Über 85.000 Unterschriften sind bereits im Internet gesammelt. In einer in sechs Sprachen verfassten Petition wollen Unterstützer eine zweifache Mutter aus der russischen Haft befreien, die hochschwanger ist und im Dezember zum dritten Mal ein Kind bekommen wird. Die Geschichte ist tragisch und aufwühlend. Sie zeigt, wie weit das neue mächtige Russland noch von demokratischen Standards entfernt ist.
Über sechseinhalb Jahren sitzt die 39jährige Juristin Swetlana Bachmina bereits im Gefängnis. Sie war stellvertretende Leiterin des Ölkonzern Yukos. Als Vladimir Putin und seine Freunde dem zu mächtig gewordenen Chef des Konzerns, Chordorchowski, den Prozess machten und ihn für acht Jahre nach Sibirien steckten, wurden auch zahlreiche Mitarbeiter des Unternehmens verhaftet. So auch Bachmina, die vor allem deswegen zum Opfer wurde, weil sich ihr Chef nach England retten konnte.
Ob die Juristen wirklich eine Verbrecherin ist? Oder nicht vielmehr Opfer eines willkürlichen Rachefeldzugs? Die Unterzeichner einer der grüßten Internet-Petitionen der russischen Geschichte interessiert weniger die Frage, ob Bachima Steuern hinterzogen hat oder nicht. Sie verlangen schlicht eine humanitäre Geste. Sie folgen ihrem gesunden Menschenverstand, dass man eine dreifache Mutter nicht einfach wegsperren kann – zumal die Schwere der “Tat” in keinem Verhältnis zur Härte der “Strafe” steht.
Die menschliche Tragüdie erinnert daran, dass Rußland noch einen weiten Weg vor sich hat. In der Petition, die unter anderem der franzüsische Philosoph Andre Glucksman unterzeichnet hat, wird der neue Kreml-Chef Medwedew aufgefordert, eine Amnestie auszusprechen. Eigentlich eine dankbare Gelegenheit für Medwedew, mal zu zeigen, dass Rußland auf eine große humanitäre Tradition zurückblickt und nicht nur durch militärisches Säbelrasseln auf sich aufmerksam machen kann.
Hut ab für die Russen. In diesem Land werden Kapitalverbrecher wenigstens gelegentlich verfolgt und dingfest gemacht. In Deutschland zahlt man diesen Leuten lieber hohe Boni und wirft Ihnen noch das Geld der Steuerzahler hinterher. Die Dame wird nicht unschuldig im Gefängnis sitzen, wenngleich die Haftbedingungen sicherlich nicht mit denen in Deutschland vergleichbar sind. Eine Verbesserung der Haftbedingungen würde ich mittragen, nicht aber die Freilassung aus dem “Bauch heraus”.