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China: Yang Jia ist tot

Sonntag, den 30. November 2008 um 17:01 Uhr von Global Voices

Yang Jia (杨ä), der am 1. Juli 2008 in der Polizeistation des Shanghaier Bezirks Zhabei sechs Polizisten getötet hat, wurde am 26. November 2008 hingerichtet. Ein Twitter-Account, foreveryangjia, wurde eingerichtet, wo User sich zum Tod dieser legendären Persönlichkeit äußern können.

Der Anwalt und Blogger Liu Xiaoyuan, der von Yangs Mutter erfahren hatte, dass das Höchstgericht die Hinrichtung befürwortet hatte, drückte sein Bedauern darüber aus, dass der wahre Sachverhalt noch nicht geklärt ist:

“Yang Jia muss sterben, aber die Wahrheit liegt noch im Dunkeln!”

Glaubt man Yangs Aussage, so wurde er von der Shanghaier Polizei fälschlich beschuldigt, 2007 ein Fahrrad gestohlen zu haben, und soll von der Polizei während seiner Haft physisch misshandelt worden sein. In einem nicht-öffentlichen Verfahren wurde er im August zum Tode verurteilt, ohne dass im Urteil eine nachvollziehbare Erklärung für seine Tat gegeben worden wäre. Viele hielten den Prozess für unfair, da der Anwalt, den Yangs Vater engagiert hatte, abgelehnt wurde und die Regierung Yang Jia einen anderen Anwalt beistellte, einen Rechtsberater der Regierung des Bezirks Zhabei. Skandalöser ist allerdings die Tatsache, dass Yangs Mutter, Wang Jingmei, monatelang in einem vom Pekinger Polizeibüro betriebenen psychiatrischen Krankenhaus festgehalten wurde. (Eine englische Darstellung: Yang Jia: Stranger than Fiction)

Während die Regierung die Wahrheitsfindung nicht sehr eifrig betrieb, versuchte Liu Xiaoyuan das Puzzle zusammenzusetzen. Er verfolgte die Tragödie bis zu einer Klage von Yangs Mutter zurück:

“Yangs Jias Mutter ist eine erfahrene Klägerin. Bereits im Jahr 2000 hatte sie einen Konflikt mit einem Kollegen, der vor Gericht endete. Sie hielt das Verfahren für unfair und begann einen acht Jahre dauernden Gerichtsstreit.
Nach Medienberichten half ihr ihr Sohn, die Dokumente für ihre Klaganfechtung zu drucken.
Wang Jingmeis Klage beeinflusste auch ihren Sohn. Am 5. Oktober 2007, nach der Misshandlung in der Polizeistation, kaufte er tausend Umschläge, tausend Briefmarken und eine Schachtel Kopierpapier.

Da er sich mit Computern auskannte, nutzte er in erster Linie Email und Telefon, um seine Klagen einzureichen, und schickte zusätzlich Briefe per Post.
Nach neun Monaten kamen zweimal Polizeibeamte nach Beijing, aber sie behandelten angeblich seine ‘Eingaben’ nicht korrekt, was zu seinem blutigen Ausbruch führte. Yang Jia sagte, er wolle eine Erklärung, nicht Geld. Die Polizei sagte, Yang Jia rächte sich blutig, weil er nicht die von ihm geforderte Entschädigung in der Höhe von 10.000 RMB erhalten hatte.

Als Wang Jingmei ihre Schwester im Krankenhaus sah, sagte sie ihr, dass sie, als die Shanghaier Polizei zum zweiten Mal für Untersuchungen nach Beijing kam, das Gespräch mit einem MP3-Player aufgezeichnet hatte und sie daher beweisen könne, dass Yang nie 10.000 RMB Entschädigung verlangt hatte. Allerdings habe die Polizei dieses Beweisstück konfisziert. Nach der Festnahme von Yang Jia sah Wang Jingmei ihn nicht mehr wieder. Sie ist die Art von Mensch, die sich an die Fakten hält, und ihre Aussage deckt sich mit der von Yang Jia.

Nach Prüfung all dieser Details bin ich überzeugt, dass Mutter und Sohn die Wahrheit sagen. Bedenken Sie nur, dass die Polizei Yang Jia ins Kommissariat gezwungen hatten. Sie beharrten darauf, dass sie Yang nie geschlagen hätten, aber sie konnten keine Aufzeichnung vorweisen, die ihre Behauptung hätte beweisen können. Wang Jingmei wurde ins Ankang-Krankenhaus zwangseingewiesen, aber als ihre Verwandten ihr Verschwinden bei der Polizei anzeigten, logen die Beamten und sagten, Wang hätte die Polizeistation aus eigenen Stücken verlassen. Wie soll den Verantwortlichen noch jemand vertrauen, wenn sie die Menschen so belügen?”

