Madagaskar: 1,3 Millionen Hektar an südkoreanischen Konzern verpachtet?

Artikel von Lova Rakotomalala vom 25.11.2008, 15:02 Uhr im Ressort Politik, Internetkultur | 2 Comments

Südkorea hat vor kurzem die Hälfte alles bebaubaren Landes in Madagaskar gepachtet, wie die Financial Times berichtet. Das hat eine ziemliche Debatte in der Blogosphäre Madagaskars über die Souveränität des Landes und die ökonomische Entwicklung ausgelöst. Es steht noch nicht fest, ob der Pachtvertrag wirklich schon von beiden Seiten unterzeichnet wurde. In der Zwischenzeit diskutieren Blogger, ob ein solcher Vertrag als “[1] Neokolonialismus” betrachtet werden müsse.

Hier eine Übersicht über die bisher bekannt gewordenen Tatsachen:

Am 19. November [2] berichtete die Financial Times über den Vertrag zwischen dem südkoreanischen Unternehmen [3] Daewoo Logistics und der Regierung Madagaskars.

Auf dem Blog Global Dashboard [4] fasst Alex Evans die Befunde zusammen:

“Südkorea hat gerade einen Vertrag abgeschlossen, eine Fläche halb so groß wie Belgien zu pachten, um Palmöl und mindestens die Hälfte von Südkoreas Bedarf an Mais anzubauen. […] Carl Atkins von der Consulting-Firma Bidwells Agribusiness sagte, die Investition von Daewoo Logistics in Madagaskar sei die größte ihm bekannte. Das Projekt überrascht mich nicht, weil [die] Länder versuchen, die Sicherheit ihrer Lebensmittel[versorgung] zu verbessern, aber seine Größe überrascht mich.”

Einige Stunden später ergänzte [5] ein Folgeartikel in der Financial Times, dass Daewoo Logistics keine Pachtgebühren zu zahlen brauche, sondern stattdessen die Mittel zur Bearbeitung und zur Entwicklung des Landes bereitstellen würde.

Alex Evans zitiert aus dem zweiten Artikel und sagt dazu [6] es sei noch schlimmer, als er gedacht hätte:

“Ein paar Stunden später kam ein wirklich erstaunlicher Blickwickel der Sache zutage. Ratet mal, was Südkorea für seine 99 Jahre Pacht gezahlt hat? Antwort: Klick. Nichts. Nada. Keinen Cent. Der Nutzen unterm Strich für Madagaskar, nach einem Daewoo-Sprecher? ‘Wir werden Arbeitsplätze bereitstellen, indem wir es bebauen, und das ist gut für Madagaskar.’ Das in einem Land, wo 3,5% der Menschen von Lebensmittelhilfe des WFP (Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen) leben…

Der Nutzen für Südkorea, auf der anderen Seite:

‘Wir möchten dort Mais pflanzen, um unsere Lebensmittel[versorgung] zu sichern. Lebensmittel können eine Waffe sein auf dieser Welt,’ sagt Hong Jong-wan, ein Daewoo-Manager. ‘Wir können die Ernte entweder in andere Länder exportieren, oder sie im Fall einer Lebensmittelkrise zurück nach Korea transportieren’.”

landm.jpgDie Regierung Madagaskars muss erst noch eine offizielle Stellungname zum Thema bekannt geben. Reuters [7] berichtet, dass das Geschäft noch lange nicht abgeschlossen sei. Daewoo Logistics hat hingegen verschiedene Stellungnahmen herausgegeben, die die Glaubwürdigkeit der Artikel anfechten.

Robert Koelher, bloggt aus Seoul auf The Marmot’s Hole und [8] beschreibt die Argumente des südkoreanischen Unternehmens:

“In [9] einem weiteren Bericht sagte die [südkoreanische Wirtschaftszeitung] Maeil Gyeongje, dass Experten denken, der Bericht der Financial Times mit seiner provokanten Wortwahl von ‘Neokolonialismus’ und ‘Piraten’ ziele darauf ab, vor einer stärkeren asiatischen Präsenz in Afrika zu warnen, das lange als Hinterhof Europas angesehen worden sei. Der Artikel zitiert jedoch einen leitenden Mitarbeiter von Daewoo Logistics, der sagte, Madagaskar sei sehr empfindlich in dieser Hinsicht, denn wenn China investiere, würde es sich nur nach den eigenen Profiten richten […]
Die [südkoreanische Zeitung] JoongAng Ilbo veröffentliche zwischenzeitlich einen [10] Kommentar, der die Financial Times hart angriff
und die Frage aufwarf, warum die Zeitung die Augen verschließe vor britischen Jatropha-Farmen und französischen Plantagen und sich unterdessen nur auf ein koreanisches Unternehmen stürze. ‘Außerdem ist das Land, das Daewoo erwirbt, nicht entwickelt, und die Regierung Madagaskars wird 30% Steuern auf die Gewinne der Bewirtschaftung auf erheben’.”

Die Reaktionen in der madagassischen Blogosphäre auf die Pachtverträge fielen hitzig und sehr verschieden aus:

Die Website der madagassischen Diaspora Sobika [11] berichtete über den Geschäftsabschluss (Französisch, mit Info-Karte) einige Augenblicke nach der Financial Times und forderte ihre Leser auf, zu handeln. In einem [12] Folgeartikel, spekuliert Sokiba, dass der im Internet geäußerte Zorn das Unternehmen veranlasst habe, die Vertragsbedingungen zu leugnen [Fr].

