbale freundliche Ermahnung hin bis zum scharfen Tonfall. Funktioniert dies nicht, um den anderen von seinem regelverletzenden Verhalten abzubringen, müssen sich andere Jugendliche im Kreis um den Devianten aufstellen und ihn laut und deutlich zusammen auffordern („Support“). Die sechste und gegebenenfalls siebente Stufe bestehen in der (nicht gewaltsamen) Berührung eines Pädagogen. Ähnliche Strategien können auch bei ganzen Schulklassen umgesetzt werden – vorausgesetzt, die in anderen Klassenräumen unterrichtenden Lehrer sind bereit, gegebenenfalls herbeizueilen und sich als „Support“-Gruppe der Klasse gegenüber zu stellen.

Rollendistanz und Festigung moralischen Bewusstseins?    

Die (noch überwiegend männlichen) Vertreter dieser Ansätze wie Prof. Jens Weidner, sehen das Ziel solcher Maßnahmen in der Förderung von Frustrationstoleranz und der Möglichkeit zur Rollenflexibilität, die insbesondere gewaltbereite Jugendliche nur mangelhaft ausgeprägt haben. Zudem werde der Handlungsspielraum zur Lösung von Konflikten maßgeblich erweitert und „moralisches Bewusstsein“ gefestigt. Kritiker wie Andre Kipper sehen hingegen in der gegenseitigen Kontrolle der Jugendlichen eine an totalitäre Systeme gemahnende „Absage an das Individuum“ und vermuteten hinter der (durch die Vertreter bereits zum „Neuen Trend“ hochstilisierten) Begeisterung der Pädagogen niedere Motive, wie etwa Freude, endlich wieder Macht ausüben zu können. Darüber hinaus wird bemängelt, dass Konfrontative Pädagogik die gesellschaftlichen Ursachen von Jugendgewalt und –delinquenz verkenne und stattdessen nicht näher definierte individuelle Eigenschaften der Jugendlichen dafür verantwortlich machen würden. Zudem wird das „klassisch-männliche Subjektmodell“ bemängelt: das sich selbst diziplinierende und kontrollierende Individuum werde zum Leitbild erhoben.

Untersuchungen stehen noch aus

Es mag zum einen der Heterogenität der unter dem Begriff „Konfrontative Pädagogik“ gefassten Ansätze geschuldet sein, dass langfristige Untersuchungen zu ihren Effekten noch ausstehen. Zum anderen liegt es wohl daran, dass Konfrontation schon immer ein Bestandteil pädagogischen Vorgehens gewesen ist und so gesehen auch den „kuschelpädagogischen“ Ansätzen der Siebziger Jahre nicht fehlte, gleichwohl diese mehr auf verständnisvolles Nachvollziehen der Motivation zur Auffälligkeit setzten. Es bleibt abzuwarten, inwieweit im Zusammenhang mit den sich im Bildungswesen vollziehenden Reformen einerseits und der „Ver-Genderung der Welt“ wieder mehr „väterliche“ Methoden in Bildung und Erziehung etablieren.

Bildquelle: pixelio.de (knipseline)

Kommentare

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  1. Vielen Dank für den nachdenklich machenden Beitrag. Ob in Grenzen graduierlich wachsender Druck nun ein gutes Konzept zur Erlernung von Verhaltensweisen ist, ob dieser unbedingt “männlich” sein muss oder ob nicht ohnehin auch die “weibliche” Aktion in der Pädagogik entschlossen sein muss wenn nötig, wichtig ist, dass sorgfältig abgewogen wird und dass nicht chemische Keulen sondern konsequente Zuwendung die Lösung sind.

    Daneben – meine ich – sollte aber auch beachtet werden, dass ein Mensch dem die
    natürlichen zerebralen Werkzeuge für die Umsetzung von Denken, Fühlen und Handeln fehlen, so schlecht vom Fleck kommt wie ein Läufer, dem jemand auf dem Fuß steht. Unsere innere Welt wird zwar nicht inhaltlich von den hormonellen Steuermechanismen bestimmt, ohne diese Werkzeuge funktioniert sie aber nicht recht. Vielleicht verirrt sich einmal ei Pädagoge auf meine Homepage http://www.aminas.de und versteht, wie wichtig die hormonelle Balance gerade für junge
    Menschen ist. An diesen Fakten geht die ganze Erziehungswissenschaft vorbei.