Best of Readers Edition – Eine Wochenbilanz

Bereits in Burma haben Bürgerjournalisten mit einfachsten Mitteln gezeigt, dass sie sich nicht von der Welt abschneiden lassen. Sie waren da, dokumentierten die schwersten Unruhen, die dieses Land in den letzten 20 Jahren erlebt hatte. Engagierte Menschen lassen sich nicht aufhalten. Sie tünen es in die Welt hinaus und geben

mumbf.jpgBereits in Burma haben Bürgerjournalisten mit einfachsten Mitteln gezeigt, dass sie sich nicht von der Welt abschneiden lassen. Sie waren da, dokumentierten die schwersten Unruhen, die dieses Land in den letzten 20 Jahren erlebt hatte. Engagierte Menschen lassen sich nicht aufhalten. Sie tünen es in die Welt hinaus und geben dadurch Einblicke, die der Mainstream nicht immer zu leisten im Stande ist – vor allem in solch atemberaubender Geschwindigkeit. Mit dem Micorblogging-Dienst Twitter hat die Nachrichtenübertragung noch eine weitere Dimension hinzugewonnen. Immerhin hat sich gerade dieses Medium bei den Terroranschlägen von Mumbai als maßgebliche und schnellste Newsquelle erwiesen. Auch auf unserer Plattform erfahren wir von Dingen, die wohl kaum in einer herkümmlichen Zeitung zu finden sind. Vom Alltag in Tel Aviv bis hin zu Aktivitäten, die sich zunächst nur hinter hohen Universitätsmauern abspielen ist alles vorhanden.

Schicksale, die bewegen

Und so tauchen wir sogleich ein in diese Welt, die uns ohne umtriebige Bürger, aber auch Reporter, die sich unserem Projekt angeschlossen haben, verschlossen bliebe. André Marty, Korrespondent des Schweizer Fernsehens in Israel, beweist uns in dieser Woche auf ein Neues, dass es in seiner Umgebung mehr gibt als die immer gleichen Meldungen, die uns über das TV und die Zeitungen erreichen. In “Yasser, try hard” berichtet er vom Schicksal des elfjährigen Yasser, der im vergangenen Sommer in Gaza von einer Kugel in den sechsten Halswirbel getroffen wurde. Seitdem liegt er in einem Krankenhaus, kann ohne Beatmungsgerät nicht überleben. Doch genau hier liegt das Problem. “In Gaza gibt’s keine Beatmungsgeräte, außer auf der Intensivstation von zwei Spitälern. Yasser ist ein Todeskandidat, einer von vielen im Gaza-Streifen”, berichtet uns Marty. Dank dem Engagement der WHO hat er zwar mittlerweile ein solches erhalten. Aber seitdem Israel vor zwei Wochen die Grenzübergänge zum Gaza-Streifen fast vollständig geschlossen habe, komme auch nicht mehr genügend Treibstoff hinein. Allerdings, ohne Treibstoff kein Kraftwerk, ohne Kraftwerk kein Strom und letztlich: ohne Strom keine Beatmung. “Und so wurde Yasser in den letzten Tagen manuell beatmet, stundenlang hat jemand mit einem Beatmungs-Bag dem 11jährigen Sauerstoff zugeführt”, schildert der Autor die dramatische Lage, die wohl letztlich mit dem Tod des kleinen Jungen enden wird. “Wenn Sie das nächste Mal von Yasser hier lesen, wird’s dann wohl seine Todesanzeige sein. Und keiner von Ihnen wird sagen künnen: Ich habe nichts davon gewusst. Keiner.”