Der Zorn ist aber weit davon entfernt, einstimmig zu sein. Einige Blogger glauben, dass der Pachtvertrag Madagaskar nutzen könnte, da er die Produktivität [mancher] Landstriche erhöhe. Aiky [13] sagt dazu [Mg] auf dem Blog Malagasy Miray:

“Die Vorteile aus einer weniger emotionalen Perspektive:
- Die neuen Beschäftigungsaussichten für Bauern, die in der Folge zu einer zusätzlichen Quelle von Einkünften führen.
- Die Bewirtschaftung von Ländereien, von denen man bisher gedacht hatte, sie seien von geringem Wert und die nach der Pacht weiterhin bearbeitet werden können.
- die Kettenreaktion eines solchen Zuwachses an Einkünften […]
- die eventuelle Verbesserung des Zustands von Hauptstraßen und anderer Infrastruktur in diesem Landesteil.
- Ein Anreiz, der möglicherweise den Exodus aus den ländlichen Gebieten stoppt.”

Auf The Cyber Observer, hatte ein Jurist und Blogger aus Antananarivo, Andrydago die [14] erstaunliche Voraussicht, die juristische Frage der Souveränität des Landes und ausländischer Investitionen aufzugreifen, im Oktober, einen ganzen Monat vor der Kontroverse. Es fällt auf, dass die Gesetze, die diese Pacht erlauben, dieses Jahr geändert wurden:

“Vor kurzem hat das neue madagassische Investitionsgesetz (Act 2007-036 vom 14. Januar 2008) eine grundlegende Änderung in Bezug auf den Besitz von Land durch Ausländer gebracht. Dieses Gesetz bestimmt, dass ausländische Unternehmen oder ausländische Investoren (Individuen mit Investor-Visum) madagassisches Land unter folgenden Bedingungen kaufen können:

1. das Land darf ausschließlich für geschäftliche Zwecke genutzt werden. Jeder persönliche Gebrauch und jede Nutzung, die sich von der Art der Nutzung unterscheidet, die er der Regierung Madagaskars „versprochen“ hat, sind verboten. Sollte diese Bedingung verletzt werden, kann die Regierung den Landbesitztitel zurückziehen;

2. die ausländische Gesellschaft oder der ausländische Investor müssen einen Businessplan einem öffentlichen Gremium namens EDBM (Economic Development Board Madagascar, Ausschuß für die ökonomische Entwicklung Madagaskars) vorlegen. Ein solcher Plan muss das Geschäftsvorhaben und die zugehörigen Investitionen in Madagaskar detailliert beschreiben;

3. die ausländische Gesellschaft oder der ausländische Investor müssen bei der EDBM eine formale Zustimmung namens „Zulassung zum Landerwerb“ beantragen, um madagassisches Land legal zu erwerben. Wenn eine solche Zulassung erteilt wird, gibt sie der ausländischen Gesellschaft oder dem ausländischen Investor dieselben Rechte wie einer madagassischen Person, Land in Madagaskar zu besitzen.”

Dieser Beitrag erschien zuerst auf [15] Global Voices. Die [16] Übersetzung erfolgte durch Martin Ruopp, Teil des “[17] Project Lingua“. Die Veröffentlichung auf der Readers Edition erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Global Voices.


Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de

Link zum Artikel: http://www.readers-edition.de/2008/11/25/madagaskar-13-millionen-hektar-an-suedkoreanischen-konzern-verpachtet/

Links im Artikel:
[1] Neokolonialismus: http://de.wikipedia.org/wiki/Neokolonialismus
[2] berichtete: http://www.ft.com/cms/s/0/22ccaa98-b5d9-11dd-ab71-0000779fd18c.html?nclick_check=1
[3] Daewoo Logistics: http://www.dwlogistics.co.kr/main/e_index.asp
[4] fasst Alex Evans die Befunde zusammen: http://www.globaldashboard.org/scarcity/south-korea-madagascar
[5] ein Folgeartikel: http://us.ft.com/ftgateway/superpage.ft?news_id=fto111920081227033091&page=2
[6] es sei noch schlimmer, als er gedacht hätte: http://www.globaldashboard.org/scarcity/madagascar-worse-than-thought/
[7] berichtet: http://uk.reuters.com/article/idUKLL384535
[8] beschreibt die Argumente des südkoreanischen Unternehmens: http://www.rjkoehler.com/2008/11/21/daewoo-logistics-ft-is-lies-all-lies/
[9] einem weiteren Bericht: http://news.naver.com/main/read.nhn?mode=LSD&mid=sec&sid1=101&oid=009&aid=000203
5513

[10] Kommentar, der die Financial Times hart angriff: http://news.naver.com/main/read.nhn?mode=LSD&mid=sec&sid1=110&oid=025&aid=000198
2681

[11] berichtete über den Geschäftsabschluss: http://www.sobika.com/madagascar-informations/news_1067.php?subaction=showcomments&id=122720099
3&archive=&start_from=&ucat=&

[12] Folgeartikel: http://sobika.com/
[13] sagt dazu: http://malagasymiray.net/2008/11/22/ahofa-maimam-poana-aminireo-koreana-tatsimo-i-madagasikara/
[14] erstaunliche Voraussicht: http://andrydago.wordpress.com/2008/10/21/malagasy-land-and-foreign-investments/
[15] Global Voices: http://globalvoicesonline.org/2008/11/23/madagascar-south-korean-land-deal-sparks-controversy/
[16] Übersetzung: http://de.globalvoicesonline.org/2008/11/24/madagaskar-13-millionen-hektar-an-sudkoreanischen-konzer
n-verpachtet/

[17] Project Lingua: http://globalvoicesonline.org/lingua/

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