Es ist noch gar nicht so lange her, da war die Türkei gleich zweimal Gastland auf deutschen, bzw. internationalen Messen. Auf der Popkomm 2008. Und auf der Frankfurter Buchmesse. Heute nun nimmt sich der Dreiländer-Kulturkanal des bekannten unbekannten Landes Türkei an. Bereits seit 6 Uhr morgens heißt es: “Echt türkisch”.
Was ist “echt türkisch”?
Nur was ist nun eigentlich “echt türkisch”? Das ist nun wirklich gar nicht so einfach zu erklären. Sicher nicht einmal für gebürtige Türken. Auch wir Deutschen, die wir die Türkei ja meist nur als Urlaubsland kennen, dürften uns schwer damit tun, eine passende Beschreibung zu finden. Kein Wunder, schließlich ist die Türkei ein äußerst facettenreiches, aufregendes Land. Und ein in jeder Hinsicht aufstrebendes noch dazu. Eine Tatsache, welche freilich – wie wir in letzter Zeit beobachten konnten, auch zu nicht wenigen politischen und anderen Konflikten führt. Beispielsweise zwischen den alten kemalistischen Eliten und der starken Armeeführung – welche sich als Hüter des Vermächtnisses Atatürks begreift - des Landes und den in puncto Bildung und Wohlstand auf- und nachholenden, durchaus auch religiüs geprägten Schichten, welche ihre Wurzeln etwa auch im rückständigen und jahrelang vernachlässigten Osten des Landes haben, und nun ihrerseits – ermuntert durch die Wahlsiege (und politischen Erfolge) der derzeit regierenden AKP Tayyip Erdogans – nach der Macht und den damit verbundenen Posisitionen greifen. Zweifelsohne ist ein Machtkampf im Gange. Und der ist durchaus nicht ungefährlich. Denn: wer an Macht und die damit verbundenen Annehmlichkeiten gewühnt ist, gibt diese gewiß ungern vüllig kampflos auf.
Ohne Atatürk keine Türkei, wie so heute existiert
Ohne Mustafa Kemal Atatürk, dem Gründer der Republik, muss man wissen, existierte die Türkei, nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches mit Sicherheit gar nicht so, wie sie sich uns gegenwärtig darstellt. Um 12 Uhr 45 widmet sich eigens eine Sendung diesem großen Mann, welcher seinerzeit dem Land umwälzende Reformen verordnete und durchaus hier und da auch rigoros in die Praxis umsetzte. Man kann diese umfangreichen Veränderungen, welche damals für das tägliche Leben und jeden einzelnen Menschen nicht immer leicht zu verschmerzen waren, aber etwa auch vielen Individuen, vor allem den Frauen mehr Rechte brachten, durchaus als revolutionär bezeichnen.
Der Van-See, Großer Basar Istanbul und das Romaviertel Sulukule…
Um 16 Uhr erzählt die Reportage “Das Meer in den Bergen” vom Van-See, seinen Menschen und den auf der Welt einmaligen Van-Katzen, welche mit zwei verschiedenfarbigen Augen zur Welt kommen.
Selbstredend führt die große 3sat-Reise auch in die Megacity Istanbul. Es gibt ein Abstecher in die kapali carsi, die “bedeckte Stadt”, den Großen Basar, den sicherlich frühere Istanbul-Touristen kennen werden, zu sehen. Aber es geht auch in das hierzulande so gut wie unbekannte alte historische Roma-Viertel Sulukule, das heute (ironischerweise wegen Umbauten hinsichtlich derEURopäischen Kulturstadt Istanbul 2010) vom Abriß bedroht ist.
Fatih-Akin-Film, Django Asül und ein Abenteuerstreifen mit Horst Buchholz
Am Abend dann läuft Fatih Akins ausgezeichneter Film “Gegen die Wand” mit so hervorragenden Schauspielern wie Sibel Kekilli, Birol Üner und Hermann Lause.
Hinterher künnen wir in “Die anatolische Verführung” erfahren, wie türkische UnternehmerEURopa erobern.
Zur Entspannung schließt sich gleich daran die Reise des niederbayerischen Türken, des früheren “Sparkasslers” und jetzigen, erfolgreichen Kabarettisten Django Asül an, der sich “bei den Türken” in Kreuzberg, aber auch in Istanbul umschaute, und seine Erfahrungen mit seinen Landsleuten in einen Film packte.
Fünf Minuten nach Mitternacht ist dann Horst Buchholz “Unser Mann aus Istanbul”. In einem spannenden Abenteuerfilm aus dem Jahre 1964.