Die Tötung von Yang Jia wurde vor allem im Internet als heroischer Akt interpretiert, der das ungerechte Establishment durch Gewalt herausfodert. Hier ein Gedicht, das Lu Xi’an
im September 2008 verfasste und das die Gefühle der Menschen Yang Jia gegenüber beschreibt. Das Gedicht wurde erstmals auf einem Blog auf sina.com veröffentlicht und dann von inmediahk.net übernommen. (Gegenstimmen von Xinhua.net finden sich einem andren GV-Beitrag, den Bob im Juni geschrieben hat.)

“Am 1. Juli 2008
tauchte Yang Jia in Shanghai auf.
Da begann die Geschichte seines Todes.

Manche sagen, er hätte Menschen getötet,
Manche sagen, er hätte niemanden getötet.
Seine Mutter ist unauffindbar.
Frag die Polizisten, sie sagen, sie wüssten nichts.
Frag das Gericht, die sagen, du sollst dich besser raushalten.

In Kürze wird Yang Jia zum Tode verurteilt,
Der Grund: Er hat sechs Shanghaier Polizisten getötet.
Obwohl wir die Wahrheit nicht kennen,
Obwohl wir gelernt haben zu schweigen,
Können wir uns selbst nicht anlügen und sagen, wir kennen Yang Jia nicht.

Was die Regierung von Shanghai betrifft:
Von nun an existiert für sie kein Yang Jia mehr.
Von nun an ist auch seine Mutter spurlos verschwunden.

Es gibt 1,3 Milliarden Chinesen.
Wie kann es sein, dass nur Yang Jias Mutter vermisst wird?
Wie können wir dem Gericht von Shanghai noch vertrauen?

Wer ist Yang Jia?
Diese Frage ist schwer zu beantworten,
Die Shanghaier Polizei wagt sie nicht zu beantworten,
Die Shanghaier Richter wagen sie nicht zu beantworten,
Die Shanghaier Anwälte wagen sie nicht zu beantworten.
Manche bekommen Angst, wenn sie bloß Yang Jias Namen hören.

Wer ist Yang Jia?
Wo ist die Wahrheit?
Wir wissen es nicht, wir wissen es nicht.

Shanghai ist groß, Shanghai ist zivilisiert,
Aber es gibt keinen Platz für einen offenen Prozess für Yang Jia,
Aber es gibt keinen Platz für eine Zeugenaussage von Yang Jias Mutter,
Aber es gibt keinen Platz für einen zum Tode Verurteilten, der sich an die Öffentlichkeit wenden will,
Vielleicht sind das die Worte des Bedauerns.

Wer ist Yang Jia?
Ach, kümmer dich nicht daraum.
Yang Jia ist nur ein Mensch,
Er ist einer von 1,3 Milliarden Menschen,
Er ist ein Sohn der Han, einer von 56 ethnischen Gruppen.
Als er auf diese Welt kommt,
Hat noch nicht gelernt zu bereuen,
Aber bereits seine Stimme verloren.
Als er auf diese Welt kommt,
Hat er nur dieses bisschen Wert,
Hat er nur diese eine letzte Gelegenheit,
Aber auch die wurde ihm genommen.

Wer ist Yang Jia?
Kümmere dich nicht um ihn,
Er ist nur ein Mensch,
In Shanghai gibt es so viele Menschen,
Die ihr Gesicht durch seinen Tod wahren wollen,
Ihr Gesicht, das sie bereits vor langem verloren haben.

Wer ist Yang Jia?
Ich glaube, wir sollten uns nicht so viele Gedanken machen,
Die letzte Fraege, die bleibt:
Warum hat Yang Jia eigentlich getötet?”

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Global Voices. Die Übersetzung erfolgte durch Ingrid Fischer-Schreiber, Teil des “Project Lingua“. Die Veröffentlichung auf der Readers Edition erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Global Voices.

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Eine Reaktion zu “China: Yang Jia ist tot”

  1. Erwin

    am 1. Dezember 2008 um 18:36 Uhr | Link | Kommentar melden

    Unglaublich und erbärmlich. Sympathie heischen für einen 6-fachen Polizistenmörder! Das ist noch unter dem “Niveau” vom gewöhnlichen Rechtsextremismus a la NPD und Konsorten.

    Was für eine Schande für den westlichen Kulturkreis, wenn man auf diese Weise gegen vermeintliche “Gegner” vorzugehen glaubt. Der Lohn wird sicher nicht ausbleiben…

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