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Peru: Schließung einer kontroversen Kunstausstellung

Donnerstag, den 27. November 2008 um 16:31 Uhr von Juan Arellano

Vor ca. einem Monat wurde die Aussstellung “La Migración de los Santos” (”Die Migration der Heiligen”) in der Galerie Vértice im Stadtviertel San Isidro in Lima eingeweiht. Die Werke der Künstlerin Cristina Planas sind ikonoklastisch und porträtieren die Heiligen in einem unkonventionellen Format. Im Blog Palabras Van y Vienen II [es], spricht Cristina Planas im Interview mit M. Isabel Guerra darüber, warum sie dieses Sujet gewählt hat:

“Die Heiligen sind auf den Altaren, aber bevor sie dorthin kamen, waren sie menschliche Wesen und lebten auf dieser Welt… Ich richte die Galerie so ein wie eine große alte Kirche; auf dem, was zum Hauptaltar werden soll, ist der Herr der Wunder… zur Rechten ‘a la diestra del Señor’, sind der Heilige Martin und die heilige Rosa, die Heiligen die, sagen wir, die Zelebranten sind, und zur Linken ist die Sarita Colonia, die Volksheilige, die nicht vom Vatikan anerkannt worden ist.

Heute tötet man niemanden mehr mit Dornen oder Nägeln, sondern eher mit Feuerwaffen, unter anderem. Deshalb habe ich den Schwarzen Christus gemalt als mit Gewehren angenagelt, anstatt von Dornen gekrönt; Sarita habe ich in ihrem Combi (einem öffentlichen Bus) platziert; Sankt Martin habe ich als jungen Kerl aus einem Barrio charakterisiert und die heilige Rosa als Frau, die in der Lage ist, ihre Lebensvorgänge zu genießen.”

Photo mit freundlicher Genehmigung von Palabras Van y Vienen II

Die Art, in der die Heiligen porträtiert wurden, war nicht das Einzige, das die Aufmerksamkeit auf sich zog, sondern auch, dass die Heiligen nur mit Unterwäsche bekleidet waren.

Das erzeugte eine große Bandbreite von Reaktionen, von solchen, die dafür waren, eine andere, menschlichere Seite der Heiligen zu zeigen, bis zu solchen, die es beleidigte, weil sie der Meinung waren, dass die Art der Darstellung der heiligen Figuren unehrerbietig sei. Die Ereignisse nahmen jedoch einen anderen Lauf, als vor dem Schluss der Ausstellung die Stadtverwaltung von San Isidro die Galerie schloss [es] mit der Begründung, es gäbe Probleme mit der städtischen Betriebserlaubnis. Die Direktorin der Galerie Rosario Wenzel, veröffentlichte in ihrem Blog Arte Nuevo [es] eine Notiz, in der sie einige der Behauptungen widerlegte:

“6. Wir müssen darauf hinweisen, dass es nicht zutrifft, dass es der Galería Vértice an der Betriebserlaubnis fehlt, noch dass sie keine von der Defensa Civil ausgegebene Zertifizierung habe, selbst wenn ein administratives Problem mit der Erneuerung der RUC bestanden haben sollte, wurde es schon gelöst.

7. Es ist offensichtlich, dass die tatsächliche Schließung der Galería Vértice aufgrund des Drucks einer radikalen Gruppe stattfand, die nicht die Gemeinschaft der Katholiken repräsentiert, die wir respektieren, und was noch schwerer wiegt, dass die Personen, die ihre Missbilligung ausdrückten, das Werk nicht besucht haben und sich von der tendenziösen Meinung desinformierter, fanatischer Personen voller Vorurteile leiten ließen, die - so sind wir sicher - die Mehrheit der denkenden Menschen nicht teilt.”

