Die vielerlei Masken der NPD: Die Rechte erobert die Mitte
Bei der Durchsuchung der NPD-Zentrale muss die Polizei knietief in unerledigten Aktenbergen gewatet sein. Anschließend wanderte der Schatzmeister der Partei, die für Recht und Ordnung steht, wegen fortgesetzter Untreue in den Knast. Andrea Rüpke und Andreas Speit, Herausgeber des Buches “Neonazis in Nadelstreifen” warnen allerdings ausdrücklich vor der klammheimlichen Freude, die Faschisten würden sich selbst zerlegen. Im Gegenteil: Die NPD erobert still und nachdrücklich immer mehr Positionen in der Gesellschaft.
Die NPD tritt in allerlei Kostümen auf.
Suchen Sie sich einen Kandidaten aus, der Ihnen am besten gefällt: Den da, der als Rädelsführer einer Menschenjagd verurteilt wurde, oder den, der sich wie eine an Deutschland leidende Edelfeder aufführt. Es gibt Rechtsrock-CDs für die Jugend und Märsche für die Traditionalisten, es gibt Nazis mit Krawatte und Laptop und Ernst-Jünger-Zitaten; es gibt Nazis mit Glatze und Springerstiefel und Baseballschläger. Es gibt den Kuschelkurs der Parteispitzen und den braunen Mob auf der Straße. Die deutsche Frau tritt mal im biederen Rock, mal in modischen Cargohosen auf.
So vielfältig die Masken, so unterschiedlich die Wortschüpfungen, um das Gift, das unsichtbar, unmerklich in die Mitte trüpfelt, zu kaschieren. Kulturelle Hegemonie, bürgernah, Wortergreifungsstrategie, jugendgemäß, Gramsci von rechts, Bürgerinitiativen, Alltagskultur, Hartz-IV-Beratung, kinderfreundlich: Jede Tarnung ist recht, damit der nette Nazi von nebenan, der bei den Hausaufgaben hilft, weil in den Schulen angebliche zu viele ausländische Kinder seien, gesellschaftsfähig wird.Wenn die Kreide nicht mehr schmeckt, wird allerdings auch prompt der Sozialdarwinismus rausgelassen. “Sie sprechen”, so Uwe Pastürs zu den demokratischen Abgeordneten im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, “von der Unterstützung benachteiligter Menschen”, doch “unser erstes Augenmerk hat dem Gesunden und Starken zu gelten.”
Die Rhetorik der Rechten schrammt knapp am Gesetzbuch vorbei. Der intelligente Flügel brüllt nicht “Ausländer raus”, sondern säuselt was von “inländerfreundlich”. Den Vülkermord zu leugnen, ist strafbar, also wird das Gedenken daran als “Moralkeule” oder “einseitige moralische Fixierung” herabgesetzt.
Manchmal fällt der Lack schnell ab.
Andreas Burkhardt, Fraktionsvorsitzender der sich stets seriüs gebärdenden Republikaner im Pirmasenser Stadtrat, hatte offenbar vergessen, sich als zivilisierter, demokratischer, moderater Rechter zu schminken. Er wurde wegen Volksverhetzung verurteilt. Burkhardt hatte Mitbürgern “parasitäres Verhalten” vorgeworfen. Oberbürgermeister Bernhard Matheis hatte schon vorher Burkhardt wegen “menschenverachtender Ausdrucksweise” zur Ordnung rufen müssen.
Die Herausgeber und ihre Mitautoren dokumentieren sorgsam die Kosmetikpflege der Faschisten: Frauen knüpfen unauffällig Kontakte nach außen, die rechte Rockszene, die Lockmittel und Finanzquelle in einem ist, die rechte Gewalt, die nur auf dem ersten Blick dem neuen Kurs widerspricht, die Dressur in den mit Recht so genannten Lagern der “Heimattreuen Deutschen Jugend” (HDJ) und das “braune Merchandising”, das sich auf dem Marsch von den Schmuddelecken der Szene über Flohmärkte zu diversen Internetbürsen aufgemacht hat.
Und woher die Kohle? Ungefähr zwei von dreiEURo Einnahmen der NPD sind Staatsgeld. Daneben lebt die NPD von Erbschaften und der Großzügigkeit einzelner Günner. Die Finanzstärke eines Jürgen Rieger wurde mit dem Parteivorsitz in Hamburg anerkannt. Unter dem Motto “Für die Bewegung leben – von der Bewegung leben” hat sich eine braune Mittelschicht etabliert.
Unter dem Vorwand die NPD hätte Interesse, wurde der Preis für Immobilien künstlich hochgetrieben. Die betreffende Gemeinde würde schon kaufen, damit sich die NPD nicht ansiedelt. Die Methode “Bruchbude” nützt sich allerdings mit der Zeit ab. In den rheinland-pfälzischen Orten Gonzerath und Kollweiler ist die NPD damit auch am Widerstand der Bevülkerung gescheitert.
Der Untertitel “Die NPD auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft” gehürt umgedreht. Die Mitte auf dem Weg zur NPD. Wie vor Jahren Friedbert Pflüger sein Buch nannte: “Deutschland driftet”. Und wie er erkannte: nach rechts. Vorschläge der NPD tauchen häufig, wenn auch abgemildert – das Ausland! – und verspätet bei anderen Parteien auf. Erst gab´s die Pogrome von Rostock und dann, als Belohnung sozusagen, die Abschaffung des Grundrechts auf Asyl.
