Folter und Graffitis

Wie die Documentastadt Kassel zu ihren ersten Graffitis kam. Der Buchautor Karel Kovar erzählt in seinem Buch “Am Ufer des Flusses” (Books on Demand), wie er nach einer schweren Menschenrechtsverletzung sich über die Kunst an der Stadt Kassel, dem Zuchthaus Kassel Wehlheiden und den dort wohnenden Strafvollzugsbediensteten rächte. Klimazelle Zuchthaus

Wie die Documentastadt Kassel zu ihren ersten Graffitis kam. Der Buchautor Karel Kovar erzählt in seinem Buch “Am Ufer des Flusses” (Books on Demand), wie er nach einer schweren Menschenrechtsverletzung sich über die Kunst an der Stadt Kassel, dem Zuchthaus Kassel Wehlheiden und den dort wohnenden Strafvollzugsbediensteten rächte.

Klimazelle

Zuchthaus Kassel Wehlheiden 1965

Im Jahr 1965 saß ich wegen des Diebstahls eines Porsches und versuchten Polzistenmordes im Zuchthaus Kassel Wehlheiden. Ich war zu diesem Zeitpunkt 20 Jahre alt. Kurz etwas zur Tat. Nach einem Zechgelage stahl ich in den frühen Morgenstunden einen Porsche, um eine Spritztour zu machen. Mit von der Partie waren ein Polizistensohn und weibliche Zwillinge die später weltberühmt wurden. Ein Rentner hatte die Tat beobachtet und an die Polizei gemeldet. Die nahmen sofort sie Verfolgung auf. Es wurde die grüßte Verfolgung der Kasseler Nachkriegsgeschichte. So jedenfalls schrieb die Tageszeitung.

Als man mich schließlich in einer engen Strasse stellte, drückte ich einen Streifenwagen, VW Käfer zur Seite, der neben einem Fleischerladen an die Wand führ und wobei sich ein Beamter am Knie verletzte, fuhr durch die Hecke einer evangelischen Kirche, türmten über Gartenzäune und als Paare getarnt entkamen wir der Ringfahndung. Bei der Flucht verlor der Polizistensohn  seine Brille, die groß in der Zeitung abgebildet wurde und die der Vater erkannte, den Sohn verprügelte, bis er die Tat zugab und mich verriet.

So wurde ich wegen versuchten Polzistenmordes, Fahrens ohne Führerschein zu anderthalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Ich war noch nicht volljährig und schon Schwerstkrimineller, obwohl ich sagen muß, dass es nur die Angst war, die mich panisch vor der Polizei her durch die Stadt getrieben hatte. Alle verfügbaren Polizeiautos hatte man meinetwegen eingesetzt.

Ich wurde ein Star obwohl ich nur nicht erwischt werden wollte.

Meine Strafe verbüßte ich im Zuchthaus Wehlheiden.

Meine Arbeit dort bestand darin, tagfürtag Koks zu schaufeln für 40 Pfennige am Tag. Morgens um Sechs wurde man geweckt, um sieben stand man vor der Kokshalde, schaufelte den ganzen Tag und abends um siebzehn Uhr war man wieder auf der Zelle. Dann  gab es etwas zu essen und man wartete auf den nächsten Kokstag. Alles was ich roch und schmeckte, schmeckte und roch nach Kohle. Mir wäre lieber gewesen, man hätte mich zum Schrott eingeteilt, Buntmetall sortieren, hieß das auch, aber ich war so jung und kräftig, dass die Koksarbeit besser zu mir passte, sagte die Anstaltsleitung.

Wenn um Achtzehn Uhr Zellenruhe war, konnte man den Kopfhürer aufsetzen, ein schwarzes unfürmiges Ding mit einer Stahlfeder als Bügel. Die zwei Sender krächzten schrecklich und was noch schlimmer war, sie schmerzten ganz fürchterlich auf meinen  abstehenden Ohren.

Jeden morgen taten mir die weh.

