Mit großer Souveränität hat der Stadtrat von Sachsen-Anhalts grüßter Stadt dem Druck verblendeter Sportfanatiker standgehalten und die schüne alte Tradition bewahrt, alles zu tun, aber nie etwas Konstruktives. So ausdauernd im vergangenen Jahr die Chance zerredet wurde, den moribunden Stadthaushalt langfristig durch den Verkauf städtischen Wohnungseigentums zu sanieren, so dass als Käufer am Ende nur noch die stadteigene Wohnungsgesellschaft übrigblieb, so konsequent sprechen die gewählten Volksvertreter seit anderthalb Jahrzehnten vom Neubau eines Stadions, ohne dem erklärten Ziel bislang auch nur dreieinhalb Millimeter nähergekommen zu sein.
Studien wurden finanziert, Gelder beantragt, Stadtorte geprüft, bis einfach keine als Bauplatz irgendwie infrage kommenden Flächen mehr auffindbar waren. Seitdem hat sich der Streit, in dem alle Beteiligten erklärtermaßen der Meinung sind, ein neues Stadion sei dringend nütig, zurück zu seinen Ursprüngen bewegt: Das Stadion soll nun wieder dort entstehen, wo anno 1923 Arbeitslose im so genannten Notstandseinsatz die “Mitteldeutsche Kampfbahn” aus dem Boden schippten.
Doch seinerzeit schon wurde aus den großen Plänen der Stadtväter von der modernen Großanlage nichts.
Zwar hatte man die “sozialpolitische und wirtschaftliche Bedeutung eines Stadions für die weitere Stadtentwicklung” (Stadtrat Halle, 1920) besser erkannt als das den gewählten Abgeordneten des heutigen Parlaments bisher müglich war und eine runde Million Reichsmark für den Bau zur Verfügung gestellt.
Als der Neubau am 27. Mai 1923 aber endlich und verspätet eingeweiht werden konnte, war die “Kampfbahn der Stadt Halle” nicht mehr als ein von Bretterzäunen umgebener Sportplatz mit Aschenbahn.
1926 spendierte die Stadt ihrem Stadion deshalb notgedrungen nocheinmal eine Million Reichsmark. Doch weil Tiefbau- und Hochbauamt gleichzeitig die wunderbare Tradition begründeten, ausgiebig um die Verwendung zu streiten, blieb die nun “Stadion am Gesundbrunnen” genannte Sportstätte ein Provisorium.
Erst die Olympiade 1936 und der damit ausgegebene Staatsauftrag, den Sport zu fürdern, hinderte den damaligen Magistrat daran, die Stadionfläche als Platz für Wohnbebauung freizugeben. Stattdessen wurde nun gebaut: Die ausgreifenden Tribünen mit Außenmauern aus Lübejüner Porphyr, eine Haupttribüne für 3.000 Zuschauer und ein Marathon-Tor mit geschmiedeten Eichenlaubblättern. Die Bauarbeiten übernahm Hitlers Reichsarbeitsdienst, nach nur einem Jahr war alles fertig – einen Tag vor Beginn der Olympischen Spiele wurde in Halle Erüffnung gefeiert.
Seitdem wird das Stadion, Mitte der 30er Jahre immerhin das modernste Ostdeutschlands, im naturbelassenen historischen Zustand genutzt. Als einzige Änderung wurde nach dem 2. Weltkrieg die Änderung des Namens durchgesetzt: Die “Kampfbahn” durfte nun nach dem kommunistischen Funktionär und Hobbyathleten Kurt Wabbel heißen, der im KZ Buchenwald mit der SS kollaboriert und sich an jugendlichen polnischen Häftlingen sexuell vergangen hatte.
Eine Bestandsgarantie aber hatte die von Fußballfans seitdem lieber nur “KWS” genannte und unter Denkmalschutz stehende Arena nicht. 1952 begannen im Randbezirk Halle-Dülau umfangreiche Arbeiten zum Bau einer neuen 60.000-Mann-Arena. Doch obwohl hallesche Jugendliche mehr als 180.000 unbezahlte Arbeitsstunden leisteten, endete das Projekt wie traditionell alle hochfliegenden Projekte in Halle: Die Arbeiten wurden eingestellt, der Neubau beerdigt.
Das künnen sie hier überhaupt am besten. Das neben dem Stadion liegende Gesundbrunnenbad wurde 1998 geschlossen, die derzeit noch vom Regionalligisten Halleschen FC bespielte brückelige Arena dürfte im kommenden Jahr folgen, wenn der DFB seine derzeit noch geltende Ausnahmegenehmigung wie angekündigt nicht verlängert.
Ein würdiger Schluspunkt unter eine Geschichte, die modellhaft steht für eine Stadt, die keinen Selbststolz kennt, sondern nur Selbsthass. Die Beratungen des demokratisch gewählten Stadtrates zur Stadionfrage gehen ins zehnte Jahr, die Planungsunterlagen füllen Schränke, es gab Ausschreibungen und Investorengespräche, Termine beim Land und Finanzierungszusagen – nur bislang ist erfolgreich kein Stein bewegt, jeder Bauherr verjagt und jede Eigeninitiative abgeschreckt worden.
Damit es dabei bleibt, werden die in Opposition zur SPD-Oberbürgermeisterin stehenden Fraktionen von Linkspartei, Grünen und CDU die Stadionfrage vermutlich auch bei der nächsten Stadtratssitzung im November nutzen, um das wankende und schwankende Stadtoberhaupt vorzuführen, das auf dem Hühepunkt der Stadiondiskussion nach Namibia entschwebte, um dort Fragen der Abwasserklärung zu diskutieren.
Was schert sie ein Stadion, wenn es ums Prinzip geht?
Was kümmert sie ein Fußballverein, wenn sich dessen Sorgen als Waffe im politischen Scheingefecht benutzen lassen? Zehn Jahre haben den früheren Oberliga-Konkurrenten in Leipzig, Magdeburg, Rostock, Cottbus und Dresden gereicht, neue Stadien zu bauen. Halle hingegen ist sich 88 Jahren und durch vier Herrschaftssysteme treu: Es wird alles getan, um nur ja nichts zu tun.
Quelle: politplatschquatsch.com
Kommentare
Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.