Mauerfall-Erinnerungen bleiben

Grenzen oder die innerdeutsche Mauer – Zum Tode des Fotografen Andreas Vogt, dessen Lebenswerk es war, die innerdeutsche Mauer fotografisch festzuhalten (www.doccumenta.de). Als in den Sechziger Jahren traditionelle Grenzen aufgebrochen wurden, brach Jubel aus. Ähnlich wie bei den ersten Mondlandungen fühlten sich die Menschen wie Pioniere die zu neuen Ufern

turmkl.JPGGrenzen oder die innerdeutsche Mauer – Zum Tode des Fotografen Andreas Vogt, dessen Lebenswerk es war, die innerdeutsche Mauer fotografisch festzuhalten (www.doccumenta.de). Als in den Sechziger Jahren traditionelle Grenzen aufgebrochen wurden, brach Jubel aus. Ähnlich wie bei den ersten Mondlandungen fühlten sich die Menschen wie Pioniere die zu neuen Ufern strümten. Damals herrschte noch Vollbeschäftigung und der Traum vom vereintenEURopa. Doch dessen Expansion endete am Eisernen Vorhang. Eine Grenze aus Stein, Stahl und tüdlichen Fallen.

Zwei Systeme die sich misstrauten, zwei Ideologien die sich ausschlossen, zwei politische Systeme die nur Bestand hatten über die Feindseligkeit zum anderen. Zwei die sich nicht leiden konnten. Zwei Familien für sich. Zwei Nachbarn auf dem gleichen Boden Erde, immer bereit, sich gegenseitig den Garaus zu machen, mit Wort und Waffen. Erkaltete Beziehung. Dazwischen die Grenzgänger die alles überwachten, auf Tod getrimmt und erzogen um Verbindungen zu verhindern.

Wachsoldaten. Wacht am Rhein, Wacht an der Grenze, Tugendwächter, Nachtwächter, Tempelwächter. Haaremswächter.

Die Grenze, Innen, Außen, reptilische€‘animalisch, tiefer liegend und immer wohlbegründet, schirmt sie ab, das Eigene vor dem Neuen, das Bekannte vor dem Unbekannten, die Fremdbeschäftigung auf die Eigenbeschäftigung, das Ungewisse für die Sicherheit. Wegezüllner. Die Meinen, das Meine, die Option auf eigene Goldquellen, das Teilen unter sich. Nehmen, Geben und Behalten, die immerwährende Formel, die Familie, die Sippe, der Clan und der Raubbau im Nachtbarterrain. Grenzverletzungen, mein und dein, Übergriffe der Unregelmäßigkeit, Neid als Täter, Rächer als Opfer, Schwert gegen Licht, Kriminalität gegen Leuchtreklame.­ Banknotenselbstwert. Gestylte Borniertheit, klinische Menschenrechte: Herrenrasse. Ethnologische Dümpel.

Grenzen braucht der Mensch, sonst zerfließt er, doch wohin, ins Neue, in den Fall, in die Gefahr, ins Ungewohnte, hält er fest, die Banane, der Affe, die Faust ins Loch gesteckt, die menschliche Vernunft, reduziert auf ein instinktives Gelingen. Die Anderen nicht anders als Gegenüber, unbekannter Feind, Türken aus dem Märchenbuch des Büsen, nicht erlebt, gefährlicher als Erdbeben, geduldet per Dekret. Jeder gegen jeden, in Grenzen und außer Grenzen, getragen von Mauern des Schweigens, sprachlose Dummheiten.

Indianerreservate. Siegermächte.

Grenzen braucht der Mensch, gegen jede Empirie, Grenzüberschreitungen schon immer als Grundlage für Neuerungen, Erfindungen, bedeutenden Fortschritts; schreitet der Mensch durch Grenzüberschreitungen fort, hat er nichts Eiligeres zu tun, als die Grenzen neu zu sichern, koste es was es wolle.

Grenzen braucht der Mensch.