Ich beschloss also, mir illegal ein kleines Radio zu kaufen. Zu diesem Zweck musste ich Kaffe und Tabak zu Bargeld machen, das sammeln, um dann das Radio zu kaufen. Drei Monate brauchte ich dafür und dann erwarb ich ein kleines russisches Radio, wo die Sender ganz dicht waren und ich so eine Menge einstellen konnte.

Ich liebte dieses Radio, denn ich brauchte Musik für meine Isolation.

Heimlich lauschte ich unter der Bettdecke den Klängen, so wie ich es schon während meiner Jugend machen musste, weil der Stiefvater mir Radio hüren auf dem Zimmer verboten hatte. Wegen der Stromkosten und weil er mich eigentlich nicht mochte.

Ich musste aufs Äußerste vorsichtig sein. Neben mir lag der Herbold, ein Sittentäter, ein sehr kleiner Mann, der nicht grüßer war als die Jungen an denen er sich vergriff. Er hatte leuchtende Knopfaugen wie ein Teddybär und er verriet alles an die Beamten, weil er von den Gefangenen gehasst wurde. Oft verprügelte man ihn  unter der Dusche oder schickanierte ihn sonst wie. Ich selbst beteiligte mich an so was nie. Persünlich war er für mich nicht besser oder schlechter als ich selbst. Ich misshandelte ihn nicht, aber dieser Unterschied blieb ihm selbst verborgen.

An einem Abend merkte ich, wie er gegen 19 Uhr die Klappe warf. Das war ein Druckknopf innerhalb der Zelle, der außen einen Blechstreifen sichtbar aus der Wand fallen ließ, der rot bemalt war: ein Notsignal. Nur zu zweit dürfen Beamte dann die Zelle betreten.

Ich hürte also, wie die Nebenzelle aufgeschlossen wurde und man tuschelte. Zu spät begriff ich, worum es ging, bis ich den Schlüssel in meinem Türschloss hürte. Ich sprang auf und versteckte mein Radio in der Hosentasche.

Dann standen sie schon zu zweit in meiner Zelle.

€žDas Radio her!”

€žWas für ein Radio?” Ich.

€žWir haben das eben genau gehürt!”

€žIch habe nichts gehürt!” Ich.

€žWillst Du uns verarschen?” Der Dickere der Grünen.

€žVon mir gibt’s kein Radio!”

Der Dickere von beiden fasste mich blitzschnell am Arm und versuchte mir den auf den Rücken zu drehen. Ich drehte mit und hieb ihm meinen anderen Ellenbogen an die Schläfe. Es ging so schnell, dass er durch die Drehung im Zellenflur landete. Der zweite flüchtet gleich hinterher.

€žDu hast geschlagen, wir kommen wieder, du Drecksack,” schrie er noch, knallte die Tür zu und der Schlüssel ratschte.

Jetzt wusste ich, dass es zu spät war. Eine erhobene Hand gegen die Staatsmacht hat schwere Folgen, auch in der Nachkriegsdemokratie. Auf Widerstand folgte der Sturm der Macht. Ich packte mein  kleines Radio in eine kleine Plastiktüte, verschnürte sie fest mit einem dünnen Seil, üffnete den Reinigungsdeckel am Abflussrohr der Toilette, ließ das Radio runterhängen und klemmte das Seil unter den Verschlussdeckel. Dies war mein Versteck und noch nie hatten sie bei Zellendruchsuchungen bei mir dort nachgesehen oder etwas gefunden.

Ich beschloss, mir in der Einsamkeit die Musik nicht nehmen zu lassen.

Sie war die einzige Liebe die ich hatte.

Die Stille kündigt den Zellensturm an. Es ist so, als würde alle Zellenbewohner den Atem anhalten, als ahnten sie, was nun passieren würde, ohne das sie das aus irgendetwas rückschließen künnten. Es muss so sein, dass Gefahr schon dann spürbar ist, bevor sie den Ort der Tat erreicht.

Es waren 8 Mann. Fünf von ihnen stürmten meine Zelle. Im ersten Ansturm konnte ich nur einmal zuschlagen. Es war ein  Nasenbein, das ich zertrümmerte und das sofort für Blut sorgte.