Amazilia von Perú Apartheid [es] sieht keine Grundlage für den Skandal:

“Erst einmal verstehe ich nicht, warum sie diese Figuren beleidigend finden, auch wenn sie auf wenig konventionelle Art präsentiert werden, wird ihnen gegenüber der nötige Respekt gewahrt, sie sind wie in irgendeiner anderen Kirche auch, ich weiß nicht was sie mehr stört: die Unterwäsche oder die Gesichtsausdrücke. Aber gab es in 2000 Jahren Christenheit nicht schon bizarrere Überschreitungen?”

Andere Blogger sehen die andere Seite, so auch Guille of Pueblo Vruto [es] der schreibt:

“Entweder ignoriert Frau Planas den Wert der Heiligen für religiöse Menschen, oder sie beabsichtigt, sich über sie lustig zu machen. Es ist offensichtlich, dass für Gläubige und Fromme die Gnade der Heiligen darin wurzelt, dass sie ein Vorbild des geistigen Lebens sind, das nicht nur die Bedeutung des Physischen (Materiellen) reduziert, sondern sogar seine zentrale Stellung bekämpft… Es handelt sich nicht um das bloße Streben nach einer ‘alternativen’ Ästhetik: deutlich wird die ‘geläufige’ (offizielle, kanonische, usw.) Ästhetik umgestürzt mit einer Anti-Wertung. Die Heiligen von Cristina Planas ‘migrieren’ nicht: sie verkehren sich bis zur Negation und zur (Selbst-) Ablehnung.”

Viele rätseln über den Ursache-Wirkungs-Aspekt der Schließung der Galerie. Luis von Bloodyhell [es] schreibt:

“Wenn ich auch nicht genügend Indizien habe, um feststellen zu können ob das mit Vértice Zensur war oder nicht. Aber ich habe genügend Indizien, um zu verstehen, dass es interessanter wäre, wenn die Künstler sich aufraffen könnten - im Lichte dieser neuesten Äußerungen von Intoleranz oder ästhetischer Ignoranz der sogenannten ‘religiösen Fanatiker’ - nicht um zu sagen, dass die Religion wichtig für das ‘peruanische Volk’ sei oder um den Eifer dieser ‘katholischen’ Nation zu bewundern, sondern um zu warnen vor und nachzudenken über das ganze Verlogene und Verrückte, das eine Religion zu produzieren in der Lage ist. Anders herum gesagt, es ist an der Zeit, die Religion zu beleidigen.

Es gibt einen Kommentar den ich las, der mir sehr logisch schien. Er lässt sich so umschreiben: ‘Wie kann man von mir verlangen, das ich die Kunst respektiere, wenn die Künstler meinen Glauben nicht respektieren?’ Ganz klar. Superklar. 100 Bonuspunkte. Die Antwort geht so: nein, niemand verlangt, das du die Kunst respektieren sollst. Und niemand verlangt, das du überhaupt etwas respektieren sollst. Deine Respektlosigkeit ist unbeschränkt, ohne Grenzen und kann allen Hass und alle Geringschätzung beinhalten, derer dein Hirn fähig ist. Es gibt nur eine Einschränkung: das Gesetz zu erfüllen, das, auch wenn dir das unvorstellbar erscheint, von Menschen geschrieben wurde, die ganz andere Dinge dachten als Gott. Deswegen kannst du nicht in eine Galerie gehen und das verbrennen, was dir beleidigend vorkommt und was du nicht respektierst. Dafür würdest du verhaftet werden. Aber klar kannst du alles über die Kunst sagen und schreiben was du willst. Das heißt, du könntest ein religiöser Künstler sein und deine Werke dem Herrn widmen, Werke, die natürlich respektiert werden. Ich zweifle sehr, dass das wichtig ist, aber schön, du bist frei. Und weißt du was? Diese Freiheit, dich auszudrücken gab dir nicht Gott: die gaben dir Menschen.”

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Global Voices. Die Übersetzung erfolgte durch Martin Ruopp, Teil des “Project Lingua“. Die Veröffentlichung auf der Readers Edition erfolgte mit freundlicher Genehemigung von Global Voices.

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