Die chinesische Mauer, das Weltwunder, Ein Grenzverlauf aus Leichen, Narrenwächter zum Gespütt der Gütter, vom Mars noch sichtbar, die Dokumentation des Todes. Bewachte Wirklichkeit, Innen und Außen, die Feindseligkeit des eigenen Habenwollens: Ausgrenzung, Ausschluss. Das hässliche Entlein der Kultur. Mit dem nicht, mit der nicht. Dort steht der Feind. Affengleich, die Banane in der Hand, lässt er die Finger im neben mir haben. Schrebergärten, Vorgärten, Scholle, Häuslebaue, Kubismus, die Abstraktion des Margarinewürfels. Wolkenkratzer, Himmelbauer, steinerne Treppen ins Paradies der Verschuldung.

Das Kind ist schlecht, die Religion der Werte, Ungläubige, Kakerlaken, Ratten, Unkraut unter Blumen, der ewige Jude;

Heroen für Leichenfelder, Banner der Freiheit, Feuer in Nachbars Garten. Die Pestilenz.

Grenzen braucht der Mensch, naturbedingt, verspätete Züge, der Winter kommt, wann es ihm beliebt, spielende Kinder, moslemisch, serbisch, kroatisch im Hinterhof der Verlogenheit

Bombennächte, doch die erwachsenen Schlächter sehen schon über den Zaun.

Kinder schlecht?

Diktatur der Geometrie, ordnende Mauer der Steine. Hier ist die Wand drauflosgerannt. Phytagoräer unter sich, Axiome der Künstlichkeit. Die Grenze, Werte der Trennung, Mann von Frau, Bruder von Bruder, Spreu von Weizen, Rasse von Rasse, Land von Land. Willkür der Geometrie, Afrika, geteilt von den Kolonialmächte, das Lineal als Waffe: Strich in der Landschaft. Künstliches. Zweistromland, links und rechts, oben und unten Orientierungsmerkmale für Blinde. Die Diktatur der Ordnung, Stein auf Stein, waffenstarrend. Und mittendrin das gelobte Land der Werbung.

Grenzen braucht der Mensch.

Die separate Heiligkeit, die Stille der Leere. Geplante Ordnung, bestelltes Leben, berechnete Wirklichkeit, die Zwangsgesellschaft, die Einschnürung, die Inzucht der eigenen Erkennbarkeit. Stausee gebrochener Flüsse. Die stille Explosion, die Erben der Angriffskriege. Entgegen der Empirie der Grenze erweiternden Erfindungen, Entdeckungen der Neugier, des Umgangs mit dem Neuen.

Imperialismus des Habens: Alles meins. Viva la Coca Cola. Doch die Ordnung bricht, sekündlich, nichts das endlich haltbar wäre, nach einer Zeit die anders Mittag macht, ungetrieben auf Ende und Anfang hinwirkend. Kosmisch wandelnd.

Die Grenze als Falle, mitten drin der Mensch, hochgerüstet auf die Endlichkeit Müllgrenzen.

Mit der Utopie der Grenzüberschreitung, Müllplanet, Atomplanet, Menschplanet, Fabrikplanet: Grenze ausdehnend in gemeinsamer Zukunft, jenseits von rechter Dummheit, fundamentalistischer Ausweglosigkeit, selbst bestimmende Gesamtheit aus den Gesetzen der Natur, jenseits von Babylon. Macht hoch die Tür das Tor macht weit. Verbindendes, hand in hand in die Sterne.

Grenzen braucht der Mensch,

Untergang der Utopie: Hier ist die Wand, drauflos gerannt. Doch der eiserne Vorhang, ein Schweitzerkäse der Ideologie. Sehnsucht nach Vereinigung um jeden Preis, Orgasmus der Vernunft, bricht die Pflanze jede Mauer und die Tüne der Musik treiben über den Erdball im Rucksack der Schwalbe.

Grenzen braucht der Mensch?

Zukunft hat er nütig. Über dem Zaun beginnt die Welt. Bis zur

Sonne ist es ein weiter Weg.

Andreas Vogt

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