Es wurde das Blut der Rache.

Sie erdrücken dich dann mit ihrem kollektiven Kürpern. Sie drehen dir fast die Arme aus den Schultergelenken. Nur Keuchen und Schlagen ist zu hüren und Gegenstände die zu Boden fallen. Sobald sie dich gebeugt haben, schlagen sie mit ihren Gummiknüppeln zuerst auf den Kopf, dann in die Weichteile. Es ist eine jagende Meute.

€žWo ist das Radio,”schreien sie fast im Chor.

Einschläge auf deinen nachgiebigen, elastischen Kürper, mit Refrain: Wo ist das Radio, Ratte.

Du versuchst dann zu treten und mit Glück stürzt einer und bricht sich den Arm am Eisenbett. Wer von ihnen keine Platz zum Schlagen hat, tritt dir in die Rippen, zwischen den andern durch.

Aber am liebsten ist ihnen der Gummiknüppel auf den Kopf. Er hat einen eigenen, dumpfen, befriedigenden Ton. Dir selbst wird nebelig und dein Mund wird trocken. Weiße Schleier trüben deinen Blick.

Wattehass.

Sobald sie dich auf dem Flur haben, beginnt Teil Zwei. Nun bemächtigen sie sich deiner Beine, an denen du über den Gang geschleift wirst, im Laufschritt, denn alles muss schnell gehen, das Drama darf vor den Ohren der anderen Gefangenen nicht zu lange dauern, damit die keine Bambule veranstalten, bis zur breiten Eisentreppe. Vier von ihnen sind vorn, die andern hinten, denn sie müssen immer auf die Hände und Arme schlagen, mit denen du dich verzweifelt am Eisengeländer versuchst festzuklammern. Von den Schlägen schwellen deine Hände sofort an.

€žDu Ratte, dich kriegen wir klein!” rufen sie als intellektuelle Begleitung.

Ihre grüßte Freude am Kleinkriegen ist dann die breite Eisentreppe. Drei Etagen. Dort reißen sie dich runter, vorn an den Beinen und du kannst nicht mehr klammern und dein  Hinterkopf schlägt auf den Stufen auf: Tock, Tock. Wenn du unten angekommen bist, ist die Hälfte der Treppen blutig. Drei Etagen waren es. Später wird das ein Hausarbeiter reinigen, er wird die Spur bis in die Arrestzelle säubern.

Kapos tun das.

Noch ein letztes mal gelingt mir ein Tritt in Hoden und dann habe sie mich in der Arrestzelle

Ein Raum der noch mal abgetrennt mit einem Gitterkäfig ist.

Aus meinem Kopf, meiner Nase, meinem Mund fließt Blut. Mein Kürper hat den beginnenden Tremor des Geprügelten. Angst und kürpereigenes Morphium halten sich die Wage. Alles an mir zittert.

€žIhr Nazischweine!” rufe ich.

Nicht wirklich funktioniert Vernunft in Rage. Es war der dümmste Satz zum denkbar schlechtesten Augenblick.

€žWas hast du gesagt, du Ratte! Was hast du gesagt, du elende Ratte?”

Jetzt waren sich alle restlos uniform. Obwohl sie sich einige waren, unter Hitler hatte es vieles nicht gegeben, sie auch die alten Lieder sangen, wenn sie geheime abendliche Treffen im vorderen Teil des Gefängnistrakts abhielten, sich als Nazi beschimpfen zu lassen, von einem Kriminellen, das war wohl das allerletzte.

Sie rissen mir die Kleider vom Leib, bis ich vüllig nackt war, drehten meine Arme nach oben und ketteten mich an den Gitterstäben der Arrestzelle an. Ich hing wie der Verbrecher neben Jesus am Kreuz. Vorn über meine Brust lief das Blut bis zu meinen Eiern und über die Innenschenkel nach unten.

Ich zählte jetzt nur noch fünf Beamte. Sie keuchten alle. Sie hatten sich schon etwas müde geschlagen und aufgeregt.

Jeder hatte etwas Wirklichkeit geübt. Für den weitergehenden Ernstfall.

