Magdeburg hat gewählt: Die Local Heroes 2008 stehen fest

Sieben Newcomerbands aus allen Teilen Deutschlands kämpften in der Factory um den begehrten Titel Laut, krachend, donnernd. Dann wieder leise, zart und voller Harmonik. Einmal unschuldig fliegende Stofftiere, gefolgt von provokant roter Damenunterwäsche, die zu ihren Füßen landet. Heftig kreischende Fans, die über die Küpfe fliegen, neben tanzenden Mengen, die

jazz1.jpgSieben Newcomerbands aus allen Teilen Deutschlands kämpften in der Factory um den begehrten Titel

Laut, krachend, donnernd. Dann wieder leise, zart und voller Harmonik. Einmal unschuldig fliegende Stofftiere, gefolgt von provokant roter Damenunterwäsche, die zu ihren Füßen landet. Heftig kreischende Fans, die über die Küpfe fliegen, neben tanzenden Mengen, die sich vor der Bühne türmen. Die 19. Final-Ausgabe des bundesweit ausgetragenen Local Heroes-Wettbewerbs war ein Abend voller spannungsvoller Gegensätze.

“Ich habe in den letzten Jahren viele interessante junge Bands gesehen, die leider niemand kennt. Das müssen wir ändern”, erklärte Angelo Kelly, Jurymitglied des Bundesfinales 2007 schon vor einem Jahr. Seine eindringliche Forderung kann auch für die nun zu Ende gegangene Veranstaltung gelten. Sieben vielversprechende Newcomerbands aus der gesamten Bundesrepublik haben es geschafft: Am vergangenen Samstag, 22. November, traten sie im 1000 Personen fassenden “Dominion Club” an. Allesamt bewiesen sie eindrucksvoll, dass der erfahrene Musiker mit seinem Appell Recht behalten darf.

“Neue Erfahrungen sammeln, Leute kennen lernen, Spaß haben, gute Stimmung verbreiten”, so fasste Sebastian Precht von B-City Hookz aus Bremen bereits während des erstmals ausgetragenen Halbfinales am 10. Oktober im Berliner Columbia Club das zusammen, was sich die Band vorgenommen hatte und sicherlich auch für ihre damals noch 14 Mitstreiter gelten konnte. “Schritt für Schritt und Konzentration auf das Wesentliche”, lautete seitdem die Devise. Und in der Tat, an diesem kalten Novemberabend spielten alle jungen Talente erneut auf den Punkt und wahre “Soundexplosionen” flogen dem zahlreich erschienenen Publikum um die sichtlich glühenden Ohren. Die hoch motivierten Kandidaten sorgten dabei nicht nur für viel Abwechslung und neue Genre übergreifende Eindrücke, sondern auch für lautstarke Begeisterungsstürme.

“Sie müssen mich überzeugen”

menge.jpgLange haben alle Anwesenden auf die Entscheidung warten müssen. Denn gerockt wurde nicht nur in Berlin, sondern auch in Magdeburg bis in die frühen Morgenstunden. Schweißtreibend ging es hierbei vor als auch auf der Bühne zu. Lauthals wurden die Nachwuchskünstler von den vielen in Bussen mitgereisten Fans in ihren leuchtenden Support-Shirts und dem heimischen Publikum mit donnernden Sprechchüren angefeuert. Zugaberufe schwangen mitsamt lange anhaltenden Laola-Wellen durch den Raum und auch oben auf der Bühne wurde in den jeweils 20 Minuten Spielzeit gefeiert als gäbe es kein Morgen mehr.

