Ruanda – Alltag für 60 Prozent, eine Bewerbung

Auf die Frage “What’s life in Kivumu?“ bekam ich in der Berufsschule in Kivumu nachstehendes Bewerbungsschreiben vorgelegt. 1999 verließ ich Kivumu, mein Heimatdorf, und lebe seitdem in unserer Hauptstadt Kigali. Heute bin ich 25 Jahre alt. In Kigali arbeitete ich als Hausmädchen und heiratete. Wir bekamen zwei Kinder, einen Jungen

Auf die Frage “What’s life in Kivumu?“ bekam ich in der Berufsschule in Kivumu nachstehendes Bewerbungsschreiben vorgelegt.

1999 verließ ich Kivumu, mein Heimatdorf, und lebe seitdem in unserer Hauptstadt Kigali. Heute bin ich 25 Jahre alt. In Kigali arbeitete ich als Hausmädchen und heiratete. Wir bekamen zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Die Ehe hielt nicht lange. Mein Mann war ein starker Trinker und hat mich oft geschlagen. Ich entschied mich für eine Trennung und sorge nun alleine für meine Restfamilie. Mein Mann verfiel total dem Alkohol und verunglückte tödlich.

Ich habe große Probleme mit der Erziehung meiner Kinder. Zunächst arbeitete ich als Hausmädchen bei einer deutschen Familie, die aber später in ihre Heimat zurückkehrte. In der Folgezeit nahm ich jede Gelegenheitsarbeit an, um meine Familie zu ernähren. Meistens war ich als Wäschepflegerin tätig. Wenn es eine Unterbrechung in meiner Beschäftigung gab, suchte ich mir gezwungenermaßen einen Mann. Ich kann es nicht ertragen, wenn meine Kinder Hunger leiden. Ich lebe mit den Kindern in einem kleinen Raum, der monatlich Frw 8.000 (€ 15) an Miete kostet. Es ist sehr schwer dieses Geld zusammenzubekommen. Aus dieser Situation heraus bin ich gezwungen, mir immer wieder Freier zu suchen, obwohl ich um die Gefahr ansteckender Krankheiten wie AIDS Bescheid weiß.  Ich habe keine andere Wahl.  In der Praxis bedeutet es, dass ich mich mit einem Mann solange abgebe, wie er mir Geld für Ernährung, Miete und die Schule meiner Kinder gibt. Dies ist  einfach die tägliche Wirklichkeit für eine arbeitlose Mutter.

Ich bete jeden Tag zu Gott, dass ich einen Job finde. Die Art der Arbeit ist mir gleich. Hauptsache ich bin wieder unabhängig von jeglicher Zuhälterei. Obwohl, wenn ich einen guten, verlässlichen Mann finde, würde ich gerne wieder heiraten. Die einzige Organisation, die wirklich Hilfe leistet, ist die katholische Kirche. Leider hilft sie fast ausschließlich nur älteren und ganz alten Frauen, die gleichzeitig die Waisenkinder ihrer Kinder betreuen. Selbst aus dieser Gruppe werden wegen der Kosten bei weitem nicht alle versorgt. Die anderen privaten Organisationen oder Agenturen laden lediglich zu Fototerminen ein und versprechen wiederzukommen. Sie machen uns jeweils falsche Hoffnung, denn sie sind nie wieder erschienen. Mit unseren Fotos werden dann aber Geschäfte gemacht. Wir stehen danach weiterhin allein in unseren menschenunwürdigen Verhältnissen und sind wieder vergessen.

Wird sich diese Situation jemals ändern oder werden wir unter diesen Verhältnissen sterben?  Werden meine Kinder in gleicher Weise in Armut leben, wie ich?

Meine Eltern starben lange bevor ich nach Kigali gegangen bin. Anfangs lebte ich dort mit meiner Schwester und einem älteren Bruder zusammen. Heute sind beide nach Kivumu zurückgegangen. Wir sahen uns das letzte Mal vor langer, langer Zeit. Ich werde nicht nach Kivumu zurückkehren, weil ich mit meinem kleinen Verdienst hier gerade die Kosten für Nahrung und Miete bestreiten kann. Ich würde gerne nach Hause gehen, aber im Augenblick erlaubt es die Situation nicht. Wegen fehlender Verdienstmöglichkeiten wäre das Leben in Kivumu für mich härter als hier in Kigali, wo ich auch in Notzeiten die nötigen Dollars machen kann.