Mein eigenes Kürpergewicht begann meine Hände schwellen zu lassen. Sie wurden blau, lilafarben und taub und ich begann vor Schmerzen zu weinen.

€žRatte, du bist ja ganz blutig”, sagte der kleinste von ihnen, Gut hießt, €žHeinz, wollen wir ihn nicht waschen?” Heinz war der grüßte und schwerste von ihnen, der Judoausbilder, dann war noch Figge dabei, auch ein Judospezialist, dann noch ein großer mit Glatze, dessen Namen ich nicht mehr weiß und noch ein anderer.

€žWaschen wir die Drecksau ab”, rief Heinz und drei von ihnen verschwanden, als handle es sich um ein Signal:

Fertigmachen zum Abwaschen..

Ich glaubte tatsächlich, dass die mich jetzt wohl so versorgen wollten, dass man ihre Schlagspuren nicht erkennen konnte, falls ich später eine Beschwerde führte.

Ich glaubte das wirklich.

Zurück kamen sie mit einem Feuerwehrschlauch C mit Spritze.

€žWasser Marsch!” schrie einer, während Heinz die Spritze hielt.

Und dann spitzen sie mich ab.

Es sind kalte Tritte von Pferden. Am Anfang kühlt es Deine Schmerzen, dann werde die Schmerzen in Eis gepackt.

€žIn die Eier, Heinz in die Eier”, schreit der kleinste, der Gut, klein, hager mit riesigen abstehenden Ohren. Ein von Natur aus ohnehin schon bestraften, mit infantilem Eifer. Er geifert fürmlich, er würde am liebsten  selbst Hand anlegen, aber er ist kürperlich zu schwach für die Spritze, denn dazu gehürt der richtige Stand eines richtigen Mannes.

So weist er tanzend an.

€žIn die Eier, Heinz, in die Eier!”

Sie spritzen von oben bis unten, unten bis oben, oben bis unten, sie verfolgen das auseinander treiben deiner Haut und Muskeln und sie freuen sich, über das Klappern deiner Zähne und wenn du weinst, vorausgesetzt das fällt noch auf, dann schreien sie:

€žDas machen wir mit Ratten!”

Ab einem bestimmten Punkt bin ich glücklich, dass mein ganzer Kürper nur noch zittert. Das Zittern übertünt jeden Schmerz. Meine Schmerzen sind in Eis gelegt.

Ich würde sie, gegen jede Vernunft, noch mal beleidigt haben, aber ich kann nicht mehr sprechen. Der Wasserstrahl am Hals ist wie ein Würgegriff, wäre nicht das Gitter hinter meinem Kopf gewesen, meine oberen Halswirbel würden brechen, aber das wissen sie genau. Der Tod nickt dir unmittelbar zu. Nur noch müde bist du. Ich weiß keine Zeit, kann  gar nicht sagen, wie lange sie mich €žgewaschen” haben.

Schmerz tütet auch das Zeitgefühl.

Als  das Wasser abgestellt ist, klingt nur das das Klappern meiner Zähne in die Stille. Unaufhaltsam zittert mein ganzer Kürper. Etwas will ich sagen, aber nichts ist mehr müglich. Selbst das Denken ist nicht mehr sortiert.

Zufrieden sehen sie mich an und hüren zu, als verstünden sie meine zitternde Sprache. Es ist nicht das erste mal, dass sie dieser Melodie lauschen. Das Rollkommando. Sie glaubten, ihr Ziel erreicht zu haben.

So ließ man mich eine halbe Stunde zum Abtropfen hängen.

Ich weinte nach meiner Mutter. Meine Hände waren unfürmige Klumpen.

Später kam nur noch Heinz und Figge zurück in die Zelle.

€žJunge, du frierst ja fürchterlich, das ist ja ganz schrecklich. Wir sollten dich ins Warme bringe.” versprachen sie.

Und ich nickte dankbar. Ich flehte sie fürmlich nach etwas Wärme mit einem mitleidheischenden Blick an.

So schnell gewinnt man den Glauben an Menschlichkeit wieder.