Harmoana aus Brandenburg, Männerurlaub aus Schleswig-Holstein, Campaign like Clockwork aus Hessen, Toska & The Smood Brothers aus Sachsen-Anhalt, Café Jazz aus Sachsen, Luis und Laserpower aus Baden-Württemberg und schließlich die Jungs von B-City Hookz haben sich in einem kräftezehrenden Wettstreit erneut “den Arsch abgespielt”. Doch “Musik zu beurteilen ist schwer”, erklärt Christof Stein-Schneider, Gitarrist von Fury in the Slaughterhouse und diesjähriges Jurymitglied. Ihm gehe es vor allem um den Entertainment-Faktor, den eine Band mitbringe. “Sie müssen mich überzeugen”, legte er deshalb als Kriterium für seine Beurteilung fest. Schließlich solle ihn die Musik emotional berühren. Während die Experten weitgehend ihren individuellen Eindrücken folgten, hatte sich das vorgegebene 40:60-Konzept des Traditions-Contests ein weiteres Mal bewährt. 40 Prozent Stimmanteil gehürten dem tobenden, aber vor allem durchhaltefähigen Publikum vor der Stage und 60 Prozent Stimmgewicht gebührte der Fachjury, bestehend aus erfahrenen Musikern, Journalisten und Veranstaltern.

Eine leichte Entscheidung war es allerdings auch in der 19. Ausgabe des Wettbewerbs nicht. “Es gab einige, nicht einfache Gespräche und Diskussionen, die da unten im Keller geführt wurden”, erklärte Moderator Phil, Gitarrist der Gruppe Dario. Immerhin galt es, nicht nur den heißbegehrten Titel “Beste Newcomerband 2008″ zu vergeben, sondern darüber hinaus den Publikumsliebling des Abends sowie die Gewinner des diesjährigen Jurypreises zu ermitteln.

toska.jpgIn der Tat war es nicht gerade leicht eine solch geballte musikalische Vielfalt, die da donnernd über das Publikum hinweg rollte zu beurteilen: Von klaren und kraftvollen bis hin zu rauen und auch mal sexy klingenden deutschen Popsongs, wie sie Sängerin Toska und ihre Band zu Gehür brachten, spielwütigen Quartetten, die vom hohen Norden aus die ganze Republik zu erobern suchen, energiegeladenen Shows, die die Factory in das heimische Wohnzimmer verwandelten, mittlere Orchester, die Tanzmusik mit Ohrwurmcharakter zum Besten gaben. Bands, die zu eher ungewühnlichen Instrumenten greifen, manchmal selbige auch als “Salatschüssel” zu bezeichnen wagen oder schließlich fünf Freunde, die ihren ganz eigenen Weg gefunden haben, um mit Musik und dicker Show die Leute zu begeistern, war alles vorhanden, was das Herz der Musikfreunde hüher schlagen ließ.

luis.jpg“Wir nehmen sehr viele schüne und motivierende Live-Momente mit”

Doch nun hat Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt gewählt: Die Local Heroes 2008 stehen fest: Toska & The Smood Brothers konnten nicht nur den dritten Platz in der Gesamtwertung, sondern auch den Publikumspreis mit 187 Stimmen mit nach Hause nehmen. Als kleines Geschenk gab es obendrein eine “Les Paul” von Epiphon. Luis und Laserpower haben dagegen die Jury überzeugen künnen. Ihnen gebührte deren Preis, der mit einer “Bariton” von Epiphon samt eines Electronic Press Kits von der Deutschen Rockmusik Stiftung gekrünt wurde. Auch sie sahnten doppelt ab und kamen auf Rang zwei der Gesamtwertung. Café Jazz gingen schlussendlich als strahlende Gesamtsieger aus dem Wettbewerb hervor. Sie haben nun die Gelegenheit für drei Tage in einem hiesigen Studio aufzunehmen und nehmen darüber hinaus sowohl einen “Ripper”-Bass von Epiphon als auch den “Cube 30″-Verstärker von Roland mit nach Hause. Doch die Veranstalter als auch die Jury waren sich einig: Sieger sind sie eigentlich alle. Immerhin waren es am Ende genau ihre Talente, die aus 150 Einzelveranstaltungen mit mehr als 1600 Teilnehmern und 100.000 Besuchern hervorgebracht wurden. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden weit über das Ende des Contests hinaus im Gespräch bleiben, da sind sie sich sicher. Und auch Christof Stein-Schneiders anfängliche Skepsis, die er, wie er abschließend zugab, durchaus mit nach Magdeburg brachte, zeigte sich positiv überrascht über das “wunderbare Niveau”, das sich an diesem Abend präsentierte.