Um zwei Uhr nachts stellt eine Reportage den Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk und sein Istanbul vor.
Empfehlenswerte Sendungen
Rundum alles empfehlenswerte Sendungen. Die meisten künnte man sich durchaus direkt anschauen. Bei dem grausligen Wetter allemal! Und wenn’s dann doch zu viel werden, oder man müde werden sollte: es gibt ja immerhin diverse Aufzeichnungsgeräte. Wetten, Sie werden eine Türkei kennenlernen, die so bisher noch nicht gesehen haben!
3sat-Kooperation mit TRT 2 kommt leider nicht zustande
Ein Wermutstropfen fällt dennoch in den wunderbaren TV-Mix: Wie Moderatorin Tina Mendelsohn gestern in der freitäglichen Ausgabe von 3sat-Kulturzeit mitteilte, wird es die angekündigte geplante Zusammenarbeit von 3sat und dem staatlichen türkischen Fernsehsender TRT 2 nun doch nicht geben. Demzufolge wird TRT 2 die heutige, direkt aus Istanbul kommende, Sendung “Kültürzeit extra” auch nicht in der Türkei ausstrahlen. Schade. Unstimmigkeiten sollen sich an einem Beitrag (“Sound of Istanbul”) der 3sat-Macher entzündet haben, worin es um in der Türkei lebende Minderheiten, resp. des Themas “Ethnische Vielfalt”, gegangen sei.
Sicherlich für die Verantwortlichen des türkischen Fernsehens ein heikler Punkt. Zumal der betreffende Beitrag gewissermaßen Kritik an der Politik Atatürks übt. Schließlich hat nach Atatürk glücklich zu sein, wer Türke ist. Und Türken hatten somit auch Armenier, Kurden, Lasen und andere auf dem Boden der von Atatürk gegründeten Republik lebende Minderheiten zu sein. Mustafa Kemal hatte per se nie etwas gegen diese einzelnen Ethnien. Ihm ging es damals vielmehr um die innere Einheit, des damals von außen, u.a. von westlichen Mächten bedrohten Resten des untergegangenen Osmanischen Reiches (und seiner Bevülkerung), welche er hinüber in die von ihm gegründete Republik Türkei gerettet hatte. Wie wir freilich heute (hauptsächlich am “kurdischen Problem”) sehen, sind diese damals (auch mit Gewalt) untergebutterten Minderheitenprobleme nach wie vor noch nicht gegessen und brechen immer wieder hervor. Wer daran rührt, handelt sich rasch den Vorwurf ein, einem Separatismus das Wort zu reden.
Was die heutige “Kültürzeit extra”-Ausgabe anbetrifft, so scheint sie mir von den 3sat-Redakteuren nicht ausreichend vorbereitet worden zu sein. Wäre sie das, hätte man die aufgetretenen Dissonnanzen sicherlich diplomatisch umschiffen künnen, ohne die zweifelsohne bestehenden Probleme vüllig ungenannt lassen zu müssen. Mich erinnert das ein wenig an den Umgang westlicher Medien mit China. Es ist hierbei immer auch ein gewisses Maß an westlicher Arroganz im Spiele. Ganz frei nach dem Motto, alle anderen Staatswesen müssten am westlichen (oder schlimmer noch: deutschen) Wesen bzw. nach dessen vorgelebten Mustern genesen. Dass es im Falle Kooperation 3sat/TRT 2 auch so gewesen ist, müchte und kann ich nicht behaupten.
Aber es künnte wohl schon so sein, dass, wie es auch die türkische Schrifstellerin Elif Safak ausdrückte, wir uns einfach nicht kennen. Oder eben nicht genug, müchte ich meinerseits hinzufügen. Das hat viel mit Vorurteilen zu tun, die wir alle – Türken, wie auch Deutsche, in uns tragen. Jedoch passen diese vorgefertigten Denkschablonen eben nicht immer auf die Menschen und Dinge, die uns unterkommen. Schon gar nicht auf die wirklich schwer zu überblickende Türkei, welche sich nicht immer auf den ersten Blick offenbart. Schon gar nicht in aller Gänze.
Anschauen!
Ich empfehle deshalb, immer und überall gut zuzuhüren. Und: Hin zu schauen! Beispielsweise heute. Denn auf 3sat gibt es heute Türkei NONSTOP. Es ist eigentlich für jeden etwas dabei. Sagen wir heute: Merhaba Türkiye! Hallo Türkei! Und allen gute Unterhaltung dabei!
Photo Quelle/Copyright: Gerd Altmann, via pixelio.de
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