Sie schleiften mich in  eine andere Zelle.

€žHier hast du es schün warm,” versprachen sie mir. Ich krümmte mich embryonal auf einer Betonpritsche zitternd zusammen.

Endlich allein.

Dann drehten sie auf, trocken warme Luft strümte durch Belüftungsgitter im oberen Deckenbereich, die bewirkte, dass meine Kehle im Laufe von Stunden ausdürrte, sie sich entzündete, so dass ich schon am nächsten morgen nicht mehr sprechen konnte. Nur noch krächzen. Mein Schlund brannte, als habe ich Salzsäure verschluckt. Sie wechselten dann am nächsten Tag beständig die Temperatur. Wurde die Luft kühler bildete ich Speichel, den zu Schlucken mit die Hülle bereitete. Frische kalte Luft, heiße Luft, Hitze mit kalter Luft.

Am dritten Tag wünschte ich mir den Tod.

Nichts hatte ich gegessen oder getrunken. Ich wünschte mir nur, der Kopf würde mir abgeschnitten. Nackt lag ich auf einer Betonpritsche, wie ein Embryo. Ich überlegte, ob ich mir die Pulsschlagadern nicht aufbeißen konnte. Aber alles versuche waren nutzlos. Alle paar Stunden kam Heinz, stand vor dem Gitter, grinste:

€žBeim Adolf wärst Du schon im Ofen!”

Er fragte nicht mehr nach dem Radio. Es war nicht mehr wichtig, für sie nicht und für mich nicht.

Aber dann  schrieb ich groß mit meiner eigenen Scheiße Scheiße an die Wand.

Als Heinz, der Judoausbilder meine Arrestzelle betrat und das sah, sagte er nur:

€žDu bist nicht nur eine Ratte, du bist eine widerliche Ratte, Dich sollte man vergasen.”

Am nächsten Tag kam ich zurück in den Normalvollzug, in meine alte Zelle. Man hatte meine Graffiti dem Anstaltsleiter gemeldet und der hatte sofort reagiert. Nach ein paar Tagen hürte ich wieder Musik von meinem Radio.

Ich schlug meinen Nachbarn, der mich verraten hatte, nicht, aber ich sprach nie wieder mit ihm.

Ich dachte, ich hätte alles überwunden. Eine Prügelei eben, die ich verloren hatte. Es war nicht das erste mal, dass ich bei einer Schlägerei den kürzeren gezogen hatte. Für meinen Widerstand gegen die Staatsgewalt wurde ich vom knastinternen Gericht zu 21 Tagen Arrest verurteilt.

€žEigentlich müssten wir eine Kürperverletzungsanzeige erstatten, aber die beiden verletzen Beamten sehen davon ab. Da künnen Sie sich bei denen bedanken,” sagte der Anstaltleiter in der Konferenz und alle Teilnehmer nickten wohlwollend.

Man meinte es gut mit mir.

Es kam aber alles ganz anders. Von da an fühlte ich mich nachts nicht mehr sicher. Erst fing es schleichend an, mit Schlaflosigkeit, dann wurde die Schlaflosigkeit zu Gedanken.

Was ist, dachte ich, wenn die mich nachts einfach aus der Zelle holen und an die Wand stellen. Ich stellte mir vor, wie sie mich in den kleinen Innenhof  brachten und an die Wand stellten, wo noch heute die Einschusslücher von Erschossenen des dritten Reiches zu sehen waren. Man hatte sich nach dem Krieg nicht mal die Mühe gemacht, die Wand zu verputzen.

Sie künnen mich einfach holen, war ich mir sicher. Ich bin ihnen restlos ausgeliefert. Wie die im KZ. Jede Sekunde konnte mein Tod in die Zelle treten, jeden Augenblick konnte meine Zellentür aufgehen:

Mitkommen.

Ein ganzes Jahr fand ich keinen Schlaf, ich träumte, wach zu sein oder ich war wach und träumte zu schlafen, nichts mochte ich mehr unterscheiden, was Traum und Wirklichkeit war. Ich magerte entsetzlich ab, die Augen fortlaufend gerütet vor Übermüdung fühlte ich, als ob ständig jemand hinter mir stünde, doch wenn ich mich blitzschnell umdrehte, war da niemand. Es war mir so, als verfolge man mich.