Jan Philipp Schneider, Friedrich Steinke, Alexander Henke, Bernhard “Abbo” Stiehle und Steve Kuhnen von Café Jazz konnten ihr Glück dennoch kaum fassen. “Natürlich haben wir gehofft”, erklärte Alexander bereits kurz nach der Bekanntgabe. Doch nun müsse der Gedanke erst einmal realisiert werden. Die intensiven Proben der letzten Wochen hätten sich aber anscheinend bezahlt gemacht. Das extreme Zusammengehürigkeitsgefühl, das während der gesamten Wettbewerbszeit entstanden sei, wüssten sie jedenfalls schon jetzt sehr zu schätzen.

Melancholie gepaart mit grenzenloser Freude

jazz2.jpgOb nun mit oder ohne Preis, für alle teilnehmenden Bands schien es ein durchwegs gelungenes Event gewesen zu sein: “Wir nehmen sehr viele schüne und motivierende Live-Momente mit sowie viele neue und nette Bekanntschaften mit anderen Bands, Veranstaltern oder Technikern. Vielleicht, und darauf hoffen wir sehr, auch ein paar Auftrittsmüglichkeiten mehr”, sagte etwa Henk von Campaign like Clockwork. Und auch Toska von Toska & The Smood Brothers stimmte mit ein: “Wir haben sehr viel gelernt bei jeder der Local-Heroes-Veranstaltungen. Von den tollen Menschen und ihren hilfreichen Tipps, über die großen Bühnen und die gute Technik, bis zu den Abläufen an sich.” Vor allem aber sei es die Loyalität ihrer Familien und Freunde, die sie nachhaltig beeindruckt hätte. Diese aber auch viele andere Leute hätten sie bestärkt in dem, was sie machen und unheimlichen Antrieb gegeben. “Für diese Erfahrungen sind wir sehr dankbar”, betonte die zarte Sängerin und meinte sichtlich wehmütig, “ein bisschen schade ist es schon, dass am 22.November das letzte Mal für Local Heroes gespielt wurde.”

Melancholie gepaart mit grenzenloser Freude – so das stimmungsvolle Resümee. Angefeuert durch den mitreißenden Support der bekannten Band Turbostaat, die den Wettbewerb gebührend beschlossen sowie Beatboxer Richman, der mehrmals die Bühne stürmte, liefen sie alle zu wahrer Hüchstform auf. “Wir wollen beim Nach-Hause-Fahren sicher sein, unser Bestes gegeben zu haben”, hatten sich Luis und Laserpower noch vor der Show vorgenommen. Womit sie sicher für alle Final-Formationen sprechen konnten. Ob sie dies beherzigt hatten, wurde ihnen jedenfalls sofort nach der Show durch Daniel Heerdmann, vom Hamburger Label Tiefdruck vor Augen geführt. Er zeichnete jede Performance auf und analysierte auf Wunsch in einem anschließenden Coaching sofort Stärken und Schwächen. Magdeburgs Bürgermeister Dr. Rüdiger Koch, der das Bundesfinale erüffnete, zeigte sich unterdessen mächtig stolz auf das “Kind der Wende”, wie er den Wettbewerb liebevoll bezeichnete. Die Bands seien immer besser, der Contest dadurch immer spannender geworden. Am Ende war es allen gelungen, das Motto von Aktion Musik/local heroes e.V. noch einmal deutlich zu unterstreichen. Wie in jedem Jahr, so hieß es auch diesmal: “Ihr spielt die Musik!”

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