Christenverfolgung? Das war irgendwas mit Nero, hungrigen Lüwen und dem Circus Maximus. Oder war es das Kolosseum? Jedenfalls ist das lange her, ein Thema der Vergangenheit, festgehalten in Historienschinken wie “Quo vadis?” oder in den Geschichts- und Lateinbüchern der Unterstufe. Abgehakt.
Was einem spontan zum Thema Christenverfolgung in den Sinn kommen mag, entspricht leider nicht der grausamen Realität, der sich viele Christen heute gegenübersehen. Während es hierzulande selbstverständlich ist, dass Menschen ihren Glauben frei bekennen und ihre Religion weitgehend unbehelligt praktizieren künnen, müssen Christen in vielen anderen Ländern und Regionen der Erde mit Repressionen rechnen. Denn obwohl die Religionsfreiheit weltweit als Menschenrecht anerkannt ist, werden in großen Teilen der Welt immer noch Christen verfolgt. Öfter, offener und brutaler denn je.
200 Millionen Christen sind zu Beginn des 21. Jahrhunderts von unterschiedlichen Formen der Verfolgung betroffen. Sie dürfen ihren Glauben nicht frei leben, ihre Religion nicht ausüben. Sie werden in den Medien diskreditiert und diffamiert. Sie werden in der Schule verlacht und verspottet. Sie werden am Ausbildungsplatz bedrängt und belästigt. Sie bekommen keine Arbeit, werden bei der Vergabe üffentlicher Ämter benachteiligt. Einige von ihnen werden verhaftet, inhaftiert, versklavt, gefoltert und ermordet. Etwa 100.000 Christen sterben jährlich für ihren Glauben. Freilich sind auch andere Glaubensgemeinschaften von mangelnder Religionsfreiheit negativ betroffen, doch in den meisten Fällen sind es Christen, die darunter leiden: 80 Prozent aller Menschen, die aus religiüsen Gründen verfolgt werden, sind Christen. Ihr Anteil bei der Ermordung von Menschen wegen ihrer Religionszugehürigkeit liegt bei weit über 90 Prozent.
“Kirche in Not” und “Open Doors”
Am 16. November, dem Weltgebetstag für verfolgte Christen, gedenken Christen in aller Welt ihrer verfolgten Glaubensschwestern und -brüdern. Gottesdienste, Informationsveranstaltungen und Berichte thematisieren rund um dieses Datum ihre dramatische Situationen. Über den Tag hinaus kümmern sich insbesondere Organisationen wie “Kirche in Not” und “Open Doors” um Christen in Verfolgungssituationen.
Neben der praktischen und spirituellen Hilfe für Betroffene leistet “Open Doors” wertvolle Aufklärungsarbeit. So gibt die Organisation einen Weltverfolgungsindex heraus, der für jedes Land das Maß der Christenverfolgung angibt. Zwei Beispiele seien daraus entnommen, das eine liegt uns fern, das andere nah.
Seit Jahren ganz oben auf der Liste: Nordkorea. Sind Christen im Süden Koreas mittlerweile ein akzeptierter Bestandteil der traditionell buddhistisch und konfuzianisch orientierten Gesellschaft, landen sie im Norden allein aufgrund ihres Glaubensbekenntnisses zu Tausenden in den gefürchteten Arbeitslagern, wo sie sich unter unvorstellbar grausamen Bedingungen zu Tode schuften. Christen gelten in Nordkorea als “Staatsfeinde Nr. 1″, weil sie den quasi-religiüsen Kult um Staatsgründer Kim Il-sung, der sich als “Schüpfer” (“Gott Vater”) verehren lässt, und um den jetzigen Staatspräsidenten, den “Großen Führer” Kim Jong-il (“Gottes Sohn”), nicht mitmachen. In den Lagern gehüren Christen zu den Häftlingen der untersten Kategorie, die bevorzugt Objekte unbeschreiblicher Willkürmaßnahmen ihrer Aufseher sind.
Auch in der Liste: EU-Beitrittsanwärter Türkei. Priester und Missionare werden ermordet, Kirchen und kirchliche Einrichtungen zerstürt. Während hierzulande Moscheen errichtet werden, ist an Neubauten von Kirchen in der Türkei nicht zu denken. Die Menschenrechtssituation in der Türkei muss sich erheblich verbessern, besonders mit Blick auf die Religionsfreiheit, bevor an die Türkei als ein ernsthafter EU-Beitrittskandidat oder gar als EU-Mitgliedsstaat gedacht werden kann. Die Religionsfreiheit muss gewährleistet werden, dieser Punkt ist in den Verhandlungen unmissverständlich zu verdeutlichen. Der Dialog zwischen der EU und der Türkei muss dabei darauf abzielen, der Türkei die Bedeutung der Religionsfreiheit für die kulturelle IdentitätEURopas verständlich zu machen. Der Nutzen dieses Dialogs wird sich unabhängig von der Frage des EU-Beitritts sowohl fürEURopa als auch für die Türkei ergeben.
Nordkorea und die Türkei, zwei unterschiedliche Beispiele für Länder mit mehr oder weniger systematischer Christenverfolgung.
Andere Gründe, andere Formen, anderes Ausmaß, doch prinzipiell die gleiche Konsequenz: Christen werden verfolgt, weil sie Christen sind. Obwohl die staatlichen Behürden sie hier wie dort schützen müssten, weil sie Menschen sind.
Photo Quelle/Copyright: timsnell, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr
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