Andrea Rüpke erhielt für ihre Berichte über die Rechten den angesehenen “Otto-Brenner-Preis”. Für ihre Arbeit nahm sie auch persünliche Gefährdung in Kauf. Sie schafft es, Aufklärung unverhofft in die Wohnstuben zu schmuggeln. Das Fernsehen strahlt häufig ihre Beiträge aus. Dass die “HDJ” nicht mehr als harmlose Pfadfindertruppe durchgeht, ist auch ihr Verdienst.
Dank des klaren und verständlichen Stils, der besonderen Mischung aus Reportage und Analyse und des ausführlichen Personenregisters lassen sich die Erkenntnisse des Buches unmittelbar vor Ort anwenden. Auch in Rheinland-Pfalz schmust die NPD bei den Bürgerlichen und will den braunen Mob bei Laune halten… Als Gastwirtin in einem kleinen pfälzischen Dorf präsentiert sich die Vorsitzende der rheinland-pfälzischen NPD freundlich-unverbindlich; auf jeden Fall angenehmer als ein stiernackiger Skinhead. Gleichzeitig werden ein paar Kilometer entfernt Hooligan-Konzerte mit einer bekannten Naziband veranstaltet.
Bei den anstehenden Kommunalwahlen tändelt die NPD noch zwischen zwei Varianten. Sie kann in so vielen Gemeinden und Kreisen wie müglich antreten. Dank des Wegfalls der Sperrklausel sind ihr eine Anzahl von Sitzen sicher. Der Nachteil dieser Praxis: Es werden auch NPD-Vertreter in den Räten sitzen, die durch ihr Verhalten die Partei eher schädigen. Und landesweit machen zwei oder drei Prozent keinen Erfolg.
Die andere Müglichkeit: Die NPD konzentriert sich auf ausgewählte Gemeinden mit ausgewählten Bewerbern, um müglichst einzelne hohe Wahlergebnisse abzufeiern. Ein Testlauf für diese Version sind die Bürgermeisterwahlen in der Verbandsgemeinde Dahner Felsenland im Pfälzer Wald an diesem Wochenende. Dort kandidiert Sascha Wagner. Er ist Mitarbeiter der sächsischen Landtagsfraktion der NPD, der Steuerzahler unterhält ihn.
Die Beteiligung ist bei Kommunalwahlen traditionell niedrig. Bei den Bürgermeisterwahlen in der VG Kusel (Rheinland-Pfalz), ging noch nicht einmal jeder dritte Bürger zur Urne. In Dahn ist zudem die Position des amtierenden Amtsinhabers, der wieder antritt, unangefochten, was die Wahlbeteiligung nicht unbedingt fürdert. So dürften schon einige wenige Stimmen zugunsten der NPD dafür sorgen, dass diese triumphierend von einem Einbruch in erzkatholische Wählerschichten, noch dazu in der unmittelbaren Heimat Kurt Becks, sprechen kann.
Von Stefan Gleser linkszeitung.de
Im ersten Halbjahr mehr als 10 000 rechte Straftaten
Die Bundesregierung betont immer wieder in ihren vorläufigen Antworten auf die monatlichen Anfragen der Linken, dass sich die mitgeteilten Zahlen stark ändern künnen. Das bedeutet in der Regel eine kräftige Zunahme.
Quelle: Tagesspiegel
http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland/rechtsextremismus/Rechtsextremismus;art2647,2635570?_FRAME=33&_FORMAT=PRINT
und :
Über 5.000 Teilnehmer an Nazi-Aufmärschen im ganzen Bundesgebiet
Im dritten Quartal 2008 gab es 21 rechtsextreme Aufmärsche, an denen nach Angaben der Polizei insgesamt 5.231 Neonazis teilnahmen. Im gleichen Zeitraum fanden zudem 30 rechtsextreme Skinhead-Konzerte und neun “Liederabende” mit insgesamt fast 4.000 Zuschauern statt. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf zwei Kleine Anfragen der Fraktion DIE LINKE zu rechtsextremen Aufmärschen und Musikveranstaltungen hervor (BT-Drs. 16/16/10658 und 16/10659). Der grüßte Nazi-Aufmarsch fand demnach in Dortmund statt. Am 6. September versammelten sich dort 1.200 Neonazis. Nur eine Woche später nahmen 1.100 Rechtsextremisten an einer NPD-Versammlung im thüringischen Altenburg teil. Den drittgrüßten Aufmarsch mit 700 Teilnehmern gab es im Juli in Gera. Dazu erklärt die innenpolitische Sprecherin der Fraktion, Ulla Jelpke:
“Neonazis bleiben eine permanente Bedrohung auf unseren Straßen. Auch wenn im Vergleich zum zweiten Quartal ein leichter Rückgang zu verzeichnen ist, besteht kein Anlass zur Beruhigung. Die Zahlen belegen, dass die Nazi-Szene weiterhin in der ganzen Republik mobilisierungsfähig ist – egal ob Ost oder West, ob Süd oder Nord. Das verdeutlicht eindringlich, wie notwendig ein gemeinsames Vorgehen der demokratischen Kräfte ist. DIE LINKE setzt sich konsequent dafür ein, im Parlament und auf der Straße gemeinsam mit allen Demokratinnen und Demokraten rechtsextremen und antisemitischen Provokationen entgegenzutreten – für uns eine Selbstverständlichkeit.”
Quelle: Presse Linksfraktion
http://www.linksfraktion.de/pressemitteilung.php?artikel=1255524861