Reinrassig ausgemerzt – Ein Kommentar

Verjährt moralisches Versagen? Ist der Skandal nur skandalüs, wenn er brühwarm aus der Glotze kriecht? Gibt es den Begriff “nachholendes Entsetzen” und wenn nicht – müsste er nicht dringendst erfunden werden? Gut, als der Hamburger Logistik-Künig Kühne dieser Tage wissen ließ, die von ihm erworbene Tui-Schiffssparte solle “reinrassig” deutsch bleiben,

Verjährt moralisches Versagen? Ist der Skandal nur skandalüs, wenn er brühwarm aus der Glotze kriecht? Gibt es den Begriff “nachholendes Entsetzen” und wenn nicht – müsste er nicht dringendst erfunden werden? Gut, als der Hamburger Logistik-Künig Kühne dieser Tage wissen ließ, die von ihm erworbene Tui-Schiffssparte solle “reinrassig” deutsch bleiben, war der Zentralrat der Juden zumindest mit dem zweiten Sturm sofort auf dem Eis: Dieter Graumann war entsandt worden, Unverständnis und Traurigkeit in die Mikrophone zu verklappen.

Wo aber war Dieter Graumann, als William Verpoorten, Erbe des klebrigen Eierlikürreichs, schon vor vier Jahren in der sicher nicht revanchistischen “Süddeutschen” wissen ließ, Verporten-Likür habe eine klare Linie: “Reinrassig in der Nische ist ganz klar das Bekenntnis”.

Und wo blieb der Protest der vielen, vielen wackeren Wortwächter, als Franz Müntefering, neuerdings wieder Chef der deutschen Sozialdemokratie, anno 2006 die Freigabe für die Verwendung des Wortes “reinrassig” erteilte? Indem er der nämlichen SZ auf eine Frage nach Bürgerversicherung und Kopfpauschale verriet “Ich glaube nicht, dass wir am Ende eins von beiden reinrassig umsetzen werden”.

“rücksichtslos”, “eiskalt” oder “ausrotten” gehen ungeschoren durch

Eckhard Henscheid, ein Kenner und Liebhaber der deutschen Sprache, wunderte sich schon vor längerem über die Beißreflexe von “gewerblichen Wortzuchtmeister und Nazi-Experten“. Bei denen gingen die Hitlerschen Lieblingsvokabeln “rücksichtslos”, “eiskalt” oder “ausrotten” ungeschoren durch.

Auch über die im berühmten “Würterbuch des Unmenschen” aufgeführten Würter “ausrotten”, “austilgen” und “ausmerzen” würde sich komischerweise niemand echauffieren. Ganz im Gegenteil: Als die CDU-Parlamentarier Sibylle Pfeiffer im Juni 2008 im Hohen Haus forderte “Genitalverstümmelung in Entwicklungsländern ausmerzen“, schwiegen die, die sonst immer Einmischung fordern, wie ein Mann. Bis heute steht die aufrüttelnde Rede samt Unmenschen-Überschrift auf der Homepage der CDU-CSU-Bundestagsfraktion – aber keine Angst, von der Konkurrenz wird niemand nach Rücktritt rufen. Schließlich kündigte Kurt Beck, nach seinem Scheitern an der SPD-Spitze wieder Vollzeit-Landesvater im Süden, erst Ende September an: “Wir wollen die Delle, die wir in der letzten Wahl erlebt haben, ausmerzen.”

Quelle: politplatschquatsch.com

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