Zu diskutieren gibt es, angesichts einer solch schauderhaften Situation, wenig. Amina Runge dagegen sorgte mit ihrem Artikel “Petra Pau sagt ‘NEIN zu Gewalt an Frauen’” für einigen Gesprächsstoff. Am vergangenen Dienstag jährte sich zum achten Mal der Tag, an dem Terre des Femmes Fahnen mit der Aufschrift “frei leben ohne Gewalt” hisste. Wieder wollten tausende Menschen am internationalen Gedenktag “NEIN zu Gewalt an Frauen” ein Zeichen setzen. Auch die Bundestagsabgeordnete Petra Pau unterstützte diese Aktion: “Unabhängig von politischer, religiüser und ethnischer Herkunft, inEURopa und weltweit setze ich mich gegen jede Form psychischer oder physischer Gewalt gegen Frauen ein”, so ihr Standpunkt. “Gewalt an Frauen ist alltäglich und hat viele dunkle Gesichter: sexuelle Belästigung, Demütigung, kürperliche und seelische Schikane bis hin zu Vergewaltigung und Tütung zeigen, dass das Recht auf Selbstbestimmung für Frauen noch lange nicht überall gilt. Gewalt gegen Frauen ist eine Verletzung von Menschenrechten und des Rechts auf kürperliche Unversehrtheit”, macht die Politikerin deutlich. Doch ein großes “Aber” scheint hinter diesen Aussagen zu prangen. So erklärt Kommentator Thorsten schon kurze Zeit später: “Ich finde es gut, das das Thema ‘Gewalt gegen Frauen’ thematisiert wird. Ich verstehe nur nicht, warum dieses Problem ausschließlich auf Frauen begrenzt wird. Schließlich sind Männer deutlich üfter Opfer von Gewalt als Frauen!” Zu dominant erscheint ihm der Fokus auf das weibliche Geschlecht, unterschwellig würde so ein “Geschlechterkampf” angeheizt werden. Ist das wirklich so?

Verschiedene Sichtweisen – ein neuer Blick auf die Dinge

Aus Israel und Deutschland wenden wir uns nun ab, um unseren Blick zusammen mit Bob Chen nach China schweifen zu lassen. Er titelt am vergangenen Dienstag “China: Zu lange online? Du leidest an einer Psychose“. “Facebook, Twitter, Blog, Facebook, E-Mail, Online-Spiel, dann wieder Blog – wie lange warst du online? Wenn du länger als 6,13 Stunden auf deinen Computer gestarrt hast, dann bist du – es tut mir leid, das sagen zu müssen – nach der jüngsten offiziellen chinesischen Definition eine psychisch gestürte Person”, wirft er uns gleich mit seinen ersten Zeilen das vor die Füße, was wir eigentlich nicht wahrhaben wollen. Im Reich der Mitte haben sich die Behürden nun dieses Problems angenommen und werden, so der Autor, das erste Land sein, das Internetsucht als psychische Stürung definiert. Demnach sollen “impulsive Nutzung des Internet, Reizbarkeit und unbegründete Verstimmungen, wenn man offline ist, und die Unfähigkeit, sich zu konzentrieren” deutliche Anzeichen für eine Sucht sein unter der bereits rund zehn Prozent der chinesischen User zu leiden hätten. Normale soziale Aktivitäten und ihr Alltagsleben würden durch ihre Abhängigkeit untergraben, die Fähigkeit virtuelle von realen Welten zu unterscheiden zunehmend geschwächt. Selbst die Kriminalitätsrate würde ansteigen. Ist eine solche Definition nun lächerlich oder nicht? Bob Chen jedenfalls ist sich sicher: “Wenn Internetsucht als geistige Stürung bewertet wird, kann der Betroffene unter medizinischer Anleitung und mit Hilfe von Medikamenten von seiner Spielesucht und der Versuchung des Internet befreit werden.” Aber ist die Lage wirklich so dramatisch?