Ich habe die Primary School mit der sechsten Klasse abgeschlossen. Für jeden weiteren Schulbesuch fehlte das Geld. Ich war das jüngste von sieben Kindern in unserer Familie und ging als Einzige überhaupt zur Schule. An den Besuch der Secondary School war nicht zu denken, obwohl ich gerne zur Schule gegangen wäre. Ich wünschte mir immer, viel zu lernen, um im Leben selbstständig zu sein.

Die Ausbildung meiner Kinder macht mir große Sorgen. Vor allen Dingen muss ich für sie eine gute Schule finden, in der sie auch Benehmen und Verhalten lernen. Offen gestanden, wenn ich heute Ihnen die Kinder zum Aufenthalt schicken würde, würden Sie sie spätestens nach zwei Tagen wegen ungebührlichen Benehmens zurückschicken. Durch das jetzige Umfeld verlieren die Kinder jeglichen Respekt und  werden durch schlechte Vorbilder verführt. Sie erleben hautnah Vergewaltigungen, Alkohol- und Drogenmissbrauch mit. Die scheinbar normalen alltäglichen Erlebnisse werden von den Kindern leider oft imitiert. In unserer Umgebung herrscht große Angst. Ich begleite deshalb meine Tochter überall. Ich weiß nicht, wie lange ich das tun muss und wann die Situation sich ändern wird. Wegen dieser großen Probleme danke ich Gott jeden Morgen, wenn ich morgens aufwache und meine Familie lebt noch.

Das Bevölkerungswachstum und die vielen Menschen auf engem Raum sind unser Problem. Die Häuser stehen so eng zusammen, dass für den Bau von Toiletten kein Platz gegeben ist. Für ihre Notdurft benutzen die Menschen Plastikbeutel und leere Konservendosen. Am Morgen liegen diese Plastikeinheiten verstreut im gesamten Wohngebiet. Oft werden sie auch im nahen Fluss gefunden, der auch der Trinkwasserversorgung dient. Durch diese Zustände erkranken die Bewohner häufig. In unserem Stadtteil haben wir mehrere Zapfstellen, doch viele Leute können sich selbst die wenigen erforderlichen Franken für das Trinkwasser nicht leisten. Wenn ich jemanden finden würde, der mir ein Stück Land kaufte und mir beim Bau eines Hauses mit Toilette helfen könnte, würde sich unser Leben grundlegend bessern.

Heute gleichen wir mit unseren Lebensverhältnissen mehr Tieren als irgendwelchen Menschen. Ich treffe immer wieder Menschen, die vor Geld stinken und damit nicht umgehen können. Währenddessen ich sogar bei der Nahrungsbeschaffung von der Gnade Gottes abhänge. Immer häufiger bezweifle ich, dass es jemanden gibt, der mich und meine Kinder im Leben wirklich beachtet. Wenn ich meine Kinder betrachte, suche ich immer eine Richtung für unser Leben. Gibt es wirklich keine Zukunft für uns mit Glaube, Hoffnung und Liebe?

Wenn mir nur irgendwo zu einer haltbaren Ausgangsposition verholfen würde, würde ich sofort mit einer Berufsausbildung  beginnen, um danach mit einem Geschäft selbstständig zu werden und die Kosten für meine Ausbildung zurückzuzahlen. Ich arbeite sehr gerne, zumal wenn zu erkennen ist, dass es auf Dauer mit meiner Familie aufwärts geht. Ich will unser jetziges und zukünftige Leben ändern. Ich will, wenn ich sterbe, meinen Kinder eine solide Lebensgrundlage hinterlassen. Sie sollen darauf aufbauen und der zukünftigen Generation von Nutzen sein. Ohne einen Beruf und ein geringes Startkapital sehe ich allerdings keine Möglichkeit dieses Ziel zu erreichen.

Liebe Franziskaner Patres in Kivumu, ich bitte um eine rettende Chance in Eurer Berufsschule, um meiner Kinder Willen.

Ruanda als Land mit beispielhaftem Wirtschaftswachstum praktiziert die Reduzierung der Armut erkennbar an der Basis der Bevölkerung, so dass sie nicht nur als statistischer Wert propagiert wird. Es gibt allerdings noch ungeheuerlich viel zu tun.

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