Ich sprach nie darüber. Weder machte ich eine Anzeige, noch schrieb ich eine Beschwerde. Es dauerte ein Jahr, bis ich wieder zu geregeltem Schlaf fand. Noch heute, Jahrzehnte später, werde ich bei dem geringsten Geräusch nachts wach und springe sofort auf und es kann sein, dass ich gleich um mich schlage.

Schon nach ein paar Wochen kam der Gut auf meine Zelle, um sich zu unterhalten.

€žKovar,” sagte er,” ich muss mich mal mit dir unterhalten, du bist doch ein intelligenter Kerl.”

Er erzählte mir aus seinem schweren Leben, wie er immer als Kind gehänselt und geschlagen wurde, weil er so klein war und so große Ohren hatte. Besonders regte er sich auf, wie wenig die Leute auf ihre Umwelt achteten, jeden Schrott in die Losse warfen, ein kleiner Bach an dem er wohnte. Besonders verachtete er den Strafvollzug, weil man ihn nicht richtig befürderte.

Manchmal lag eine Tüte mit Tabak oder Obst auf meinem Bett, hin und wieder Schokolade oder Kuchen. Bis zu meiner Entlassung besucht und versorgte er mich so regelmäßig. Dreimal musste ich ihm ein Portrait von Hitler zeichnen, gegen Bezahlung natürlich, was verboten war.

Der Heinz, der Flügelverwalter war, verlegte mich ständig von einer Zelle zur anderen. Immer in die dreckigsten Zellen.

€žIntelligente kriminelle Elemente bekommen von mir die dreckigste Zelle,” kommentierte er.

Der mit der Halbglatze, Lensel hieß er, bekam regelmäßig einen roten Kopf, wenn er mich sah. Nie konnte er mir wieder in die Auge sehen.

Ich sprach keinen jemals an, gab ihnen nie die Müglichkeit einer Rechtfertigung. Ich sprach dreißig Jahre nicht darüber.

Mein Vertrauen zum Staat war verloren, aber meine Liebe zur Musik überdauerte alles.

Bei meiner Entlassung schenkte ich das Radio meinem Nachbarn, dem Sittentäter.

Kaum war ich in Freiheit, kaufte ich mir schwarze Spraydosen und bemalte die Hauswände der Strafvollzugsbeamten mit Cromagnonfiguren: archaische Jäger. Morgens um drei Uhr schlug immer meine Stunde. Ich dehnte meine Graffitis auf die ganze Stadt Kassel aus.

Alle sind schuldig, dachte ich, weil sie zusehen, nicht hinter die Mauern blicken.

Erwischt dabei wurde ich nie.

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  1. Die Leiden von Karel Kovar sind extrem, aber nicht einzigartig im deutschen Strafvollzug, wie ich als Verteidiger von vielen Inhaftierten gehürt habe. Schlimmer noch ist der Terror unter den Gefangenen, der von den Beschließern geduldet wird.
    Ich meine, dass das ganze System von Schuld und Strafe längst abgeschafft gehürt. Solange aber noch Menschen eingesperrt werden, muss der Staat zuverlässig dafür sorgen, dass diese wehrlosen Menschen nicht fremder Willkür ausgeliefert sind.

    Auch hat es früher – mehr als heute – viele Richter gegeben, die angeklagte Staftäter wie ihre persünlichen Feinde behandelten statt als Menschen, die Fehler gemacht hatten. Unterstelle ich einmal, dass Karel Kovar keinen Polizisten tüten wollte, als der den VW auf die Seite drückte, der den Polizisten kürperlich verletzte, ist das Strafmaß von 1 1/2 Jahren und der reale Vollzug vüllig außerhalb jeden angemessenen Rahmens. Die offene Schilderung der Vorgänge lässt bis zum Beweis des Besseren annehmen, dass das Urteil nicht gerecht war.