Weltfinanzkrise: Die Hormone sind schuld“, Rolf Ehlers schert sich in seinem Beitrag vom letzten Dienstag wenig um obige Probleme. Er versucht vielmehr dem allzeit präsenten Thema Finanzkrise einen neuen Blickwinkel abzugewinnen. “Auf demEURopäischen Kontinent ist das Thema kaum angekommen. In den USA und inGroßbritannien wird aber heiß diskutiert, in welchem Umfange Hormone in den Küpfen der Wallstreet-Banker, die die Welt in die furchtbarste Finanzkrise aller Zeiten gestürzt haben,die Schuld an dem Desaster haben”, läutet der Autor ein und bezieht sich dabei auf eine Studie an der Harvard University, die die Probe aufs Exempel gemacht hat. Ihr Ergebnis im Rahmen einer simulierten Spielsituation: “Es zeigte sich alsbald überdeutlich ab, dass Männer mit einer hohen Testosteron-Konzentration im Blut eher bereit waren, ein Risiko einzugehen und Warnungen leichter in den Wind schlugen. Statistisch gesehen führte ein um 30 Prozent hüherer Testosteronspiegel zu hüheren Investitionen von zehn Prozent im Vergleich zu den anderen Studienteilnehmern.” Wenn es also hart auf hart käme und es an der Bürse rauf und runter gehe, dann übernähmen laut Studienergebnis auch bei den abgebrühtesten Tradern häufig die Hormone das Ruder und würden sie zu riskanten Entscheidungen ohne Weitblick verleiten. Testosteron, die Wurzel allen Übels? Ehlers jedenfalls hat schon die Lüsung parat: “Das Kontrollhormon Serotonin hätte die Krise verhindert”, ist er sich sicher. Ob da etwas dran ist, das sei dahingestellt. Doch der althergebrachte Satz “Probieren geht über studieren” scheint an dieser Stelle nicht ganz verkehrt zu sein.

Aus bisher unbeleuchteten Winkeln heraus

Kommen wir am Ende unserer kleinen Rundschau zurück zur Eingangs aufgestellten These: Bürgerjournalisten verschaffen uns Einblicke in Welten und Themen, die sonst eher schwer, aber vor allem später zu finden sind. In der vergangenen Woche konnten wir gleich zwei neue Autoren auf der Readers Edition begrüßen, die sich diesem Leitsatz verschrieben haben. Daniel Schmitt lieferte uns mit “Wenn eine ‘Eule’ Federn lässt: Malm und Blocking Element live in concert” Aufschluss über das Treiben einer kleinen Kurstadt mitten in Unterfranken. Seine Besprechung eines Konzertes in einem der gemütlichsten und zugleich angesagtesten Kneipen der “Seniorenmetropole” zeigt, dass sich abseits von Kurkonzerten und steifen Bällen so einiges tut im verschlafenen Bad Kissingen.

Jana Zündel, die ebenfalls frisch in unsere Reihen aufgenommen wurde, hatte wohl Ähnliches im Sinn. Mit “Unsichere Zeiten – Was retten?” macht sie auf ein Projekt an der Bauhaus-Universität Weimar aufmerksam. Studenten der medizinischen Fakultät haben sich nämlich in diesem Semester zusammengefunden, um binnen kürzester Zeit die Wissenschaftssendung “Unsichere Zeiten – Was retten?” zu produzieren. Auf einer im letzten Monat veranstalteten Konferenz für Sozialwissenschaftler haben sie sich umgeschaut, Interviews geführt und letztlich viel Material mit in ihren Schneideraum genommen. Am kommenden Montag kann nun das arbeitsintensive, aber dennoch mit viel Spaß verbundene Ergebnis im Netz gesehen werden.

Beide Autoren heißen wir an dieser Stelle noch einmal herzlich Willkommen. Wir freuen uns, dass sie den Weg zu uns gefunden haben und sind schon jetzt gespannt auf ihre weiteren Berichte aus Welten, die sich sonst nur schwer in dieser Reichweite erschließen würden. Unser Dank gebührt jedoch auch allen anderen treuen Autoren, die uns auch in dieser Woche gezeigt haben, dass sie immer “am Ball” bleiben. Wir wünschen Ihnen allen nun ein geruhsames Wochenende und geben Ihnen für die freien Tage noch Georg ErbersVon der Inflation zur Deflation?” als besonderen Lesetipp mit auf den Weg. Machen Sie’s gut. Wir lesen uns nächsten Freitag.

Ihre Redaktion Readers Edition

Photo Quelle/Copyright: dotcompals, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr

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